Groß­grund­be­sit­zer und die Hof­ab­ga­be­pflicht in der Alters­si­che­rung der Land­wir­te

Die Vor­aus­set­zung der Abga­be des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens für eine Alters­ren­te nach dem Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te ver­stößt nicht gegen das Grund­ge­setz; dies gilt auch im Fal­le eines Groß­grund­be­sit­zers.

Groß­grund­be­sit­zer und die Hof­ab­ga­be­pflicht in der Alters­si­che­rung der Land­wir­te

Dies ent­schied jetzt das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­temb in einem Fall, in dem der Klä­ger im Zeit­punkt sei­nes Ren­ten­an­tra­ges die War­te­zeit von 15 Jah­ren bereits erfüllt und auch die Alters­gren­ze für die Alters­ren­te erreicht hat­te. Indes­sen erfüllt der Klä­ger – unstrei­tig – die drit­te Vor­aus­set­zung für die begehr­te Regel­al­ters­ren­te nicht, weil er noch immer ein land­wirt­schaft­li­ches Unter­neh­men ober­halb der Min­dest­grö­ße bewirt­schaf­tet, also sein land­wirt­schaft­li­ches Unter­neh­men nicht abge­ge­ben hat.

Nach § 21 Abs. 1 ALG (Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te) ist ein Unter­neh­men der Land­wirt­schaft abge­ge­ben, wenn das Eigen­tum an den land­wirt­schaft­lich genutz­ten Flä­chen mit Aus­nah­me still­ge­leg­ter Flä­chen an einen Drit­ten über­ge­gan­gen ist. Nach § 21 Abs. 2 Satz 1 ALG gilt ein Unter­neh­men der Land­wirt­schaft als abge­ge­ben, wenn (Nr. 1) die land­wirt­schaft­lich genutz­ten Flä­chen ver­pach­tet sind, die­se mit einem Nieß­brauch zuguns­ten Drit­ter belas­tet sind (Nr. 2) oder (Nr. 3) in ähn­li­cher Wei­se die land­wirt­schaft­li­che Nut­zung auf eige­nes Risi­ko auf län­ge­re Dau­er unmög­lich gemacht ist. Die nach­fol­gen­den Absät­ze des § 21 ALG ent­hal­ten wei­te­re Fall­ge­stal­tun­gen, die einer Abga­be nach § 21 Abs. 1 LAG gleich gestellt wer­den.

Die so genann­te Hof­ab­ga­be­pflicht nach dem Gesetz über die Alters­hil­fe für Land­wir­te (GAL) und dem seit 1. Janu­ar 1995 gel­ten­den ALG ist durch die Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts bis­her stets als wirk­sam und mit höher­ran­gi­gem Recht ver­ein­bar ange­se­hen wor­den 1. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Pflicht zur Abga­be des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens in einer Rei­he von Ent­schei­dun­gen als ver­fas­sungs­recht­lich ein­wand­frei beur­teilt 2. Danach ist die gesetz­li­che Anspruchs­vor­aus­set­zung der Abga­be des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens mit dem Sozi­al­staats­prin­zip, dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz, dem Grund­recht der Berufs­frei­heit sowie der Eigen­tums­ga­ran­tie des Grund­ge­set­zes ver­ein­bar. Die hier­zu erho­be­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Ein­wän­de sind nicht geeig­net, die bis­he­ri­ge ver­fas­sungs­recht­li­che Beur­tei­lung der Pflicht zur Abga­be des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens in Fra­ge zu stel­len.

Das Grund­recht der Berufs­frei­heit nach Art. 12 Abs. 1 GG ist nach die­ser Recht­spre­chung schon des­we­gen nicht berührt, weil die Hof­ab­ga­be als Anspruchs­vor­aus­set­zung für eine Ren­te nach dem ALG den Land­wirt nicht zur Auf­ga­be sei­nes Berufs zwingt, son­dern es ihm über­lässt, ob er als Land­wirt wei­ter wirt­schaf­ten oder sei­nen Hof abge­ben will 3.

