Die rich­ti­ge Finanz­be­hör­de für die Klage

Wer­den in einem Besteue­rungs­ver­fah­ren von vor­ne­her­ein unter­schied­li­che Behör­den im Aus­gangs- und im Rechts­be­helfs­ver­fah­ren tätig, ist die dage­gen gerich­te­te Kla­ge nach § 63 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 FGO gegen die Aus­gangs­be­hör­de zu richten.

Die rich­ti­ge Finanz­be­hör­de für die Klage

Nach § 63 Abs. 1 FGO ist die Kla­ge gegen die Behör­de zu rich­ten, die den ursprüng­li­chen Ver­wal­tungs­akt erlas­sen (§ 63 Abs. 1 Nr. 1 FGO) oder die den bean­trag­ten Ver­wal­tungs­akt oder die ande­re Leis­tung unter­las­sen oder abge­lehnt hat (§ 63 Abs. 1 Nr. 2 FGO). Dabei bedeu­tet die Bezug­nah­me auf den „ursprüng­li­chen“ Ver­wal­tungs­akt, dass nur die Aus­gangs­be­hör­de und nicht etwa die Rechts­mit­tel­be­hör­de betei­ligt sein soll1. Ist vor Erlass der Ent­schei­dung über den Ein­spruch eine ande­re als die ursprüng­lich zustän­di­ge Behör­de für den Steu­er­fall ört­lich zustän­dig gewor­den, so ist die Kla­ge gegen die Behör­de zu rich­ten, wel­che die Ein­spruchs­ent­schei­dung erlas­sen hat (§ 63 Abs. 2 Nr. 1 FGO).

Nach § 65 Abs. 1 Satz 1 FGO muss die Kla­ge­schrift u.a. den Beklag­ten bezeich­nen. Bestehen Zwei­fel, wer Beklag­ter sein soll, ist die Kla­ge­schrift aus­zu­le­gen. Die Kla­ge­schrift ist eine Pro­zess­hand­lung, für die die Aus­le­gungs­re­geln der §§ 133, 157 des Bür­ger­li­chen Gesetz­bu­ches gel­ten2. Dabei ver­pflich­tet der Grund­satz der rechts­schutz­ge­wäh­ren­den Aus­le­gung von Ver­fah­rens­vor­schrif­ten (Art.19 Abs. 4 GG) das Finanz­ge­richt, den wirk­li­chen Wil­len zu erfor­schen und nicht am buch­stäb­li­chen Sin­ne des Aus­drucks zu haf­ten3. Maß­ge­bend ist nicht nur die Wort­wahl des Klä­gers, son­dern der gesam­te Inhalt sei­ner Wil­lens­er­klä­rung4; auch außer­halb der Erklä­rung lie­gen­de wei­te­re Umstän­de kön­nen berück­sich­tigt wer­den5. Dabei kann als Aus­le­gungs­hil­fe der Gesichts­punkt die­nen, dass die Kla­ge im Zwei­fel nicht gegen den fal­schen, son­dern gegen den nach dem Inhalt der Kla­ge rich­ti­gen Beklag­ten gerich­tet sein soll6. Ent­spricht die Kla­ge nicht den Anfor­de­run­gen des § 65 Abs. 1 Satz 1 FGO, hat der Vor­sit­zen­de oder der nach § 21g des Gerichts­ver­fas­sungs­ge­set­zes zustän­di­ge Berufs­rich­ter (Bericht­erstat­ter) den Klä­ger zu der erfor­der­li­chen Ergän­zung inner­halb einer bestimm­ten Frist auf­zu­for­dern (§ 65 Abs. 2 Satz 1 FGO).

