Doppelte Haushalftsführung eines Alleinstehenden

Unterhält ein Alleinstehender, der am Beschäftigungsort wohnt, an einem anderen Ort eine weitere Wohnung, besteht mit zunehmender Dauer besonderer Anlass zu prüfen, wo sich sein Lebensmittelpunkt befindet.

Doppelte Haushalftsführung eines Alleinstehenden

Dabei sind die Aufenthalte in den jeweiligen Wohnungen, deren Ausstattung und Größe zu berücksichtigen; ferner sind Dauer des Aufenthalts am Beschäftigungsort, die Entfernung beider Wohnungen zur Arbeitsstelle und die Zahl der Heimfahrten von Bedeutung. Erhebliches Gewicht kommt dem Umstand zu, zu welchem Wohnort die engeren persönlichen Beziehungen bestehen.

Der Lebensmittelpunkt eines Alleinstehenden kann auch dann an dem Ort verbleiben, an dem seine Familie ansässig ist, wenn der frühere Freundeskreis nicht mehr gepflegt wird.

Gemäß § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 EStG sind die Aufwendungen des Arbeitnehmers für die Wege zwischen Wohnung und regelmäßiger Arbeitstätte Werbungskosten. Hat ein Arbeitnehmer wie der Kläger mehrere Wohnungen, so sind die Wege von einer Wohnung, die nicht der Arbeitsstätte am nächsten liegt, nur zu berücksichtigen, wenn sie den Mittelpunkt der Lebensinteressen des Arbeitnehmers bildet und nicht nur gelegentlich aufgesucht wird.

Der Begriff „Wohnung“ in § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 EStG ist weit auszulegen. Unter die Vorschrift fallen grundsätzlich Fahrten von Unterkünften jeglicher Art, die von einem Arbeitnehmer zur Übernachtung genutzt werden und von der er seinen Arbeitsplatz aufsucht1.

Dies sah das Finanzgericht Hamburg in dem hier vom ihm entschiedenen Fall als gegeben an: Die Wohnung in C erfüllt diese Voraussetzungen. Die Räumlichkeiten sind, wie sich der Senat anhand der vorgelegten Fotos überzeugt hat, zum Wohnen und Übernachten geeignet. Der Kläger nutzt nach seinem unstreitigen und glaubhaften Vorbringen die von ihm in C bewohnten Räumlichkeiten aus eigenem Recht; zwischen ihm und seinen Eltern besteht insoweit über die mietfreie Nutzung durch den Kläger eine mündliche Vereinbarung.

Anders als im Rahmen der Aufwendungen für doppelte Haushaltsführung gem. § 9 Abs. 1 Nr. 5 EStG ist für die Geltendmachung von Werbungskosten gem. § 9 Abs. 1 Nr. 4 EStG nicht erforderlich, dass in der Wohnung ein eigener Hausstand unterhalten wird2. Im Übrigen wäre nach Ansicht des Senats auch dieses Merkmal erfüllt. Hierfür sprechen die infolge der handwerklichen Leistungen des Klägers auch hinsichtlich seines Nutzungsbereichs erbrachten finanziellen und persönlichen Beiträge, die vollständig mit Wohn- und Schlafbereich, Küche und Bad ausgestattete Wohnung ebenso wie die nach der persönlichen Anhörung des Klägers bestätigte Selbstbestimmung des Klägers in Bezug auf das Wohnen und Wirtschaften. Dass der Kläger gemeinsam mit den Eltern von der Mutter gekochte Mahlzeiten eingenommen und die Mutter die Wäsche des Klägers gewaschen hat, steht dem nach Ansicht des Senats nicht entgegen. Der Kläger kann insoweit nicht anders behandelt werden als ein allein ohne die Nähe seiner Familie lebender Single, der die Mahlzeiten auswärts einnimmt und seine Wäsche in die Reinigung gibt.

Bei den nach bzw. von C unternommenen Fahrten handelt es sich um Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsstätte ungeachtet dessen, dass der Kläger die Fahrt ggf. an der näher gelegenen Wohnung in Hamburg unterbricht bzw. die PKW-Fahrt beendet und den Weg von der/zu der Arbeitsstätte in Hamburg ggf. zu Fuß zurücklegt.

Zum einen steht die Unterbrechung der Fahrt der beruflichen Veranlassung und dem Werbekostenabzug nicht entgegen3. Zum anderen ist es wegen der pauschalierenden Abgeltungswirkung des § 9 Abs. 1 Nr. 4 EStG ohne Rücksicht auf das tatsächliche Entstehen von Aufwendungen unbeachtlich, ob der Kläger den (vollständigen) Weg mit dem Auto oder (ggf. teilweise) zu Fuß zurücklegt.

Ob die außerhalb des Beschäftigungsortes belegene Wohnung des Arbeitnehmers als Mittelpunkt seiner Lebensinteressen anzusehen ist, ist anhand der Gesamtwürdigung aller Umstände des Einzelfalles festzustellen4.