Art. 14 Abs. 1 GG kann im Hin­blick auf den Eigen­tums­schutz von Ren­ten­an­wart­schaf­ten durch das Erfor­der­nis der Hof­ab­ga­be schon des­we­gen nicht ver­letzt sein, weil die aus­ge­üb­te Tätig­keit als land­wirt­schaft­li­cher Unter­neh­mer und damit auch der Erwerb der Ren­ten­an­wart­schaf­ten in der land­wirt­schaft­li­chen Alters­si­che­rung durch­gän­gig mit der Pflicht zur Abga­be des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens als Vor­aus­set­zung für einen Anspruch auf Ren­te jeg­li­cher Art gegol­ten hat 4. Die erwor­be­nen Ren­ten­an­wart­schaf­ten waren des­halb von vorn­her­ein mit die­sem Abga­beer­for­der­nis belas­tet. Glei­ches gilt in Bezug auf die Ver­äu­ße­rung des Unter­neh­mens als pri­mä­rer Abga­be­tat­be­stand. Auch inso­weit wird der Land­wirt nicht gezwun­gen, sein Eigen­tum zu ver­äu­ßern, dies bleibt sei­nem frei­en Wil­len über­las­sen; dies gilt eben­so für die Mög­lich­keit, durch Ver­pach­tung den Abga­be­tat­be­stand zu erfül­len. Dem ent­spre­chend geht der Vor­trag des Klä­gers, wegen der für die Abga­be not­wen­di­gen Ver­äu­ße­rung oder Ver­pach­tung, die mit schwer­wie­gen­den Nach­tei­len ver­knüpft sei, wer­de er ent­eig­net, am Schutz­be­reich des Art. 14 Abs. 1 GG vor­bei.

Im Vor­der­grund der Argu­men­ta­ti­on steht der all­ge­mei­ne Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG. Der Gesetz­ge­ber ver­stößt gegen das Grund­recht des Art. 3 Abs. 1 GG, wenn er eine Grup­pe von Normadres­sa­ten im Ver­gleich zu ande­ren Normadres­sa­ten anders behan­delt, obgleich zwi­schen bei­den Grup­pen kei­ne Unter­schie­de von sol­cher Art und von sol­chem Gewicht bestehen, dass sie die Ungleich­be­hand­lung recht­fer­ti­gen könn­ten 5. Eine nach die­sen Maß­stä­ben ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­si­ge Ungleich­be­hand­lung zu Las­ten des nach dem ALG Ver­si­cher­ten ist nicht gege­ben.

Der Gesetz­ge­ber ver­folg­te mit der ange­grif­fe­nen Rege­lung das Ziel, selb­stän­di­ge Land­wir­te ab einem bestimm­ten Lebens­al­ter zur Abga­be ihrer Höfe zuguns­ten Jün­ge­rer zu bewe­gen 6. Die­se Ziel­set­zung ist nach der Kon­zep­ti­on des Geset­zes mit einer ange­mes­se­nen Alters­ver­sor­gung der durch die Abga­be des Hofes in beson­de­rer Wei­se schutz­be­dürf­tig gewor­de­nen Land­wir­te untrenn­bar ver­bun­den 7. Die ihr zu Grun­de lie­gen­de Erwä­gung fügt sich somit in das Gesamt­kon­zept des Gesetz­ge­bers ein, die Alters­si­che­rung der selb­stän­di­gen Land­wir­te in einer den beson­de­ren Bedürf­nis­sen die­ses Berufs­stan­des ent­spre­chen­den Wei­se recht­lich zu gestal­ten 5. Sie ist agrar- und struk­tur­po­li­tisch nach­voll­zieh­bar begrün­det und recht­fer­tigt die beson­de­re ren­ten­recht­li­che Behand­lung, die selb­stän­di­ge Land­wir­te erfah­ren, wenn sie sich zu einer Abga­be des Hofes nach Errei­chen Alters­gren­ze nicht ent­schlie­ßen kön­nen 6.

