Befrei­ung von der Ver­si­che­rungs­pflicht bei Frist­ver­säu­mung

Die Ein­räu­mung einer Mög­lich­keit zur Antrag­stel­lung auch aus Anlass einer erst nach Ablauf der Drei-Monats-Frist des § 4 Abs 2 Satz 1 KVLG 1989 erfolg­ten Fest­stel­lung der Ver­si­che­rungs­pflicht ist nicht von Ver­fas­sungs wegen gebo­ten. Es obliegt dem Unter­neh­mer näm­lich, von sich aus zeit­ge­recht den an die Auf­nah­me sei­ner Tätig­keit anknüp­fen­den Ver­pflich­tun­gen nach­zu­kom­men und im Zwei­fels­fall eine Klä­rung über Bestehen und Umfang die­ser Pflich­ten her­bei­zu­füh­ren1.

Befrei­ung von der Ver­si­che­rungs­pflicht bei Frist­ver­säu­mung

Mit die­ser Ent­schei­dung hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt die Revi­si­on des Klä­gers gegen ein Urteil des Säch­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richts zurück­ge­wie­sen. Der Klä­ger ist seit 1991 bzw 1997 Geschäfts­füh­rer zwei­er Unter­neh­men in der Rechts­form einer GmbH, an denen er Gesell­schafts­an­tei­le von 36 % bzw 31 % hält. Die­se bewirt­schaf­ten land­wirt­schaft­li­che Flä­chen von rund 300 ha und über 2000 ha. Nach­dem die Bar­mer Ersatz­kas­se kei­ne Ver­si­che­rungs­pflicht fest­ge­stellt hat­te, hat sich der Klä­ger pri­vat ver­si­chert. Auf­grund eines Katas­ter­hin­wei­ses über­sand­ten die Rechts­vor­gän­ger (Säch­si­sche Land­wirt­schaft­li­che Kran­ken­kas­se bzw Pfle­ge­kas­se – SLKK bzw SLPK) der Beklag­ten (Land­wirt­schaft­li­che Kran­ken­kas­se bzw Pfle­ge­kas­se Mit­tel- und Ost­deutsch­land) dem Klä­ger einen Mel­de­bo­gen zur Über­prü­fung der Mit­glied­schaft als ver­si­che­rungs­pflich­ti­ger land­wirt­schaft­li­cher Unter­neh­mer. Dar­auf­hin bean­trag­te die­ser am 25.7.2001 die Befrei­ung von der Ver­si­che­rungs­pflicht. Die­ser wur­de abge­lehnt und die Ver­si­che­rungs­pflicht in der land­wirt­schaft­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung ab 1.1.1995 fest­ge­stellt. Dage­gen hat der Klä­ger Kla­ge erho­ben.

Das Sozi­al­ge­richt2 hat die bis dahin ergan­ge­nen Beschei­de der Beklag­ten auf­ge­ho­ben und die­se ver­ur­teilt, den Klä­ger von der Ver­si­che­rungs­pflicht in der land­wirt­schaft­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung zu befrei­en. Dage­gen haben die Beklag­ten Beru­fung ein­ge­legt vor dem Säch­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richt3. Hier ist das Urteil des Sozi­al­ge­richts geän­dert und die Kla­ge mit der Maß­ga­be abge­wie­sen wor­den, dass die Bei­trags­pflicht des Klä­gers erst ab dem 6. Juli 2003 besteht und er kei­nen Anspruch auf Befrei­ung hat. Der Klä­ger hat Revi­si­on ein­ge­legt.

