Die in der Rechts­be­helfs­be­leh­rung zu lang berech­ne­te Kla­ge­frist

Eine auf­grund eines feh­ler­haft genann­ten Frist­be­ginns unrich­tig erteil­te Rechts­be­helfs­be­leh­rung führt gemäß § 55 Abs. 2 FGO dazu, dass die Ein­le­gung des Rechts­be­helfs noch inner­halb eines Jah­res seit der Bekannt­ga­be des Bescheids zuläs­sig ist. Dies gilt auch dann, wenn damit statt der gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Frist eine zu lan­ge Frist ange­ge­ben wird, unab­hän­gig davon, ob die Unrich­tig­keit der Rechts­be­helfs­be­leh­rung kau­sal für die Über­schrei­tung der regu­lä­ren Rechts­be­helfs­frist war.

Die in der Rechts­be­helfs­be­leh­rung zu lang berech­ne­te Kla­ge­frist

Nach § 47 Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 1 FGO beträgt die Kla­ge­frist einen Monat; sie beginnt mit Bekannt­ga­be der Ein­spruchs­ent­schei­dung (§ 47 Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 2 FGO), wenn der Klä­ger u.a. über die ein­zu­hal­ten­de Frist schrift­lich belehrt wor­den ist (§ 55 Abs. 1 Satz 1 FGO).

Die Ein-Monats-Frist war im hier ent­schie­de­nen Fall bei Ein­gang der Kla­ge beim Finanz­ge­richt zwar abge­lau­fen. Der Klä­ger kann sich jedoch nach § 55 Abs. 2 Satz 1 FGO auf die Frist­ver­län­ge­rung von einem Jahr beru­fen, da die in der Ein­spruchs­ent­schei­dung ent­hal­te­ne Rechts­be­helfs­be­leh­rung unrich­tig war.

Zu einer ord­nungs­ge­mä­ßen Rechts­be­helfs­be­leh­rung gehört auch eine aus­rei­chen­de, für den Betei­lig­ten ver­ständ­li­che Beleh­rung über den Frist­be­ginn 1. Die­se muss jedoch nicht den Beson­der­hei­ten des Ein­zel­fal­les Rech­nung tra­gen; es genügt eine abs­trak­te Beleh­rung über die vor­ge­schrie­be­ne Anfech­tungs­frist anhand des Geset­zes­tex­tes 2.

Die Rechts­be­helfs­be­leh­rung in der Ein­spruchs­ent­schei­dung ent­hält die Aus­sa­ge, dass die Bekannt­ga­be der Ein­spruchs­ent­schei­dung und damit der Beginn der ein­mo­na­ti­gen Kla­ge­frist (§ 47 Abs. 1 Satz 1 FGO) bei Zusen­dung durch ein­fa­chen oder Zustel­lung durch ein­ge­schrie­be­nen Brief einen Monat nach Auf­ga­be zur Post als bewirkt gilt (§ 122 Abs. 2 Nr. 2 AO). Im vor­lie­gen­den Fall erfolg­te die Bekannt­ga­be jedoch an den inlän­di­schen Zustel­lungs­be­voll­mäch­tig­ten, so dass die Ein­spruchs­ent­schei­dung bereits am drit­ten Tag nach der Auf­ga­be zur Post als über­mit­telt gilt (§ 122 Abs. 2 Nr. 1 AO). Inso­weit war die Rechts­be­helfs­be­leh­rung unrich­tig.

