Steu­er­ab­zug bei aus­län­di­schen Künst­lern

Nach einer Ent­schei­dung des Finanz­ge­richts Düs­sel­dorf ver­stößt der Steu­er­ab­zug bei aus­län­di­schen Künst­lern, die in einer Dis­ko­thek in Deutsch­land auf­tre­ten, nicht gegen EU-Recht.

Steu­er­ab­zug bei aus­län­di­schen Künst­lern

In dem vom Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf ent­schie­de­nen Streit­fall tra­ten in einer Dis­ko­thek zahl­rei­che aus­län­di­sche Künst­ler auf. Frei­stel­lungs­be­schei­ni­gun­gen wur­den von die­sen nicht vor­ge­legt. Der Betrei­ber der Dis­ko­thek wur­de dar­auf­hin nach § 50a Abs.4 Satz 1 Nr. 1 Abs. 5 Satz 5 EStG, § 73g ESt­DV in der in den Streit­jah­ren 2004 bis 2006 gel­ten­den Fas­sung für die nicht abge­führ­te Abzug­steu­er in Haf­tung genom­men.

Das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf hat die Haf­tungs­inan­spruch­nah­me als recht­mä­ßig ein­ge­stuft. Ins­be­son­de­re ver­stie­ßen das Steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren und die Haf­tung nicht gegen das Euro­päi­sche Gemein­schafts­recht. Die deut­sche Finanz­ver­wal­tung müs­se sich nicht dar­auf ver­wei­sen las­sen, ihre Steu­er­for­de­rung im Wege der zwi­schen­staat­li­chen Amts­hil­fe nach der EG-Bei­trei­bungs­richt­li­nie zu rea­li­sie­ren. Sie kön­ne statt­des­sen den Betrei­ber der Dis­ko­thek, der den Steu­er­ab­zug nicht vor­ge­nom­men hat, in Haf­tung neh­men. Aller­dings sei die Bemes­sungs­grund­la­ge der Ein­kom­men­steu­er um die in unmit­tel­ba­ren Zusam­men­hang ste­hen­den Betriebs­aus­ga­ben der aus­län­di­schen Künst­ler – hier der Rei­se­kos­ten – zu min­dern, was das Finanz­amt zwi­schen­zeit­lich durch ent­spre­chen­de Ände­rungs­be­schei­de getan habe.

Nach § 50a Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG a.F. wird die Ein­kom­men­steu­er bei beschränkt Steu­er­pflich­ti­gen im Wege des Steu­er­ab­zugs erho­ben bei Ein­künf­ten, die durch im Inland aus­ge­üb­te oder ver­wer­te­te künst­le­ri­sche, sport­li­che, artis­ti­sche oder ähn­li­che Dar­bie­tun­gen erzielt wer­den, ein­schließ­lich der Ein­künf­te aus ande­ren mit die­sen Leis­tun­gen zusam­men­hän­gen­den Leis­tun­gen, unab­hän­gig davon, wem die Ein­nah­men zuflie­ßen (§ 49 Abs. 1 Nr. 2 lit. d EStG). Dem Steu­er­ab­zug unter­liegt der vol­le Betrag der Ein­nah­men ein­schließ­lich der Beträ­ge im Sin­ne des § 3 Nr. 13 und 16 EStG (§ 50a Abs. 4 Satz 2 EStG a.F.). Abzü­ge, z.B. für Betriebs­aus­ga­ben, Wer­bungs­kos­ten, Son­der­aus­ga­ben und Steu­ern, sind nicht zuläs­sig (§ 50a Abs. 4 Satz 3 EStG). Der Steu­er­ab­zug beträgt bei Ein­nah­men über 1.000 EUR 20 v.H. der Ein­nah­men (§ 50a Abs. 4 Satz 4 und 5 EStG a.F.). Steu­er­schuld­ner ist der beschränkt Steu­er­pflich­ti­ge (§ 50a Abs. 5 Satz 4 EStG a.F.). Der Schuld­ner der Ver­gü­tun­gen haf­tet aber für die Ein­be­hal­tung und Abfüh­rung der Steu­er (§ 50a Abs. 5 Satz 5 EStG a.F.). Sind die Ein­künf­te in Deutsch­land nach einem Abkom­men zur Ver­mei­dung der Dop­pel­be­steue­rung nicht oder nur zu einem nied­ri­ge­ren Steu­er­satz zu besteu­ern, darf der Ver­gü­tungs­schuld­ner den Steu­er­ab­zug unter­las­sen oder nach dem nied­ri­ge­ren Steu­er­satz vor­neh­men, wenn das Bun­des­zen­tral­amt für Steu­ern – BZSt – auf Antrag beschei­nigt hat, dass die Vor­aus­set­zun­gen des DBA dafür vor­lie­gen (§ 50d Abs. 2 Satz 1 EStG a.F.). Fehlt eine der­ar­ti­ge Frei­stel­lungs­be­schei­ni­gung, sind die Vor­schrif­ten über den Steu­er­ab­zug sowie die Inhaf­tung­nah­me auch dann anzu­wen­den, wenn die betref­fen­den Ein­künf­te nach einem DBA nicht oder nur zu einem nied­ri­ge­ren Steu­er­satz besteu­ert wer­den dür­fen (§ 50d Abs. 1 Satz 1 EStG a.F.). Daher ist es dem Ver­gü­tungs­schuld­ner im Haf­tungs­ver­fah­ren ver­wehrt, sich auf die Rech­te des Ver­gü­tungs­gläu­bi­gers aus dem DBA zu beru­fen (§ 50d Abs. 1 Satz 10 EStG a.F.).