Bei alleinstehenden Arbeitnehmern spricht, je länger die Auswärtstätigkeit dauert, immer mehr dafür, dass die eigentliche Haushaltsführung und auch der Mittelpunkt der Lebensinteressen an den Beschäftigungsort verlegt worden sind und die Heimatwohnung nur noch zu Besuchszwecken vorgehalten wird5. Eine besondere Prüfung, ob der Lebensmittelpunkt gewechselt hat, ist daher angezeigt. Dafür sind Indizien, wie oft und wie lange sich der Arbeitnehmer in der einen oder anderen Wohnung aufhält, wie beide Wohnungen ausgestattet und wie groß sie sind. Ferner sind von Bedeutung auch die Dauer des Aufenthalts am Beschäftigungsort, die Entfernungen beider Wohnungen sowie die Zahl der Heimfahrten. Erhebliches Gewicht hat ferner der Umstand, zu welchem Wohnort die engeren persönlichen Beziehungen bestehen6.

Nach Maßgabe dieser Grundsätze, denen das Finanzgericht Hamburg folgt, ist das Finanzgericht davon überzeugt, dass der Kläger in den Streitjahren den Mittelpunkt seiner Lebensinteressen in C hatte:

Die Wohnung in C ist gegenüber der kleinen, mit funktionalem einheitlichen Wohn-Schlafbereich ausgestatteten Wohnung in Hamburg deutlich komfortabler. Sie verfügt über eine gehobene Ausstattung wie einem offenen Kamin, den der Kläger selbst eingebaut hat. Des Weiteren hat der Kläger dort sowohl seine diversen Hobbysammlungen (Flugzeugmodelle etc.) als auch seine Unterhaltungsgeräte wie TV aufgestellt, was für eine persönliche und eigenständige Nutzung spricht. Dass auch die Hamburger Wohnung mit einem Fernseher und zudem mit einem Internetanschluss ausgestattet ist, steht dem nach Ansicht des Senats nicht entgegen.

Der Kläger hält sich lediglich während seiner Arbeitswoche in Hamburg auf und fährt nahezu jedes Wochenende nach C. Dort verbringt er auch jegliche Urlaube. Der Kläger hat überzeugend auf das sehr große Grundstück (2000 m²) seiner Eltern (eine ehemalige Meierei) hingewiesen, für dessen Bearbeitung seine Eltern auf seine ständige Mithilfe angewiesen seien. Die Mutter des Klägers ist schwerbehindert, woraus sich schon die Notwendigkeit einer Mithilfe des Klägers ergibt. Der Vater des Klägers ist erst seit 1. Juli 2010 in der vorgezogenen Altersrente, vorher war er ebenfalls als … bei A beschäftigt und hatte ebenfalls ein 1-Zimmer-Apartment in der X-Straße gemietet.

Der Kläger macht nunmehr für 2006 und 2007 Kosten für 40 Familienheimfahrten geltend. Mit den vom Kläger belegten Kilometern sind diese Angaben in Einklang zu bringen. Diese häufigen Heimfahrten sprechen für eine enge Anbindung an seinen Heimatort bzw. an eine enge persönliche Bindung an die Eltern.

Nach den glaubhaften Angaben des Klägers hat dieser in Hamburg keine persönlichen Beziehungen und unterhält dort neben vereinzelten Kontakten zu Berufskollegen insoweit auch keinen Freundeskreis. Ebenso wenig ist er Mitglied in irgendwelchen Vereinen. Da er keine Freundin bzw. Lebensgefährtin hat, beschränken sich die vertrauten persönlichen Beziehungen mithin auf die in C ansässige Familie. Des Weiteren ist er auch wegen seiner Erkrankung auf regelmäßige ärztliche Betreuung angewiesen und der ihn langjährig behandelnde Arzt hat seine Praxis in F. Wegen des persönlichen Vertrauens zu diesem Arzt hat er auch bisher in Hamburg keinen ärztlichen Ersatz gesucht. Dies belegen das eingereichte Schreiben seiner Ärzte in F vom 27.03.2008 ebenso wie die für die Jahre 2008 bis 2010 eingereichten Terminzettel (Anlage K 13), die auch für die vorangehenden Streitjahre als Indiz der fortgeltenden persönlichen Bindung an C gewertet werden können. Für Notfälle während seiner Arbeitszeit steht ihm ein Arzt bei seinem Arbeitgeber (A) zur Verfügung.

