Kin­der­geld­kla­ge und Kla­ge­be­geh­ren

Es stellt einen Ver­stoß gegen die Grund­ord­nung des Ver­fah­rens dar, wenn das Finanz­ge­richt auf eine gegen die Ableh­nung der Abzwei­gung (§ 74 Abs. 1 EStG) gerich­te­te Kla­ge die Fami­li­en­kas­se ver­pflich­tet, Kin­der­geld zuguns­ten des Kin­des fest­zu­set­zen.

Kin­der­geld­kla­ge und Kla­ge­be­geh­ren

Zur Grund­ord­nung des Ver­fah­rens, deren Ein­hal­tung das Revi­si­ons­ge­richt auch ohne aus­drück­li­che Rüge zu beach­ten hat, weil dadurch die Ord­nungs­mä­ßig­keit des gan­zen wei­te­ren Ver­fah­rens betrof­fen ist1, gehört auch der Grund­satz der Bin­dung an das Kla­ge­be­geh­ren, der für das finanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren in § 96 Abs. 1 Satz 2 FGO zum Aus­druck kommt2. Nach die­sem Grund­satz darf das Gericht in Aner­ken­nung der pri­vat­au­to­no­men Ver­fü­gungs­frei­heit des Klä­gers über den Streit­ge­gen­stand nicht über das Kla­ge­be­geh­ren, das regel­mä­ßig im Kla­ge­an­trag sei­nen form­ge­rech­ten Aus­druck fin­det, hin­aus­ge­hen ("ne ultra peti­ta"). Es darf dabei dem Klä­ger nicht etwas zuspre­chen, das die­ser nicht bean­tragt hat, und dar­über hin­aus auch nicht über etwas ande­res ("ali­ud") ent­schei­den als der Klä­ger durch sei­nen Antrag (ein­schließ­lich sei­ner eige­nen Inter­pre­ta­ti­on die­ses Antrags) begehrt und zur Ent­schei­dung gestellt hat3.

Im vor­lie­gen­den Fall hat sich die Klä­ge­rin mit ihrer Kla­ge gegen die von der Fami­li­en­kas­se abge­lehn­te Abzwei­gung des Kin­der­gel­des an die Klä­ge­rin gewandt.

Als pro­zes­sua­le Wil­lens­er­klä­rung ist die Kla­ge­schrift in glei­cher Wei­se wie Wil­lens­er­klä­run­gen im Sin­ne des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs ana­log § 133 BGB aus­zu­le­gen. Dabei sind zur Bestim­mung des Gegen­stands des Kla­ge­be­geh­rens (vgl. § 65 Abs. 1 Satz 1 FGO) alle dem Finanz­ge­richt und der Fami­li­en­kas­se bekann­ten und ver­nünf­ti­ger­wei­se erkenn­ba­ren Umstän­de tat­säch­li­cher und recht­li­cher Art zu berück­sich­ti­gen4.

Der Bun­des­fi­nanz­hof kann die Kla­ge­schrift ohne Bin­dung an die Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt selbst aus­le­gen5.

Im Streit­fall wand­te sich die Klä­ge­rin nach dem Inhalt ihrer Kla­ge­schrift und der bei­gefüg­ten Unter­la­gen gegen den Bescheid und die Ein­spruchs­ent­schei­dung, wor­in die Fami­li­en­kas­se jedoch nicht die Fest­set­zung des Kin­der­gel­des zuguns­ten der Klä­ge­rin, son­dern nur die Abzwei­gung des Kin­der­gel­des an die Klä­ge­rin abge­lehnt hat.

Inso­weit hat der Bun­des­fi­nanz­hof bereits ent­schie­den, dass die nach § 74 Abs. 1 Satz 1 EStG erfol­gen­de Aus­zah­lung von Kin­der­geld an einen Drit­ten ‑hier das Kind- nicht zum Festsetzungs‑, son­dern zum Aus­zah­lungs­ver­fah­ren gehört, das dem Erhe­bungs­ver­fah­ren ent­spricht6. Sie betrifft nicht die Anspruchs‑, son­dern die Emp­fangs­be­rech­ti­gung7.

Dem­ge­gen­über hat das Finanz­ge­richt eine Ent­schei­dung hin­sicht­lich des Fest­set­zungs­ver­fah­rens getrof­fen, indem es fest­ge­stellt hat, dass die Klä­ge­rin einen Anspruch auf Kin­der­geld für die Mona­te August 2009 bis ein­schließ­lich Juli 2011 habe und ihr des­halb Kin­der­geld für die­sen Zeit­raum zu gewäh­ren sei. Inso­weit hat das Finanz­ge­richt über etwas ande­res ent­schie­den als die Klä­ge­rin durch ihren Antrag begehrt und zur Ent­schei­dung gestellt hat.

Zutref­fend ist indes, dass in einem Fall, in dem noch kei­ne Fest­set­zung zuguns­ten eines Kin­der­geld­be­rech­tig­ten erfolgt ist, der poten­ti­ell Abzwei­gungs­be­rech­tig­te regel­mä­ßig auch die Fest­set­zung zuguns­ten eines Berech­tig­ten begeh­ren wird, um auf der Grund­la­ge die­ser Fest­set­zung sein Abzwei­gungs­be­geh­ren durch­zu­set­zen. Ent­spre­chend räumt § 67 Satz 2 EStG außer dem Berech­tig­ten auch dem­je­ni­gen, der ein berech­tig­tes Inter­es­se an der Leis­tung des Kin­der­gel­des hat, ein eige­nes Antrags­recht auf Fest­set­zung zuguns­ten eines Berech­tig­ten ein.

Die­sem Inter­es­se kann das Finanz­ge­richt in einem Ver­fah­ren über die Abzwei­gung des Kin­der­gel­des ver­fah­rens­recht­lich nur in der Wei­se Rech­nung tra­gen, dass es das Ver­fah­ren nach § 74 FGO aus­setzt, bis die Fami­li­en­kas­se oder ggf. dar­an anschlie­ßend das Finanz­ge­richt über den ‑in einem sol­chen Fall regel­mä­ßig zugleich mit dem Abzwei­gungs­an­trag gestell­ten- Fest­set­zungs­an­trag ent­schie­den hat.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 8. August 2013 – III R 3/​13

  1. BFH, Urteil vom 13.12 1994 – VII R 18/​93, BFH/​NV 1995, 697, m.w.N. []
  2. BFH, Urteil in BFH/​NV 1995, 697, m.w.N. []
  3. BFH, Urteil in BFH/​NV 1995, 697, m.w.N. []
  4. BFH, Urteil vom 27.06.1996 – IV R 61/​95, BFH/​NV 1997, 232, m.w.N. []
  5. vgl. BFH, Urteil vom 06.07.1999 – VIII R 17/​97, BFHE 189, 302, BSt­Bl II 2000, 306, m.w.N. []
  6. BFH, Urtei­le vom 26.08.2010 – III R 21/​08, BFHE 231, 520, BSt­Bl II 2013, 583; und vom 27.10.2011 – III R 16/​09, BFH/​NV 2012, 720 []
  7. BFH, Beschluss vom 30.01.2001 – VI B 272/​99, BFH/​NV 2001, 898 []