Dif­fe­renz­kin­der­geld – und die kind­be­zo­ge­ne statt fami­li­en­be­zo­ge­ne Betrach­tungs­wei­se

Die Berech­nung des Dif­fe­renz­kin­der­gel­des hat nach dem EStG kind­be­zo­gen zu erfol­gen. Eine Kür­zung des Dif­fe­renz­kin­der­gel­des bei ein­zel­nen Kin­dern durch Ver­rech­nung eines über­stei­gen­den Betra­ges bei ande­ren Kin­dern ist man­gels gesetz­li­cher Grund­la­ge aus­ge­schlos­sen.

Dif­fe­renz­kin­der­geld – und die kind­be­zo­ge­ne statt fami­li­en­be­zo­ge­ne Betrach­tungs­wei­se

Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 ent­hält im Hin­blick auf eine Berech­nungs­me­tho­de, bei der die Beträ­ge der Fami­li­en­leis­tun­gen eines pri­mär und eines sekun­där zustän­di­gen Mit­glied­staa­tes mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den, kei­ne Rege­lung. Räumt die Ver­ord­nung den Mit­glied­staa­ten einen Gestal­tungs­spiel­raum ein, obliegt die Befug­nis zur Letzt­kon­kre­ti­sie­rung dem Gesetz­ge­ber. Das deut­sche Ein­kom­men­steu­er­ge­setz hat die Gewäh­rung und Fest­set­zung des Kin­der­gel­des kind­be­zo­gen aus­ge­stal­tet.

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall erfüllt die im Inland woh­nen­de Mut­ter die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen für den Bezug von Kin­der­geld für ihre gleich­falls im Inland woh­nen­den und nach § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG i.V.m. § 32 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Satz 2, § 32 Abs. 3 und Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG zu berück­sich­ti­gen­den vier Kin­der. Dar­über hin­aus ist die Eröff­nung des Anwen­dungs­be­reichs der VO Nr. 883/​2004 sowie eine dar­aus resul­tie­ren­de Rechts­zu­stän­dig­keit des Beschäf­ti­gungs­staa­tes der Schweiz nicht im Streit.

Ist der per­sön­li­che und sach­li­che Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 883/​2004 eröff­net, dann rich­tet sich die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach den §§ 62 ff. EStG und die Anspruchs­kon­kur­renz zwi­schen dem deut­schen Kin­der­geld­an­spruch und der aus­län­di­schen Fami­li­en­leis­tung nach Art. 68 der VO Nr. 883/​2004. Die­se Prio­ri­täts­re­ge­lung ist gegen­über § 65 EStG grund­sätz­lich vor­ran­gig 1.

Gemäß Art. 68 Abs. 2 Satz 1 der VO Nr. 883/​2004 wer­den beim Zusam­men­tref­fen von Ansprü­chen die Fami­li­en­leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schif­ten gewährt, die nach Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 Vor­rang haben. Vor­rang haben hier­nach an ers­ter Stel­le die durch eine Beschäf­ti­gung aus­ge­lös­ten Ansprü­che (Art. 68 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004), mit­hin die Ansprü­che auf die dem deut­schen Kin­der­geld ver­gleich­ba­re Leis­tung der Schwei­zer Kin­der­zu­la­ge. Die nach § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG bestehen­den Ansprü­che auf deut­sches Kin­der­geld wer­den nach Art. 68 Abs. 2 Satz 2 der VO Nr. 883/​2004 aus­ge­setzt; erfor­der­li­chen­falls ist ein Unter­schieds­be­trag in Höhe des dar­über hin­aus­ge­hen­den Betrags der Leis­tun­gen zu gewäh­ren. Ein wei­ter gehen­der deut­scher Kin­der­geld­an­spruch wird daher nicht aus­ge­schlos­sen.

Der Mut­ter steht danach deut­sches Dif­fe­renz­kin­der­geld zu, soweit das Kin­der­geld die ver­gleich­ba­re Schwei­zer Kin­der­zu­la­ge über­steigt.

Eine Kür­zung des Dif­fe­renz­kin­der­gel­des für das drit­te und vier­te Kind der Mut­ter durch Ver­rech­nung des über­stei­gen­den Betra­ges der Schwei­zer Kin­der­zu­la­ge für die ers­ten bei­den Kin­der ist man­gels einer gesetz­li­chen ‑sowohl euro­pa­recht­li­chen als auch natio­na­len- Rege­lung aus­ge­schlos­sen.

