Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflicht für Sprach­trai­ner

Auch Sprach­trai­ner fal­len unter die Ver­si­che­rungs­pflicht für selb­stän­di­ge Leh­rer gem. § 2 Satz 1 Nr. 1 SGB VI.

Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflicht für Sprach­trai­ner

Nach § 2 Satz 1 Nr. 1 SGB VI sind ver­si­che­rungs­pflich­tig Leh­rer und Erzie­her, die im Zusam­men­hang mit ihrer selb­stän­di­gen Tätig­keit regel­mä­ßig kei­nen ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Arbeit­neh­mer beschäf­ti­gen. Die­se Rege­lung ist ver­fas­sungs­ge­mäß 1.

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts ist eine wei­te Aus­le­gung des Begrif­fes "Leh­rer" gebo­ten, um die typi­sier­te Schutz­be­dürf­tig­keit die­ses Per­so­nen­krei­ses zu berück­sich­ti­gen 2. Unter den Begriff der selb­stän­dig täti­gen Leh­rer fal­len alle Per­so­nen, die im Rah­men einer Aus- oder Fort­bil­dung durch theo­re­ti­schen oder prak­ti­schen Unter­richt Kennt­nis­se, Fähig­kei­ten oder Erfah­run­gen ver­mit­teln 3. Der "in lan­ger Tra­di­ti­on ent­wi­ckel­te sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Begriff des Leh­rers" 4 ist ein wei­te­rer, als der im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch ver­wen­de­te.

Als Lehr­tä­tig­keit sind das – auch flüch­ti­ge – Über­mit­teln von Wis­sen und die Unter­wei­sung von prak­ti­schen Tätig­kei­ten zu ver­ste­hen. Der Begriff der Lehr­tä­tig­keit umfasst sowohl die Ver­mitt­lung von theo­re­ti­schen Kennt­nis­sen als auch die Unter­wei­sung von kör­per­li­chen Tätig­kei­ten. Uner­heb­lich ist, auf wel­chen Gebie­ten die Wis­sens­ver­mitt­lung erfolgt und auf wel­che Wei­se die zur Ermitt­lung erfor­der­li­chen fach­li­chen oder päd­ago­gi­schen Kennt­nis­se erwor­ben wur­den 5. Eine beson­de­re päd­ago­gi­sche Aus­bil­dung ist nicht erfor­der­lich; uner­heb­lich ist, ob es ein etwa durch Aus­bil­dungs­ord­nun­gen gere­gel­tes Berufs­bild des (selbst­stän­di­gen) Leh­rers gibt 6. Eine ver­pflich­ten­de Teil­nah­me am Unter­richt, die Abnah­me von Prü­fun­gen oder das Aus­stel­len von Zeug­nis­sen ist nicht erfor­der­lich 7. § 2 Satz 1 Nr. 1 SGB VI ent­hält kei­ne Vor­ga­ben zu den Lehr­in­hal­ten, der Form des Unter­richts (z.B. Ort, Zeit und Anzahl der Teil­neh­mer), der Qua­li­fi­ka­ti­on des Leh­rers und einer Leis­tungs­kon­trol­le der Teil­neh­mer. Für die Begrün­dung der Ver­si­che­rungs­pflicht ist auch nicht erheb­lich, wel­che beruf­li­che Eigen­be­zeich­nung vom Ver­si­cher­ten ange­ge­ben wur­de; auch der "Spra­chen­trai­ner" ist ein "Leh­rer" i.S. des § 2 Satz 1 Nr. 6 SGB VI 8. Es spielt kei­ne Rol­le, wel­ches Niveau die aus­ge­üb­te Tätig­keit hat und ob sich der Unter­richt nur an Lai­en wen­det 9 Die der Tätig­keit zugrun­de lie­gen­de Metho­de der Wis­sens­ver­mitt­lung (z.B. Trai­ning, Coa­ching, Mode­ra­ti­on, Super­vi­si­on) ist für die Beur­tei­lung nicht ent­schei­dend, es kommt auf das Gesamt­bild der aus­ge­üb­ten Tätig­keit an.

Eine Sprach­trai­ne­rin ist im Rah­men ihrer selb­stän­di­gen Tätig­keit ganz über­wie­gend als Leh­re­rin i.S. des § 2 Satz 1 Nr. 1 SGB VI tätig, da sie Drit­ten Unter­richt erteilt und dafür Stun­den abhält. Ein sol­ches Sprach­trai­ning hat die Ver­mitt­lung von Sprach­kennt­nis­sen zum Gegen­stand, auch wenn es nicht mehr um Grund­la­gen geht, son­dern beson­de­re, berufs­spe­zi­fi­sche Kennt­nis­se ver­mit­telt wer­den. Glei­ches gilt für die geschil­der­te Ver­mitt­lung kul­tur­spe­zi­fi­scher Kon­ven­tio­nen, die inter­kul­tu­rel­le Sen­si­bi­li­sie­rung und die übri­gen Inhal­te des Sprach­trai­nings.

