Kin­der­geld­an­spruch eines pol­ni­schen Sai­son­ar­beit­neh­mers

Der Kin­der­geld­an­spruch einer pol­ni­schen Sai­son­ar­bei­te­rin wird durch die von ihr in Polen bezo­ge­nen Fami­li­en­leis­tun­gen nicht in jedem Fall durch § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG ins­ge­samt aus­ge­schlos­sen.

Kin­der­geld­an­spruch eines pol­ni­schen Sai­son­ar­beit­neh­mers

§ 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG sieht zwar vor, dass Kin­der­geld nicht für ein Kind gezahlt wird, für das Leis­tun­gen für Kin­der, die im Aus­land gewährt wer­den und dem Kin­der­geld oder einer der unter § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG genann­ten Leis­tun­gen ver­gleich­bar sind, zu zah­len ist oder bei ent­spre­chen­der Antrag­stel­lung zu zah­len wäre. Die Aus­le­gung die­ser Vor­schrift hat jedoch in den Fäl­len, in denen der per­sön­li­che Anwen­dungs­be­reich der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/​71 des Rates vom 14.06.1971 über die Anwen­dung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit auf Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­ge sowie deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die inner­halb der Gemein­schaft zu- und abwan­dern 1 eröff­net und Deutsch­land nach Art. 13 ff. VO Nr. 1408/​71 der nicht zustän­di­ge Mit­glied­staat und auch nicht der Wohn­mit­glied­staat des betref­fen­den Kin­des ist, unter Beach­tung der Anfor­de­run­gen des Pri­mär­rechts der Euro­päi­schen Uni­on auf dem Gebiet der Frei­zü­gig­keit der Arbeit­neh­mer zu erfol­gen 2. Wer­den in einem sol­chen Fall in dem ande­ren Mit­glied­staat dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen gewährt, darf der Anspruch auf Kin­der­geld nach dem EStG gemäß § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG nur in ent­spre­chen­der Höhe gekürzt, jedoch nicht völ­lig aus­ge­schlos­sen wer­den, wenn ande­ren­falls das Frei­zü­gig­keits­recht des Wan­der­ar­beit­neh­mers beein­träch­tigt wäre.

Soweit daher als Anti­ku­mu­lie­rungs­re­ge­lung die natio­na­le Vor­schrift des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG ein­schlä­gig ist, ist ein voll­stän­di­ger Anspruchs­aus­schluss mit euro­päi­schem Recht nicht ver­ein­bar.

Aus­gangs­punkt für die Prü­fung des Kin­der­geld­an­spruchs der Klä­ge­rin ist die Fra­ge, ob die Vor­aus­set­zun­gen des § 62 Abs. 1 EStG vor­ge­le­gen haben. Soweit die Vor­aus­set­zun­gen des § 62 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 Buchst. a EStG nicht vor­ge­le­gen haben, muss das Finanz­ge­richt prü­fen, ob die Klä­ge­rin i.S. des § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wur­de. Hier­zu hat der Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­den, dass das Gesetz die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG ‑anders als die nach § 62 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 Buchst. a EStG- von der ein­kom­men­steu­er­recht­li­chen Behand­lung des Antrag­stel­lers durch das Finanz­amt abhän­gig macht. Eine Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG setzt daher vor­aus, dass der Anspruch­stel­ler auf­grund eines ent­spre­chen­den Antrags vom zustän­di­gen Finanz­amt nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wird 3.

Bei Anwen­dung des § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG liegt eine Behand­lung "nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig" nur für die Kalen­der­mo­na­te vor, in denen der Kin­der­geld­be­rech­tig­te Ein­künf­te i.S. des § 49 EStG erzielt, die nach § 1 Abs. 3 EStG der Ein­kom­men­steu­er unter­lie­gen.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat die­se höchst­rich­ter­lich erst­mals mit Urteil vom 24.10.2012 4 ver­tre­te­ne Rechts­auf­fas­sung in sei­nem Urteil vom 16.05.2013 5 bestä­tigt 6. An die­ser Beur­tei­lung hält der Bun­des­fi­nanz­hof nach noch­ma­li­ger Prü­fung fest.

