Kin­der­geld für das voll­jäh­ri­ge Kind – und die Mel­dung als Arbeit­su­chen­der

Wird ein Kind nach Ende der Berufs­aus­bil­dung arbeits­los und teilt es dies im Rah­men des Antrags auf Bezug von Leis­tun­gen nach dem SGB II der dafür zustän­di­gen Stel­le mit, ist gleich­zei­tig eine Mel­dung als Arbeit­su­chen­der i.S. des § 122 SGB III anzu­neh­men 1.

Kin­der­geld für das voll­jäh­ri­ge Kind – und die Mel­dung als Arbeit­su­chen­der

Gemäß § 62Abs. 1, § 63Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG wird ein Kind, das das 18. Lebens­jahr voll­endet hat, beim Kin­der­geld berück­sich­tigt, wenn es noch nicht das 21. Lebens­jahr voll­endet hat, nicht in einem Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis steht und bei einer Agen­tur für Arbeit im Inland als Arbeit­su­chen­der gemel­det ist.

Seit der Neu­fas­sung des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG durch Art. 8 Nr. 5 des Zwei­ten Geset­zes für moder­ne Dienst­leis­tun­gen am Arbeits­markt vom 23.12.2002 2 genügt die Mel­dung als Arbeit­su­chen­der bei einer Agen­tur für Arbeit (§ 118 Abs. 1 i.V.m. § 122, § 119 Abs. 1 SGB III); die übri­gen Merk­ma­le der Arbeits­lo­sig­keit i.S. des § 119 Abs. 1 SGB III, wie Eigen­be­mü­hun­gen und Ver­füg­bar­keit, müs­sen nicht mehr nach­ge­wie­sen wer­den 3. Viel­mehr unter­stellt das Gesetz typi­sie­rend, dass die Vor­aus­set­zun­gen der §§ 118 ff. SGB III vor­lie­gen. Die Mel­dung als Arbeit­su­chen­der kann aller­dings nicht nur bei einer Agen­tur für Arbeit im Inland, son­dern auch bei einer nach dem Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch für die Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de zustän­di­gen Stel­le –wie im Streit­fall der ARGE– erfol­gen 4. Dabei kommt der Regis­trie­rung des arbeit­su­chen­den Kin­des bzw. der dar­an anknüp­fen­den Beschei­ni­gung kei­ne (ech­te) Tat­be­stands­wir­kung für den Kin­der­geld­an­spruch zu. Ent­schei­dend ist viel­mehr, ob sich das Kind im kon­kre­ten Fall tat­säch­lich bei der Arbeits­ver­mitt­lung als Arbeit­su­chen­der gemel­det bzw. die­se Mel­dung alle drei Mona­te erneu­ert hat 5.

Neben der Beschei­ni­gung der Mel­dung als Arbeit­su­chen­der durch die Agen­tur für Arbeit dient auch der Nach­weis der Arbeits­lo­sig­keit oder des Bezugs von Arbeits­lo­sen­geld nach dem Drit­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch als Nach­weis der Mel­dung als Arbeit­su­chen­der 6.

Nach die­sen Grund­sät­zen hat das Finanz­ge­richt den Kin­der­geld­an­spruch der Klä­ge­rin für den strei­ti­gen Zeit­raum zu Recht bejaht.