Aus der in der Vor­schrift des Art. 68 Abs. 2 der VO Nr. 883/​2004 gewähl­ten For­mu­lie­rung "Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen" (Plu­ral) lässt sich im Hin­blick auf eine Berech­nungs­me­tho­de, bei der die Beträ­ge der Fami­li­en­leis­tun­gen eines pri­mär und eines sekun­där zustän­di­gen Mit­glied­staa­tes mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den, kei­ne Rege­lung ent­neh­men 2. Ein Rück­schluss auf eine bestimm­te Berech­nungs­me­tho­de kann auch nicht aus der in Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 gere­gel­ten Fami­li­en­be­trach­tung gezo­gen wer­den 3. Die dort vor­ge­se­he­nen Fik­tio­nen betref­fen ledig­lich die Fest­stel­lung vor­ran­gi­ger und nach­ran­gi­ger Ansprü­che bei der Anwen­dung des Art. 68 der VO Nr. 883/​2004, um Anspruchs­aus­schlüs­se zu ver­mei­den, die von der Erfül­lung bestimm­ter Vor­aus­set­zun­gen in der Per­son des Berech­tig­ten abhän­gen, ent­hal­ten aber kei­ne Aus­sa­ge zu einer Berech­nungs­me­tho­de.

Schon die Vor­gän­ger­re­ge­lung zu Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 ‑Art. 76 der VO Nr. 1408/​71 4- ent­hielt eben­falls kei­ne Rege­lung zur Berech­nung der Dif­fe­renz­be­trä­ge. Die bei der Kom­mis­si­on der Euro­päi­schen Gemein­schaft ein­ge­setz­te, u.a. für Aus­le­gungs­fra­gen zustän­di­ge Ver­wal­tungs­kom­mis­si­on (vgl. Art. 80, 81 der VO Nr. 1408/​71, Art. 71, 72 der VO Nr. 883/​2004) ent­schied sich für eine kind­be­zo­ge­ne Betrach­tungs­wei­se (Ver­gleich der Beträ­ge "bei jedem Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen") 5. Abge­se­hen davon, dass Beschlüs­se der Ver­wal­tungs­kom­mis­si­on natio­na­le Gerich­te man­gels eines Rechts­akts mit nor­ma­ti­ven Cha­rak­ter nicht bin­den kön­nen 6, fehlt es bei der Anwen­dung der VO Nr. 883/​2004 an einem ent­spre­chen­den (nach­fol­gen­den) Beschluss. Die Mit­glied­staa­ten konn­ten sich viel­mehr nicht auf eine bestimm­te Berech­nungs­me­tho­de (Berech­nung für jeden Familienangehörigen/​pro Kind und Berech­nung für die Fami­lie insgesamt/​Gesamtbetrag) ver­stän­di­gen. Dies ergibt sich u.a. aus dem von der Fami­li­en­kas­se vor­ge­leg­ten Pro­to­koll der Ver­wal­tungs­kom­mis­si­on für die sozia­le Sicher­heit der Wan­der­ar­beit­neh­mer der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on vom 16./17.12 2009. Dem­entspre­chend wur­de den Mit­glied­staa­ten die Wahl der Berech­nungs­me­tho­de über­las­sen. Inso­weit sehen auch die Vor­dru­cke (SED F001, F002) für den Infor­ma­ti­ons­aus­tausch im Bereich der Fami­li­en­leis­tun­gen vor, dass die Anga­ben zu den natio­na­len Ansprü­chen kind- oder fami­li­en­be­zo­gen erfol­gen kön­nen.

In Erman­ge­lung einer ent­spre­chen­den uni­ons­recht­li­chen Rege­lung ist es daher Sache der inner­staat­li­chen Rechts­ord­nung eines jeden Mit­glied­staa­tes, die Moda­li­tä­ten für die Berech­nung fest­zu­le­gen. Das Erfor­der­nis, wonach eine Fami­li­en­leis­tung auf­grund eines gesetz­lich umschrie­be­nen Tat­be­stands zu gewäh­ren ist, impli­ziert, dass nicht nur die Vor­aus­set­zun­gen ihrer Gewäh­rung, son­dern gege­be­nen­falls auch die Vor­aus­set­zun­gen ihres Ruhens den Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten ent­nom­men wer­den müs­sen 7. Wenn die Richt­li­nie oder Ver­ord­nung den Mit­glied­staa­ten einen Gestal­tungs­spiel­raum ein­räumt, obliegt die Befug­nis zur Letzt­kon­kre­ti­sie­rung dem Gesetz­ge­ber. Dar­aus folgt, dass sich die Berech­nung nach den Vor­schrif­ten des EStG bestim­men las­sen muss.