Abzugs­steu­er für aus­län­di­sche Künst­ler

Die Ver­gü­tun­gen, die der Klä­ger in den Streit­jah­ren an aus­län­di­sche Künst­ler für Auf­trit­te in sei­ner Dis­co­thek gezahlt hat, unter­la­gen – unge­ach­tet bestehen­der DBA – dem Steu­er­ab­zug nach § 50a Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG a.F. Frei­stel­lungs­be­schei­ni­gun­gen im Sin­ne des § 50d Abs. 2 EStG a.F. wur­den dem Klä­ger nicht vor­ge­legt. Da der Klä­ger die Abzugs­steu­er in den Jah­ren 2004 und 2006 nicht und im Jahr 2005 nicht voll­stän­dig ein­be­hal­ten, ange­mel­det und an den Beklag­ten abge­führt hat, haf­tet er nach § 50a Abs. 5 Satz 5 EStG a.F. Die Ermitt­lung der Abzugs­steu­er­be­trä­ge durch den Beklag­ten in den Haf­tungs­be­schei­den vom 03.05.2008 ent­spricht der gesetz­li­chen Rege­lung in § 50a Abs. 4 EStG a.F. Der Beklag­te hat auf die Net­to-Ver­gü­tung (Net­to­ver­ein­ba­rung) zu Recht einen Steu­er­satz von 25,35 % zuzüg­lich 1,39 % Soli­da­ri­täts­zu­schlag 1 ange­wandt. Auch der Klä­ger hat gegen die Anwen­dung ein­fa­chen Geset­zes­rechts kei­ner­lei Ein­wen­dun­gen erho­ben.

Kein Ver­stoß gegen euro­päi­sches Uni­ons­recht

Das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf teilt die Beden­ken des Klä­gers gegen die Euro­pa­rechts­kon­for­mi­tät der Abzugs­steu­er nach § 50a EStG a.F. nicht. Er sieht daher von einer Vor­la­ge an den EuGH ab.

Der Steu­er­ab­zug nach § 50a EStG a.F. als sol­cher ver­stößt nach Ansicht des Finanz­ge­richts Düs­sel­dorf nicht gegen Gemein­schafts­recht.

