Die "offen­sicht­lich ver­kehrs­güns­ti­ge­re" Fähr­ver­bin­dung

Im Rah­men der Bestim­mung der kür­zes­ten Stra­ßen­ver­bin­dung nach § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 Satz 4 EStG ist auch eine Fähr­ver­bin­dung ein­zu­be­zie­hen. Beson­der­hei­ten einer Fähr­ver­bin­dung wie War­te­zei­ten, tech­ni­sche Schwie­rig­kei­ten oder Aus­wir­kun­gen der Wit­te­rungs­be­din­gun­gen auf den Fähr­be­trieb kön­nen dazu füh­ren, dass eine ande­re Stra­ßen­ver­bin­dung als "offen­sicht­lich ver­kehrs­güns­ti­ger" anzu­se­hen ist als die kür­zes­te Stra­ßen­ver­bin­dung.

Die "offen­sicht­lich ver­kehrs­güns­ti­ge­re" Fähr­ver­bin­dung

Nach § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 EStG kön­nen Auf­wen­dun­gen des Arbeit­neh­mers für Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te bei den Ein­künf­ten aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit abge­zo­gen wer­den. Zur Abgel­tung die­ser Auf­wen­dun­gen ist nach § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 Satz 2 EStG in der für das Streit­jahr gel­ten­den Fas­sung für jeden Arbeits­tag, an dem der Arbeit­neh­mer die Arbeits­stät­te auf­sucht, eine Ent­fer­nungs­pau­scha­le für jeden vol­len Kilo­me­ter in Höhe von 0,30 € anzu­set­zen. Für die Bestim­mung der Ent­fer­nung ist die kür­zes­te Stra­ßen­ver­bin­dung zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te maß­ge­bend; eine ande­re als die kür­zes­te Stra­ßen­ver­bin­dung kann zugrun­de gelegt wer­den, wenn die­se offen­sicht­lich ver­kehrs­güns­ti­ger ist und vom Arbeit­neh­mer regel­mä­ßig für Wege zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te benutzt wird (§ 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 Satz 4 EStG).

Ent­spre­chend dem Sinn und Zweck der Rege­lung, die auch umwelt- und ver­kehrs­po­li­ti­sche Belan­ge im Blick hat 1, ist auch eine zumut­ba­re Fähr­ver­bin­dung in die Ent­fer­nungs­be­stim­mung ein­zu­be­zie­hen 2.

Ver­kehrs­güns­ti­ger als die kür­zes­te Stra­ßen­ver­bin­dung kann eine ande­re Rou­te dann sein, wenn eine Zeit­er­spar­nis erzielt wird 3. Kon­kre­te zeit­li­che Vor­ga­ben müs­sen inso­weit nicht erfüllt sein. Ins­be­son­de­re kann nicht in jedem Fall eine Zeit­er­spar­nis von 20 Minu­ten gefor­dert wer­den. Die Fra­ge, ob eine Stra­ßen­ver­bin­dung als "offen­sicht­lich ver­kehrs­güns­ti­ger" als die kür­zes­te Rou­te ange­se­hen wer­den kann, ist viel­mehr nach den Umstän­den des Ein­zel­falls zu bestim­men 4. Da das Merk­mal der Ver­kehrs­güns­tig­keit auch ande­re Umstän­de als eine Zeit­er­spar­nis beinhal­tet 5, kann eine Stra­ßen­ver­bin­dung auch dann "offen­sicht­lich ver­kehrs­güns­ti­ger" sein als die kür­zes­te Ver­bin­dung, wenn sich dies aus Beson­der­hei­ten einer im Rah­men der kür­zes­ten Stra­ßen­ver­bin­dung zu nut­zen­den Fähr­ver­bin­dung wie lan­gen War­te­zei­ten, häu­fig auf­tre­ten­den tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten oder Aus­wir­kun­gen der Wit­te­rungs­be­din­gun­gen auf den Fähr­be­trieb ergibt. Füh­ren sol­che Umstän­de dazu, dass sich der Steu­er­pflich­ti­ge auf den Fähr­be­trieb im Rah­men der Pla­nung von Arbeits­zei­ten und Ter­mi­nen nicht hin­rei­chend ver­las­sen kann, so ist dies im Rah­men der Beur­tei­lung der Ver­kehrs­güns­tig­keit einer Stra­ßen­ver­bin­dung zu berück­sich­ti­gen.

Erweist sich eine vom Steu­er­pflich­ti­gen für Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te genutz­te Stra­ßen­ver­bin­dung nicht als "offen­sicht­lich ver­kehrs­güns­ti­ger" als die kür­zes­te Ver­bin­dung, so kön­nen Kos­ten für die Fäh­re nicht als Wer­bungs­kos­ten ange­setzt wer­den, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge die Fähr­ver­bin­dung tat­säch­lich nicht genutzt hat. Die unter­schied­li­che Behand­lung eines Steu­er­pflich­ti­gen, der die vom Gesetz­ge­ber zum Abzug zuge­las­se­nen Auf­wen­dun­gen für die kür­zes­te Stra­ßen­ver­bin­dung ein­schließ­lich tat­säch­lich ange­fal­le­ner Fähr­kos­ten gel­tend macht, gegen­über einem Steu­er­pflich­ti­gen, der eine ande­re nicht "offen­sicht­lich ver­kehrs­güns­ti­ge­re" Ver­bin­dung gewählt hat, folgt unmit­tel­bar aus der gesetz­li­chen Rege­lung, die der Berech­nung der als Wer­bungs­kos­ten abzieh­ba­ren Auf­wen­dun­gen die kür­zes­te Ver­bin­dung zugrun­de legt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 19. April 2012 – VI R 53/​11

  1. vgl. Gesetz­ent­wurf der Frak­tio­nen SPD und BÜNDNIS 90/​DIE GRÜNEN, BT-Drucks 14/​4242, S. 5[]
  2. vgl. Gesetz­ent­wurf der Frak­tio­nen SPD und BÜNDNIS 90/​DIE GRÜNEN, BT-Drucks 14/​4242, S. 6[]
  3. BFH, Urteil vom 10.10.1975 – VI R 33/​74, BFHE 117, 70, BSt­Bl II 1975, 852; BFH, Beschluss vom 10.04.2007 – VI B 134/​06, BFH/​NV 2007, 1309[]
  4. BFH, Urtei­le vom 16.11.2011 – VI R 46/​10, BFHE 236, 57; – VI R 19/​11, BFHE 236, 65[]
  5. BFH, Urteil in BFHE 236, 65[]