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Inso­weit ist das Finanz­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall zu Recht davon aus­ge­gan­gen, dass der Klä­ger eine zuläs­si­ge Kla­ge erhe­ben und die Kla­ge gegen die rich­ti­ge, pas­siv pro­zess­füh­rungs­be­fug­te Behör­de, die Agen­tur für Arbeit Z Inkas­so-Ser­vice Fami­li­en­kas­se, rich­ten woll­te7. Zwar bezeich­ne­te der Klä­ger in der Kla­ge­schrift als Beklag­te die Fami­li­en­kas­se NRW A. Dies beruh­te jedoch mut­maß­lich dar­auf, dass er in der Rechts­be­helfs­be­leh­rung der Ein­spruchs­ent­schei­dung feh­ler­haft dahin­ge­hend belehrt wur­de, dass die Kla­ge „gegen die oben bezeich­ne­te Fami­li­en­kas­se“ zu rich­ten sei, womit offen­bar die aus Sei­te 1 der Ein­spruchs­ent­schei­dung ange­ge­be­ne Fami­li­en­kas­se NRW A gemeint ist. Tat­säch­lich wur­de die Stun­dung aber durch Bescheid vom 14.08.2018 von der Agen­tur für Arbeit Z Inkas­so-Ser­vice Fami­li­en­kas­se abge­lehnt. Die­se ist als eigen­stän­di­ge Behör­de und nicht als Teil oder Außen­stel­le der Fami­li­en­kas­se NRW A tätig gewor­den. Denn die Agen­tur für Arbeit Z Inkas­so-Ser­vice Fami­li­en­kas­se ist sowohl im Kopf des Beschei­des als auch in der Post­an­schrift als die den Ver­wal­tungs­akt erlas­sen­de Behör­de genannt und in der Rechts­be­helfs­be­leh­rung wird als für das Ein­spruchs­ver­fah­ren zustän­di­ge Behör­de nicht ‑wie sonst üblich- die­se („die oben genann­te“) Behör­de, son­dern die Fami­li­en­kas­se NRW A genannt. Aus­gangs­be­hör­de war daher die Agen­tur für Arbeit Z Inkas­so-Ser­vice Fami­li­en­kas­se, da dies die nach außen in Erschei­nung getre­te­ne Behör­de war8.

Es liegt auch kein Fall des § 63 Abs. 2 Nr. 1 FGO vor. Die Vor­schrift erfor­dert einen Wech­sel der ört­li­chen Zustän­dig­keit (z.B. durch Wohn­sitz­wech­sel) vor Erlass der Ein­spruchs­ent­schei­dung9. Hier trat jedoch weder ein Wech­sel in der ört­li­chen noch in der sach­li­chen Zustän­dig­keit bei der Aus­gangs­be­hör­de ein. Viel­mehr haben die Aus­gangs­ent­schei­dung und die Rechts­be­helfs­ent­schei­dung von vor­ne­her­ein ver­schie­de­ne Behör­den getrof­fen. In Fäl­len, in denen ‑ohne dass ein Zustän­dig­keits­wech­sel i.S. des § 63 Abs. 2 FGO statt­ge­fun­den hat- die Ein­spruchs­ent­schei­dung von einer ande­ren Behör­de erlas­sen wird, ist die Aus­gangs­be­hör­de ‑d.h. die Behör­de, die den Rechts­be­helf „ver­an­lasst“ hat- pas­siv pro­zess­füh­rungs­be­fugt10. Nichts ande­res ergibt sich auch aus der BFH-Ent­schei­dung vom 19.01.2017 – III R 31/​1511. Denn in die­sem Fall rich­te­te sich die Kla­ge nur des­halb gegen die Ein­spruchs­be­hör­de, weil die Ein­spruchs­ent­schei­dung iso­liert ange­foch­ten wurde.

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Das Zwischenurteil des Finanzgerichts

Dem­entspre­chend ging das Finanz­ge­richt im ange­grif­fe­nen Gerichts­be­scheid zu Recht davon aus, dass die Kla­ge gegen die Aus­gangs­be­hör­de zu rich­ten und daher die Agen­tur für Arbeit Z Inkas­so-Ser­vice Fami­li­en­kas­se als rich­ti­ge Beklag­te zu erfas­sen sei.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 25. Febru­ar 2021 – III R 36/​19

  1. BFH, Beschluss vom 17.08.2007 – XI S 15/​07 (PKH), BFH/​NV 2007, 2142; Schall­mo­ser in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler ‑HHSp‑, § 63 FGO Rz 20[]
  2. BFH, Beschluss vom 16.08.2001 – V B 51/​01, BFHE 196, 16, BStBl II 2001, 767[]
  3. BFH, Urteil vom 18.09.2014 – VI R 80/​13, BStBl II 2015, 115, Rz 19; BFH, Urteil vom 22.01.2004 – III R 26/​02, BFH/​NV 2004, 792, Rz 9, m.w.N.[]
  4. z.B. BFH, Beschluss vom 07.11.2007 – I B 104/​07, BFH/​NV 2008, 799[]
  5. vgl. BFH, Beschluss vom 16.04.2007 – VII B 98/​04, BFH/​NV 2007, 1345[]
  6. BFH, Urteil in BFH/​NV 2004, 792, Rz 12, m.w.N.[]
  7. FG Düs­sel­dorf, Urteil vom 14.05.2019 – 10 K 3317/​18 AO[]
  8. Paetsch in Gosch, FGO § 63 Rz 16[]
  9. Schall­mo­ser in HHSp, § 63 FGO Rz 36[]
  10. Schall­mo­ser in HHSp, § 63 FGO Rz 20, m.w.N.; Paetsch in Gosch, FGO § 63 Rz 16[]
  11. BFHE 256, 502, BStBl II 2017, 642[]