ALG II-Sank­tio­nen – und Karls­ru­he drückt sich…

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in Karls­ru­he hat eine Rich­ter­vor­la­ge des Sozi­al­ge­richts Gotha zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit von Arbeits­lo­sen­geld II-Sank­tio­nen als unzu­läs­sig zurück­ge­wie­sen und damit eine Ent­schei­dung in der Sache ver­mie­den.

ALG II-Sank­tio­nen – und Karls­ru­he drückt sich…

Das vom Sozi­al­ge­richt Gotha ange­sto­ße­ne Ver­fah­ren der kon­kre­ten Nor­men­kon­trol­le betraf die Min­de­rung von Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts auf­grund von Pflicht­ver­let­zun­gen der leis­tungs­be­rech­tig­ten Per­son. Das vor­le­gen­de Sozi­al­ge­richt Gotha war der Auf­fas­sung, dass die Sank­ti­ons­re­ge­lung nach dem Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch mit Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 1, Art. 12 Abs.1 GG sowie mit Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG unver­ein­bar sei 1.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt befand jedoch, der Vor­la­ge­be­schluss ent­spre­che nur teil­wei­se den Begrün­dungs­an­for­de­run­gen: Er wer­fe zwar durch­aus gewich­ti­ge ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­gen auf. Doch set­ze er sich nicht hin­rei­chend damit aus­ein­an­der, ob die­se auch ent­schei­dungs­er­heb­lich sind, da unklar ist, ob die Rechts­fol­gen­be­leh­run­gen zu den Sank­ti­ons­be­schei­den den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen genü­gen. Wären die ange­grif­fe­nen Beschei­de bereits auf­grund feh­ler­haf­ter Rechts­fol­gen­be­leh­run­gen rechts­wid­rig, käme es auf die Ver­fas­sungs­ge­mäß­heit der ihnen zugrun­de lie­gen­den Nor­men nicht mehr an.

Die gesetz­li­che Sank­ti­ons­re­ge­lun­gen[↑]

Das Vor­la­ge­ver­fah­ren betrifft die Min­de­rung von Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts nach dem Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch – Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de – (SGB II) auf­grund von Pflicht­ver­let­zun­gen der leis­tungs­be­rech­tig­ten Per­son. Zum 1.04.2011 wur­den die zugrun­de lie­gen­den Vor­schrif­ten neu geord­net (Gesetz zur Ermitt­lung von Regel­be­dar­fen und zur Ände­rung des Zwei­ten und Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch vom 24.03.2011 2) und zum 1.04.2012 geän­dert (Gesetz zur Ver­bes­se­rung der Ein­glie­de­rungs­chan­cen am Arbeits­markt vom 20.12 2011 3). § 31 SGB II regelt die Tat­be­stän­de von Pflicht­ver­let­zun­gen; § 31a SGB II ent­hält die leis­tungs­min­dern­den Rechts­fol­gen und § 31b SGB II deren Beginn und Dau­er.

Tat­be­stand­lich setzt eine Leis­tungs­ab­sen­kung nach § 31a SGB II vor­aus, dass die leis­tungs­be­rech­tig­te Per­son eine Pflicht aus dem gesetz­li­chen Kata­log des § 31 SGB II oder nach § 32 SGB II ver­letzt, sie zuvor über die Rechts­fol­gen die­ser Pflicht­ver­let­zung ent­we­der schrift­lich belehrt wur­de oder sie Kennt­nis die­ser Rechts­fol­gen hat (§ 31 Abs. 1 Satz 1 und § 32 Abs. 1 Satz 1 SGB II), und die leis­tungs­be­rech­ti­ge Per­son für die Pflicht­ver­let­zung kei­nen wich­ti­gen Grund gel­tend machen kann (§ 31 Abs. 1 Satz 2 und § 32 Abs. 1 Satz 2 SGB II). Eine Pflicht­ver­let­zung liegt unter ande­rem in der Wei­ge­rung, in der Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung gemäß § 15 Abs. 1 Satz 2 SGB II oder in dem die­se erset­zen­den Ver­wal­tungs­akt nach § 15 Abs. 1 Satz 6 fest­ge­leg­te Pflich­ten zu erfül­len, ins­be­son­de­re in aus­rei­chen­dem Umfang Eigen­be­mü­hun­gen nach­zu­wei­sen (§ 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 SGB II), und in der Wei­ge­rung, eine zumut­ba­re Arbeit, Aus­bil­dung, Arbeits­ge­le­gen­heit nach § 16d SGB II oder ein nach § 16e SGB II geför­der­tes Arbeits­ver­hält­nis auf­zu­neh­men, fort­zu­füh­ren oder deren Anbah­nung durch eige­nes Ver­hal­ten zu ver­hin­dern (§ 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 SGB II). Was zumut­bar ist, regelt § 10 SGB II.

