Dif­fe­renz­kin­der­geld – und die pol­ni­sche Zula­ge für Allein­er­zie­hen­de

Eine in Polen neben der Fami­li­en­bei­hil­fe gewähr­te Zula­ge für Allein­er­zie­hen­de ist im Rah­men der Gewäh­rung von (Differenz-)Kindergeld anzu­rech­nen.

Dif­fe­renz­kin­der­geld – und die pol­ni­sche Zula­ge für Allein­er­zie­hen­de

Nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG wird Kin­der­geld nicht für ein Kind gezahlt, für das im Aus­land Leis­tun­gen zu zah­len sind oder bei ent­spre­chen­der Antrag­stel­lung zu zah­len wären, die dem Kin­der­geld oder einer der unter § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG genann­ten Leis­tun­gen ver­gleich­bar sind.

Die Aus­le­gung die­ser Vor­schrift hat unter Beach­tung der Anfor­de­run­gen des Pri­mär­rechts der Uni­on auf dem Gebiet der Frei­zü­gig­keit der Arbeit­neh­mer zu erfol­gen [1]. Danach darf in einem Fall, in dem in einem ande­ren Mit­glied­staat dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen gewährt wer­den, der Anspruch auf Kin­der­geld nach dem EStG gemäß § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG nur in ent­spre­chen­der Höhe gekürzt, jedoch nicht völ­lig aus­ge­schlos­sen wer­den, wenn ande­ren­falls das Frei­zü­gig­keits­recht der „Wan­der­ar­beit­neh­mer“ beein­träch­tigt wäre [2].

Bei Anwen­dung die­ser Rechts­grund­sät­ze ergibt sich zunächst, dass ein Aus­schluss der Leis­tun­gen nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG aus­schei­det, wenn die Kin­der­geld bean­tra­gen­de Mut­ter bei der Auf­nah­me ihrer nicht­selb­stän­di­gen Tätig­keit in Deutsch­land sei­ner­zeit von ihrem Frei­zü­gig­keits­recht als „Wan­der­ar­beit­neh­me­rin“ Gebrauch gemacht hat.

Aller­dings ist nicht ledig­lich die pol­ni­sche Fami­li­en­bei­hil­fe, son­dern auch die monat­li­che pol­ni­sche Zula­ge für Allein­er­zie­hen­de bei der Gewäh­rung des deut­schen (Differenz-)Kindergeldes zu berück­sich­ti­gen.

Nach Art. 4 Abs. 1 Buchst. h der bei Anwen­dung des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG zu beach­ten­den VO Nr. 1408/​71 [3] gilt die­se Ver­ord­nung in ihrem sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich für alle Rechts­vor­schrif­ten über Zwei­ge der sozia­len Sicher­heit, die u.a. „Fami­li­en­leis­tun­gen“ betref­fen. Dabei umfasst der Begriff „Fami­li­en­leis­tun­gen“ nach Art. 1 Buchst. u Ziff. i der VO Nr. 1408/​71 grund­sätz­lich alle Sach- oder Geld­leis­tun­gen, die zum „Aus­gleich von Fami­li­en­las­ten“ im Rah­men der in Art. 4 Abs. 1 Buchst. h der VO Nr. 1408/​71 genann­ten Rechts­vor­schrif­ten bestimmt sind.

Zum „Aus­gleich von Fami­li­en­las­ten“ hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in sei­nem Urteil „Offer­manns“ [4] aus­ge­führt: „… Fami­li­en­leis­tun­gen [sol­len] dazu die­nen …, Arbeit­neh­mer mit Fami­li­en­las­ten dadurch sozi­al zu unter­stüt­zen, dass sich die All­ge­mein­heit an die­sen Las­ten betei­ligt“ [5]. Der Aus­druck „Aus­gleich von Fami­li­en­las­ten“ in Art. 1 Buchst. u Ziff. i der VO Nr. 1408/​71 erfas­se folg­lich einen staat­li­chen Bei­trag zum Fami­li­en­bud­get, der die Kos­ten des Unter­halts von Kin­dern ver­rin­gern sol­le [6].