Der Bereich der direk­ten Steu­ern fällt zwar nicht in die Zustän­dig­keit der Gemein­schaft, die Mit­glied­staa­ten müs­sen die ihnen ver­blie­be­nen Befug­nis­se jedoch unter Wah­rung des Gemein­schafts­rechts aus­üben 2. Inso­fern ist die euro­päi­sche Dienst­leis­tungs­frei­heit zu beach­ten. Nach Art. 49 EG (Art. 56 AEUV) sind die Beschrän­kun­gen des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs inner­halb der Gemein­schaft für Ange­hö­ri­ge der Mit­glied­staa­ten, die in einem ande­ren Staat der Gemein­schaft als dem­je­ni­gen des Leis­tungs­emp­fän­gers ansäs­sig sind, nach Maß­ga­be der Art. 49 ff. EG (Art. 56 ff. AEUV) ver­bo­ten. Gemäß Art. 50 EG (Art. 57 AEUV) sind Dienst­leis­tun­gen im Sin­ne der Ver­trä­ge Leis­tun­gen, die in der Regel gegen Ent­gelt erbracht wer­den, soweit sie nicht den Vor­schrif­ten über den frei­en Waren- und Kapi­tal­ver­kehr und über die Frei­zü­gig­keit der Per­so­nen unter­lie­gen. Als Dienst­leis­tun­gen gel­ten ins­be­son­de­re gewerb­li­che, kauf­män­ni­sche, hand­werk­li­che und frei­be­ruf­li­che Tätig­kei­ten. Nach der Recht­spre­chung des EuGH ver­langt die Dienst­leis­tungs­frei­heit die Auf­he­bung aller Beschrän­kun­gen des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs, die dar­auf beru­hen, dass der Dienst­leis­ter in einem ande­ren Mit­glied­staat als dem­je­ni­gen nie­der­ge­las­sen ist, in dem die Leis­tung erbracht wird 3. Dabei ver­leiht die Dienst­leis­tungs­frei­heit nicht nur dem Erbrin­ger von Dienst­leis­tun­gen selbst, son­dern auch dem Emp­fän­ger die­ser Dienst­leis­tun­gen Rech­te 4.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat ent­schie­den 5, dass die Arti­kel 49 und 50 EG (Art. 56 und 57 AEUV) dahin aus­zu­le­gen sind, dass sie natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten nicht ent­ge­gen­ste­hen, nach denen auf die Ver­gü­tung eines Dienst­leis­ters, der im Mit­glied­staat der Leis­tungs­er­brin­gung nicht ansäs­sig ist, ein Steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren Anwen­dung fin­det, wäh­rend die Ver­gü­tung eines in die­sem Mit­glied­staat ansäs­si­gen Dienst­leis­ters die­sem Ver­fah­ren nicht unter­liegt, und die vor­se­hen, dass der Dienst­leis­tungs­emp­fän­ger in Haf­tung genom­men wird, wenn er den Steu­er­ab­zug, zu dem er ver­pflich­tet war, unter­las­sen hat. Zwar könn­ten sol­che Rechts­vor­schrif­ten Dienst­leis­tungs­emp­fän­ger davon abhal­ten, in ande­ren Mit­glied­staa­ten ansäs­si­ge Dienst­leis­ter in Anspruch zu neh­men, und somit eine grund­sätz­lich ver­bo­te­ne Beschrän­kung des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs dar­stel­len. Sie sei­en jedoch durch die Not­wen­dig­keit gerecht­fer­tigt, die Effi­zi­enz der Bei­trei­bung der Ein­kom­men­steu­er zu gewähr­leis­ten. Das Steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren und die sei­ner Durch­set­zung die­nen­de Haf­tungs­re­ge­lung stell­ten näm­lich, wenn es kei­ne Gemein­schafts­richt­li­nie oder ande­re Rege­lung über die gegen­sei­ti­ge Amts­hil­fe zur Bei­trei­bung steu­er­li­cher For­de­rung gibt, ein legi­ti­mes und geeig­ne­tes Mit­tel dar, um die steu­er­li­che Erfas­sung der Ein­künf­te einer außer­halb des Besteue­rungs­staats ansäs­si­gen Per­son sicher­zu­stel­len und um zu ver­hin­dern, dass die betref­fen­den Ein­künf­te sowohl im Wohn­sitz­staat als auch im Staat der Leis­tungs­er­brin­gung unver­steu­ert blie­ben. Im Übri­gen stell­ten der Steu­er­ab­zug und die unmit­tel­bar aus die­ser Art der Ein­kom­men­steu­er­erhe­bung fol­gen­de even­tu­el­le Haf­tung des zu einem sol­chen Abzug ver­pflich­te­ten Dienst­leis­tungs­emp­fän­gers, die es erlau­be, das Unter­las­sen eines sol­chen Abzugs gege­be­nen­falls zu sank­tio­nie­ren, ver­hält­nis­mä­ßi­ge Mit­tel zur Bei­trei­bung steu­er­li­cher For­de­run­gen des Besteue­rungs­staats dar.