Im Streit steht zwi­schen den Betei­lig­ten noch die Fest­stel­lung der Ver­si­che­rungs­pflicht des Klä­gers in der land­wirt­schaft­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung durch den gemein­sa­men Bescheid der SLKK und SLPK vom 2.7.2003 sowie die Ableh­nung des Befrei­ungs­an­trags des Klä­gers durch die SLKK mit wei­te­rem Bescheid vom sel­ben Tag. Dar­über hin­aus sind im Revi­si­ons­ver­fah­ren (nur noch) Bei­trags­for­de­run­gen für die Zeit ab 6.7.2003 im Streit. Das von den Beklag­ten in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Lan­des­so­zi­al­ge­richt mit Rück­sicht auf die Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts zu den Fol­gen einer rück­wir­ken­den Fest­stel­lung der Mit­glied­schaft in der Kran­ken­ver­si­che­rung4 abge­ge­be­ne – vom Klä­ger ange­nom­me­ne – Teil­an­er­kennt­nis ist als Ver­zicht auf Bei­trags­nach­for­de­run­gen für die Zeit bis 5. Juli 2003 aus­zu­le­gen. Gegen­stand des Rechts­streits sind über § 86 SGG auch die Beschei­de vom 16.1.2004 und 27.1.2005 sowie nach § 96 Abs 1 SGG die Beschei­de vom 19.1.2006, 5.1.2007, 10.1.2008 und – nur den Pfle­ge­ver­si­che­rungs­bei­trag betref­fend – vom 1.7.2008, durch die die unbe­fris­te­ten Bei­trags­fest­set­zun­gen der jeweils vor­her­ge­hen­den Beschei­de mit Wir­kung für die Zukunft geän­dert wur­den. Über die wäh­rend des Revi­si­ons­ver­fah­rens ergan­ge­nen Ände­rungs­be­schei­de hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt dage­gen – ent­ge­gen der Ansicht der Beklag­ten – nicht zu befin­den (vgl § 171 Abs 2 SGG).

Den Bescheid über die Fest­stel­lung der Ver­si­che­rungs­pflicht des Klä­gers in der land­wirt­schaft­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung vom 2.7.2003 hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt zu Recht auf die Anfech­tungs­kla­ge hin nicht auf­ge­ho­ben, denn der Klä­ger wird hier­durch und auch wegen der Fest­stel­lung der Ver­si­che­rungs­pflicht erst ab dem 1.1.1995 nicht iS des § 54 Abs 1 Satz 2 SGG beschwert. Nach § 2 Abs 1 Nr 1 KVLG 19895 sind in der Kran­ken­ver­si­che­rung der Land­wir­te ua ver­si­che­rungs­pflich­tig Unter­neh­mer der Land- und Forst­wirt­schaft (land­wirt­schaft­li­che Unter­neh­mer), deren Unter­neh­men, unab­hän­gig vom jewei­li­gen Unter­neh­mer, eine auf Boden­be­wirt­schaf­tung beru­hen­de Exis­tenz­grund­la­ge bil­det bzw6 auf Boden­be­wirt­schaf­tung beruht und die Min­dest­grö­ße (hier: 4 ha) erreicht. Dabei gel­ten nach § 2 Abs 3 Satz 2 KVLG 19897 auch Mit­glie­der einer juris­ti­schen Per­son als Unter­neh­mer, wenn sie haupt­be­ruf­lich im Unter­neh­men tätig und wegen die­ser Tätig­keit nicht kraft Geset­zes in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ver­si­chert sind.

Nach den nicht mit Revi­si­ons­rügen ange­grif­fe­nen und daher für das Bun­des­so­zi­al­ge­richt bin­den­den (§ 163 SGG) Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts haben die­se Vor­aus­set­zun­gen bezo­gen auf die seit Janu­ar 1991 aus­ge­üb­te Geschäfts­füh­rer­tä­tig­keit des Klä­gers zumin­dest seit dem 1.11.1991 und bezo­gen auf die wei­te­re Geschäfts­füh­rer­tä­tig­keit seit dem 15.1.1997 vor­ge­le­gen, wor­über zwi­schen den Betei­lig­ten auch kein Streit besteht. Die Ver­si­che­rungs­pflicht nach § 2 KVLG 1989 begrün­det nach § 20 Abs 1 Satz 2 Nr 3 SGB XI gleich­zei­tig die Ver­si­che­rungs­pflicht in der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung, die nach § 48 Abs 1 Satz 1 SGB XI bei der Beklag­ten zu 2. bzw für die Zeit zuvor bei deren Rechts­vor­gän­ge­rin, der SLPK, durch­zu­füh­ren ist.