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat die­se Recht­spre­chung zum Begriff der „Fami­li­en­leis­tun­gen“ nach Art. 1 Buchst. u Ziff. i der VO Nr. 1408/​71 über­nom­men [7].

Hier­nach gel­ten nicht nur die pol­ni­sche Fami­li­en­bei­hil­fe, son­dern auch die pol­ni­sche Zula­ge für Allein­er­zie­hen­de gemäß Art. 2 Nr. 1, Art. 8 Nr. 3a und Art. 11a des pol­ni­schen Geset­zes vom 28.11.2003 über Fami­li­en­leis­tun­gen (FamL­StgG-PL) jeweils als staat­li­che Bei­trä­ge zum Fami­li­en­bud­get in die­sem Sin­ne.

Nach Art. 2 Nr. 1 FamL­StgG-PL gehö­ren das Kin­der­geld und die Zuschlä­ge zum Kin­der­geld zu den Fami­li­en­leis­tun­gen. Nach Art. 8 Nr. 3a FamL­StgG-PL kann die Zula­ge für Allein­er­zie­hen­de als Zuschlag mit dem Kin­der­geld bewil­ligt wer­den. Die Zula­ge beträgt nach Art. 11a Nr. 3 FamL­StgG-PL 170 Zlo­ty monat­lich pro Kind. Somit erfüllt die in Polen im streit­be­fan­ge­nen Zeit­raum gewähr­te Zula­ge für Allein­er­zie­hen­de als Zuschlag des Kin­der­gel­des den­sel­ben Zweck wie das Kin­der­geld selbst, näm­lich die teil­wei­se Deckung der Auf­wen­dun­gen für den Unter­halt des Kin­des (Art. 4 Nr. 1 FamL­StgG-PL).

Die­se Zula­ge für Allein­er­zie­hen­de gehört auch nach Auf­fas­sung der Ver­wal­tung zu den ver­gleich­ba­ren Leis­tun­gen i.S. des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG [8].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 16. Sep­tem­ber 2015 – XI R 10/​13

  1. EuGH, Urteil vom 12.06.2012 – C‑611/​10 und C‑612/​10 [Hud­zinski und Wawr­zy­ni­ak], EU:C:2013:339, DStR/​E 2012, 999[]
  2. z.B. BFH, Urtei­le vom 16.05.2013 – III R 8/​11, BFHE 241, 511, BStBl II 2013, 1040, Rz 29; vom 08.08.2013 – III R 17/​11, BFH/​NV 2014, 306, Rz 32; vom 18.12 2013 – III R 44/​12, BFHE 244, 344, BStBl II 2015, 143, Rz 14; vgl. auch Schmid­t/­We­ber-Grel­let, EStG, 34. Aufl., § 65 Rz 6, m.w.N.[]
  3. vgl. dazu z.B. BFH, Urteil vom 05.02.2015 – III R 40/​09, BFHE 249, 138, BFH/​NV 2015, 893[]
  4. EuGH, Urteil vom 15.03.2001 – C‑85/​99 [Offer­manns], EU:C:2001:166, FamRZ 2001, 683[]
  5. EuGH, Urteil Offer­manns, EU:C:2001:166, FamRZ 2001, 683, Rz 38[]
  6. EuGH, Urteil Offer­manns, EU:C:2001:166, FamRZ 2001, 683, Rz 41[]
  7. vgl. zum nie­der­län­di­schen Unter­halts­zu­schuss nach dem TOG 200: BFH, Urteil vom 17.04.2008 – III R 36/​05, BFHE 221, 50, BStBl II 2009, 921, unter II. 3.c bb, Rz 23; zur Schwei­zer Fami­li­en­zu­la­ge: BFH, Urteil vom 26.07.2012 – III R 97/​08, BFHE 238, 120, BStBl II 2013, 24, unter II. 2.b aa, Rz 21[]
  8. vgl. BZSt, Schrei­ben vom 21.03.2014, BStBl I 2014, 768[]