Dar­über hin­aus hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on jedoch ent­schie­den, dass natio­na­le Rechts­vor­schrif­ten die Dienst­leis­tungs­frei­heit ver­let­zen, wenn der Dienst­leis­tungs­emp­fän­ger, der Schuld­ner der an einen gebiets­frem­den Dienst­leis­ter zu zah­len­den Ver­gü­tung ist, im Steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren die Betriebs­aus­ga­ben, die der Dienst­leis­ter ihm mit­ge­teilt hat und die im unmit­tel­ba­ren Zusam­men­hang mit des­sen Tätig­keit im Mit­glieds­staat der Leis­tungs­er­brin­gung ste­hen, nicht steu­er­min­dernd gel­tend machen kann, wäh­rend bei einem gebiets­an­säs­si­gen Dienst­leis­ter nur die Net­to­ein­künf­te der Steu­er unter­lie­gen 6.

Dem­entspre­chend hat auch der Bun­des­fi­nanz­hof 7; vom 24.04.2007 – I R 39/​04, BFHE 218, 89, BSt­Bl II 2008, 95 (Schlus­sur­teil in der Rechts­sa­che Scor­pio); und – I R 93/​03, BFHE 218, 83, BSt­Bl II 2008, 132 (Schlus­sur­teil in der Rechts­sa­che Equest­re da Lezi­ria Gran­de); und vom 22.08.2007 – I R 46/​02, BFHE 218, 385, BSt­Bl II 2008, 190; sowie aktu­ell: BFH, Urtei­le vom 05.05.2010 – I R 104/​08 und I R 105/​/​08, BFH/​NV 2010, 1848 und 2043)) dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das Steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren und die ent­spre­chen­de Haf­tung jeden­falls bis zur Gel­tung der (geän­der­ten) Richt­li­nie 2001/​44/​EG des Rates vom 15.06.2001 zur Ände­rung der EG-Bei­trei­bungs­richt­li­nie in Ver­bin­dung mit dem Gesetz zur Durch­füh­rung der EG-Bei­trei­bungs­richt­li­nie 8 aus Sicht des EG-Rechts unbe­an­stan­det bleibt. Habe der beschränkt Steu­er­pflich­ti­ge jedoch Aus­ga­ben, wel­che unmit­tel­bar mit der betref­fen­den wirt­schaft­li­chen Tätig­keit zusam­men­hin­gen, aus der die zu ver­steu­ern­den Ein­künf­te erzielt wor­den sei­en, und wür­den die­se Aus­ga­ben dem Ver­gü­tungs­schuld­ner mit­ge­teilt, so sei­en die Aus­ga­ben – in norm­er­hal­ten­der Reduk­ti­on des § 50a Abs. 4 Satz 3 EStG a.F. – regel­mä­ßig bereits im Rah­men des Abzugs­ver­fah­rens zu berück­sich­ti­gen.

Die Finanz­ver­wal­tung hat mit BMF-Schrei­ben vom 5. April 2007 9 dar­auf reagiert und auf die Euro­pa­rechts­kon­for­mi­tät des Steu­er­ab­zugs­ver­fah­rens und der Haf­tung des Ver­gü­tungs­schuld­ners hin­ge­wie­sen, zugleich aber den Abzug von im unmit­tel­ba­ren Zusam­men­hang mit der inlän­di­schen Tätig­keit ste­hen­den Betriebs­aus­ga­ben im Steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren zuge­las­sen. Aller­dings hat sie die Berück­sich­ti­gung der­ar­ti­ger Auf­wen­dun­gen zunächst von der zusätz­li­chen Vor­aus­set­zung abhän­gig gemacht, dass die Betriebs­aus­ga­ben oder Wer­bungs­kos­ten 50 % der Ein­nah­men über­stei­gen. Nach der gesetz­ge­be­ri­schen Kon­zep­ti­on sei­en bei die­sen Ein­künf­ten näm­lich Betriebs­aus­ga­ben oder Wer­bungs­kos­ten i. H. v. 50 % der Ein­nah­men bereits pau­schal bei der Bemes­sung des Steu­er­sat­zes berück­sich­tigt wor­den. Mit BMF-Schrei­ben vom 16. Febru­ar 2011 10 hat sich die Finanz­ver­wal­tung indes dem BFH- Urteil vom 5. Mai 2010 11 ange­schlos­sen.

