Kos­ten­er­satz gegen den Erben im Sozi­al­hil­fe­recht

Ein Nieß­brauchs­recht und Pflicht­teils­an­sprü­che gehen bei der Bestim­mung des Wer­tes des Nach­las­ses i.S.d § 102 Abs. 2 Satz 2 SGB XII dem Kos­ten­er­satz­an­spruch des Sozi­al­hil­fe­trä­gers im Rang nach. Sie sind des­halb nicht als Erb­fall­schul­den wert­min­dernd zu berück­sich­ti­gen. Der Begriff der "beson­de­ren Här­te" in § 102 Abs. 3 Nr. 3 SGB XII ist als Aus­nah­me­reg­lung eng aus­zu­le­gen.

Kos­ten­er­satz gegen den Erben im Sozi­al­hil­fe­recht

Rechts­grund­la­ge des Kos­ten­er­satz­an­spruchs ist § 102 Abs. 1 Satz 1 SGB XII. Danach ist u.a. der Erbe der leis­tungs­be­rech­tig­ten Per­son vor­be­halt­lich des Absat­zes 5 zum Ersatz der Kos­ten der Sozi­al­hil­fe ver­pflich­tet. Die Ersatz­pflicht besteht nach Satz 2 der Bestim­mung nur für die Kos­ten der Sozi­al­hil­fe, die inner­halb eines Zeit­rau­mes von 10 Jah­ren vor dem Erb­fall auf­ge­wen­det wor­den sind und die das Drei­fa­che des Grund­be­tra­ges nach § 85 Abs. 1 SGB XII über­stei­gen. Die Ersatz­pflicht des Erben gehört zu den Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten. Der Erbe haf­tet mit dem Wert des im Zeit­punkt des Erb­falls vor­han­de­nen Nach­las­ses (§ 102 Abs. 2 SGB XII). Der Anspruch auf Kos­ten­er­satz erlischt in drei Jah­ren nach dem Tod u.a. der leis­tungs­be­rech­tig­ten Per­son (§ 102 Abs. 4 Satz 1 SGB XII). Der Ersatz durch die Erben gilt nicht für Leis­tun­gen nach dem Vier­ten Kapi­tel SGB XII und für die vor dem 1. Janu­ar 1987 ent­stan­de­nen Kos­ten der Tuber­ku­lo­se­hil­fe (§ 102 Abs. 5 SGB XII).

Die Berech­nung des Wer­tes des Nach­las­ses beur­teilt sich man­gels kon­kre­ti­sie­ren­der Rege­lung im SGB XII selbst nach den Bestim­mun­gen des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs. Danach sind von dem vor­han­de­nen Aktiv­ver­mö­gen die Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten, zu denen die Beer­di­gungs­kos­ten gehö­ren (§ 1968 BGB), abzu­set­zen.

Kei­ne Berück­sich­ti­gung fin­den dage­gen im hier ent­schie­de­nen Fall das der Mut­ter der Klä­ger durch den Hil­fe­emp­fän­ger tes­ta­men­ta­risch ein­ge­räum­te Nieß­brauch­recht an der vor­ge­nann­ten Eigen­tums­woh­nung wie auch even­tu­el­le Pflicht­teils­an­sprü­che der ent­erb­ten Stief­ge­schwis­ter der Klä­ger. Die in § 102 Abs. 2 Satz 2 SGB XII ver­wen­de­ten Begrif­fe „Erb­fall“ und „Wert des Nach­las­ses“ ent­spre­chen denen des BGB 1. Unter „Wert des Nach­las­ses“ ist dem­nach das den Erben im Zeit­punkt des Erb­falls anfal­len­de, um die Pas­si­va ver­rin­ger­te Aktiv­ver­mö­gen des Erb­las­sers zu ver­ste­hen 2. Als Pas­si­va gel­ten dabei die Beer­di­gungs­kos­ten (§ 1968 BGB) und ggfs. die Kos­ten einer Nach­lass­ver­wal­tung, der Nach­lass­si­che­rung (§ 1960 BGB), der Ermitt­lung der Nach­lass­gläu­bi­ger sowie der Inven­tar­er­rich­tung 3. Pflicht­teils- und Ver­mächt­nis­an­sprü­che (§§ 2303 ff., 2147 ff. BGB) oder Auf­la­gen (§ 2192 ff. BGB) sind zwar eben­falls Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten (§ 1967 Abs. 2 BGB). Sie sind aber gegen­über dem Kos­ten­er­satz­an­spruch des Sozi­al­hil­fe­trä­gers nach­ran­gig und daher nicht vor­ab als Pas­siv­pos­ten zu berück­sich­ti­gen 4. Denn der Pflicht­teils­be­rech­tig­te geht den ande­ren Nach­lass­gläu­bi­gern nach, da er Befrie­di­gung erst aus dem schul­den­frei­en Nach­lass ver­lan­gen darf 5. Den Pflicht­teils­an­sprü­chen im Rang noch wei­ter nach­ge­hend sind Ver­mächt­nis­se und Auf­la­gen 6. Dies ergibt aus dem Grund­satz des Nach­rangs der Sozi­al­hil­fe (§ 2 Abs. 1 SGB XII). Aus dem Gerichts­be­scheid des SG Gotha vom 28.09.2009 7 ergibt sich nichts ande­res, denn das SG Gotha geht in die­ser Ent­schei­dung ersicht­lich von dem­sel­ben Begriff des „Wer­tes des Nach­las­ses“ wie der Beklag­te und das erken­nen­de Gericht aus. Zu der Fra­ge, ob Pflicht­teils- und Ver­mächt­nis­an­sprü­che als Erb­fall­schul­den dem Anspruch auf Kos­ten­er­satz des Sozi­al­hil­fe­trä­gers aus § 102 SBG XII vor­ge­hen, äußert sich das SG Gotha indes nicht. Hier­auf hat der Beklag­te zutref­fend hin­ge­wie­sen.