Das sich aus der Fotodokumentation ergebende Bild der Ausstattung der Wohnung in C und die anschauliche Schilderung der Lebensführung des Klägers haben dem Senat die Überzeugung vermittelt, dass der Kläger ungeachtet der langjährigen auswärtigen Berufstätigkeit und damit verbundenen Unterhaltung auch einer auswärtigen Wohnung weiterhin in C verwurzelt ist und sich hier heimisch fühlt. Die individuelle Ausstattung der Wohnung entspricht den persönlichen Lebensbedürfnissen des Klägers. Dem Eindruck der persönlichen Verwurzelung entspricht das geschilderte erhebliche Engagement des Klägers in Bezug auf handwerkliche Arbeiten an und in dem Haus und Grundstück, sowohl in der ihm selbst zuzurechnenden Wohnung als auch in dem Wohnbereich der Eltern. So hat der Kläger Bäder selbst eingebaut, Leitungen verlegt, den Carport aufgestellt und das Fundament der Garage erneuert. Diese Arbeiten gehen deutlich über familiäre Hilfeleistungen hinaus und geben Zeugnis von einer engen Bindung des Klägers auch an das elterliche Haus und Grundstück, die ebenfalls wesentlicher Aspekt eines Lebensmittelpunktes sein kann7. Dies gilt ungeachtet dessen, dass nach eigenen Angaben des Klägers handwerkliche Leistungen auch als Gegenleistung zu dem grundsätzlich unentgeltlichen Nutzungsrecht angesehen wurden. Mag es auch einem üblichen Lebensverlauf entsprechen, dass sich der Lebensmittelpunkt erwachsener Menschen von dem Lebensmittelpunkt der Eltern entfernt, so erscheint es gerade in Zeiten wieder bedeutsamer werdender familiärer Bindungen nicht fernliegend, dass der Lebensmittelpunkt eines alleinstehenden Erwachsenen an dem Ort bleibt, an dem auch die Familie ansässig ist.

Der Kläger hat überzeugend dargelegt, dass es ihm in Hamburg auch wegen fortbestehender empfundener Unterschiede aufgrund seiner Herkunft aus den östlichen Bundesländern nicht gelungen ist – ggf. auch gar nicht angestrebt war – , persönliche Beziehungen aufzubauen, die eine Verlegung des Lebensmittelpunktes indiziert hätten. Dass dies gerade in seinem beruflichen Umfeld nicht gelang, erscheint angesichts dessen einleuchtend, dass – wie der Kläger glaubhaft vorgetragen hat – der Einzugsbereich der Kollegen sehr groß war. Dass auch der Vater des Klägers in den Streitjahren während der Arbeitswoche eine – andere – Wohnung in der x-Straße – gemeinsam mit einem anderen Kollegen – bewohnte, steht dem Verbleib des Lebensmittelpunktes des Klägers in C nicht entgegen. Der Senat sieht auch das Vorbringen als glaubhaft an, dass der Kläger die freien Abende in Hamburg nicht gemeinsam mit seinem Vater verbracht hat und sie auch die Heimfahrten wegen der unterschiedlichen Arbeitsschichten getrennt unternommen haben. Das Gericht hat im Laufe der Anhörung des Klägers den Eindruck uneingeschränkter persönlicher Glaubwürdigkeit des Klägers gewonnen. Gerade die Tatsache, dass der Kläger die Kosten für die Wohnung in der x-Straße nicht als Werbungskosten (im Rahmen doppelter Haushaltsführung) geltend gemacht hat, bestätigt die von dem Kläger selbst erklärte Einschätzung, dass er die Wohnung in Hamburg nur als Schlafstätte angesehen hat.

Finanzgericht Hamburg, Urteil vom 29. Oktober 2010 – 5 K 76/10

  1. Ständige Rechtsprechung des Bundesfinanzhofes: BFH, Urteile vom 22.10.2009 – III R 48/09, BFH/NV 2010, 629f.; und vom 26.08.1988 – VI R 92/85, BFHE 155,61,BStBl II 1989, 144[]
  2. Drenseck in: Schmidt, EStG § 9, 161; von Bornhaupt in: Kirchhof/Söhn EStG § 9 F 160; vgl. auch BFH, Urteil vom 22.10.2009 a.a.O.[]
  3. BFH Beschluss vom 16.09.2009 VI B 12/09, n.v. Juris; BFH Urteil vom 20.12.1991 VI R 42/89, BStBl II 1992, 306[]
  4. ständige Rechtsprechung, z. B. BFH, Urteile vom 22.02.2001 – VI R 192/97, BFH/NV 2001, 1111; vom 14.10.2004 – VI R 82/02, BStBl II 2005, 98; vom 14.06.2007 – VI R 60/05, BFHE 218, 229, BStBl II 2007, 1819; Beschluss vom 04.05.2010 – VI B 156/09[]
  5. BFH, Urteile vom 09.08.2007 – VI R 10/06, BFH/NV 2007, 1996; vom 10.02.2000 – VI R 60/98, BFH/NV 2000, 1949[]
  6. BFH, Urteil vom 09.08.2007 – VI R 10/06, BFH/NV 2007, 1996[]
  7. vgl. auch von Bornhaupt in: Kirchhof/Söhn EStG § 9 F 153[]