Hartz IV-Regel­satz­leis­tung immer noch zu nied­rig?

Sind die Vor­schrif­ten zur Höhe des Regel­sat­zes nach §§ 19,20,28 SGB II immer noch in ver­fas­sungs­wid­ri­ger Wei­ae zu nied­rig? Jeden­falls nach Ansicht einer Kam­mer des Sozi­al­ge­richts Ber­lin ver­sto­ßen sie nach wie vor gegen das Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums.

Hartz IV-Regel­satz­leis­tung immer noch zu nied­rig?

Mit die­ser Begrün­dung hat das Sozi­al­ge­richt Ber­lin dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fra­ge der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des Regel­be­darfs nach dem SGB II zur Prü­fung vor­ge­legt. Geklagt vor dem Sozi­al­ge­richt Ber­lin hat­te eine gewerk­schaft­lich ver­tre­te­ne drei­köp­fi­ge Fami­lie aus Neu­kölln gegen das Job­cen­ter Ber­lin Neu­kölln wegen der Höhe der ab Janu­ar 2011 bewil­lig­ten Leis­tun­gen. Für den letz­ten umstrit­te­nen Zeit­raum Janu­ar bis Juli 2012 waren ihnen nach Anrech­nung von Ein­künf­ten aus Erwerbs­min­de­rungs­ren­te, Kin­der­geld und Erwerbs­ein­kom­men Leis­tun­gen von ins­ge­samt 439,10 Euro bewil­ligt wor­den. Das Job­cen­ter hat­te der Leis­tungs­be­rech­nung den gesetz­li­chen Regel­be­darf von 2 x 337 Euro für die Eltern und 287 Euro für den 16-jäh­ri­gen Sohn zuzüg­lich Kos­ten für Unter­kunft und Hei­zung zugrun­de gelegt. Die Klä­ger tru­gen vor, dass sie mit dem bewil­lig­ten ALG II ihre Aus­ga­ben nicht decken könn­ten. Trotz größ­ter Spar­sam­keit müss­ten sie regel­mä­ßig ihren Dis­po­kre­dit und Pri­vat­dar­le­hen in Anspruch neh­men.

Nach Auf­fas­sung des Sozi­al­ge­richts Ber­lin könn­ten die Klä­ger zwar nach den ab 2011 gül­ti­gen SGB II-Vor­schrif­ten kei­ne höhe­ren Leis­tun­gen bean­spru­chen. Die­se Vor­schrif­ten sei­en jedoch mit dem Grund­ge­setz nicht ver­ein­bar. Aller­dings sei­en die Leis­tun­gen nicht evi­dent unzu­rei­chend. Der Gesetz­ge­ber habe bei der Fest­le­gung des Regel­sat­zes jedoch sei­nen Gestal­tungs­spiel­raum ver­letzt. Die Refe­renz­grup­pe (unte­re 15 % der Allein­ste­hen­den), anhand deren Ver­brauchs die Bedar­fe für Erwach­se­ne ermit­telt wor­den sind, sei feh­ler­haft bestimmt wor­den. Die im Anschluss an die sta­tis­ti­sche Bedarfs­er­mitt­lung vor­ge­nom­me­nen Kür­zun­gen ein­zel­ner Posi­tio­nen (Aus­ga­ben für Ver­kehr, alko­ho­li­sche Geträn­ke, Mahl­zei­ten in Gast­stät­ten und Kan­ti­nen, Schnitt­blu­men u.s.w) sei­en unge­recht­fer­tigt. Ins­be­son­de­re habe der Gesetz­ge­ber dabei den Aspekt der Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen Leben unzu­rei­chend gewür­digt. Im Ergeb­nis sei­en die Leis­tun­gen für einen Allein­ste­hen­den um monat­lich rund 36 Euro und für eine drei­köp­fi­ge Fami­lie (Eltern und 16-jäh­ri­ger Sohn) um monat­lich rund 100 Euro zu nied­rig bemes­sen.

Durch das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 9. Febru­ar 2010 1 sei dem Gesetz­ge­ber ein Gestal­tungs­spiel­raum zur Bestim­mung des Exis­tenz­mi­ni­mums ein­ge­räumt wor­den. Das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren müs­se jedoch trans­pa­rent erfol­gen und metho­disch und sach­lich nach­voll­zieh­bar sein. Inso­weit zuläs­sig habe der Gesetz­ge­ber zur Bemes­sung des Exis­tenz­mi­ni­mums ein Sta­tis­tik­mo­dell ver­wandt, das auf einer Aus­wer­tung der Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be 2008 (EVS 2008) beru­he.