Der Ver­si­che­rungs­pflicht in der land­wirt­schaft­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung steht – anders als in der Revi­si­ons­be­grün­dung ange­deu­tet – auch die im Bescheid der Bar­mer Ersatz­kas­se vom 11.4.1995 getrof­fe­ne Fest­stel­lung des Nicht­be­stehens einer Ver­si­che­rungs­pflicht in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung nicht ent­ge­gen. Wie auch für den Klä­ger anhand der wei­te­ren Aus­füh­run­gen des Beschei­des unschwer erkenn­bar war, bezog sich die­se Fest­stel­lung allein auf den (von der Kran­ken­kas­se bejah­ten) ver­si­che­rungs­recht­li­chen Sta­tus als Selbst­stän­di­ger und auf die bis­her bei der Bar­mer Ersatz­kas­se durch­ge­führ­te „Fehl­ver­si­che­rung” nach SGB V, zu deren Prü­fung die­se Kran­ken­kas­se aus­schließ­lich beru­fen war. Aus­füh­run­gen zu den Beson­der­hei­ten der land­wirt­schaft­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rung, ins­be­son­de­re zur Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung die­ses Son­der­sys­tems, ent­hielt der Bescheid nicht.

Der Klä­ger war auf­grund sei­nes Antrags vom 25.7.2001 nicht von der Ver­si­che­rungs­pflicht in der land­wirt­schaft­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung zu befrei­en (wodurch auch die Ver­si­che­rungs­pflicht in der land­wirt­schaft­li­chen Pfle­ge­ver­si­che­rung ent­fal­len wäre), denn die­ser Antrag war ver­spä­tet, ohne dass dem Klä­ger wegen der ver­säum­ten Frist Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren oder dass er nach den Grund­sät­zen über den sozi­al­recht­li­chen Her­stel­lungs­an­spruch so zu stel­len wäre, als hät­te er den Antrag recht­zei­tig gestellt.

Nach § 4 Abs 2 Satz 1 KVLG 1989 ist ein Antrag auf Befrei­ung von der Ver­si­che­rungs­pflicht inner­halb von drei Mona­ten nach Ein­tritt der Ver­si­che­rungs­pflicht bei der zustän­di­gen Kran­ken­kas­se zu stel­len. Die­se Frist war hier bei der ent­spre­chen­den Antrag­stel­lung des Klä­gers im Juli 2001 bereits ver­stri­chen.

Die Ver­si­che­rungs­pflicht auch in der land­wirt­schaft­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung tritt grund­sätz­lich bereits mit dem Vor­lie­gen ihrer Vor­aus­set­zun­gen kraft Geset­zes ein, ohne dass es hier­zu eines fest­stel­len­den Ver­wal­tungs­akts oder der Kennt­nis­er­lan­gung des Ver­si­cher­ten hier­von bedarf8. Dass dies ins­be­son­de­re für die Ver­si­che­rungs­pflicht nach § 2 Abs 1 Nr 1 KVLG 1989 gilt, ver­deut­licht § 22 Abs 1 Nr 1 KVLG 1989, der für den Beginn der Mit­glied­schaft allein an den Tag der Auf­nah­me der Tätig­keit als land­wirt­schaft­li­cher Unter­neh­mer anknüpft, wäh­rend die Mit­glied­schaft der nach § 2 Abs 1 Nr 2 und 5 KVLG 1989 Ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen erst mit deren Auf­nah­me in das Mit­glie­der­ver­zeich­nis beginnt.