Dabei misst der Bun­des­fi­nanz­hof der in § 66 Abs. 2 EStG getrof­fe­nen gesetz­ge­be­ri­schen Grund­ent­schei­dung, wonach Kin­der­geld monat­lich vom Beginn des Monats an gezahlt wird, in dem die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, bis zum Ende des Monats, in dem die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen weg­fal­len (sog. Monats­prin­zip), beson­de­re Bedeu­tung hin­sicht­lich der Fra­ge bei, für wel­chen Zeit­raum eine Kin­der­geld­be­rech­ti­gung besteht. Danach ist das Bestehen einer Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 EStG grund­sätz­lich monats­be­zo­gen zu beur­tei­len. Dem­entspre­chend besteht gemäß § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG eine Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nur für die­je­ni­gen Kalen­der­mo­na­te, in denen der Anspruchs­be­rech­tig­te im Inland einen Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat 7. Hier­von aus­ge­hend ist auch die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG monats­be­zo­gen zu beur­tei­len. Der Wort­laut die­ser Rege­lung, die auf § 1 Abs. 3 EStG ver­weist, steht einer sol­chen durch das Monats­prin­zip gebo­te­nen Aus­le­gung nicht ent­ge­gen. So heißt es in § 1 Abs. 3 Satz 1 EStG sinn­ge­mäß, dass Gebiets­frem­de auf Antrag als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wer­den, soweit sie inlän­di­sche Ein­künf­te i.S. des § 49 EStG haben. Das "Haben" sol­cher Ein­künf­te ist ‑mit Blick auf § 66 Abs. 2 EStG- monats­be­zo­gen fest­zu­stel­len.

Etwas ande­res ergibt sich nicht aus § 2 Abs. 7 EStG. Nach § 2 Abs. 7 Satz 1 EStG ist die Ein­kom­men­steu­er eine Jah­res­steu­er (sog. Jah­res­prin­zip). Sie wird grund­sätz­lich nach Ablauf des Kalen­der­jah­res (Ver­an­la­gungs­zeit­raum) ver­an­lagt (§ 25 Abs. 1 EStG). Die­se Vor­schrift betrifft das Ver­fah­ren zur Fest­set­zung der Ein­kom­men­steu­er (Besteue­rungs­ver­fah­ren). Auch wenn § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG steu­er­sys­te­ma­tisch auf die "Behand­lung" bei der Ein­kom­men­steu­er­fest­set­zung abstellt, las­sen sich hier­aus ‑unab­hän­gig von der Fra­ge, wel­che Aus­wir­kun­gen sich für das Besteue­rungs­ver­fah­ren erge­ben, wenn eine unter § 1 Abs. 3 EStG fal­len­de Per­son nicht in allen Kalen­der­mo­na­ten Inlands­ein­künf­te erzielt- kei­ne zwin­gen­den Rück­schlüs­se auf die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG ablei­ten. Denn für die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG i.V.m. § 1 Abs. 3 EStG wird das ein­kom­men­steu­er­recht­li­che Jah­res­prin­zip des § 2 Abs. 7 EStG durch das Monats­prin­zip des § 66 Abs. 2 EStG über­la­gert 8.

Gegen­tei­li­ges ergibt sich nicht aus dem Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 12.01.2001 9. In die­sem Urteil konn­te der Bun­des­fi­nanz­hof man­gels aus­rei­chen­der Fest­stel­lun­gen nicht beur­tei­len, ob dem dor­ti­gen Klä­ger, der zwar nicht nach § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG kin­der­geld­be­rech­tigt war, ggf. Kin­der­geld nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG zustand. Fol­ge­run­gen für den Streit­fall las­sen sich hier­aus nicht zie­hen.