Rechts­fol­ge einer vor­werf­ba­ren Pflicht­ver­let­zung ist eine pro­zen­tua­le Min­de­rung des Anspruchs auf Arbeits­lo­sen­geld II, die sich bei meh­re­ren Pflicht­ver­stö­ßen sum­miert. Der Aus­zah­lungs­an­spruch min­dert sich grund­sätz­lich mit Beginn des Kalen­der­mo­nats, der auf das Wirk­sam­wer­den des Ver­wal­tungs­ak­tes folgt, der die Pflicht­ver­let­zung und den Umfang der Min­de­rung der Leis­tung fest­stellt (§ 31b Abs. 1 Satz 1 SGB II), und grund­sätz­lich für den Zeit­raum von drei Mona­ten (§ 31b Abs. 1 Satz 3 SGB II). Bei wie­der­hol­ter Pflicht­ver­let­zung inner­halb eines Jah­res nach einem Min­de­rungs­zeit­raum wer­den die Leis­tun­gen bei Leis­tungs­be­rech­tig­ten ab Voll­endung des 25. Lebens­jah­res um 60 % gemin­dert (§ 31a Abs. 1 SGB II), bei wei­te­ren Pflicht­ver­let­zun­gen in die­sem Zeit­raum ent­fällt das Arbeits­lo­sen­geld II voll­stän­dig (§ 31a Abs. 1 Sät­ze 2 bis 5 SGB II). Im Fal­le der Min­de­rung um mehr als 30 % kön­nen in ange­mes­se­nem Umfang Sach­leis­tun­gen oder geld­wer­te Leis­tun­gen erbracht wer­den (§ 31a Abs. 3 SGB II).

Das Aus­gangs­ver­fah­ren[↑]

Im Aus­gangs­ver­fah­ren wen­det sich der 1982 gebo­re­ne Klä­ger gegen zwei Beschei­de über Leis­tungs­min­de­run­gen. Für die Zeit­räu­me vom 01.03.2014 bis 31.08.2014 sowie vom 01.09.2014 bis 28.02.2015 wur­den ihm Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen bewil­ligt.

Das Job­cen­ter min­der­te für die Zeit vom 01.07.2014 bis 30.09.2014 das Arbeits­lo­sen­geld II um 30 % des maß­ge­ben­den Regel­be­dar­fes (117,30 € monat­lich) und hob die Leis­tungs­be­wil­li­gung für den Zeit­raum 1.07.2014 bis 31.08.2014 teil­wei­se auf. Es habe dem Klä­ger ein zumut­ba­res Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis als Lager- und Trans­port­ar­bei­ter ange­bo­ten. Er habe ver­hin­dert, dass ein Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis zustan­de kam, obwohl er über die Rechts­fol­gen einer sol­chen Pflicht­ver­let­zung schrift­lich belehrt wor­den sei.