An den Ein­tritt der Ver­si­che­rungs­pflicht im vor­ge­nann­ten Sin­ne knüpft § 4 Abs 2 Satz 1 KVLG 1989 nach sei­nem inso­weit ein­deu­ti­gen Wort­laut für den Beginn der Antrags­frist an9. Gleich­zei­tig schließt der Wort­laut des § 4 KVLG 1989 eine Antrag­stel­lung nach Ablauf der ers­ten drei Mona­te nach Ein­tritt der Ver­si­che­rungs­pflicht aus. Eine ent­spre­chen­de Rege­lung, wie sie – aus­ge­hend von einer ers­ten Antrags­frist von einem Monat nach Ein­tritt der Ver­si­che­rungs­pflicht – in § 5 KVLG 1989 für die Befrei­ung von der Ver­si­che­rungs­pflicht wegen Bin­nen­fi­sche­rei, Imke­rei oder Wan­der­schä­fe­rei vor­ge­se­hen ist, fehlt in § 4 KVLG 1989. Dar­auf, dass die­ses Ergeb­nis auch dem Wil­len des his­to­ri­schen Gesetz­ge­bers ent­spricht, deu­tet ins­be­son­de­re die Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs der Bun­des­re­gie­rung zu § 4 KVLG hin10. Danach soll­te die gegen­über der Vor­bild­norm § 173a Abs 2 RVO von einem auf drei Mona­te ver­län­ger­te Antrags­frist gera­de den Beson­der­hei­ten der Land­wirt­schaft („Fest­stel­lung des Ein­heits­werts, Erfas­sung des Per­so­nen­krei­ses”) Rech­nung tra­gen. Einer sol­chen Ver­län­ge­rung hät­te es nicht bedurft, wenn nach der Vor­stel­lung der Ent­wurfs­ver­fas­ser die­se Umstän­de, ins­be­son­de­re die Schwie­rig­kei­ten bei der Erfas­sung des von der Ver­si­che­rungs­pflicht betrof­fe­nen Per­so­nen­krei­ses mit der Fol­ge einer oft rück­wir­ken­den Fest­stel­lung der Ver­si­che­rungs­pflicht zu einer Antrags­be­rech­ti­gung auch nach Ablauf der mit dem Ein­tritt der Ver­si­che­rungs­pflicht begin­nen­den Antrags­frist hät­ten füh­ren sol­len.

Die Ein­räu­mung einer Mög­lich­keit zur Antrag­stel­lung auch aus Anlass einer erst nach Ablauf der Drei-Monats-Frist des § 4 Abs 2 Satz 1 KVLG 1989 erfolg­ten Fest­stel­lung der Ver­si­che­rungs­pflicht ist ent­ge­gen der Ansicht des Klä­gers auch nicht von Ver­fas­sungs wegen gebo­ten.

Zwar hat die Grup­pe der­je­ni­gen, deren Ver­si­che­rungs­pflicht noch wäh­rend der ers­ten drei Mona­te nach ihrem Ein­tritt durch die land­wirt­schaft­li­che Kran­ken­kas­se fest­ge­stellt wird, gegen­über der vom Klä­ger reprä­sen­tier­ten Grup­pe der­je­ni­gen, deren Ver­si­che­rungs­pflicht erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt fest­ge­stellt wird, den Vor­teil, ggf auch ohne eine regel­mä­ßig vor­an­ge­gan­ge­ne Anzei­ge der Auf­nah­me einer land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mer­tä­tig­keit so zei­tig auf die Ver­si­che­rungs­pflicht hin­ge­wie­sen wor­den zu sein, dass ein frist­ge­rech­ter Befrei­ungs­an­trag noch mög­lich ist. Der mit dem Feh­len eines sol­chen Hin­wei­ses ver­bun­de­ne Nach­teil der­je­ni­gen, deren Ver­si­che­rungs­pflicht erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt fest­ge­stellt wird, recht­fer­tigt sich jedoch aus der Kon­zep­ti­on des KVLG 1989, dass in Ver­bin­dung mit § 2 Abs 2 Nr 3 SGB IV als einen Son­der­fall zur Beschäf­tig­ten­ver­si­che­rung eine Ver­si­che­rungs­pflicht von Unter­neh­mern (§ 2 Abs 1 Nr 1 KVLG 1989) begrün­det. In deren Rah­men obliegt es dem Unter­neh­mer, von sich aus den an die Auf­nah­me sei­ner Tätig­keit anknüp­fen­den Ver­pflich­tun­gen nach­zu­kom­men und im Zwei­fels­fall eine Klä­rung über Bestehen und Umfang die­ser Pflich­ten her­bei­zu­füh­ren11. Neben Mel­de- und Anzei­ge­pflich­ten des Unternehmens‑, Gewer­be- und Steu­er­rechts sowie den sozi­al­recht­li­chen Mel­de­pflich­ten nach § 28a SGB IV gehört hier­zu auch die Ver­pflich­tung nach § 27 Abs 1 KVLG 1989, die Auf­nah­me der Tätig­keit als land­wirt­schaft­li­cher Unter­neh­mer sowie alle sons­ti­gen die Ver­si­che­rungs­pflicht und Bei­trags­hö­he sowie die Mit­glied­schaft berüh­ren­den Tat­be­stän­de inner­halb von zwei Wochen der land­wirt­schaft­li­chen Kran­ken­kas­se zu mel­den. Kommt der Unter­neh­mer die­ser Ver­pflich­tung nicht nach, kann er sich nicht auf eine erst nach Ablauf der Antrags­frist des § 4 Abs 2 Satz 1 KVLG 1989 rück­wir­kend erfolg­te Fest­stel­lung der Ver­si­che­rungs­pflicht beru­fen. Dem ver­gleich­bar hat es das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt als mit Art 3 Abs 1 GG ver­ein­bar ange­se­hen, wenn einem selbst­stän­di­gen Leh­rer die Befrei­ungs­mög­lich­keit von der Ver­si­che­rungs­pflicht in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nach § 231 Abs 6 SGB VI nur des­halb ver­schlos­sen ist, weil die­se Ver­si­che­rungs­pflicht in sei­nem Fall im Unter­schied zu ande­ren selbst­stän­di­gen Leh­rern bereits vor dem Stich­tag 31.12.1998 durch den Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger fest­ge­stellt wor­den war12. Zugleich hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auch in der – hier von der Beklag­ten nicht mehr ver­folg­ten – Bei­trags­nach­er­he­bung bei ver­spä­te­ter und unvoll­stän­di­ger Erfas­sung des ver­si­cher­ten Per­so­nen­krei­ses kei­nen Ver­fas­sungs­ver­stoß gese­hen, sofern der Gesetz­ge­ber ua durch eine Mel­de­pflicht Maß­nah­men zur Erfas­sung des betrof­fe­nen Per­so­nen­krei­ses trifft13.