Die zuvor dar­ge­stell­te Recht­spre­chung zur Euro­pa­rechts­kon­for­mi­tät des Haf­tungs­ver­fah­rens als sol­chem gilt nach der Über­zeu­gung des Finanz­ge­richts Düs­sel­dorf glei­cher­ma­ßen für die Streit­jah­re 2004 bis 2006.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat ent­schie­den 12, dass es nicht ernst­lich zwei­fel­haft ist, dass der Steu­er­ab­zug nach § 50a Abs. 4 EStG 2002 unter Beach­tung der Grund­sät­ze, die der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in sei­nen Urtei­len vom 3. Okto­ber 2006 und 15. Febru­ar 2007 13 für die Jah­re 1993 und 1996 auf­ge­stellt hat, trotz des zwi­schen­zeit­li­chen Inkraft­tre­tens der – nun­mehr auch für direk­te Steu­ern gel­ten­den – EG-Bei­trei­bungs­richt­li­nie in Ver­bin­dung mit dem EG-Bei­trei­bungs­ge­setz zum 1.07.2002 auch im Jahr 2007 mit Gemein­schafts­recht in Ein­klang steht. Wenn­gleich Zwei­fel an der Gemein­schafts­recht­mä­ßig­keit des Steu­er­ab­zugs­ver­fah­rens nicht ohne wei­te­res und von vorn­her­ein von der Hand zu wischen sei­en, sei doch zu bezwei­feln, ob die zwi­schen­staat­lich ver­ein­bar­te Amts­hil­fe bei der Bei­trei­bung von Steu­er­for­de­run­gen geeig­net sei, die auch vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on geschil­der­ten und erkann­ten Vor­tei­le des Steu­er­ab­zugs­ver­fah­rens in Fra­ge stel­len zu kön­nen. Eher sei anzu­neh­men, dass die zwi­schen­staat­li­che Amts­hil­fe in ihrer Inten­si­tät und Umset­zung – vor allem ange­sichts hete­ro­ge­ner Ver­wal­tungs­ab­läu­fe in den ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten, sprach­li­cher Schwie­rig­kei­ten und ähn­li­chen Unab­ge­stimmt­hei­ten – gegen­wär­tig noch unzu­läng­lich und nicht geeig­net sei, die auch vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on aus­drück­lich bestä­tig­te Effi­zi­enz des Abzugs­sys­tems zu sub­sti­tu­ie­ren, und dass sie infol­ge­des­sen struk­tu­rel­le (und des­we­gen gleich­heits­wid­ri­ge) Defi­zi­te des Steu­er­voll­zugs und der Steu­er­auf­sicht befürch­ten las­se. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat dazu auch auf den Bericht der EUKom­mis­si­on an den Rat und das Euro­päi­sche Par­la­ment über die Anwen­dung der Bestim­mun­gen über die gegen­sei­ti­ge Unter­stüt­zung bei der Bei­trei­bung von For­de­run­gen in Bezug auf bestimm­te Abga­ben, Zöl­le, Steu­ern und sons­ti­ge Maß­nah­men vom 08.02.2006 KOM14 43 und die dort wie­der­ge­ge­be­nen sta­tis­ti­schen Daten für 2003 und 2004 sowie die Ver­fü­gung der Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on Müns­ter vom 9. Okto­ber 2007 15 ver­wie­sen und dem eine gewis­se Aus­sa­ge­kraft für das Jahr 2007 zuge­spro­chen. Er hat die­se Auf­fas­sung in den Urtei­len vom 5.Mai 2010 16 bekräf­tigt. Dem haben sich das Finanz­ge­richt Mün­chen 17 und ein Teil der Lite­ra­tur 18 ange­schlos­sen. Zudem ist dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den, dass die Alter­na­ti­ven zum Steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren (Mel­de­pflicht des Ver­gü­tungs­schuld­ners und Steu­er­erklä­rungs­pflicht des Ver­gü­tungs­emp­fän­gers) für den steu­er­ehr­li­chen Ver­gü­tungs­emp­fän­ger im Ergeb­nis nicht unbe­dingt weni­ger belas­tend sei­en 19.

