Deut­sches Kin­der­geld trotz grie­chi­scher Ren­ten­ver­si­che­rung

Soweit es nach den Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 dar­auf ankommt, in wel­chem Mit­glied­staat die abhän­gi­ge Beschäf­ti­gung bzw. die selb­stän­di­ge Tätig­keit aus­ge­übt wird, bestimmt sich dies grund­sätz­lich nicht danach, in wel­chem Land die Ver­si­che­rung besteht, son­dern danach, in wel­chem Mit­glied­staat die Per­son abhän­gig beschäf­tigt ist bzw. eine selb­stän­di­ge Tätig­keit aus­übt. Art. 76 der VO Nr. 1408/​71 und Art. 10 der VO Nr. 574/​72 sind auch dann anzu­wen­den, wenn der in Deutsch­land täti­ge Eltern­teil nicht die Vor­aus­set­zun­gen des Anhangs I Teil I Buchst. D der VO Nr. 1408/​71 erfüllt, jedoch der ande­re Eltern­teil par­al­le­le Ansprü­che auf Fami­li­en­leis­tun­gen für den­sel­ben Zeit­raum hat und selbst in den per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 fällt, so dass über die­sen die Kin­der als Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge im Sin­ne der VO Nr. 1408/​71 gel­ten.

Deut­sches Kin­der­geld trotz grie­chi­scher Ren­ten­ver­si­che­rung

Mit die­ser Begrün­dung bejah­te jetzt der Bun­des­fi­nanz­hof den Kin­der­geld­an­spruch eines in Deutsch­land selb­stän­dig täti­gen Archi­tek­ten, der vor­über­ge­hend noch in Grie­chen­land ren­ten­ver­si­chert war.

Der Klä­ger fällt in den per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71.

Nach der Recht­spre­chung des BFHs [1] ist für die im ers­ten Schritt zu prü­fen­de Eröff­nung des per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reichs der VO Nr. 1408/​71 erfor­der­lich, aber auch aus­rei­chend, dass eine Per­son nach Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71 in irgend­ei­nem der von ihrem sach­li­chen Gel­tungs­be­reich erfass­ten Zwei­ge der sozia­len Sicher­heit in irgend­ei­nem Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on ver­si­chert ist. Dass eine Per­son die Vor­aus­set­zun­gen des Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71 in Bezug auf ihre in Deutsch­land aus­ge­üb­te Tätig­keit nicht erfüllt, bedeu­tet daher noch nicht, dass sie dem per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich die­ser Ver­ord­nung nicht unter­fällt; denn die­ser kann auf­grund ihrer Zuge­hö­rig­keit zu dem Sys­tem der sozia­len Sicher­heit eines ande­ren Mit­glied­staats eröff­net sein.

Nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt war der Klä­ger im Streit­zeit­raum in Grie­chen­land in der TSMEDE ren­ten­ver­si­chert. Hier­bei han­delt es sich nach den wei­te­ren Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt um ein Sys­tem der sozia­len Sicher­heit für Selb­stän­di­ge i.S. des Art. 1 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71. Die­ses ist auch nicht nach Art. 1 Buchst. j i.V.m. dem Anhang – II der VO Nr. 1408/​71 aus dem Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 aus­ge­nom­men. Somit war der Klä­ger im Streit­zeit­raum i.S. des Art. 2 Abs. 1 der VO Nr. 1408/​71 ein Selb­stän­di­ger, für den die Rechts­vor­schrif­ten des Mit­glied­staats Grie­chen­land gel­ten. Der per­sön­li­che Gel­tungs­be­reich ist daher eröff­net.

Aus den im zwei­ten Prü­fungs­schritt anzu­wen­den­den Kol­li­si­ons­re­geln der Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 ergibt sich eine Anwend­bar­keit der deut­schen Rechts­vor­schrif­ten.

Soweit es nach den Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 dar­auf ankommt, in wel­chem Mit­glied­staat die abhän­gi­ge Beschäf­ti­gung bzw. die selb­stän­di­ge Tätig­keit aus­ge­übt wird (so z.B. in Art. 13 Abs. 2 Buchst. a und b der VO Nr. 1408/​71), bestimmt sich dies nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs [2] grund­sätz­lich nicht danach, in wel­chem Land die Ver­si­che­rung besteht, son­dern ent­spre­chend dem inso­weit ein­deu­ti­gen Wort­laut der jewei­li­gen Bestim­mung- danach, in wel­chem Mit­glied­staat die Per­son abhän­gig beschäf­tigt ist bzw. eine selb­stän­di­ge Tätig­keit aus­übt. Dabei ist grund­sätz­lich von dem beschei­nig­ten Ver­si­cher­ten­sta­tus des Ver­si­cher­ten aus­zu­ge­hen. Anzu­knüp­fen ist aller­dings nur an diejenige(n) Tätigkeit(en), hin­sicht­lich derer die betref­fen­de Per­son als Arbeit­neh­mer bzw. Selb­stän­di­ger i.S. des Art. 1 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71 gilt.