Dage­gen erhob der Klä­ger des Aus­gangs­ver­fah­rens Wider­spruch, den das Job­cen­ter als unbe­grün­det zurück­wies. Anwen­dung fin­de § 31 Abs. 1 SGB II. Der Klä­ger habe sich gewei­gert, die ange­bo­te­ne Beschäf­ti­gung anzu­neh­men. Das Ange­bot als Lager­mit­ar­bei­ter sei auf­grund der Aus­bil­dung des Klä­gers im Bereich Lager/​Logis­tik zumut­bar gewe­sen. Vor­ran­gi­ges Inter­es­se an einem ande­ren Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis sei kein wich­ti­ger Grund, eine Arbeits­auf­nah­me abzu­leh­nen, denn ein sol­cher Grund müs­se im Ver­hält­nis zu den Inter­es­sen der All­ge­mein­heit beson­de­res Gewicht haben. Ange­sichts der Zumut­bar­keits­re­ge­lun­gen des § 10 SGB II sei bei der Prü­fung des wich­ti­gen Grun­des ein stren­ger Maß­stab anzu­le­gen. Der Klä­ger müs­se alle Mög­lich­kei­ten aus­schöp­fen, um sei­ne Hil­fe­be­dürf­tig­keit zu ver­rin­gern und auch Tätig­kei­ten aus­üben, die nicht sei­nen per­sön­li­chen Vor­lie­ben ent­sprä­chen. Er sei schrift­lich über die Fol­gen einer Pflicht­ver­let­zung belehrt wor­den.

Mit einem wei­te­ren Bescheid min­der­te das Job­cen­ter wegen wie­der­hol­ter Pflicht­ver­let­zung das Arbeits­lo­sen­geld II für die Zeit vom 01.10.2014 bis 31.12 2014 um monat­lich 60 % des maß­geb­li­chen Regel­be­dar­fes und hob den Bewil­li­gungs­be­scheid für die­sen Zeit­raum teil­wei­se auf. Mit einer Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung sei durch Ver­wal­tungs­akt ver­fügt wor­den, dass der Klä­ger bei einem Arbeit­ge­ber einen Akti­vie­rungs- und Ver­mitt­lungs­gut­schein ein­zu­lö­sen habe, um eine prak­ti­sche Erpro­bung zu ermög­li­chen. Dem sei der Klä­ger trotz Beleh­rung über die Rechts­fol­gen der Ver­ein­ba­rung nicht nach­ge­kom­men. Wegen wie­der­hol­ter Pflicht­ver­let­zung füh­re dies zu einer Min­de­rung des Arbeits­lo­sen­gel­des II um monat­lich 60 % des maß­geb­li­chen Regel­be­dar­fes. Der Bewil­li­gungs­be­scheid für den Sank­ti­ons­zeit­raum wur­de teil­wei­se auf­ge­ho­ben.

Der dage­gen gerich­te­te Wider­spruch wur­de wie­der­um als unbe­grün­det zurück­ge­wie­sen. Der Klä­ger habe sich ohne Grund gewei­gert, die im Ver­wal­tungs­akt fest­ge­leg­ten Pflich­ten zu erfül­len. Der Klä­ger müs­se alles tun, um sei­ne Hil­fe­be­dürf­tig­keit zu ver­rin­gern. Er habe den Gut­schein nicht ein­ge­löst und somit inner­halb eines Jah­res wie­der­holt Pflich­ten ver­letzt. Daher min­de­re sich das Arbeits­lo­sen­geld II um 60 % des Regel­be­darfs. Auf Antrag könn­ten in ange­mes­se­nem Umfang ergän­zen­de Sach­leis­tun­gen oder geld­wer­te Leis­tun­gen erbracht wer­den, was hier nicht genutzt wur­de.

Dar­auf­hin erhob der Klä­ger Anfech­tungs­kla­ge gegen die bei­den Wider­spruchs­be­schei­de. § 31a SGB II sei ver­fas­sungs­wid­rig. Der Rechts­streit müs­se aus­ge­setzt und eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes ein­ge­holt wer­den.