Im vor­lie­gend ent­schie­de­nen Fall fin­det fer­ner die Aus­schluss­re­ge­lung in § 102 Abs. 3 SGB XII kei­ne Anwen­dung. Denn weder liegt der Wert des Nach­las­ses unter dem Drei­fa­chen des Grund­be­tra­ges nach § 85 Abs. 1 SBG XII (§ 102 Abs. 3 Nr. 1 SGB XII) noch han­delt es sich bei den Klä­gern um den Ehe­gat­ten oder Lebens­part­ner des ver­stor­be­nen Hil­fe­emp­fän­gers und haben die Klä­ger bis zum Tod des Hil­fe­emp­fän­gers auch nicht mit die­sem in häus­li­cher Gemein­schaft gelebt oder ihn gepflegt (§ 102 Abs. 3 Nr. 2 SGB XII).

Die Inan­spruch­nah­me der Klä­ger für den Kos­ten­er­satz bedeu­tet für die­se vor­lie­gend auch kei­ne beson­de­re Här­te (§ 102 Abs. 3 Nr. 3 SGB VII). Der Begriff der „beson­de­ren Här­te“ ist ein unbe­stimm­ter Rechts­be­griff, der der unein­ge­schränk­ten gericht­li­chen Kon­trol­le unter­liegt 8. Er ist eng aus­zu­le­gen 9. Es müs­sen im Ein­zel­fall gewich­ti­ge Umstän­de per­sön­li­cher oder wirt­schaft­li­cher Art vor­lie­gen, die dem in § 102 Abs. 3 Nr. 2 SGB XII gere­gel­ten Lebens­sach­ver­halt hin­sicht­lich ihrer Bedeu­tung und Schwe­re ver­gleich­bar sind 10. Dies ist etwa dann der Fall, wenn der Erbe den Hil­fe­emp­fän­ger über einen län­ge­ren Zeit­raum bis zu sei­nem Tod inten­siv gepflegt, mit ihm aber nicht in häus­li­cher Gemein­schaft gelebt hat oder die häus­li­che Gemein­schaft bei län­ge­rer, inten­si­ver Pfle­ge des Hil­fe­emp­fän­gers durch eine nicht mit ihm ver­wand­te oder (nur) ver­schwä­ger­te Per­son infol­ge eines län­ger andau­ern­den Kran­ken­haus­auf­ent­halts vor sei­nem Tod nicht mehr bestand 11 oder wenn der Erbe auf ein zum Nach­lass gehö­ren­des Haus wert­er­hö­hen­de Auf­wen­dun­gen für Reno­vie­rung gemacht hat, weil der Erbe ansons­ten gera­de des­halb mehr Kos­ten zu erset­zen hät­te, weil er selbst Auf­wen­dun­gen gemacht hat 12. Dage­gen lässt sich die Annah­me einer beson­de­ren Här­te nicht schon dar­auf stüt­zen, dass das ererb­te Ver­mö­gen dem Schon­ver­mö­gen des Erb­las­sers zuzu­rech­nen war 13. Denn der Ersatz­an­spruch des Sozi­al­hil­fe­trä­gers gegen den Erben zielt gera­de dar­auf ab, zu ver­hin­dern, dass sich der Schutz des Schon­ver­mö­gens des Leis­tungs­be­rech­tig­ten auch zuguns­ten des Erben aus­wirkt, ohne dass in des­sen Per­son eine dies­be­züg­li­che Schutz­be­dürf­tig­keit gege­ben ist 14. Der Gesetz­ge­ber hat die Vor­schrif­ten über die Kos­ten­er­satz­pflicht des Erben gera­de nicht in einen Zusam­men­hang zu den Rege­lun­gen über das ein­zu­set­zen­de Ver­mö­gen gestellt 15. Die Här­te­fall­re­ge­lung des § 102 Abs. 3 Nr. 3 SGB XII umfasst des­halb nur aty­pi­sche Fäl­le mit Aus­nah­me­cha­rak­ter 16.

