Kei­ne Schwer­be­hin­de­rung wegen Zuckers

Ein an Dia­be­tes mel­li­tus Typ I ("juve­ni­ler Dia­be­tes") Erkrank­ter hat nach einem aktu­el­len Urteil des Sozi­al­ge­richts Spey­er kei­nen Anspruch auf Zuer­ken­nung der Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft, wenn er zwar eine inten­si­ve Insu­lin­the­ra­pie durch­führt, der Dia­be­tes mel­li­tus aber gut ein­ge­stellt ist.

Kei­ne Schwer­be­hin­de­rung wegen Zuckers

Im kon­kre­ten Fall hat­te das beklag­te Land dem Klä­ger mit Bescheid vom 23. April 1991 zunächst wegen des­sen Dia­be­tes-Erkran­kung die Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft aner­kannt. Nach­dem sich die für die medi­zi­ni­sche Beur­tei­lung maß­geb­li­chen Vor­ga­ben ("Anhalts­punk­te für die ärzt­li­che Gut­ach­ter­tä­tig­keit im sozia­len Ent­schä­di­gungs­recht und nach dem Schwer­be­hin­der­ten­recht [AHP]") zwi­schen­zeit­lich geän­dert hat­ten, ver­an­lass­te das beklag­te Land im Mai 2006 eine Über­prü­fung sei­ner Ent­schei­dung aus dem Jahr 1991. In sei­nem Befund­be­richt gab der behan­deln­de Arzt des Klä­gers des­sen durch­schnitt­li­chen Blut­zu­cker­spie­gel (HbA1c-Wert) mit 6,5 an und teil­te außer­dem mit, dass die Seh­fä­hig­keit beid­sei­tig 1,0 betra­ge. Dar­auf­hin stell­te das beklag­te Land den Grad der Behin­de­rung (GdB) des Klä­gers nur noch mit 40 fest.

Nach erfolg­lo­ser Durch­füh­rung des Wider­spruchs­ver­fah­rens hat der Klä­ger Kla­ge erho­ben mit der Begrün­dung, dass ein Dia­be­tes mel­li­tus auch dann schwer ein­stell­bar sein kön­ne, der – wie bei ihm – zwar nicht mit häu­fi­gen Ent­glei­sun­gen ein­her­ge­he, dies aber nur auf die opti­ma­le Mit­ar­beit des Betrof­fe­nen zurück­ge­he. In den letz­ten fünf Jah­ren sei­en bei ihm nicht nur zwei Hypo­gly­kä­mi­en auf­ge­tre­ten. Es käme bei ihm häu­fig zu Unter­zu­cke­run­gen, die er selbst oder sei­ne Ehe­frau bemerk­ten und die dann mit Trau­ben­zu­cker oder Apfel­saft aus­ge­gli­chen wer­den könn­ten. Bei täg­lich vier Blut­zu­cker­mes­sun­gen und vier­ma­li­gem Insu­lin­sprit­zen kön­ne kei­ne Rede mehr von einem gewöhn­li­chen The­ra­pie­auf­wand sein.

Die­ser Argu­men­ta­ti­on folg­ten die Speye­rer Rich­ter nicht. Sie wie­sen die Kla­ge ab, da die Her­ab­set­zung des GdB von 50 auf 40 vor dem Hin­ter­grund der geän­der­ten AHP recht­mä­ßig sei. Danach recht­fer­ti­ge ein Dia­be­tes mel­li­tus nur dann noch die Zuer­ken­nung der Schwer­be­hin­der­ten­ei­gen­schaft, wenn er schwer ein­stell­bar ist und auch gele­gent­li­che, aus­ge­präg­te Hypo­gly­kä­mi­en auf­tre­ten. Zur Beur­tei­lung des Dia­be­tes mel­li­tus ist dabei neben der Ein­stel­lungs­qua­li­tät auch der The­ra­pie­auf­wand zu berück­sich­ti­gen, soweit er sich auf die Teil­ha­be des behin­der­ten Men­schen am Leben in der Gesell­schaft nach­tei­lig aus­wirkt. Dar­aus folgt: der GdB ist rela­tiv nied­rig anzu­set­zen, wenn mit gerin­gem The­ra­pie­auf­wand eine aus­ge­gli­che­ne Stoff­wech­sel­la­ge erreicht wird; er ist dage­gen umso höher ein­zu­schät­zen, je grö­ßer der The­ra­pie­auf­wand wird und/​oder je mehr der The­ra­pie­er­folg abnimmt.

Auch wenn der Klä­ger eine inten­si­vier­te Insu­lin­the­ra­pie durch­führt, ist der Dia­be­tes mel­li­tus doch gut ein­ge­stellt. Ein höhe­rer GdB als 40 kommt aber nur dann in Betracht, wenn trotz des The­ra­pie­auf­wan­des eine insta­bi­le Stoff­wech­sel­la­ge oder häu­fi­ge­re schwe­re Hypo­gly­kä­mi­en auf­tre­ten. Bei­des ist beim Klä­ger zu ver­nei­nen, weil vor allem zu berück­sich­ti­gen ist, dass unter schwe­ren Hypo­gly­kä­mi­en nur sol­che zu ver­ste­hen sind, die ärzt­li­che Hil­fe erfor­dern. Das ist beim Klä­ger in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren aber nur zwei­mal der Fall gewe­sen. Auf die häu­fi­gen Unter­zu­cke­run­gen, die mit Trau­ben­zu­cker oder Apfel­saft aus­ge­gli­chen wer­den, kommt es nach Ansicht des Sozi­al­ge­richts dage­gen gera­de nicht an.

Sozi­al­ge­richt Spey­er, Urteil vom 11. März 2009 – S 5 SB 114/​07