Der Vor­la­ge­be­schluss des Sozi­al­ge­richts Gotha[↑]

Das Sozi­al­ge­richt hat dar­auf­hin auf­grund münd­li­cher Ver­hand­lung beschlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt fol­gen­de Fra­gen zur Ent­schei­dung vor­zu­le­gen 1:

2.01. Ist § 31a i.V.m. § 31 und § 31b SGB II in der Fas­sung vom 13.05.2011, gül­tig ab 01.04.2011, Bun­des­ge­setz­blatt I vom 13.05.2011 inso­weit mit Art. 1 Abs. 1 Grund­ge­setz i.V.m. Art.20 Abs. 1 Grund­ge­setz – Sozi­al­staat­lich­keit – und dem sich dar­aus erge­ben­den Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums ver­ein­bar, als sich das für die Siche­rung des sozio­kul­tu­rel­len Exis­tenz­mi­ni­mums maß­geb­li­che Arbeits­lo­sen­geld II auf Grund von Pflicht­ver­let­zun­gen um 30 bzw. 60% des für die erwerbs­fä­hi­ge leis­tungs­be­rech­tig­te Per­son maß­ge­ben­den Regel­be­darfs min­dert bzw. bei wei­te­ren Pflicht­ver­let­zun­gen voll­stän­dig ent­fällt?

<2.02. Ist § 31a i.V.m. § 31 und § 31b SGB II in der Fas­sung vom 13.05.2011, gül­tig ab 01.04.2011, Bun­des­ge­setz­blatt I vom 13.05.2011 inso­weit mit Art. 2 Abs. 2 S. 1 GG ver­ein­bar, als Sank­tio­nen, wenn sie zu einer Lebens­ge­fähr­dung oder Beein­träch­ti­gung der Gesund­heit der Sank­tio­nier­ten füh­ren, gegen das Recht auf Leben und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit ver­sto­ßen?

<2.03. Ist § 31a i.V.m. § 31 und § 31b SGB II in der Fas­sung vom 13.05.2011, gül­tig ab 01.04.2011, Bun­des­ge­setz­blatt I vom 13.05.2011 inso­weit mit Art. 12 GG ver­ein­bar, als Sank­tio­nen gegen die Berufs­frei­heit ver­sto­ßen?

Das Sozi­al­ge­richt sei über­zeugt, dass § 31a in Ver­bin­dung mit § 31 und 31b SGB II ver­fas­sungs­wid­rig sei­en, weil die Rege­lung gegen Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 1, Art.12 Abs.1 sowie Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ver­sto­ße.

Die Ent­schei­dung über die Anfech­tungs­kla­ge hän­ge von der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit von § 31a in Ver­bin­dung mit § 31 und § 31b SGB II ab. Die zuläs­si­ge Anfech­tungs­kla­ge wäre in der Sache unbe­grün­det, wenn die vor­ge­leg­ten Rege­lun­gen ver­fas­sungs­kon­form wären. Die ange­foch­te­nen Sank­ti­ons­be­schei­de sei­en dann recht­mä­ßig. Auf die streit­ge­gen­ständ­li­chen Wider­spruchs­be­schei­de, die den Sach­ver­halt jeweils im Wesent­li­chen voll­stän­dig und rich­tig dar­stell­ten, wer­de Bezug genom­men; der Sach­ver­halt und die recht­li­che Bewer­tung durch das Job­cen­ter sei­en vom Klä­ger inso­weit nicht bestrit­ten wor­den.

