Kin­der­geld – und die Anspruchs­be­rech­ti­gung bei grenz­über­schrei­ten­den Sach­ver­hal­ten

Die Fik­ti­on des Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 kann dazu füh­ren, dass der Anspruch auf Kin­der­geld nach §§ 62 ff. EStG nicht dem in Deutsch­land, son­dern vor­ran­gig dem im EU-Aus­land leben­den Eltern­teil zusteht 1. Für eine (vor­ran­gi­ge) Anspruchs­be­rech­ti­gung eines nicht frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­ten Eltern­teils müs­sen die Vor­aus­set­zun­gen i.S. des § 62 Abs. 2 EStG erfüllt sein.

Kin­der­geld – und die Anspruchs­be­rech­ti­gung bei grenz­über­schrei­ten­den Sach­ver­hal­ten

Der in Deutsch­land leben­de Vater ist zwar nach natio­na­lem Recht (§ 62 EStG) anspruchs­be­rech­tigt, die (hier: in Bel­gi­en leben­de) Kinds­mut­ter könn­te aber nach § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG vor­ran­gig anspruchs­be­rech­tigt sein, da sie die Tocher L in ihren Haus­halt auf­ge­nom­men hat und nach Art. 67 Satz 1 der VO Nr. 883/​2004 i.V.m. Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 die Wohn­si­tua­ti­on der Kinds­mut­ter (fik­tiv) in das Inland über­tra­gen wird.

Der Vater erfüllt die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen nach § 62 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 Nr. 1 i.V.m. § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, Satz 2, § 32 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 3 EStG. Dies wur­de ‑für den Bun­des­fi­nanz­hof bin­dend (vgl. § 118 Abs. 2 FGO)- vom Finanz­ge­richt fest­ge­stellt. Uner­heb­lich ist, dass L ihren Wohn­sitz in Bel­gi­en hat (§ 63 Abs. 1 Satz 3 EStG).

Die Kinds­mut­ter könn­te aller­dings nach § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG für den Fall, dass sie eine frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­te Aus­län­de­rin ist oder die Vor­aus­set­zun­gen des § 62 Abs. 2 EStG vor­lie­gen, vor­ran­gig anspruchs­be­rech­tigt sein. Denn gemäß Art. 67 der VO Nr. 883/​2004 i.V.m. Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 ist zu unter­stel­len, dass sie mit L in Deutsch­land wohnt.

Nach § 64 Abs. 1 EStG wird für jedes Kind nur einem Berech­tig­ten Kin­der­geld gezahlt. Bei meh­re­ren Berech­tig­ten wird das Kin­der­geld dem­je­ni­gen gezahlt, der das Kind in sei­nen Haus­halt auf­ge­nom­men hat (§ 64 Abs. 2 Satz 1 EStG).

Die Anspruchs­be­rech­ti­gung der Kinds­mut­ter könn­te sich im Streit­fall aus § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG erge­ben. Zwar liegt der nach die­ser Vor­schrift erfor­der­li­che Inlands­wohn­sitz tat­säch­lich nicht vor. Es fin­den jedoch die Vor­schrif­ten der VO Nr. 883/​2004 und der VO Nr. 987/​2009 Anwen­dung. Dadurch wird gemäß Art. 67 der VO Nr. 883/​2004 i.V.m. Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 ein Inlands­wohn­sitz der Kinds­mut­ter fin­giert.

Der Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 883/​2004 ist im Streit­fall eröff­net und Deutsch­land danach der zustän­di­ge Mit­glied­staat.

Der Vater ist Flücht­ling i.S. des Art. 1 Buchst. g der VO Nr. 883/​2004 und fällt damit nach Art. 2 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 in den per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich der Grund­ver­ord­nung. Eben­so ist das Kin­der­geld nach dem EStG eine Fami­li­en­leis­tung i.S. des Art. 1 Buchst. z der VO Nr. 883/​2004, wes­halb auch deren sach­li­cher Anwen­dungs­be­reich nach Art. 3 Abs. 1 Buchst. j der VO Nr. 883/​2004 eröff­net ist.

Gemäß Art. 11 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 unter­lie­gen die von der Ver­ord­nung erfass­ten Per­so­nen den Rechts­vor­schrif­ten nur eines Mit­glied­staats. Da der Vater im Streit­zeit­raum eine Beschäf­ti­gung in Deutsch­land aus­ge­übt hat, unter­lag er den deut­schen Rechts­vor­schrif­ten (Art. 11 Abs. 3 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004).