Vor die­sem Hin­ter­grund begrün­det der Nieß­brauch der Mut­ter der Klä­ger an der Eigen­tums­woh­nung kei­ne beson­de­re Här­te. Dies gilt auch mit Blick dar­auf, dass eine Ver­äu­ße­rung die­ser Woh­nung nicht ohne deren Zustim­mung mög­lich ist. Denn der Ein­satz der Eigen­tums­woh­nung zur Befrie­di­gung des Kos­ten­er­satz­an­spruchs des Beklag­ten erfor­dert nicht not­wen­di­ger­wei­se deren Ver­äu­ße­rung. Viel­mehr kommt inso­weit auch eine – ggfs. ding­lich abge­si­cher­te – Belei­hung in Betracht. Damit steht auch nicht zu befürch­ten, dass die Mut­ter der Klä­ger, die Wit­we des Hil­fe­emp­fän­gers, ihr Nieß­brauchs­recht auf­ge­ben und aus der Woh­nung aus­zie­hen muss.

Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 31. August 2012 – S 1 SO 362/​12

  1. vgl. BVerwG, FEVS 32, 177 ff.[]
  2. vgl. Bie­back, a.a.O., Rdnr. 38; Simon in juris-PK-SGB XII, Stand 31.12.2011, § 102, Rdnr. 39 und Con­ra­d­is, a.a.O., Rdnr. 15, jeweils mit wei­te­ren Nach­wei­sen[]
  3. vgl. Bay. VGH, FEVS 55, 166 ff.[]
  4. vgl. VG Augs­burg vom 13.07.2009 – Au 3 E 09.379; fer­ner Simon, a.a.O., Rdnr. 41; Schell­horn, a.a.O., Rdnr.19; Wolf in Fichtner/​Wenzel, SGB XII, 4. Aufl.2009, § 102, Rdnr. 11 sowie Eden­ho­fer in Palandt, BGB, 71. Auf­la­ge 2012, § 1967, Rdnr. 11[]
  5. vgl. Eden­ho­fer, a.a.O., § 2311, Rdnr. 3 und Lan­ge in Mün­che­ner Kom­men­tar zum BGB, 5. Auf­la­ge 2010, § 2311, Rdnr.20[]
  6. vgl. Eden­ho­fer a.a.O., Rdnr. 5 sowie Lan­ge, a.a.O.[]
  7. SG Gotha vom 28.09.2009 – S 14 SO 1150/​09[]
  8. vgl. Wolf, a.a.O., Rdnr. 15[]
  9. vgl. BVerwG, FEVS 32, 177 ff sowie Simon, a.a.O., Rdnr. 56[]
  10. vgl. Schell­horn, a.a.O., Rdnr. 27[]
  11. vgl. inso­weit Bie­back, a.a.O., Rdnr. 23 f[]
  12. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, FEVS 41, 205 und Simon, a.a.O., Rdnr. 57[]
  13. vgl. BSG, FEVS 62, 145 ff.; LSG Baden-Würt­tem­berg vom 22.12.2010 – L 2 SO 5549/​08; OVG Nord­rhein-West­fa­len, FEVS 53, 378 und OVG Ber­lin, FEVS 57, 517[]
  14. vgl. Bie­back, a.a.O., Rdnr. 26[]
  15. vgl. BSG, FEVS 62, 145[]
  16. vgl. Con­ra­d­is, a.a.O., Rdnr. 13[]
  17. vgl. Münch­Komm-BGB/van Gemme­ren, StGB, 3. Aufl., § 64 Rn. 64 f. mwN[]