Anfor­de­run­gen an eine Rich­ter­vor­la­ge[↑]

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beur­teil­te die Rich­ter­vor­la­ge als unzu­läs­sig, weil sie nicht den Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen des § 80 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG genü­ge:

Gemäß Art. 100 Abs. 1 Satz 1 GG in Ver­bin­dung mit § 80 Abs. 1 BVerfGG hat ein Gericht die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein­zu­ho­len, wenn es ein Gesetz für ver­fas­sungs­wid­rig hält, auf des­sen Gül­tig­keit es bei der Ent­schei­dung ankommt. Es muss zuvor sowohl die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Vor­schrift als auch ihre Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit sorg­fäl­tig geprüft haben 4. Das vor­le­gen­de Gericht muss deut­lich machen, mit wel­chem ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­satz die zur Prü­fung gestell­te Rege­lung sei­ner Ansicht nach nicht ver­ein­bar ist und aus wel­chen Grün­den es zu die­ser Auf­fas­sung gelangt ist. Inso­weit bedarf es ein­ge­hen­der, Recht­spre­chung und Schrift­tum ein­be­zie­hen­der Dar­le­gun­gen 5. Die Aus­füh­run­gen zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Norm müs­sen den ver­fas­sungs­recht­li­chen Prü­fungs­maß­stab nen­nen und die für die Über­zeu­gung des Gerichts maß­ge­ben­den Erwä­gun­gen nach­voll­zieh­bar und umfas­send dar­le­gen 6. Zudem muss das vor­le­gen­de Gericht die Mög­lich­keit einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung erör­tern 7 und ver­tret­bar begrün­den, dass sie die­se nicht für mög­lich hält 8.

Das Gericht muss in der Begrün­dung der Vor­la­ge nach § 80 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG ins­be­son­de­re hin­rei­chend deut­lich machen, dass und aus wel­chen Grün­den es im Fal­le der Gül­tig­keit der in Fra­ge gestell­ten Nor­men zu einem ande­ren Ergeb­nis käme als im Fal­le ihrer Ungül­tig­keit 9. Für die Beur­tei­lung der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit ist grund­sätz­lich die Rechts­auf­fas­sung des vor­le­gen­den Gerichts maß­geb­lich, die jedoch zumin­dest nach­voll­zieh­bar sein muss 10. Dazu gehört es, sich ein­ge­hend mit der ein­fach­recht­li­chen Rechts­la­ge anhand der in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur ver­tre­te­nen Auf­fas­sun­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen und zu unter­schied­li­chen Aus­le­gungs­mög­lich­kei­ten Stel­lung zu neh­men, soweit sie für die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit maß­geb­lich sein kön­nen 11. Des­glei­chen muss das vor­le­gen­de Gericht unter Aus­schöp­fung der ihm ver­füg­ba­ren pro­zes­sua­len Mit­tel auch alle tat­säch­li­chen Umstän­de auf­klä­ren, die für die Vor­la­ge Bedeu­tung erlan­gen kön­nen. Die unge­prüf­te Über­nah­me von Par­tei­vor­brin­gen reicht dafür grund­sätz­lich nicht aus 12. Es bedarf viel­mehr hin­rei­chen­der Fest­stel­lun­gen, die sei­ne fach- und ver­fas­sungs­recht­li­che Beur­tei­lung tra­gen kön­nen 13. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kann die feh­len­de Begrün­dung der Über­zeu­gung des vor­le­gen­den Gerichts von der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Vor­la­ge nicht durch eige­ne Erwä­gun­gen erset­zen, denn die­se Prü­fung muss Auf­ga­be des sie ver­ant­wor­ten­den Fach­ge­richts blei­ben 14.

Die­sen Anfor­de­run­gen wird die Vor­la­ge nur zum Teil gerecht. Zwar wirft der Vor­la­ge­be­schluss durch­aus gewich­ti­ge ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­gen auf. Das vor­le­gen­de Gericht hat jedoch nicht in nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se dar­ge­legt, dass die­se hier auch ent­schei­dungs­er­heb­lich sind.