Nach alle­dem ver­bleibt im vor­lie­gen­den Kon­text der land­wirt­schaft­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung für die vom Klä­ger gewünsch­te Über­tra­gung des Rechts­ge­dan­kens aus § 34 Abs 2 Satz 3 iVm Satz 1 ALG, wie sie das Bun­des­so­zi­al­ge­richt in meh­re­ren Ent­schei­dun­gen in Bezug auf § 85 Abs 3 und Abs 3a ALG14 vor­ge­nom­men hat15, auch in Erman­ge­lung einer erkenn­ba­ren Rege­lungs­lü­cke im Recht der land­wirt­schaft­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (vgl inso­weit die vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen zur Aus­le­gung des § 4 Abs 2 Satz 1 KVLG 1989) kein Raum16.

Dar­über hin­aus ist auch die Situa­ti­on, die das Bun­des­so­zi­al­ge­richt zu die­ser Über­tra­gung ver­an­lasst hat, mit der vor­lie­gen­den Sach­ver­halts­ge­stal­tung nicht zu ver­glei­chen. So hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt die Ver­län­ge­rung der gesetz­lich bis 31.3.1996 bzw 30.6.1996 begrenz­ten Antrags­fris­ten des § 85 Abs 3 und Abs 3a ALG mit der durch die Ein­be­zie­hung der Land­wirts­e­he­gat­ten in die Alters­si­che­rung der Land­wir­te zum 1.1.1995 ent­stan­de­nen Über­gangs­si­tua­ti­on gerecht­fer­tigt. Die­se Über­gangs­si­tua­ti­on war sei­ner­zeit dadurch gekenn­zeich­net gewe­sen, dass eine Viel­zahl von Per­so­nen ohne Ände­rung ihrer per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se ver­si­che­rungs­pflich­tig gewor­den, der ent­spre­chen­de Per­so­nen­kreis nicht leicht zu ermit­teln gewe­sen und der Ver­wal­tungs­voll­zug hin­ter der Pro­gno­se des Gesetz­ge­bers zurück­ge­blie­ben war17. Zusätz­lich hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt den damals aus­drück­lich gere­gel­ten Aus­schluss einer Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand her­vor­ge­ho­ben18.