Dem­ge­gen­über ist das Scor­pio-Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 5 nach ande­rer Auf­fas­sung so zu ver­ste­hen, dass das Steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren mit Inkraft­tre­ten der EG-Bei­trei­bungs­richt­li­nie zum 1.Juli 2002 nicht mehr gemein­schafts­rechts­kon­form sein könn­te 20. Es wird gel­tend gemacht, dass es nicht zu Las­ten des grenz­über­schrei­tend täti­gen Dienst­leis­ters gehen dür­fe, wenn die seit über 30 Jah­ren gel­ten­de Bei­trei­bungs­richt­li­nie eine Effek­ti­vi­tät der Bei­trei­bung nicht gewähr­leis­te. Inso­fern wür­de ein nach­hal­ti­ger Ver­stoß der Mit­glied­staa­ten gegen die Ver­pflich­tung zur Gemein­schafts­treue bzw. gegen die in Art. 249 EG (Art. 288 AEUV) ver­an­ker­te Bin­dung der Mit­glied­staa­ten an Richt­li­ni­en der Gemein­schaft zu Las­ten der Dienst­leis­tungs­frei­heit gehen. Die Mit­glied­staa­ten wür­den bei einer Negie­rung die­ser Pflich­ten bzw. bei einer andau­ern­den feh­len­den effek­ti­ven Umset­zung allein durch ihr Ver­hal­ten mit­tel­bar das behin­dern, was eigent­lich von ihnen geför­dert wer­den sol­le, näm­lich die grenz­über­schrei­ten­den Akti­vi­tä­ten der Unter­neh­mer. Fer­ner schei­te­re die zur Begrün­dung der Gemein­schafts­rechts­kon­for­mi­tät erfor­der­li­che Recht­fer­ti­gung der Steu­er­erhe­bung auf der Ebe­ne des Ver­gü­tungs­schuld­ners durch Steu­er­ab­zug aber auch am Bil­dungs­auf­trag der Gemein­schaft sowie am gemein­schafts­recht­li­chen Ziel der Kul­tur­för­de­rung. Zudem sei­en die Zah­len­wer­ke aus dem vom Bun­des­fi­nanz­hof zitier­ten Bericht der Kom­mis­si­on nicht ver­läss­lich. Schließ­lich sei dar­auf hin­zu­wei­sen, dass auf der Grund­la­ge der Recht­spre­chung des EuGH etwai­ge Schwie­rig­kei­ten bei der Zusam­men­ar­beit der Mit­glied­staa­ten nicht zu Las­ten der im Ver­trag ver­an­ker­ten Grund­frei­hei­ten gehen dürf­ten. Folg­te man der Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hof, hät­ten es allein die Mit­glied­staa­ten über das Instru­ment des Voll­zugs­de­fi­zits in der Hand, eine steu­er­li­che Maß­nah­me als gerecht­fer­tigt oder nicht erschei­nen zu las­sen 21.

Das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf teilt die Ein­schät­zung des Bun­des­fi­nanz­hofs, des Finanz­ge­richts Mün­chen sowie der zuvor zitier­ten Lite­ra­tur­stim­men und geht im Hin­blick auf die Streit­jah­re 2004 bis 2006 – auch für Zwe­cke des Haupt­sa­che­ver­fah­rens – von der Euro­pa­rechts­kon­for­mi­tät des Abzugs­ver­fah­rens aus. Das Abzugs­ver­fah­ren ist effi­zi­ent und jeden­falls dann noch ver­hält­nis­mä­ßig, wenn der Steu­er­ab­zug auf Net­to­ba­sis unter Berück­sich­ti­gung der­je­ni­gen dem Ver­gü­tungs­schuld­ner mit­ge­teil­ten Auf­wen­dun­gen erfolgt, wel­che mit der erbrach­ten Leis­tung wirt­schaft­lich unmit­tel­bar zusam­men­hän­gen, und wenn dar­über hin­aus die nach­träg­li­che Erstat­tungs­mög­lich­keit eben­so wie die vor­he­ri­ge Frei­stel­lungs­mög­lich­keit nicht von wei­te­ren qua­li­ta­ti­ven und quan­ti­ta­ti­ven Hür­den abhän­gen. Die­se Rege­lungs­vor­be­hal­te sind infol­ge des Anwen­dungs­vor­rangs des Gemein­schafts­rechts vor dem Hin­ter­grund der EuGH-Recht­spre­chung 13 und der dar­in auf­ge­stell­ten Grund­sät­ze in den Streit­jah­ren gel­ten­des Recht 22. Zudem hält das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf vor allem die Erwä­gung, dass die Alter­na­ti­ven zum Steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren (Mel­de­pflicht des Ver­gü­tungs­schuld­ners und Steu­er­erklä­rungs­pflicht des Ver­gü­tungs­emp­fän­gers) für den steu­er­ehr­li­chen Ver­gü­tungs­emp­fän­ger im Ergeb­nis nicht unbe­dingt weni­ger belas­tend sind, für über­zeu­gend. Schließ­lich ergibt sich aus dem Kul­tur- und Bil­dungs­auf­trag der EG nach Art. 151 EG (Art. 167 AEUV) kein Anspruch auf Anwen­dung eines bestimm­ten Besteue­rungs­ver­fah­rens oder eine steu­er­li­che Pri­vi­le­gie­rung gegen­über inlän­di­schen Künst­lern 23.