Ver­fas­sungs­recht­li­che Pro­ble­me der ALG II-Sank­tio­nen[↑]

Zwar genü­gen die Dar­le­gun­gen des Sozi­al­ge­richts zu sei­ner Über­zeu­gung von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der §§ 31 ff. SGB II jeden­falls hin­sicht­lich Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 1 GG den Anfor­de­run­gen. Das vor­le­gen­de Gericht hat sich mit dem Gewähr­leis­tungs­ge­halt des Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 1 GG und der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Grund­si­che­rung 15 aus­führ­lich aus­ein­an­der­ge­setzt. Dage­gen spricht auch nicht, dass das vor­le­gen­de Gericht sei­ne eige­ne Über­zeu­gung von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit dahin­ge­hend zuspitzt, die §§ 31 ff. SGB II sei­en bereits ver­fas­sungs­wid­rig, weil der Min­de­rung kein ver­än­der­ter Bedarf zugrun­de lie­ge und das Grund­ge­setz kei­ne Selbst­hil­fe­o­b­lie­gen­heit ken­ne. Das Gericht befasst sich dane­ben auch mit wei­te­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Zwei­feln sowie den sei­ner Ansicht ent­ge­gen­ste­hen­den Inter­pre­ta­tio­nen der bis­he­ri­gen bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung. Auch setzt es sich mit den in Lite­ra­tur und sozi­al­ge­richt­li­cher Recht­spre­chung ver­tre­te­nen Ansich­ten zur ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung der zur Prü­fung vor­ge­leg­ten Rege­lun­gen aus­ein­an­der und ver­wirft die­se ver­tret­bar.

Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit?[↑]

Es fehlt nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts jedoch an einer hin­rei­chen­den Begrün­dung, war­um die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der §§ 31 ff. SGB II in die­sem Ver­fah­ren ent­schei­dungs­er­heb­lich sein soll. Dem Vor­la­ge­be­schluss ist nicht hin­rei­chend nach­voll­zieh­bar zu ent­neh­men, ob die Rechts­fol­gen­be­leh­run­gen zu den hier in Rede ste­hen­den Sank­ti­ons­be­schei­den den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen des § 31 Abs. 1 Satz 1 SGB II genü­gen, obwohl Aus­füh­run­gen hier­zu gebo­ten sind. Fehl­te es bereits an die­ser Tat­be­stands­vor­aus­set­zung für eine Sank­ti­on, wären die ange­grif­fe­nen Beschei­de rechts­wid­rig und es käme auf die Ver­fas­sungs­ge­mäß­heit der ihnen zugrun­de lie­gen­den Nor­men ent­schei­dungs­er­heb­lich nicht mehr an.

Hin­sicht­lich des ers­ten Sank­ti­ons­be­scheids rifft das vor­le­gen­de Gericht kei­ne eige­nen Fest­stel­lun­gen zu einer der sank­tio­nier­ten Pflicht­ver­let­zung vor­aus­ge­gan­ge­nen Rechts­fol­gen­be­leh­rung, ihrer Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit. Das vor­le­gen­de Gericht gibt in der Dar­le­gung des Sach­ver­halts ledig­lich im Kon­junk­tiv die schlich­te Fest­stel­lung des Job­cen­ters aus dem Wider­spruchs­be­scheid wie­der, der Klä­ger des Aus­gangs­ver­fah­rens sei über die Rechts­fol­gen einer Pflicht­ver­let­zung mit dem Ver­mitt­lungs­vor­schlag vom 25.02.2014 belehrt wor­den, ohne dass der Wider­spruchs­be­scheid sei­ner­seits nähe­re Fest­stel­lun­gen zur Beleh­rung ent­hält. Die Ent­schei­dungs­grün­de des Vor­la­ge­be­schlus­ses gehen auf das Erfor­der­nis einer Rechts­fol­gen­be­leh­rung und deren inhalt­li­che Anfor­de­run­gen eben­falls nicht ein, son­dern ver­wei­sen in ganz all­ge­mei­ner Wei­se zu den tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 31a in Ver­bin­dung mit § 31 SGB II auf die Aus­füh­run­gen im Wider­spruchs­be­scheid. Weder anhand der Vor­la­ge selbst noch anhand des in Bezug genom­me­nen Wider­spruch­be­schei­des lässt sich fest­stel­len, wel­chen Inhalt die Rechts­fol­gen­be­leh­rung hat­te und ob sie den ein­fach­recht­li­chen Anfor­de­run­gen genügt.

