Aus­set­zungs­zin­sen – und die über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er

Die über­lan­ge Dau­er eines Ein­spruchs- oder Kla­ge­ver­fah­rens steht der Fest­set­zung von Aus­set­zungs­zin­sen für die­ses Ver­fah­ren ‑auch unter dem Gesichts­punkt der Ver­wir­kung- nicht ent­ge­gen.

Aus­set­zungs­zin­sen – und die über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat bis­her kei­ne mate­ri­ell-recht­li­chen steu­er­li­chen Fol­gen aus der Ver­fah­rens­dau­er gezo­gen.

Für die Zeit vor Inkraft­tre­ten des ÜberlVfRSchG hat der BFH ent­schie­den, dass Rechts­fol­ge der über­lan­gen Dau­er eines Ver­fah­rens jeden­falls nicht der Weg­fall des mate­ri­el­len Steu­er­an­spruchs ist 1. Ins­be­son­de­re führt eine über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er nicht zur Ver­wir­kung des­je­ni­gen Steu­er­an­spruchs, der Gegen­stand des ver­zö­ger­ten Ver­wal­tungs­ver­fah­rens oder Rechts­streits ist 2.

Im Ein­zel­fall kön­nen aller­dings die Anfor­de­run­gen an die Bil­dung der gericht­li­chen Über­zeu­gung über das Vor­lie­gen oder Nicht­vor­lie­gen von Tat­sa­chen abzu­mil­dern sein, wenn eine über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er dazu führt, dass ein Beweis­mit­tel ver­lo­ren geht (z.B. Verster­ben eines hoch­be­tag­ten, wich­ti­gen Zeu­gen wäh­rend des vom Finanz­ge­richt ver­zö­gert bear­bei­te­ten Kla­ge­ver­fah­rens). Eine ‑dar­über hin­aus­ge­hen­de- Umkehr der Fest­stel­lungs­last kann indes allen­falls in Betracht kom­men, wenn sie auf ein vor­werf­ba­res Ver­hal­ten des jeweils ande­ren Pro­zess­be­tei­lig­ten zurück­zu­füh­ren ist 3.

In Bezug auf die Fest­set­zung von Zin­sen gilt, dass der Grund­satz von Treu und Glau­ben der Fest­set­zung von Nach­zah­lungs­zin­sen (§ 233a AO) trotz schuld­haft ver­zö­ger­ter Bear­bei­tung einer Steu­er­erklä­rung durch das Finanz­amt jeden­falls dann nicht ent­ge­gen steht, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge tat­säch­lich einen Zins­vor­teil hat­te, der nicht gerin­ger war als die vom Finanz­amt fest­ge­setz­ten Zin­sen 4.

Allein aus einer über­lan­gen Dau­er des außer­ge­richt­li­chen oder gericht­li­chen Rechts­be­helfs­ver­fah­rens, das der Fest­set­zung von Aus­set­zungs­zin­sen zugrun­de liegt, folgt nicht, dass die Ableh­nung eines Antrags auf Erlass der Aus­set­zungs­zin­sen aus sach­li­chen Bil­lig­keits­grün­den rechts­feh­ler­haft wäre 5. Spä­ter hat der BFH ent­schie­den, dass die Fest­set­zung von Nach­zah­lungs­zin­sen unab­hän­gig von der Höhe eines kon­kre­ten Zins­vor­teils nicht unbil­lig ist, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge die erwar­te­te Nach­zah­lung durch einen Antrag auf nach­träg­li­che Erhö­hung der Vor­aus­zah­lun­gen hät­te ver­mei­den kön­nen 6.

Auch nach Erge­hen der Ver­ur­tei­lun­gen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land durch den Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, die letzt­lich zum Erlass des ÜberlVfRSchG geführt haben, hat der Bun­des­fi­nanz­hof an der dar­ge­stell­ten Recht­spre­chung fest­ge­hal­ten, wonach eine über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er nicht zur Ver­wir­kung mate­ri­el­ler Steu­er­an­sprü­che führt 7.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 27. April 2016 – X R 1/​15

  1. aus­führ­lich BFH, Beschluss vom 13.09.1991 – IV B 105/​90, BFHE 165, 469, BSt­Bl II 1992, 148; Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men durch BVerfG, Beschluss vom 25.02.1994 2 BvR 74, 75/​92, HFR 1994, 552; noch­mals BFH, Beschluss vom 20.05.1994 – XI B 63/​93, BFH/​NV 1994, 605; Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men durch BVerfG, Beschluss vom 22.08.1994 2 BvR 1454/​94[]
  2. BFH, Urtei­le vom 13.12 1995 – XI R 43 – 45/​89, BFHE 179, 353, BSt­Bl II 1996, 232, unter I.; vom 21.03.1996 – XI R 82/​94, BFHE 180, 316, BSt­Bl II 1996, 518, unter II.B.04.; vom 16.10.2002 – XI R 41/​99, BFHE 200, 529, BSt­Bl II 2003, 179, unter II. 3.; und vom 24.10.2006 – I R 90/​05, BFH/​NV 2007, 849, unter III. 1.d[]
  3. grund­le­gend BFH, Urteil vom 23.02.1999 – IX R 19/​98, BFHE 188, 264, BSt­Bl II 1999, 407, unter 4.[]
  4. BFH, Urteil vom 08.09.1993 – I R 30/​93, BFHE 172, 304, BSt­Bl II 1994, 81, unter II. 3.[]
  5. BFH, Urteil vom 21.02.1991 – V R 105/​84, BFHE 163, 313, BSt­Bl II 1991, 498, unter II. 3.c bb; Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men durch BVerfG, Beschluss vom 29.10.1993 2 BvR 693/​91, HFR 1994, 551; BFH, Beschlüs­se in BFHE 165, 469, BSt­Bl II 1992, 148, unter I. 2.d; und vom 19.02.1996 – I B 86/​95, BFH/​NV 1996, 725; Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men durch BVerfG, Beschluss vom 27.02.1997 1 BvR 1591/​96[]
  6. BFH, Urteil vom 19.03.1997 – I R 7/​96, BFHE 182, 293, BSt­Bl II 1997, 446[]
  7. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 31.08.2011 – I B 9/​11, BFH/​NV 2011, 2011, Rz 14 ff.; und vom 30.08.2012 – X B 27/​11, BFH/​NV 2013, 180, Rz 17, Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men durch BVerfG, Beschluss vom 21.05.2013 1 BvR 2473/​12; BFH, Beschluss vom 21.10.2013 – III B 147/​12, BFH/​NV 2014, 358, Rz 3, Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men durch BVerfG, Beschluss vom 30.09.2015 2 BvR 1071/​14; BFH, Urteil vom 18.03.2014 – VII R 12/​13, BFH/​NV 2014, 1093, Rz 14; BFH, Beschluss vom 21.01.2015 – VIII B 112/​13, BFH/​NV 2015, 800, Rz 6; eben­so FG Müns­ter, Urteil vom 27.08.2014 – 13 K 4136/​11 E, EFG 2014, 2031, unter II., Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de zurück­ge­wie­sen durch BFH, Beschluss vom 18.02.2015 – IX B 117/​14; Cla­ßen, EFG 2014, 2036[]