Das EStG sieht für die Berech­nung der Unter­schieds­be­trä­ge beim Zusam­men­tref­fen von natio­na­len und ver­gleich­ba­ren aus­län­di­schen Fami­li­en­leis­tun­gen zwar kei­ne aus­drück­li­che Rege­lung vor. Die ein­kom­men­steu­er­recht­li­chen Vor­schrif­ten sind aber sowohl dem Grun­de (vgl. §§ 62 bis 65 EStG) als auch der Höhe nach (§ 66 EStG) kind­be­zo­gen aus­ge­stal­tet. Dar­über hin­aus ergibt sich aus § 31 Satz 1 und aus § 32 Abs. 6 Satz 1 EStG, dass im Rah­men der Güns­ti­ger­prü­fung die Ver­gleichs­rech­nung eben­falls für jedes Kind ein­zeln durch­zu­füh­ren ist 8.

Die­se kind­be­zo­ge­ne Betrach­tungs­wei­se wird nur dann durch­bro­chen, wenn dies aus­drück­lich gesetz­lich gere­gelt ist.

Sol­che Rege­lun­gen fin­den sich in § 74 Abs. 1 Satz 2 EStG und § 76 Satz 2 Nr. 1 EStG, sofern der Kin­der­geld­be­rech­tig­te sei­ne gesetz­li­chen Unter­halts­pflich­ten ver­letzt. Hier­bei geht es nur um die Ver­wen­dung des bereits zuvor kind­be­zo­gen fest­ge­setz­ten Kin­der­gel­des für die gan­ze Fami­lie.

Eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der genann­ten Vor­schrif­ten kommt nicht in Betracht. Für eine Erwei­te­rung des Anwen­dungs­be­reichs der §§ 74 Abs. 1 Satz 2, 76 Abs. 2 Nr. 1 EStG im Wege einer ana­lo­gen Anwen­dung fehlt es, wenn schon nicht an der not­wen­di­gen plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke, so doch an der für eine Ana­lo­gie erfor­der­li­chen, hier nicht ver­gleich­ba­ren Inter­es­sen­la­ge.

Soweit die Fami­li­en­kas­se dar­auf hin­weist, dass sich Deutsch­land für die fami­li­en­be­zo­ge­ne Betrach­tung ent­schie­den habe, stellt dies kei­ne erfor­der­li­che Bestim­mung im natio­na­len Recht dar. Auch der Hin­weis auf die Rege­lun­gen in DA 214.6 Satz 8 der "Durch­füh­rungs­an­wei­sung zum über- und zwi­schen­staat­li­chen Recht" ‑DAüzV- ersetzt kei­ne gesetz­li­che Bestim­mung. Die­se Dienst­an­wei­sung, die eine ein­heit­li­che Ver­wal­tungs­tä­tig­keit der unter­ge­ord­ne­ten Behör­den ermög­li­chen soll­te, ent­fal­tet Bin­dungs­wir­kung grund­sätz­lich nur im Innen­ver­hält­nis.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 4. Febru­ar 2016 – III R 9/​15

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 18.07.2013 – III R 51/​09, BFHE 242, 222, Rz 20; vom 12.09.2013 – III R 32/​11, BFHE 243, 204, Rz 17[]
  2. a.A. Oster­holz in juris­PK-SGB I, 2. Aufl.2011, Art. 69 VO (EG) 883/​2004, Rz 28[]
  3. a.A. Helmke/​Bauer, Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich, Art. 68 VO Nr. 883/​2004, D I. Rz 29[]
  4. vom 14.06.1971, ABl.EG 1971 Nr. L 149, S. 1[]
  5. Beschluss Nr. 147 der Ver­wal­tungs­kom­mis­si­on der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten für die Sozia­le Sicher­heit der Wan­der­ar­beit­neh­mer vom 10.10.1990, ABl.EG 1991, Nr. L 235, S. 21, unter 1.d und e[]
  6. EuGH, Urteil vom 14.05.1981 – 98/​80, Slg. 1981, 1241[]
  7. vgl. EuGH, Urteil vom 06.11.2014 – C‑4/​13, EU:C:2014:2344, Höchst­rich­ter­li­che Finanz­recht­spre­chung 2015, 86, Rz 43[]
  8. vgl. BFH, Urtei­le vom 28.04.2010 – III R 86/​07, BFHE 230, 294, BSt­Bl II 2011, 259; vom 19.04.2012 – III R 50/​08, BFH/​NV 2012, 1429, Rz 15[]