Das Sozi­al­ge­richt durf­te auch nicht etwa auf eige­ne Aus­füh­run­gen ver­zich­ten, weil die Betei­lig­ten die Fra­ge der ord­nungs­ge­mä­ßen Rechts­fol­gen­be­leh­rung nicht the­ma­ti­sie­ren. Wenn­gleich für die Beur­tei­lung der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit grund­sätz­lich die Rechts­auf­fas­sung des vor­le­gen­den Gerichts maß­geb­lich ist, muss die­se zumin­dest nach­voll­zieh­bar sein. Dies setzt ein Min­dest­maß an Begrün­dung vor­aus, dem die Vor­la­ge nicht gerecht wird. Das gilt hier ins­be­son­de­re, weil die fach­ge­richt­li­che Recht­spre­chung hohe Anfor­de­run­gen an die Art und Wei­se der Rechts­fol­gen­be­leh­rung stellt. Die Beleh­rung muss – bezo­gen auf die Pflicht­ver­let­zung – kon­kret, rich­tig, voll­stän­dig und ver­ständ­lich sein, und im Zusam­men­hang mit einem Arbeits­an­ge­bot zeit­nah und zutref­fend erläu­tern, wel­che unmit­tel­ba­ren und kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen auf den Leis­tungs­an­spruch eine unbe­grün­de­te Arbeits­ab­leh­nung haben kann; nicht hin­rei­chend kon­kret ist eine Beleh­rung, wenn sie nur den Geset­zes­text wie­der­gibt oder ohne Bezug zu den kon­kre­ten Pflich­ten der Betrof­fe­nen eine Viel­zahl von Sach­ver­halts­va­ri­an­ten nennt 16. Aus dem Vor­la­ge­be­schluss ist nicht zu ent­neh­men, ob das vor­le­gen­de Gericht die­sen Anfor­de­run­gen gefolgt ist oder etwa eige­ne Maß­stä­be zugrun­de gelegt hat. Es ist auch nicht aus­zu­schlie­ßen, dass die Art und Wei­se der Rechts­fol­gen­be­leh­rung und ihr Inhalt für die ver­fas­sungs­recht­li­che Bewer­tung der Sank­ti­ons­vor­schrif­ten von Bedeu­tung sind, weil die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit einer Sank­ti­on mit davon abhän­gen kann, in wel­chem Maße Betrof­fe­ne dar­über infor­miert sind, was aus ihrem Ver­hal­ten folgt.

Dies gilt eben­so für den zwei­ten Sank­ti­ons­be­scheid. Es ist nicht erkenn­bar, ob dem damit sank­tio­nier­ten Ver­stoß eine ord­nungs­ge­mä­ße Rechts­fol­gen­be­leh­rung vor­aus­ging. Inso­weit hat das Sozi­al­ge­richt zwar selbst aus­drück­lich fest­ge­stellt, der Klä­ger sei über die "Rechts­fol­gen der Ver­ein­ba­rung" belehrt wor­den. Es geht jedoch nicht dar­auf ein, wann und in wel­cher Form mit wel­chem Inhalt dies gesche­hen sein soll. Dazu aber besteht Anlass. Rich­tig­keit und Ver­ständ­lich­keit der laut Ver­wal­tungs­ak­te dem Ein­glie­de­rungs­ver­wal­tungs­akt bei­gefüg­ten Beleh­rung kön­nen in Zwei­fel gezo­gen wer­den, da sie pri­mär über die Min­de­rung in Höhe von 30 % bei erst­ma­li­gem Ver­stoß infor­miert und auf die Fol­gen eines wie­der­hol­ten Ver­sto­ßes nur "vor­sorg­lich" hin­weist. Dar­aus ergibt sich nicht, dass das Job­cen­ter zu die­sem Zeit­punkt bereits von einem ers­ten sank­tio­nier­ten Pflich­ten­ver­stoß aus­ging und nun ein Ver­stoß gegen die Pflich­ten im Ein­glie­de­rungs­ver­wal­tungs­akt (als wie­der­hol­te Pflicht­ver­let­zung) eine Absen­kung der Leis­tun­gen in Höhe von 60 % des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs zur Fol­ge hat. Dar­über hin­aus wer­den all­ge­mein "mit Ihnen ver­ein­bar­te" Pflich­ten erwähnt, obwohl es sich um ein­sei­tig durch Ver­wal­tungs­akt auf­er­leg­te Pflich­ten han­delt. Auch inso­weit feh­len Aus­füh­run­gen des Gerichts, die hin­rei­chend nach­voll­zieh­bar erken­nen las­sen, dass die Rechts­fol­gen­be­leh­rung den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen ent­spricht.