Dem dar­ge­leg­ten Aus­le­gungs­er­geb­nis steht nicht ent­ge­gen, dass die nach § 1 Abs. 3 EStG erge­hen­den Ein­kom­men­steu­er­be­schei­de kei­ne Infor­ma­tio­nen dar­über ent­hal­ten, wann die Ein­künf­te i.S. des § 49 EStG erzielt wor­den sind. Die Fami­li­en­kas­sen und Finanz­ge­rich­te haben den Sach­ver­halt von Amts wegen zu ermit­teln (§ 88 AO, § 76 FGO). Dabei sind die Betei­lig­ten zur Mit­wir­kung ver­pflich­tet (§ 90 AO, § 76 Abs. 1 Sät­ze 2 bis 4 FGO). Dane­ben ste­hen den Finanz­be­hör­den und Gerich­ten zahl­rei­che wei­te­re Ermitt­lungs­mög­lich­kei­ten (Beweis­mit­tel) zur Ver­fü­gung, um den ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt auf­zu­klä­ren (z.B. § 92 AO, §§ 79, 81, 86 FGO). Es ist daher auch uner­heb­lich, ob sol­che Infor­ma­tio­nen in der ‑auf § 1 Abs. 3 Satz 4 (jetzt Satz 5) EStG zurück­ge­hen­den- bun­des­ein­heit­li­chen "Beschei­ni­gung EU/​EWR" ent­hal­ten sind. Abge­se­hen davon wird die­se Beschei­ni­gung nicht für Zwe­cke der Fest­set­zung von Kin­der­geld aus­ge­stellt. Viel­mehr han­delt es sich hier­bei um eine mate­ri­el­le Tat­be­stands­vor­aus­set­zung für die unbe­schränk­te Ein­kom­men­steu­er­pflicht i.S. des § 1 Abs. 3 EStG 10.

Nichts ande­res ergibt sich aus der BFH-Recht­spre­chung zu § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG in der bis zum Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2011 gel­ten­den Fas­sung. Denn das inso­weit vom Bun­des­fi­nanz­hof ange­führ­te Ver­ein­fa­chungs­ar­gu­ment 11 dien­te nur der Recht­fer­ti­gung der gesetz­ge­be­ri­schen Ent­schei­dung für einen Jah­res­grenz­be­trag. Mit die­sem Argu­ment kann hin­ge­gen nicht die vom Gesetz­ge­ber in § 66 Abs. 2 EStG zuguns­ten des Monats­prin­zips getrof­fe­ne Ent­schei­dung außer Kraft gesetzt wer­den. Gegen­tei­li­ges lässt sich auch nicht aus den von der Klä­ge­rin ange­führ­ten BFH-Urtei­len vom 17. Juni 2010 12 und vom 24. Mai 2012 13 ent­neh­men.

Die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis steht ‑unab­hän­gig davon, ob das Kin­der­geld in sei­ner steu­er­recht­li­chen oder sozi­al­recht­li­chen Funk­ti­on betrof­fen ist- auch im Ein­klang mit dem euro­päi­schen Uni­ons­recht 14.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. Juli 2013 – III R 28/​12

  1. in ihrer durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 118/​97 des Rates vom 02.12 1996, ABl.EU 1997 Nr. L 28, S. 1 geän­der­ten und aktua­li­sier­ten Fas­sung[]
  2. EuGH, Urteil vom 12.06.2012 – C‑611/​10, C‑612/​10, Hudzinski/​Wawrzyniak, DStR/​ED 2012, 999[]
  3. s. hier­zu im Ein­zel­nen BFH, Urtei­le vom 24.05.2012 – III R 14/​10, BFHE 237, 239, BSt­Bl II 2012, 897; vom 16.05.2013 – III R 8/​11, DStR 2013, 1879; und vom 18.07.2013 – III R 9/​09[]
  4. BFH, Urteil vom 24.10.2012 – V R 43/​11, BFHE 239, 327, BSt­Bl II 2013, 491[]
  5. BFH, Urteil vom 16.05.2013 – III R 8/​11, DStR 2013, 1879[]
  6. so jetzt auch BFH, Urteil vom 18.04.2013 – VI R 70/​11, BFH/​NV 2013, 1554[]
  7. BFH, Urteil vom 20.11.2008 – III R 53/​05, BFH/​NV 2009, 564[]
  8. gl.A. BFH, Urteil in BFHE 239, 327, BSt­Bl II 2013, 491, unter II. 3.a[]
  9. BFH, Urteil vom 12.01.2001 – VI R 64/​98, BFH/​NV 2001, 1231[]
  10. BFH, Urteil vom 08.09.2010 – I R 80/​09, BFHE 231, 91, BSt­Bl II 2011, 447[]
  11. BFH, Urteil vom 13.07.2004 – VIII R 20/​02, BFH/​NV 2005, 36, unter II. 1.c cc[]
  12. BFH, Urteil vom 17.06.2010 – III R 34/​09, BFHE 230, 61, BSt­Bl II 2010, 982[]
  13. BFH, Urteil vom 24.05.2012, BFHE 237, 239, BSt­Bl II 2012, 897[]
  14. BFH, Urteil vom 18.07.2013 – III R 59/​11, BFH/​NV 2013, 1992[]