Kin­der­geld – und die Aus­set­zung des Ver­fah­rens bei einer Untä­tig­keits­kla­ge

Aus Grün­den der Pro­zess­öko­no­mie ist es sach­ge­recht, die zwi­schen­zeit­lich in die Zuläs­sig­keit hin­ein­ge­wach­se­ne Untä­tig­keits­kla­ge gemäß § 46 Abs. 1 Satz 3 FGO in Aus­übung des dem Gericht in die­ser Norm ein­ge­räum­ten Ermes­sens 1 befris­tet aus­zu­set­zen, um der beklag­ten Kin­der­geld­kas­se Gele­gen­heit zu geben, nun­mehr ent­we­der dem Ein­spruch ganz oder teil­wei­se statt­zu­ge­ben oder ihn durch Ein­spruchs­ent­schei­dung ganz oder teil­wei­se zurück­zu­wei­sen.

Kin­der­geld – und die Aus­set­zung des Ver­fah­rens bei einer Untä­tig­keits­kla­ge

Denn es ist in der Recht­spre­chung aner­kannt, dass der zeit­li­che Rege­lungs­um­fang eines Kin­der­geld ableh­nen­den Beschei­des sich bis zum Ende des Monats erstreckt, in dem die Ein­spruchs­ent­schei­dung als letz­te Ver­wal­tungs­hand­lung dem Steu­er­pflich­ti­gen bekannt gege­ben wor­den ist 2.

Da hier jeder neu hin­zu­tre­ten­de Monat, den die Beklag­te unbe­schie­den lässt, in einem Abhil­fe­be­scheid oder aber einer Ein­spruchs­ent­schei­dung mit zu prü­fen und mit zu ent­schei­den ist, erscheint es ange­sichts der für jeden Monat im tat­säch­li­chen wie im recht­li­chen neu zu prü­fen­den Vor­aus­set­zun­gen sach­ge­recht, den zeit­li­chen Umfang des Recht­streits end­gül­tig zu bestim­men. Lehnt näm­lich die Fami­li­en­kas­se den Kin­der­geld­an­trag ab und legt der Kin­der­geld­be­rech­tig­te dage­gen Ein­spruch ein, so wird das durch den Ableh­nungs­be­scheid aus Sicht der Fami­li­en­kas­se zunächst been­de­te- Ver­wal­tungs­ver­fah­ren fort­ge­setzt. Ent­hält auch der Ein­spruch kei­ne zeit­li­che Ein­schrän­kung, ist das Begeh­ren des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten dahin zu ver­ste­hen, dass er nicht ledig­lich eine Über­prü­fung der bereits abge­lehn­ten die Ver­gan­gen­heit betref­fen­den- Ansprü­che begehrt, son­dern dass er an sei­nem Begeh­ren hin­sicht­lich der Kin­der­geld­fest­set­zung durch Erlass eines Dau­er­ver­wal­tungs­akts auch mit Wir­kung für die Zukunft wei­ter­hin fest­hält. Dadurch fal­len zugleich die Mona­te bis zur Ent­schei­dung über den Ein­spruch in das fort­ge­setz­te Ver­wal­tungs­ver­fah­ren. Da eine posi­ti­ve Kin­der­geld­fest­set­zung nach der gesetz­li­chen Kon­zep­ti­on des § 70 EStG anders als die Ableh­nung- Bin­dungs­wir­kung für die Zukunft hat, der Kin­der­geld­an­spruch aber erst mit Beginn jedes Monats neu für die­sen Monat ent­steht und die Ent­schei­dung hier­über auf­grund des Ein­spruchs gleich­sam ver­tagt wur­de, ist nun­mehr die Sach- und Rechts­la­ge im Zeit­punkt der Ent­schei­dung über den Ein­spruch maß­ge­bend. Die Ent­schei­dung schließt mit­hin auch die Mona­te seit Erge­hen der Ableh­nungs­ent­schei­dung ein. Auch wenn die Fami­li­en­kas­se im Zeit­punkt des Erlas­ses des Ableh­nungs­be­schei­des noch kei­ne Ent­schei­dung über die künf­ti­gen, noch nicht ent­stan­de­nen Kin­der­geld­an­sprü­che tref­fen konn­te, sind durch die ein­spruchs­be­ding­te Fort­set­zung des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens aus ursprüng­lich künf­ti­gen Ansprü­chen suk­zes­si­ve bereits ent­stan­de­ne Ansprü­che gewor­den, die die Fami­li­en­kas­se ent­spre­chend dem Begeh­ren des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten in ihre abschlie­ßen­de Ent­schei­dung ein­zu­be­zie­hen hat 3 m. w. Nachw.)).