Das Zwei­te Buch Sozi­al­ge­setz­buch regelt die Grund­si­che­rung für "Arbeit­su­chen­de". Für einen erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­emp­fän­ger besteht nach § 2 SGB II grund­sätz­lich eine Pflicht zur Arbeit­su­che. Gemäß § 3 Abs. 2 Satz 1 SGB – II sind Antrag­stel­ler, die das 25. Lebens­jahr noch nicht voll­endet haben, unver­züg­lich in eine Arbeit, eine Aus­bil­dung oder eine Arbeits­ge­le­gen­heit zu ver­mit­teln. Zwar wer­den Leis­tun­gen nach dem Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch nur auf Antrag erbracht. Auch ist für den Bezug die­ser Leis­tun­gen kei­ne aus­drück­li­che Arbeits­mel­dung i.S. des § 122 Abs. 1 SGB III erfor­der­lich. Viel­mehr muss mit dem Antrag nur zum Aus­druck gebracht wer­den, dass Leis­tun­gen vom Trä­ger der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de begehrt wer­den. Den­noch kann sich ange­sichts der Auf­ga­be und des Ziels des Zwei­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch zumin­dest aus den Umstän­den des Ein­zel­falls erge­ben, dass der erwähn­te Antrag die Mel­dung als Arbeit­su­chen­der ein­schließt. Als Arbeit­su­chen­der gemel­det ist näm­lich, wer gegen­über der zustän­di­gen Agen­tur für Arbeit oder ARGE per­sön­lich die Tat­sa­che einer künf­ti­gen oder gegen­wär­ti­gen Arbeits­lo­sig­keit anzeigt 7. Davon ist im Streit­fall aus­zu­ge­hen.

Nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt hat J im Zusam­men­hang mit der Antrag­stel­lung (§ 37 SGB II) im Mai 2006 die ARGE über ihre Beschäf­ti­gungs­lo­sig­keit nach Aus­bil­dungs­en­de "per­sön­lich" in Kennt­nis gesetzt und hat sich damit als arbeit­su­chend gemel­det. Die ARGE war ab die­sem Zeit­punkt in der Lage, ihrer Ver­pflich­tung gemäß § 3 Abs. 2 SGB – II nach­zu­kom­men, also Ver­mitt­lungs­be­mü­hun­gen zu star­ten, um die Arbeits­lo­sig­keit mög­lichst rasch zu besei­ti­gen. Die Mit­tei­lung erfüll­te, wie das Finanz­ge­richt zu Recht aus­führt, die Vor­aus­set­zun­gen des § 122 SGB III. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Fami­li­en­kas­se ver­langt § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG nicht zusätz­lich eine "aus­drück­li­che" Mel­dung als Arbeit­su­chen­de. Es war Auf­ga­be der ARGE, die Anzei­ge der Arbeits­lo­sig­keit der Fami­li­en­kas­se mit­zu­tei­len. Dass dies unter­blieb, kann nicht der Klä­ge­rin ange­las­tet wer­den.

Die in die­sem Urteil geäu­ßer­te Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs steht nicht im Wider­spruch zum BFH-Urteil in BFH/​NV 2012, 204. Die­se Ent­schei­dung war maß­geb­lich durch die Beson­der­heit des Ein­zel­falls geprägt. Die­se bestand dar­in, dass dem Kind auf­grund sei­ner fami­liä­ren Situa­ti­on die Aus­übung einer Tätig­keit nicht ohne wei­te­res zumut­bar war (§ 10 Abs. 1 Nr. 3 SGB II). In einem sol­chen Fall ist die kom­men­tar­lo­se Stel­lung eines Antrags gemäß § 37 SGB II kei­ne Mel­dung i.S. des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG. Im Streit­fall liegt aber weder ein Fall des § 10 Abs. 1 Nr. 3 SGB – II vor, noch hat J "kom­men­tar­los" einen Antrag gestellt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 26. Juli 2012 – VI R 98/​10

  1. Abgren­zung zu BFH, Urteil vom 22.09.2011 – III R 78/​08, BFH/​NV 2012, 204[]
  2. BGBl. I 2002, 4621, BSt­Bl I 2003, 3[]
  3. BFH, Urteil vom 19.06.2008 – III R 68/​05, BFHE 222, 349, BSt­Bl II 2009, 1008[]
  4. BFH, Urteil vom 22.09.2011 – III R 78/​08, BFH/​NV 2012, 204[]
  5. BFH, Urteil vom 25.09.2008 – III R 91/​07, BFHE 223, 354, BSt­Bl II 2010, 47[]
  6. BFH, Urteil in BFH/​NV 2012, 204[]
  7. Grön­ke-Rei­mann in Herrmann/​Heuer/​Raupach, § 32 EStG Rz 90[]