Dem ist die Sach- und Rechts­la­ge im vor­lie­gen­den Fall nicht ver­gleich­bar. Eine Über­gangs­si­tua­ti­on der vor­be­schrie­be­nen Art liegt weder der Ver­si­che­rungs­pflicht land­wirt­schaft­li­cher Unter­neh­mer auch als Gesell­schaf­ter einer juris­ti­schen Per­son nach § 2 Abs 1 Nr 1 iVm Abs 3 KVLG 1989 (bis zum 31.12.1988: § 2 Abs 1 Nr 1 iVm Abs 2 KVLG) zu Grun­de noch der Rege­lung über die Befrei­ung von der Ver­si­che­rungs­pflicht in § 4 KVLG 1989 (zuvor § 4 KVLG). Gleich­zei­tig fehlt ein aus­drück­li­cher Aus­schluss der Mög­lich­keit einer Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand, wel­cher auch bei unver­schul­de­ter ver­spä­te­ter Antrag­stel­lung eine Befrei­ung grund­sätz­lich aus­schließt19. Zudem deu­ten gera­de Rege­lun­gen wie § 34 Abs 2 Satz 3 ALG oder § 7a Abs 6 SGB IV und die mitt­ler­wei­le auf­ge­ho­be­nen, die Ein­füh­rung des Anfra­ge­ver­fah­rens nach § 7a SGB IV flan­kie­ren­den Über­gangs­re­ge­lun­gen in §§ 7b und 7c SGB IV20 dar­auf hin, dass Unkennt­nis oder Unsi­cher­heit über das Vor­lie­gen von Ver­si­che­rungs­pflicht nur aus­nahms­wei­se und nur kraft beson­de­rer gesetz­li­cher Anord­nung für den Beginn der Ver­si­che­rungs- und Bei­trags­pflicht oder hier­mit ver­bun­de­ne wei­te­re Rechts­fol­gen eine Anknüp­fung an deren Fest­stel­lung durch Ver­wal­tungs­akt zulas­sen.

Danach begann vor­lie­gend die Antrags­frist im Hin­blick auf die vom Klä­ger seit Janu­ar 1991 aus­ge­üb­te Geschäfts­füh­rer­tä­tig­keit mit Ein­tritt der Ver­si­che­rungs­pflicht spä­tes­tens am 1.11.1991 und ende­te am 31.1.199221. Einen Antrag auf Befrei­ung von der Ver­si­che­rungs­pflicht stell­te der Klä­ger aber erst­mals am 25.7.2001, mit­hin mehr als neun Jah­re nach Frist­ab­lauf.

Dem Klä­ger ist wegen der ver­säum­ten Frist zur Bean­tra­gung der Befrei­ung von der Ver­si­che­rungs­pflicht in der land­wirt­schaft­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung kei­ne Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren. Dabei braucht das Gericht nicht zu ent­schei­den, ob eine Wie­der­ein­set­zung in die Frist des § 4 Abs 2 Satz 1 KVLG 1989 nach § 27 SGB X all­ge­mein22 oder zumin­dest dann aus­ge­schlos­sen ist, wenn sie allein auf der Unkennt­nis des Ver­si­cher­ten und/​oder Bei­trags­pflich­ti­gen vom Bestehen der Ver­si­che­rung beruht23. Denn die Wie­der­ein­set­zung schei­det bereits nach § 27 Abs 3 SGB X aus, weil im Fal­le des Klä­gers die ver­säum­te Hand­lung nicht inner­halb eines Jah­res nach Ablauf der Frist des § 4 Abs 2 Satz 1 KVLG 1989 am 31.1.1992 nach­ge­holt wur­de. Dass die­se Ver­spä­tung von mehr als einem Jahr auf höhe­rer Gewalt beruh­te, ist nach den – vom Klä­ger im Revi­si­ons­ver­fah­ren nicht bean­stan­de­ten – Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts nicht erkenn­bar.