Dass durch die lan­ge Ver­fah­rens­dau­er bei der Fami­li­en­kas­se bei wei­te­rem Zuwar­ten zusätz­li­che Schwie­rig­kei­ten auch hin­sicht­lich der zu prü­fen­den recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen zum Bezug von Kin­der­geld auf­tre­ten kön­nen, zeigt der – allein durch Zeit­ab­lauf im Ein­spruchs­ver­fah­ren ein­ge­tre­te­ne – Wech­sel der im mitt­ler­wei­le auf­ge­lau­fe­nen Streit­zeit­raum zu prü­fen­den Rechts­grund­la­gen uni­ons­recht­li­cher Art. Denn die Ver­ord­nung (EWG) Nr. 574/​72 des Rates vom 21.03.1972 über die Durch­füh­rung der Ver­ord­nung Nr. 1408/​71 in ihrer durch die VO Nr. 118/​97 geän­der­ten und aktua­li­sier­ten Fas­sung, geän­dert durch die VO Nr. 631/​2004 ist ab 1.05.2010 4 durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29.04.2004 zur Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit VO Nr. 883/2004- 5 abge­löst wor­den und daher für die Mona­te des bean­trag­ten Kin­der­geld­be­zu­ges ab Mai 2009 zu berück­sich­ti­gen.

Zugleich ist die Aus­set­zung zur abschlie­ßen­den Prü­fung durch die Fami­li­en­kas­se auch des­we­gen sach- und damit ermes­sen­ge­recht, weil durch die zeit­li­che Fest­le­gung des Streit­zeit­raums auch der Streit­wert fest­ge­legt und damit ver­mie­den wird, dass durch das monat­li­che Anwach­sen der strei­ti­gen Kin­der­geld­be­trä­ge das Pro­zess­kos­ten­ri­si­ko der Betei­lig­ten ansteigt.

Die­ser Gedan­ke trägt auch – wie hier – in Fäl­len, in denen dem Klä­ger raten­freie PKH bewil­ligt und ein Rechts­an­walt bei­geord­net wor­den ist. Denn dann trägt zwar kei­nes­falls der Klä­ger, aber an sei­ner Stel­le die Staats­kas­se die nach Ver­fah­rens­ab­schluss zu zah­len­den Rechts­an­walts­ge­büh­ren, und zwar bei einem Obsie­gen wie bei einem Unter­lie­gen des Klä­gers. Auch die­se Rechts­an­walts­ge­büh­ren rich­ten sich jedoch nach dem erreich­ten Gegen­stands­wert im Zeit­punkt der abschlie­ßen­den Ent­schei­dung des Gerichts.

Die Frist wur­de im hier vom Finanz­ge­richt Köln ent­schie­de­nen Fall kon­kret so bemes­sen, dass der beklag­ten Kin­der­geld­kas­se zusätz­lich eines sehr groß­zü­gig bemes­se­nen Post­laufs jeden­falls mehr als ein Monat rei­ner Bear­bei­tungs­zeit zuzüg­lich des Post­laufs für die Bekannt­ga­be an den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers zur Ver­fü­gung steht.

Finanz­ge­richt Köln, Beschluss vom 18. Janu­ar 2012 – 15 K 2297/​10

  1. vgl. BFH, Beschluss vom 17.10.2002 – VI B 58/​02, BFH/​NV 2003, 79[]
  2. BFH, Urteil vom 04.08.2011 – III R 71/​10[]
  3. BFH, Urteil vom 04.08.2011 – III R 71/​10 unter II.01.b[]
  4. BFH, Urteil vom 04.08.2011 – III R 55/​08 unter II.02. a), BFHE n.n., BFH/​NV 2012,85[]
  5. ABl.EU 2004 Nr. L 166, S. 1[]