Bereits die Aus­wahl der unte­ren 15 % der Allein­ste­hen­den als Refe­renz­grup­pe sei jedoch mit mas­si­ven Feh­lern behaf­tet. Sie sei ohne nach­voll­zieh­ba­re Wer­tung und damit will­kür­lich erfolgt. Es sei nicht begrün­det wor­den, wie aus dem Aus­ga­be­ver­hal­ten die­ser Grup­pe auf eine Bedarfs­de­ckung der Leis­tungs­be­rech­tig­ten geschlos­sen wer­den kön­ne. Die Refe­renz­grup­pe ent­hal­te unter ande­rem auch Haus­hal­te von Erwerbs­tä­ti­gen mit „auf­sto­cken­dem“ Bezug von exis­tenz­si­chern­den Leis­tun­gen sowie Stu­den­ten im BAföG-Bezug und Fäl­le „ver­steck­ter Armut“. Es stel­le einen unzu­läs­si­gen Zir­kel­schluss dar, deren Aus­ga­ben zur Grund­la­ge der Berech­nung exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen zu machen. Dar­über hin­aus las­se das Aus­ga­be­ver­hal­ten Allein­ste­hen­der kei­nen Schluss auf die beson­de­re Bedarfs­la­ge von Fami­li­en zu. Nicht hin­rei­chend sta­tis­tisch belegt sei zudem, dass es mit den ermit­tel­ten Beträ­gen noch mög­lich sei, auf lang­le­bi­ge Gebrauchs­gü­ter (Kühlschrank/​Waschmaschine) anzu­spa­ren.

Auch der wer­ten­de Aus­schluss bestimm­ter Güter und Dienst­leis­tun­gen aus dem Aus­ga­be­ka­ta­log der EVS 2008 sei jeden­falls hin­sicht­lich der Posi­tio­nen Ver­kehr, Mahl­zei­ten in Restaurants/​Cafés und Kan­ti­nen, Aus­ga­ben für alko­ho­li­sche Geträn­ke, Schnitt­blu­men und che­mi­sche Rei­ni­gung nicht nach­voll­zieh­bar begrün­det. Der Gesetz­ge­ber ver­ken­ne ins­be­son­de­re, dass das Exis­tenz­mi­ni­mum auch die Pfle­ge zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hun­gen zu ermög­li­chen habe. Im Übri­gen sei bei einem der­art „auf Kan­te genäh­ten“ Regel­be­darf das Sta­tis­tik­mo­dell sei­ner Legi­ti­ma­ti­on beraubt. Das Sta­tis­tik­mo­dell und die Gewäh­rung pau­scha­ler Leis­tun­gen beruh­ten gera­de dar­auf, dass der Gesamt­be­trag der Leis­tung es erlau­be, einen über­durch­schnitt­li­chen Bedarf in einer Posi­ti­on durch einen unter­durch­schnitt­li­chen Bedarf in einer ande­ren Posi­ti­on aus­zu­glei­chen. Die­ser inter­ne Aus­gleich sei durch die umfang­rei­chen Strei­chun­gen nicht mehr aus­rei­chend mög­lich.

Ange­sichts des Aus­ma­ßes der auf­ge­zeig­ten Feh­ler sei­en die Vor­schrif­ten zur Höhe des Regel­sat­zes (§§ 19, 20, 28 SGB II) ver­fas­sungs­wid­rig. Für allein­ste­hen­de Per­so­nen müs­se ab 2012 ein monat­li­cher Fehl­be­trag von 36,07 Euro, für die klä­ge­ri­sche Bedarfs­ge­mein­schaft von ca. 100 Euro ange­nom­men wer­den.

Das Sozi­al­ge­richt Ber­lin hat das Ver­fah­ren daher aus­ge­setzt und die Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des aktu­el­len Regel­sat­zes dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Ent­schei­dung vor­ge­legt. Aus­drück­lich bejaht hat die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des Regel­sat­zes zum Bei­spiel das Sozi­al­ge­richt Ber­lin in einem Urteil vom 29. März 2012 2 unter Ver­weis auf ent­spre­chen­de Ent­schei­dun­gen der Lan­des­so­zi­al­ge­rich­te von Bay­ern 3 und Baden-Würt­tem­berg 4 .

Somit ist der Beschluss vom heu­ti­gen Tage deutsch­land­weit der ers­te Vor­la­gen­be­schluss an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, in dem es um die Klä­rung der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der neu­en Regel­satz­hö­he geht. Allein das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist befugt, ein Par­la­ments­ge­setz für ver­fas­sungs­wid­rig zu erklä­ren.

Sozi­al­ge­richt Ber­lin, Beschluss vom 25. April 2012 – S 55 AS 9238/​12

  1. BVerfG, Urteil vom 09.02.2010 – 1 BvL 1/​09[]
  2. SG Ber­lin, Urteil vom 29.03.2012 – S 18 AS 38234/​10[]
  3. LSG Bay­ern, Beschluss vom 10.08.2011 – L 16 AS 305/​11 NZB[]
  4. LSG Baden-Würt­tem­berg, Urtei­le vom 10.06.2011 – L 12 AS 1077/​11 und vom 21.10.2011 – L 12 AS 3445/​11[]