Da der Klä­ger nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt im Streit­zeit­raum in Deutsch­land die selb­stän­di­ge Archi­tek­ten­tä­tig­keit aus­ge­übt hat, hin­sicht­lich derer er in Grie­chen­land als Selb­stän­di­ger i.S. des Art. 1 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71 galt, kann sich dar­aus auch nach Art. 13 Abs. 2 Buchst. b der VO Nr. 1408/​71 die Anwen­dung der deut­schen Rechts­vor­schrif­ten erge­ben. Nach Art. 13 Abs. 2 Buchst. b der VO Nr. 1408/​71 unter­liegt eine Per­son, die im Gebiet eines Mit­glied­staats eine selb­stän­di­ge Tätig­keit aus­übt soweit nicht die Art. 14 bis 17 der VO Nr. 1408/​71 etwas ande­res bestim­men, den Rechts­vor­schrif­ten die­ses Staats, und zwar auch dann, wenn sie im Gebiet eines ande­ren Staats wohnt. Anhalts­punk­te für das Vor­lie­gen einer der Aus­nah­me­be­stim­mun­gen der Art. 14 bis 17 der VO Nr. 1408/​71 ins­be­son­de­re für eine nur vor­über­ge­hen­de selb­stän­di­ge Tätig­keit in Deutsch­land gemäß Art. 14a Nr. 1 der VO Nr. 1408/​71 oder eine Tätig­keit in zwei oder mehr Mit­glied­staa­ten nach Art. 14a Nr. 2 der VO Nr. 1408/71- hat das Finanz­ge­richt nicht fest­ge­stellt. Es hat daher zu Recht die Grund­re­gel des Art. 13 Abs. 2 Buchst. b der VO Nr. 1408/​71 ange­wandt, wonach auf­grund der selb­stän­di­gen Tätig­keit in Deutsch­land das Recht des Tätig­keits­staats Anwen­dung fin­det.

Da Deutsch­land danach gemäß den gemein­schafts­recht­li­chen Vor­schrif­ten der zustän­di­ge Mit­glied­staat war, kommt es auf die von der neue­ren Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on [3] geprüf­te Fra­ge, ob die gemein­schafts­recht­li­chen Vor­schrif­ten einen Kin­der­geld­an­spruch nach §§ 62 ff. EStG aus­schlie­ßen, wenn Deutsch­land nach den Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 der unzu­stän­di­ge Mit­glied­staat ist, nicht an.

Die sich aus der zeit­glei­chen Anspruchs­be­rech­ti­gung der Ehe­frau des Klä­gers erge­ben­de Anspruchs­ku­mu­lie­rung ist nach Art. 10 der VO Nr. 574/​72 in ihrer durch die VO Nr. 118/​97 geän­der­ten und aktua­li­sier­ten Fas­sung, geän­dert durch die VO Nr. 647/​2005, auf­zu­lö­sen.

Ist der Kin­der­geld­an­spruch im Wohn­land des Kin­des – wie hier im Fal­le des Wohn­lands Deutsch­land – nicht von der Aus­übung einer Erwerbs­tä­tig­keit abhän­gig, ist nicht Art. 76 der VO Nr. 1408/​71, son­dern Art. 10 der VO Nr. 574/​72 anzu­wen­den. Inso­weit kann der Bun­des­fi­nanz­hof dahin­ge­stellt las­sen, ob die Ein­schrän­kun­gen des Anhangs – I Teil – I Buchst. D (ent­spricht Teil C in der bis April 2005 gül­ti­gen Fas­sung) der VO Nr. 1408/​71 [4] nur dann zu berück­sich­ti­gen sind, wenn die Fami­li­en­leis­tun­gen von einem deut­schen Trä­ger für im Aus­land leben­de Kin­der gezahlt wer­den sol­len. Denn hier ergibt sich eine Anwend­bar­keit des Art. 10 der VO Nr. 574/​72 jeden­falls dar­aus, dass par­al­le­le Ansprü­che auf Fami­li­en­leis­tun­gen für den­sel­ben Zeit­raum bestehen und die Ehe­frau des Klä­gers in den per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 fällt, so dass über die­se die Kin­der als Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge im Sin­ne der VO Nr. 1408/​71 ein­zu­stu­fen sind.

Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zur Reich­wei­te der Bestim­mun­gen des Anhangs I der VO Nr. 1408/​71 [5] kann die Anti­ku­mu­lie­rungs­vor­schrift des Art. 10 der VO Nr. 574/​72 auch dann zur Anwen­dung kom­men, wenn der nach deut­schem Recht Kin­der­geld­be­rech­tig­te die Vor­aus­set­zun­gen des Anhangs I Teil I Buchst. D der VO Nr. 1408/​71 nicht erfüllt. Dies begrün­de­te der EuGH zum einen damit, dass es trotz der feh­len­den Anwend­bar­keits­vor­aus­set­zun­gen zur Ent­ste­hung par­al­le­ler Ansprü­che auf Fami­li­en­leis­tun­gen für den­sel­ben Zeit­raum kom­men kön­ne. Zum ande­ren ver­wies er unter Bezug­nah­me auf die Ent­schei­dung in der Rechts­sa­che Krom­hout [6] dar­auf, dass die Kin­der als Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge des Eltern­teils, der Arbeit­neh­mer (in der Schweiz) ist, in den per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 fal­len.