Der Klä­ger kann schließ­lich auch nicht nach den Grund­sät­zen über den sozi­al­recht­li­chen Her­stel­lungs­an­spruch ver­lan­gen, so gestellt zu wer­den, als habe er den Befrei­ungs­an­trag frist­ge­recht gestellt. Nach die­sen Grund­sät­zen kann die Ver­let­zung der dem Ver­si­che­rungs­trä­ger gegen­über dem Ver­si­cher­ten oblie­gen­den Betreu­ungs­pflicht (vgl §§ 14, 15 SGB I) dazu füh­ren, dass der Ver­si­che­rungs­trä­ger einen dadurch ent­stan­de­nen sozi­al­recht­li­chen Nach­teil oder Scha­den des Ver­si­cher­ten aus­glei­chen muss, indem er eine (recht­mä­ßi­ge) Amts­hand­lung vor­nimmt und so den Zustand her­stellt, der ohne die Pflicht­ver­let­zung bestehen wür­de24. Zutref­fend hat bereits das Lan­des­so­zi­al­ge­richt dar­auf abge­stellt, dass selbst für den Fall, dass die Bar­mer Ersatz­kas­se im Zusam­men­hang mit der Über­prü­fung der Ver­si­che­rungs- und Bei­trags­pflicht des Klä­gers und der Ertei­lung ihres Beschei­des vom 11.4.1995 die Ver­pflich­tung getrof­fen hät­te, den Klä­ger auf eine mög­li­che Ver­si­che­rungs­pflicht als land­wirt­schaft­li­cher Unter­neh­mer hin­zu­wei­sen, und wenn sich die Beklag­te zu 1. eine sol­che Pflicht­ver­let­zung zurech­nen las­sen müss­te, der vom Klä­ger gel­tend gemach­te Nach­teil nicht – wie erfor­der­lich – durch eben die­se Pflicht­ver­let­zung ent­stan­den wäre. Denn bereits zum Zeit­punkt des Erlas­ses des Beschei­des bestand für den Klä­ger kei­ne Mög­lich­keit mehr, die Befrei­ung von der Ver­si­che­rungs­pflicht in der land­wirt­schaft­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung frist­ge­recht zu bean­tra­gen. Anhalts­punk­te für eine der Beklag­ten zu 1. zure­chen­ba­re oder für eine von ihr selbst ver­ur­sach­te Pflicht­ver­let­zung zu einem frü­he­ren Zeit­punkt hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt – eben­falls vom Klä­ger im Revi­si­ons­ver­fah­ren unge­rügt – nicht fest­ge­stellt.

Dass die vom Klä­ger auf­grund der Ver­si­che­rungs­pflicht in der land­wirt­schaft­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung ab 6.7.2003 zu zah­len­den Bei­trä­ge von der Beklag­ten zutref­fend fest­ge­setzt wor­den sind, zieht er nicht in Zwei­fel. Hier­für bestehen auf Grund­la­ge der Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts auch kei­ne Anhalts­punk­te. Eben­so feh­len Anhalts­punk­te für eine Ver­wir­kung die­ser unmit­tel­bar mit Bescheid vom 2.7.2003 und den nach­fol­gen­den Ände­rungs­be­schei­den gel­tend gemach­ten Bei­trä­ge. Inso­weit fehlt es hier bereits am Zeit­mo­ment der Ver­wir­kung, also an einem län­ge­ren Zeit­raum, in dem die Beklag­ten die Aus­übung ihres Rechts zur Gel­tend­ma­chung rück­stän­di­ger Bei­trä­ge unter­las­sen hät­ten25.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 9. Novem­ber 2011 – B 12 KR 21/​09 R