Soweit inso­weit ein­ge­wen­det wird, die­se agrar­po­li­ti­sche Ziel­set­zung sei nur poli­ti­scher Wil­le und kön­ne kei­nen sach­li­chen Dif­fe­ren­zie­rungs­grund dar­stel­len, ver­kennt er, dass dem Gesetz­ge­ber, der gera­de poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen trifft, ein wei­ter Gestal­tungs­spiel­raum zusteht. Sozi­al­po­li­ti­sche Erwä­gun­gen des Gesetz­ge­bers sind des­halb hin­zu­neh­men, solan­ge sei­ne Erwä­gun­gen weder offen­sicht­lich fehl­sam noch mit der Wert­ord­nung unver­ein­bar sind 7, wofür kei­ner­lei Anhalt besteht 8. Aus dem­sel­ben Grund kann der Klä­ger auch nicht mit sei­ner – aller­dings ohne­hin nicht nach­voll­zieh­ba­ren – Behaup­tung durch­drin­gen, die­se Erwä­gung sei „längst nicht mehr aktu­ell“. Auch inso­weit steht dem Gesetz­ge­ber der erwähn­te Beur­tei­lungs­spiel­raum zu. Aus wel­chen Grün­den in die­sem Zusam­men­hang die Betriebs­grö­ße eines land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens von Bedeu­tung sein soll, erschließt sich dem Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg nicht.

Soweit ein­ge­wen­det wird, in kei­nem ande­ren Alters­ver­sor­gungs­sys­tem wür­den Anspruchs­stel­ler gezwun­gen, ihr erar­bei­te­tes Besitz­tum zu ver­kau­fen, über­sieht die­ser Ein­wand die beson­de­re Ziel­rich­tung des GAL und nach­fol­gend des ALG. Dies gilt auch in Bezug auf Unter­neh­mer als Ver­si­cher­te der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung, die – wie der Klä­ger vor­trägt – auch ohne Auf­ga­be der Tätig­keit die Ren­te erhal­ten. Inso­weit hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 9 in der unter­schied­li­chen Behand­lung gera­de kei­nen Ver­stoß gegen Art. 3 Abs. 1 GG gese­hen und u.a. dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Land­wirt­schaft­li­che Alters­si­che­rung – was noch immer gilt – maß­geb­lich aus Zuschüs­sen des Bun­des finan­ziert wird, also einen stark für­sor­ge­ri­schen Cha­rak­ter hat, was es recht­fer­tigt, die Ansprü­che an stren­ge­re Vor­aus­set­zun­gen, also die Abga­be des Unter­neh­mens zu bin­den.

Soweit – eine Dif­fe­ren­zie­rung erfor­dern­de – Unter­schie­de in der Grup­pe der Land­wir­te behaup­tet wer­den, ins­be­son­de­re in Bezug auf die behaup­te­te Durch­schnitts­grö­ße land­wirt­schaft­li­cher Betrie­be im Ver­gleich zur Grö­ße des eige­nen Unter­neh­mens oder in Bezug auf die behaup­te­ten Nach­tei­le einer Ver­pach­tung, ist auch inso­weit auf das wei­te sozi­al­po­li­ti­sche Ermes­sen des Gesetz­ge­bers zu ver­wei­sen, sodass kei­ne Pflicht bestand, für die Behand­lung aty­pi­scher Fäl­le Son­der­re­ge­lun­gen, etwa – wie vom Klä­ger ver­langt – in Form einer Här­te­klau­sel vor­zu­se­hen 5. Im Übri­gen ist die Her­an­zie­hung von Durch­schnitts­wer­ten inso­weit nach Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts ohne­hin unzu­läs­sig, weil Durch­schnitts­wer­te gera­de nicht die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se wider­spie­geln.