Im Streit­fall fällt die Ehe­frau des Klä­gers in den per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71. Nach Art. 2 Abs. 1 der VO Nr. 1408/​71 gilt die Ver­ord­nung u.a. für Arbeit­neh­mer, für wel­che die Rechts­vor­schrif­ten eines oder meh­re­rer Mit­glied­staa­ten gel­ten oder gal­ten, soweit sie Staats­an­ge­hö­ri­ge eines Mit­glied­staats sind.

Die Ehe­frau des Klä­gers ist als Grie­chin Staats­an­ge­hö­ri­ge eines Mit­glied­staats und als Beam­tin die­ses Mit­glied­staats Arbeit­neh­me­rin, da unter den Arbeit­neh­mer­be­griff auch Per­so­nen fal­len, die in einem Son­der­sys­tem für Beam­te erfasst wer­den (Art. 1 Buchst. a Ziff. i der VO Nr. 1408/​71).

Unter den Begriff der Rechts­vor­schrif­ten fal­len über Art. 1 Buchst. j Ziff. a der VO Nr. 1408/​71 auch die Son­der­sys­te­me für Beam­te [7]. Da somit die Kin­der des Klä­gers als Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge (Art. 1 Buchst. f Ziff. i der VO Nr. 1408/​71) der Ehe­frau des Klä­gers in den per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 fal­len (Art. 2 Abs. 1 der VO Nr. 1408/​71) und zudem auch par­al­le­le Ansprü­che auf Fami­li­en­leis­tun­gen für den­sel­ben Zeit­raum bestehen, greift Art. 10 der VO Nr. 574/​72 nach bei­den vom EuGH genann­ten Vor­aus­set­zun­gen ein.

Der Anspruch des Klä­gers auf deut­sches Kin­der­geld wird nicht nach Art. 10 der VO Nr. 574/​72 aus­ge­schlos­sen. Der Klä­ger hat nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt eine Berufs­tä­tig­keit im Wohn­land des Kin­des (Deutsch­land) aus­ge­übt. Nichts ande­res ergibt sich auch aus dem Beschluss Nr. 207 der Ver­wal­tungs­kom­mis­si­on der Euro­päi­schen Uni­on für die sozia­le Sicher­heit der Wan­der­ar­beit­neh­mer vom 07.04.2006 zur Aus­le­gung des Art. 76 und des Art. 79 Abs. 3 der VO Nr. 1408/​71 sowie des Art. 10 Abs. 1 der VO Nr. 574/​72 bezüg­lich des Zusam­men­tref­fens von Fami­li­en­leis­tun­gen oder bei­hil­fen [8]. Denn danach ist die For­mu­lie­rung in Art. 10 Abs. 1 Buchst. b Ziff. i der VO Nr. 574/​72 „Wird … eine Berufs­tä­tig­keit aus­ge­übt“ als tat­säch­li­che Aus­übung einer Erwerbs­tä­tig­keit als Arbeit­neh­mer oder Selb­stän­di­ger zu ver­ste­hen. Auf­grund die­ser selb­stän­di­gen Tätig­keit des Klä­gers im Wohn­land des Kin­des ist nach Art. 10 Abs. 1 Buchst. b Ziff. i der VO Nr. 574/​72 vor­ran­gig Deutsch­land zur Gewäh­rung von Fami­li­en­leis­tun­gen ver­pflich­tet.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 5. Juli 2012 – III R 76/​10

  1. BFH, Urteil vom 04.08.2011 – III R 55/​08, BFHE 234, 316, BFH/​NV 2012, 85 Rz 19[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 234, 316, BFH/​NV 2012, 85 Rz 28 f.[]
  3. EuGH, Urteil vom 12.06.2012 – C‑611/​10, C‑612/​10 [Hud­zinski][]
  4. vgl. hier­zu BFH, Urteil in BFHE 234, 316, BFH/​NV 2012, 85 Rz 30[]
  5. EuGH, Urteil vom 14.10.2010 – C‑16/​09 [Schwem­mer], Slg. 2010, I‑9717 Rdnr. 38[]
  6. EuGH, Urteil vom 04.07.1985 – C-104/​84, Slg. 1985, I‑2205 Rdnr. 15[]
  7. vgl. aus­führ­lich BFH, Urteil vom 13.08.2002 – VIII R 97/​01, BFHE 200, 211, BStBl II 2002, 869 Rz 10[]
  8. ABl.EU 2006 Nr. L 175, S. 83[]