Es ist ein­deu­tig und unter­liegt kei­nem ver­nünf­ti­gen Zwei­fel, dass die Sprach­trai­ne­rin ihr Know-How an Drit­te in Form von Wis­sens­ver­mitt­lung /​Unter­richt wei­ter­gibt. Schon die Reichs­ver­si­che­rungs­ord­nung hat sol­che Per­so­nen, die ihr Wis­sen ver­mit­teln und aus dem Stun­den­ge­ben ein Gewer­be machen – gleich ob in der eige­nen Woh­nung oder bei Drit­ten – als Leh­rer der Ver­si­che­rungs­pflicht unter­wer­fen wol­len 10. Es ist seit dem Beginn der gesetz­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rung gesetz­ge­be­ri­scher Kon­sens, dass bestimm­te Per­so­nen auf Grund der selbst­stän­di­gen Aus­übung bestimm­ter Beru­fe in die Ver­si­che­rung ein­be­zo­gen wer­den, da bei typi­sie­ren­der Betrach­tung gera­de bei ihnen eine dem Kreis der ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Arbeit­neh­mer ver­gleich­ba­re Schutz­be­dürf­tig­keit besteht. Leh­rer, die kei­nen Angestellten/​versicherungspflichtigen Arbeit­neh­mer beschäf­ti­gen, sind – wie dies die Klä­ge­rin für sich auch dar­ge­legt hat – allein auf den Ein­satz ihrer eige­nen Arbeits­kraft ange­wie­sen und wer­den des­halb vom Beginn der staat­lich orga­ni­sier­ten Ren­ten­ver­si­che­rung an in den Fäl­len der gemin­der­ten Erwerbs­fä­hig­keit und des Alters eben­falls als einer Kom­pen­sa­ti­on ent­fal­le­nen Erwerbs­ein­kom­mens bedürf­tig ange­se­hen 11.

Eine Befrei­ung von der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rungs­pflicht nach § 231 Abs. 5 SGB VI kommt nicht in Betracht, da die­se Vor­schrift nur für Per­so­nen gilt, die nach § 2 Satz 1 Nr. 9 SGB VI ver­si­che­rungs­pflich­tig waren. Auch wenn zu Guns­ten der Sprach­trai­ne­rin unter­stellt wird, dass sie in ihrer Tätig­keit Sprach­trai­ne­rin, also Leh­re­rin i.S. des § 2 Satz 1 Nr. 1 SGB VI, nur für einen Arbeit­ge­ber tätig war, kann dies wegen der Vor­ran­gig­keit der Ver­si­che­rungs­pflicht nach § 2 Satz 1 Nr. 1 SGB VI nicht zu einer Ver­si­che­rungs­pflicht nach § 2 Satz 1 Nr. 9 SGB VI füh­ren 12. Auch eine Befrei­ung nach § 231 Abs. 6 SGB VI kommt nicht in Betracht. Es ver­stößt nicht gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz, wenn das in § 231 Abs. 6 SGB VI gewähr­te Recht auf Befrei­ung von der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rungs­pflicht nur sol­chen Selbst­stän­di­gen ein­ge­räumt wird, die am 31.12.1998 tat­säch­lich ren­ten­ver­si­che­rungs­pflich­tig waren 13.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 26. Sep­tem­ber 2012 – L 2 R 115/​12

  1. BSG, Urteil vom 12.10.2000 – B 12 RA 2/​99 R = SozR 3 – 2600 § 2 Nr. 5; BSG, Urteil vom 22.06.2005 – B 12 RA 6/​04 R = SozR 4 – 2600 § 2 Nr. 1 RdNr. 23 ff.; BSG 23.11.2005 – B 12 RA 9/​04 R = Die Bei­trä­ge Bei­la­ge 2006, 170 ff. [zum Sprach­trai­ner][]
  2. vgl. BSG, Urteil vom 22.06.2005 – B 12 RA 6/​04 R = SozR 4 – 2600 § 2 Nr. 1 RdNr. 26 m.w.N.; s. auch Piet­rek in juris­PK-SGB VI, § 2 RdNr. 96[]
  3. Fich­te in: Hauck/​Haines, Sozi­al­ge­setz­buch – SGB VI -, Stand: 02/​2007, § 2 RdNr. 38 m.w.N. zur Recht­spre­chung des BSG[]
  4. BSG 22.06.2005 a.a.O. RdNr. 22[]
  5. Fich­te, a.a.O., RdNr. 38[]
  6. BSG, Urteil vom 12.10.2000 – B 12 RA 2/​99 R a.a.O.[]
  7. Grintsch in: Kreike­bohm, SGB VI, 3. Aufl.2008, § 2 RdNr. 3 m.w.N.[]
  8. vgl. zum "Sprach­trai­ner" BSG 23.11.2005 – B 12 RA 9/​04 R a.a.O. und zur "Kom­mu­ni­ka­ti­ons­trai­ne­rin" BSG, Urteil vom 23.11.2005 – B 12 RA 5/​03 R = SozR 4 – 2600 § 231 Nr. 1[]
  9. BSG, Urteil vom 14.12.1994 – 3/​12 RK 80/​92 = SozR 3 – 5425 § 1 Nr. 4 m.w.N.[]
  10. vgl. BSG, Urteil vom 22.06.2005 – B 12 RA 6/​04 R = SozR 4 – 2600 § 2 Nr. 1, unter Hin­weis auf Reichs­tags-Druck­sa­che 1909/​11, Nr. 1035, 12. Legis­la­tur­pe­ri­ode, S. 178; bereits dort ist auch der "Sprach­leh­rer" als Bei­spiel genannt; Angli­zis­men waren sei­ner­zeit noch nicht gebräuch­lich[]
  11. sie­he dazu BSG, Urteil vom 22.06.2005 a.a.O. RdNr. 12 unter Hin­weis auf Reichs­tags-Druck­sa­che 1888/​89 Nr. 10 S. 73 und m.w.N. zur Recht­spre­chung[]
  12. BSG, Urteil vom 23.11.2005 – B 12 RA 5/​03 R = SozR 4 – 2600 § 231 Nr. 1 [zu einer "Kom­mu­ni­ka­ti­ons­trai­ne­rin"][]
  13. BSG, Urteil vom 23.11.2005 – B 12 RA 5/​03 R = SozR 4 – 2600 § 231 Nr. 1[]