Kinds­tod wegen Impf­scha­dens – und die Eltern­ren­te für die Mut­ter

Für die Gewäh­rung einer Eltern­ren­te ist es aus­rei­chend, dass in der Todes­be­schei­ni­gung des Kin­des als Todes­ur­sa­che der Ver­dacht auf einen cere­b­ra­len Krampfan­fall mit Asphy­xie geäu­ßert wor­den ist. Dabei ist ein cere­b­ra­les Anfalls­lei­dens als Schä­di­gungs­fol­ge eines Impf­scha­dens aner­kannt.

Kinds­tod wegen Impf­scha­dens – und die Eltern­ren­te für die Mut­ter

Mit die­ser Begrün­dung hat das Sozi­al­ge­richt Osna­brück in dem hier vor­lie­gen­den Fall den Land­schafts­ver­band West­fa­len-Lip­pe ver­pflich­tet, einer Mut­ter eine soge­nann­te Eltern­ren­te zu gewäh­ren, da ihr Sohn infol­ge eines Impf­scha­dens ver­stor­ben ist. Die 1935 gebo­re­ne Klä­ge­rin ist die Mut­ter eines 1964 gebo­re­nen und 2016 ver­stor­be­nen Soh­nes. Die­ser hat­te im 2. Lebens­jahr infol­ge einer Pocken­schutz­imp­fung eine Gehirn­ent­zün­dung erlit­ten, der als Hirn­scha­den mit einer Min­de­rung der Erwerbs­fä­hig­keit (MdE) von 100 % im Sin­ne der §§ 51 ff. Bun­des­seu­chen­schutz­ge­setz aner­kannt wur­de. Als Schä­di­gungs­fol­gen wur­den eine Hirn­leis­tungs­schwä­che mit Sprech­un­fä­hig­keit, eine teil­wei­se Läh­mung aller Glied­ma­ßen sowie ein cere­b­ra­les Anfalls­lei­den aner­kannt. Bis Janu­ar 2015 wur­de der Sohn (Geschä­dig­ter) durch sei­ne Eltern gepflegt. Seit­dem war er in einem Wohn­heim für behin­der­te Men­schen unter­ge­bracht. Dort ver­starb er am 25.04.2016. In der Todes­be­schei­ni­gung gab der fest­stel­len­de Arzt an, der Geschä­dig­te sei leb­los in Bauch­la­ge im Bett auf­ge­fun­den wor­den. Er äußer­te den Ver­dacht auf einen cere­b­ra­len Krampfan­fall mit Asphy­xie. Die Abtei­lungs­lei­te­rin des Wohn­heims berich­te­te, dass es in den letz­ten zwei Wochen vor dem Tod kei­ne beson­de­ren Vor­komm­nis­se gege­ben habe, ins­be­son­de­re auch nicht in der Nacht vor dem Tod. Im März und im Dezem­ber 2015 waren sta­tio­nä­re Behand­lun­gen auf­grund mehr­fa­cher Anfall­ereig­nis­se erfor­der­lich gewe­sen.

In einer ver­sor­gungs­ärzt­li­chen Stel­lung­nah­me führ­te die befrag­te Ärz­tin aus, dass es mög­lich, aber nicht hin­rei­chend sicher sei, dass der Geschä­dig­te an einem cere­b­ra­len Anfall im Rah­men sei­ner aner­kann­ten Schä­di­gungs­fol­gen ver­stor­ben sei. Fer­ner sei es mög­lich, aber nicht hin­rei­chend sicher, dass der Tod dar­auf zurück­zu­füh­ren sei, dass sich der Geschä­dig­te bei auf­tre­ten­den Beschwer­den nicht habe mel­den kön­nen. Es müs­se letzt­lich offen­blei­ben, wor­an der Sohn der Klä­ge­rin kon­kret ver­stor­ben sei. Einen von der Mut­ter gel­tend gemach­ten Anspruch auf Eltern­ren­te gemäß § 60 Infek­ti­ons­schutz­ge­setz in Ver­bin­dung mit dem Bun­des­ver­sor­gungs­ge­setz (BVG) lehn­te der beklag­te Land­schafts­ver­band ab, weil der Tod nicht Fol­ge der Schä­di­gung gewe­sen sei.

Das hat das Sozi­al­ge­richt Osna­brück anders gese­hen und der auf Eltern­ren­te gerich­te­ten Kla­ge der Mut­ter dem Grun­de nach statt­ge­ge­ben. Das Gericht ist zu der Über­zeu­gung gelangt, dass die aner­kann­te Schä­di­gungs­fol­ge ursäch­lich für den Tod des Geschä­dig­ten gewe­sen ist und dies im erfor­der­li­chen Voll­be­weis bewie­sen ist. Zur Begrün­dung hat das Sozi­al­ge­richt Osna­brück dar­auf ver­wie­sen, dass in der Todes­be­schei­ni­gung als Todes­ur­sa­che der Ver­dacht auf einen cere­b­ra­len Krampfan­fall mit Asphy­xie geäu­ßert wor­den ist. Ein cere­b­ra­les Anfalls­lei­dens war als Schä­di­gungs­fol­ge aner­kannt.

Wei­ter­hin hat sich das Sozi­al­ge­richt Osna­brück auf ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten gestützt, wel­ches einen plötz­li­chen uner­war­te­ten Tod bei Epi­lep­sie (soge­nann­ter SUDEP) als Todes­ur­sa­che ange­nom­men hat und dies mit der aktu­el­len Stu­di­en­la­ge zum SUDEP sowie mit Art und Aus­maß der Epi­lep­sie-Erkran­kung, die bei dem Geschä­dig­ten bestan­den hat, begrün­det hat. Außer­dem waren kei­ne ande­ren Erkran­kun­gen bekannt, durch die sich der Tod nach­voll­zieh­bar erklä­ren lässt. Mög­li­che kon­kur­rie­ren­de Todes­ur­sa­chen sind – im Gegen­satz zu der vor­be­stehen­den Epi­lep­sie – nicht nach­ge­wie­sen. Für deren Annah­me gibt die Akten­la­ge zur Über­zeu­gung des Sozi­al­ge­richts auch kei­nen Anhalt. Die von dem Beklag­ten vor­ge­tra­ge­nen rein theo­re­ti­schen Zwei­fel, die immer vor­lie­gen kön­nen, scha­de­ten im vor­lie­gen­den Fall nicht, da es sich im Gegen­satz zur nach­ge­wie­se­nen Schä­di­gungs­fol­ge nicht um kon­kre­te, auf die Per­son des Geschä­dig­ten bezo­ge­ne Erwä­gun­gen han­delt.

Sozi­al­ge­richt Osna­brück, Urteil vom 2. August 2019 – 2 VE 10/​17