Aus­füh­run­gen zum Vor­lie­gen einer ord­nungs­ge­mä­ßen Rechts­fol­gen­be­leh­rung lie­gen auch nahe, weil die Feh­ler­an­fäl­lig­keit von Rechts­fol­gen­be­leh­run­gen der Fach­öf­fent­lich­keit bekannt ist. Dar­auf hat der Gesetz­ge­ber im Jahr 2011 mit einer Ergän­zung von § 31 Abs. 1 Satz 1 SGB II reagiert. Danach steht eine unzu­rei­chen­de oder feh­len­de Beleh­rung bei Kennt­nis der Rechts­fol­gen einer Pflicht­ver­let­zung einer Sank­ti­on nicht ent­ge­gen. Das vor­le­gen­de Gericht hat jedoch auch zu die­ser Tat­be­stand­s­al­ter­na­ti­ve kei­ner­lei Aus­füh­run­gen gemacht.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 6. Mai 2016 – 1 BvL 7/​15

  1. SG Gotha, Beschluss vom 26.05.2015 – S 15 AS 5157/​14[][]
  2. BGBl I S. 453[]
  3. BGBl I S. 2854[]
  4. vgl. BVerfGE 127, 335, 355[]
  5. vgl. BVerfGE 78, 165, 171 f.; 89, 329, 337[]
  6. vgl. BVerfGE 88, 70, 74; BVerfGK 14, 429, 432[]
  7. vgl. BVerfGE 85, 329, 333 f.; 124, 251, 262[]
  8. BVerfGE 121, 108, 117 m.w.N.[]
  9. vgl. BVerfGE 7, 171, 173 f.; 107, 59, 85; stRspr[]
  10. vgl. BVerfGE 126, 77, 97; 127, 224, 244; 131, 1, 15; 133, 1, 10 f. Rn. 35; BVerfG, Beschluss vom 19.11.2014 – 2 BvL 2/​13 41[]
  11. vgl. BVerfGE 105, 48, 56; 105, 61, 67; 121, 233, 238; 124, 251, 260; BVerfG, Beschluss vom 03.07.2014 – 2 BvL 25/​09, 2 BvL 3/​11 28 ff.; Beschluss vom 29.12 2015 – 1 BvL 4/​11 14[]
  12. vgl. BVerfGE 87, 341, 346[]
  13. vgl. BVerfGE 37, 328, 333; 48, 396, 400; 86, 52, 57; 86, 71, 78; 88, 198, 201[]
  14. vgl. BVerfGE 97, 49, 62[]
  15. vgl. BVerfGE 125, 175; 132, 134; 137, 34 sowie BVerfGK 5, 237; 17, 375[]
  16. vgl. BSG, Urteil vom 18.02.2010 – B 14 AS 53/​08 R, BSGE 105, 297, 302 f. Rn.20 f. m.w.N.[]