Was die behaup­te­ten Nach­tei­le einer Ver­pach­tung anbe­langt, kann das Lan­des­so­zi­al­ge­richt hier­in kei­ne hin­rei­chen­de tat­säch­li­che Sub­stanz erken­nen, schon des­halb nicht, weil weder den Umstand der dem Land­wirt in Form der Pacht zuste­hen­den Gegen­leis­tung in Erwä­gung gezo­gen wird noch die Mög­lich­keit, durch die ent­spre­chen­de ver­trag­li­che Gestal­tung des Pacht­ver­tra­ges die behaup­te­te Ent­wer­tung der forst­wirt­schaft­li­chen Flä­chen durch Ein­schlag zu ver­hin­dern; schließ­lich dürf­te hin­sicht­lich der behaup­te­ten Abern­tung von Holz für die ein­zel­nen Flä­chen mit ihrem unter­schied­li­chen Bewuchs, ins­be­son­de­re was die Ern­te­rei­fe anbe­langt, zu unter­schei­den sein. Aus wel­chen Grün­den eine höhe­re steu­er­li­che Belas­tung der Erben den Land­wirt selbst in Rech­ten ver­let­zen soll, ist für das Lan­de­so­zi­al­ge­richt nicht erkenn­bar.

Soweit der Klä­ger behaup­tet, anders bei Betrie­ben mit der sta­tis­ti­schen Durch­schnitts­grö­ße von 60 ha sei ein Ver­kauf eines Betrie­bes mit der Grö­ße des von ihm bewirt­schaf­te­ten Unter­neh­mens nicht mög­lich, über­sieht er, dass er nicht gezwun­gen ist, das gesam­te Unter­neh­men an einen ein­zi­gen Über­neh­mer zu ver­äu­ßern; inso­weit kom­men Ver­käu­fe an meh­re­re Käu­fer oder auch eine Mischung aus Ver­kauf und Ver­pach­tung bzw. ande­rer For­men der Abga­be in Betracht. Soweit der Klä­ger eine Dif­fe­ren­zie­rung im Ver­gleich zu ande­ren Normadres­sa­ten anmahnt, ist sei­nem Vor­brin­gen schon die Ver­gleichs­grup­pe nicht zu ent­neh­men. Soweit er hier­mit Ver­si­cher­te der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung mei­nen soll­te, wird auf die Aus­füh­run­gen oben ver­wie­sen.

Im Ergeb­nis ver­mag das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg somit den ver­fas­sungs­recht­li­chen Ein­wän­den nicht zu fol­gen.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 13. März 2012 – L 10 LW 4296/​10

  1. zuletzt BSG, Urteil vom 25.02.2010 – B 10 LW 1/​09 R, SozR 4 – 5868 § 13 Nr. 5 m.w.N.[]
  2. BVerfg, Beschluss vom 15.04.1969 – 1 BvL 18/​68, SozR Nr. 77 zu Art. 3 GG; Beschluss vom 30.05.1980 – 1 BvR 313/​80, SozR 5850 § 2 Nr. 6; Beschluss vom 18.12.1981 – 1 BvR 943/​81, SozR 5850 § 2 Nr. 8; Beschluss vom 20.9.1999 – 1 BvR 1750/​95, SozR 3 – 5850 § 4 Nr. 1; Beschluss vom 01.03.2004 – 1 BvR 2099/​03, SozR 4 – 5868 § 1 Nr. 3[]
  3. BSG, a.a.O. m.w.N.[]
  4. BSG, a.a.O., auch aus­führ­lich zur gesetz­li­chen Ent­wick­lung[]
  5. BVerfG, Beschluss vom 20.09.1999, a.a.O.[][][]
  6. BVerfG, a.a.O.[][]
  7. BVerfG, Beschluss vom 18.12.1981, a.a.O.[][]
  8. vgl. die erwähn­ten Ent­schei­dun­gen des BSG und des BVerfG[]
  9. BVerfG, Beschluss vom 15.04.1969, a.a.O.[]