Das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf sieht von einer Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nach Art. 267 AEUV (Art. 234 EG) ab. Gemäß Art. 267 Abs. 1 lit. a AEUV ent­schei­det der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Wege der Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung der Ver­trä­ge. Wird eine der­ar­ti­ge Fra­ge einem Gericht eines Mit­glieds­staats gestellt und hält die­ses Gericht eine Ent­schei­dung dar­über zum Erlass sei­nes Urteils für erfor­der­lich, so kann es die­se Fra­ge dem Gerichts­hof zur Ent­schei­dung vor­le­gen (Art. 267 Abs. 2 AEUV). Das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf macht von der Mög­lich­keit zur Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on kei­nen Gebrauch, da er das Abzugs­ver­fah­ren für euro­pa­rechts­kon­form hält.

Erstat­te­te Rei­se­kos­ten

In Anwen­dung der zuvor dar­ge­stell­ten Rechts­grund­sät­ze ist die Bemes­sungs­grund­la­ge der Ein­kom­men­steu­er um die in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang mit den Betriebs­ein­nah­men ste­hen­den Betriebs­aus­ga­ben (Rei­se­kos­ten) zu min­dern. Die über­nom­me­nen Rei­se­kos­ten stel­len zwar im wei­tes­ten Sin­ne Gegen­leis­tun­gen für die künst­le­ri­schen Leis­tun­gen und damit Ein­nah­men der Ver­gü­tungs­emp­fän­ger dar. Zugleich sind sie als unmit­tel­bar im Zusam­men­hang mit den Ein­nah­men ste­hen­de Betriebs­aus­ga­ben jedoch aus euro­pa­recht­li­chen Grün­den von der Brut­to­Be­mes­sungs­grund­la­ge abzu­zie­hen. Einer aus­drück­li­chen Mit­tei­lung der Betriebs­aus­ga­ben sei­tens der Ver­gü­tungs­emp­fän­ger bedurf­te es im Hin­blick auf die Kos­ten­tra­gung durch den Klä­ger nicht 24.

Kei­ne wei­te­re Min­de­rung der Bemes­sungs­grund­la­ge

Eine wei­te­re Min­de­rung der Bemes­sungs­grund­la­ge kommt nicht in Betracht. Zwar sind die Betei­lig­ten über­ein­stim­mend davon aus­ge­gan­gen, dass die Brut­to­ga­gen der Abzugs­steu­er zu unter­wer­fen sind. Dies ent­spricht dem BFH-Urteil vom 5. Mai 2010 25. Nach Ein­füh­rung des sog. Rever­se-Char­ge-Ver­fah­rens in § 13b Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 Satz 1 UStG in der in den Streit­jah­ren gül­ti­gen Fas­sung – UStG a.F. – zum 1. Janu­ar 2002 wird die Umsatz­steu­er indes vom inlän­di­schen Leis­tungs­emp­fän­ger getra­gen, so dass sie die Bemes­sungs­grund­la­ge für den Steu­er­ab­zug nicht erhöht 26. Da die Betei­lig­ten die Umsatz­steu­er auf die Gage aber – wie­der­um ent­spre­chend dem BFH-Urteil vom 5. Mai 2010 27 – zugleich wie­der als Min­de­rungs­pos­ten behan­delt haben, kommt eine wei­te­re Min­de­rung der Bemes­sungs­grund­la­ge nicht in Betracht.

Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, Urteil vom 3. August 2011 – 11 K 1179/​09 H

  1. vgl. H 50a.2 EStH 2006 "Über­sicht"; Gosch, in: Kirch­hof, EStG, 10. Aufl.2011, § 50a Rn. 28[]
  2. EuGH, Urteil vom 14.02.1995, C279/​93 – Schu­ma­cker, EuGHE – I 1995, 225[]
  3. EuGH, Urteil vom 26.02.1991, C180/​89 – Kommission/​Italien, Slg.1991, – I 709, m.w.N.[]
  4. EuGH, Urteil vom 26.10.1999, C294/​97 – Euro­wings Luft­ver­kehr, Slg.1999, I7447, m.w.N.[]
  5. EuGH, Urteil vom 03.10.2006 – C‑290/​04 – Scor­pio, Slg.2006 I09461, BFH/​NV 2007, Bei­la­ge 1, 36[][]
  6. EuGH, Urtei­le vom 03.10.2006 – C‑290/​04 – Scor­pio, Slg.2006 I09461, BFH/​NV 2007, Bei­la­ge 1, 36; vom 15.02.2007 – C‑345/​04 – Cen­tro Equest­re da Lezi­ria Gran­de, Slg.2007, I1425, BFH/​NV 2007, Bei­la­ge 3, 277[]
  7. BFH, Urtei­le vom 10.01.2007 – I R 87/​03, BFHE 216, 312, BSt­Bl II 2008, 22 (Schlus­sur­teil in der Rechts­sa­che Ger­rit­se, vgl. EuGH, Urteil vom 12.06.2003 – C‑234/​01, EuGH – I 2003, 5933[]
  8. in der Fas­sung vom 03.05.2003, BGBl – I 2003, 654[]
  9. BMF, Schrei­ben vom 05.04.2007, BSt­Bl I 2007, 449[]
  10. BMF, Schrei­ben vom 16.02.2011, BSt­Bl I 2011, 528[]
  11. BFH, Urteil vom 05.05.2010 – I R 104/​08, BFH/​NV 2010, 1848[]
  12. BFH, Beschluss vom 29.11.2007 – I B 181/​07, BFHE 219, 214, BSt­Bl II 2008, 195[]
  13. EuGH, Urtei­le vom 03.10.2006 – C‑290/​04 – Scor­pio, Slg.2006 I09461, BFH/​NV 2007, Bei­la­ge 1, 36; und vom 15.02.2007 – C‑345/​04 – Cen­tro Equest­re da Lezi­ria Gran­de Lda., IStR 2007, 212[][]
  14. 2006[]
  15. OFD Müns­ter, Ver­fü­gung vom 09.10.2007, IStR 2007, 792[]
  16. BFH, Urtei­le vom 05.05.2010 – I R 104/​08 und I R 105/​08, BFH/​NV 2010, 1848 und 2043[]
  17. FG Mün­chen, Urteil vom 05.05.2011 – 7 K 3184/​10[]
  18. Gosch, in: Kirch­hof, EStG, 10. Aufl.2011, Rn. 2; Loschel­der, in: Schmidt, EStG, 30. Aufl.2011, § 50a Rn. 3; wohl eben­so Rüping, IStR 2008, 575, 579[]
  19. Wied, in: Blü­mich, EStG, § 50a Rn. 13; Kem­per­mann, FR 2008, 591, 596[]
  20. vgl. Cordewener/​Grams/​Molenaar, IStR 2006, 739; Grams, IStR 2008, 112; Grams/​Schön, IStR 2008, 656, 657; Rüping, IStR 2008, 575, 579; sie­he fer­ner die Nach­wei­se in BFH, Beschluss vom 29.11.2007 – I B 181/​07, BFHE 219, 214, BSt­Bl II 2008, 195[]
  21. Grams, IStR 2008, 114; ähn­lich Rüping, IStR 2008, 575, 579[]
  22. vgl. BFH, Beschluss vom 29.11.2007 ((I B 181/​07, BFHE 219, 214, BSt­Bl II 2008, 195[]
  23. vgl. BFH, Urtei­le vom 05.05.2010 – I R 104/​08 und I R 105/​/​08, BFH/​NV 2010, 1848 und 2043[]
  24. BFH, Urtei­le vom 05.05.2010 – I R 104/​08 und – I R 105/​08, BFH/​NV 2010, 1848 und 2043[]
  25. BFH, Urteil vom 05.05.2010 – I R 104/​08, BFH/​NV 2010, 1848, Rn.19[]
  26. BFH, Urteil vom 05.05.2010 – I R 104/​08, BFH/​NV 2010, 1848, Rn.19; BMF, Schrei­ben vom 25.11.2010, BSt­Bl I 2010, 1350, Rn. 45; vom 01.08.2002, BSt­Bl I 2002, 709; Gosch, in: Kirch­hof, EStG, 10. Aufl.2011, § 50a Rn. 21[]
  27. BFH, Urteil vom 05.05.2010 – I R 104/​08, BFH/​NV 2010, 1848, Rn. 22[]