  1. vgl BSG SozR 3 – 5868 § 3 Nr 3; BSG SozR 3 – 5850 § 14 Nr 2
  2. SG Leip­zig, Urteil vom 18.01.2007 – S 8 KR 20/​05
  3. Säch­si­sches LSG, Urteil vom 11.12.2008 – L 1 KR 63/​07
  4. BSGE 69, 20 = SozR 3 – 2200 § 381 Nr 2
  5. in der ab 01.01.1989 gül­ti­gen Fas­sung durch Gesetz vom 20.12.1988, BGBl I 2477, die nach EinigVtr Anla­ge I Kapi­tel VIII Sach­ge­biet G Abschnitt III Nr 1, BGBl II 1990, 885, 889, 1055, mit den dort genann­ten Maß­ga­ben seit dem 3.10.1990 auch im Bei­tritts­ge­biet Anwen­dung fin­det
  6. idF ab 01.01.1995 durch Gesetz vom 29.07.1994, BGBl I 1890
  7. idF durch Gesetz vom 29.07.1994, BGBl I 1890; sinn­ge­mäß bereits idF durch Gesetz vom 20.12.1988, BGBl I 2477
  8. BSG SozR 5420 § 2 Nr 33, Leit­satz und S 65 ff; BSG Urteil vom 10.06.1980 – 11 RK 11/​79, USK 80157; vgl all­ge­mein zur Kran­ken­ver­si­che­rungs­pflicht zB Peters in Kass­Komm, Stand April 2008, § 5 SGB V RdNr 206; Bai­er in Krauskopf/​Wagner/​Knittel, Sozia­le Kran­ken­ver­si­che­rung Pfle­ge­ver­si­che­rung, Stand Dezem­ber 1997, Vor § 5 SGB V RdNr 3
  9. im Ergeb­nis eben­so Noell/​Deisler, Die Kran­ken­ver­si­che­rung der Land­wir­te, 16. Aufl 2001, S 145
  10. BT-Drucks VI/​3012 S 27
  11. vgl BSG SozR 3 – 5868 § 3 Nr 3 S 17 f; BSG SozR 3 – 5850 § 14 Nr 2 S 5 f
  12. BVerfG SozR 4 – 2600 § 2 Nr 10 RdNr 34 ff, 41 ff
  13. BVerfG aaO RdNr 34 ff
  14. damals idF durch Gesetz vom 15.12.1995, BGBl I 1814
  15. BSG, Urtei­le vom 28.03.2000 – B 10 LW 4/​99 R und B 10 LW 2/​99 R; BSG SozR 3 – 5868 § 3 Nr 3; BSG SozR 3 – 5868 § 85 Nr 8
  16. zu den Gren­zen der rich­ter­li­chen Rechts­fort­bil­dung all­ge­mein vgl zB BVerfG Beschluss vom 25.01.2011 – 1 BvR 918/​10NJW 2011, 836
  17. so BSG Urtei­le vom 28.03.2000 – B 10 LW 4/​99 R und B 10 LW 2/​99 R
  18. ins­bes BSG SozR 3 – 5868 § 3 Nr 3 S 17
  19. vgl aber das noch zur Rechts­la­ge vor In-Kraft-Tre­ten des SGB X am 01.01.1981 ergan­ge­ne BSG Urteil vom 10.06.1980 – 11 RK 11/​79 – jedoch ande­rer­seits BSGE 64, 153 = SozR 1300 § 27 Nr 4 zum Bei­tritts­recht für Schwer­be­hin­der­te nach § 176c RVO
  20. jeweils idF durch Gesetz vom 20.12.1999, BGBl I 2000, 2
  21. § 26 Abs 1 SGB X iVm § 187 Abs 2, § 188 Abs 2 Alt 2 BGB; vgl dazu Volbers/​Müller, Kran­ken­ver­si­che­rung der Land­wir­te, 6. Aufl 2005, S 64
  22. vgl einer­seits BSG Urteil vom 10.06.1980 – 11 RK 11/​79 – ande­rer­seits BSGE 64, 153 = SozR 1300 § 27 Nr 4
  23. vgl BSG SozR 5420 § 2 Nr 33; BSG SozR 4 – 2600 § 6 Nr 5 RdNr 19 mwN
  24. stRspr, vgl zB jüngst BSGE 106, 296 = SozR 4 – 2500 § 50 Nr 2, RdNr 25 mwN
  25. zu die­ser Vor­aus­set­zung all­ge­mein vgl zB BSG, Urteil vom 27.07.2011 – B 12 R 16/​09 R – RdNr 36 f, zur Ver­öf­fent­li­chung in SozR vor­ge­se­hen; BSG SozR 4 – 2400 § 24 Nr 5 RdNr 31 mwN