Dabei gilt auf­grund der unrich­ti­gen Rechts­be­helfs­be­leh­rung die in § 55 Abs. 2 Satz 1 FGO genann­te Jah­res­frist und nicht nur die feh­ler­haft genann­te zu lan­ge Frist für die Erhe­bung der Kla­ge.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat in sei­nem Urteil vom 16.05.2013 3 allein auf die Unrich­tig­keit der Rechts­be­helfs­be­leh­rung abge­stellt und eine Ver­län­ge­rung in einem hier ver­gleich­ba­ren Fall auf ein Jahr nach § 55 Abs. 2 FGO ange­nom­men 4. Mit Urteil vom 06.07.1983 5 hat­te der Bun­des­fi­nanz­hof zu der im Wort­laut zu § 55 FGO ver­gleich­ba­ren Rege­lung in § 237 RAO bereits ent­schie­den, dass das Gesetz nicht danach unter­schei­de, ob die im ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akt bei­gefüg­te Rechts­be­helfs­be­leh­rung zuguns­ten oder zu Unguns­ten unrich­tig gewe­sen sei.

Die über­wie­gen­de Mei­nung in der steu­er­recht­li­chen Lite­ra­tur 6 geht mitt­ler­wei­le auch davon aus, dass § 55 Abs. 2 FGO die Jah­res­frist abschlie­ßend für eine unrich­ti­ge Beleh­rung bestimmt.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hält an sei­ner im Urteil in BHF/​NV 2014, 12, Rz 12 geäu­ßer­ten Rechts­auf­fas­sung fest. § 55 Abs. 2 FGO macht den Lauf der Fris­ten in allen Fäl­len von der Ertei­lung einer ord­nungs­ge­mä­ßen Beleh­rung abhän­gig, ohne Rück­sicht dar­auf, ob die Unrich­tig­keit der Rechts­be­helfs­be­leh­rung kau­sal für das Unter­blei­ben oder die Ver­spä­tung des Rechts­be­helfs war. Im Inter­es­se der Rechts­mit­tel­klar­heit knüpft § 55 FGO sei­ne Rechts­fol­gen allein an die objek­tiv fest­stell­ba­re Tat­sa­che des Feh­lens oder der Unrich­tig­keit der Beleh­rung und gibt somit sämt­li­chen Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten glei­che und siche­re Kri­te­ri­en für das Bestim­men der for­mel­len Rechts­kraft bzw. Bestand­kraft an die Hand 7.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 12. März 2015 – III R 14/​14

  1. BFH, Urteil vom 29.03.1990 – V R 19/​85, BFH/​NV 1992, 783[]
  2. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 20.02.2001 – IX R 48/​98, BFH/​NV 2001, 1010; vom 18.07.1986 – III R 216/​81, BFH/​NV 1987, 12, und in BFH/​NV 1992, 783, jeweils zu § 122 Abs. 2 der Abga­ben­ord­nung ‑AO- 1977[]
  3. BFH, Urteil vom 16.05.2013 – III R 63/​10, BFH/​NV 2014, 12, Rz 12[]
  4. noch offen­ge­las­sen BFH, Beschluss vom 08.04.2004 – VII B 181/​03, BFH/​NV 2004, 1284, eben­so wie BVerwG, Urteil vom 10.02.1999 – 11 C 9/​97, BVerw­GE 108, 269, zu § 58 Abs. 2 VwGO[]
  5. BFH, Urteil vom 06.07.1983 – I R 177/​80, BFHE 139, 218, BSt­Bl II 1984, 84[]
  6. Spind­ler in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler ‑HHSp- § 55 FGO Rz 33; Gräber/​Stapperfend, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Aufl., § 55 Rz 23; Bran­dis in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 55 FGO Rz 12; ande­rer Ansicht Nie­land, Der AO-Steu­er-Bera­ter 2004, 308, 309; ande­rer Ansicht Kopp/​Schenke, Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung, Kom­men­tar, 20. Aufl., § 58 Rz 14; ande­rer Ansicht wohl auch Bir­ken­feld in HHSp § 366 AO Rz 70[]
  7. so für die im Wort­laut iden­ti­sche Vor­schrift des § 58 Abs. 2 VwGO: BVerwG, Urteil vom 30.04.2009 3 C 23/​08, BVerw­GE 134, 41, m.w.N.[]