Aus Art. 67 Satz 1 der VO Nr. 883/​2004 i.V.m. Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 folgt, dass die Wohn­si­tua­ti­on der Kinds­mut­ter (fik­tiv) in das Inland über­tra­gen wird 2.

Die vor­lie­gen­de Sache war für den Bun­des­fi­nanz­hof jedoch noch nicht spruch­reif: Auf der Grund­la­ge der fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen kann der Bun­des­fi­nanz­hof nicht abschlie­ßend beur­tei­len, ob die Kinds­mut­ter neben dem Wohn­sit­zer­for­der­nis auch die übri­gen Vor­aus­set­zun­gen für einen vor­ran­gi­gen Kin­der­geld­an­spruch erfüllt. Das Finanz­ge­richt hat kei­ne Fest­stel­lun­gen dazu getrof­fen, ob die Kinds­mut­ter eine (nicht) frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­te Aus­län­de­rin i.S. des § 62 Abs. 2 EStG ist. Die dazu erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen sind nun noch im zwei­ten Rechts­gang nach­zu­ho­len.

Hier­für weist der Bun­des­fi­nanz­hof auf Fol­gen­des hin:

Soll­te die Kinds­mut­ter eine frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­te Aus­län­de­rin sein, folg­te ein vor­ran­gi­ger Anspruch des Vaters nicht aus § 64 Abs. 2 Satz 2 EStG; denn die­se Bestim­mung setz­te einen gemein­sa­men Haus­halt zwi­schen dem Vater und der Kinds­mut­ter vor­aus. Nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt unter­hiel­ten der Vater und die Kinds­mut­ter jedoch kei­nen gemein­sa­men Haus­halt. Ein gemein­sa­mer Haus­halt könn­te sich auch nicht aus der Fik­ti­ons­wir­kung des Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 erge­ben. Der Anspruch der Kinds­mut­ter wäre dem­nach nach § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG vor­ran­gig, da nur bei die­ser, nicht dage­gen beim Vater eine Haus­halts­auf­nah­me der L vor­liegt.

Es käme auch nicht dar­auf an, ob die Kinds­mut­ter selbst einen Antrag auf Kin­der­geld in Deutsch­land gestellt hat 3.

Soll­te die Kinds­mut­ter eine nicht frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­te Aus­län­de­rin sein ‑wor­auf vor­lie­gend die bei der Gerichts­ak­te befind­li­che Geburts­ur­kun­de hin­deu­ten könnte‑, müss­te sie für eine vor­ran­gi­ge Anspruchs­be­rech­ti­gung die Vor­aus­set­zun­gen i.S. des § 62 Abs. 2 EStG erfül­len. Denn Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 schafft eine gesetz­li­che Fik­ti­on nur dahin, dass bei Anwen­dung der Koor­di­nie­rungs­re­ge­lun­gen der Grund­ver­ord­nung die Situa­ti­on der gesam­ten Fami­lie in einer Wei­se berück­sich­tigt wird, als ob alle betei­lig­ten Per­so­nen unter die Rechts­vor­schrif­ten des für die Gewäh­rung der Fami­li­en­leis­tun­gen zustän­di­gen Mit­glied­staats fie­len und dort wohn­ten 4. Wie auch aus dem EuGH, Urteil in DSt­RE 2015, 1501, Rz 39, 41 her­vor­geht, kann die­se Fik­ti­on einen Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen des in dem ande­ren EU-Mit­glied­staat leben­den Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen aber nur dann begrün­den, wenn "alle ande­ren durch das natio­na­le Recht vor­ge­schrie­be­nen Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung erfüllt sind".

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 7. Juli 2016 – III R 11/​13

  1. Anschluss an die BFH, Urtei­le vom 04.02.2016 – III R 17/​13, BFHE 253, 134, BSt­Bl II 2016, 612; und vom 28.04.2016 – III R 68/​13, BFH/​NV 2016, 1514[]
  2. vgl. BFH, Urteil vom 28.04.2016 – III R 68/​13 ((BFH/​NV 2016, 1514, unter III. 4., m.w.N.[]
  3. vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2016, 1514, unter III. 6., m.w.N.[]
  4. BFH, Urteil in BFH/​NV 2016, 1514, unter III. 4.a[]