Win­ter­dienst als haus­halts­na­he Dienst­leis­tung

Auch die Inan­spruch­nah­me von Dienst­leis­tun­gen, die jen­seits der Grund­stücks­gren­ze auf frem­dem, bei­spiels­wei­se öffent­li­chem Grund geleis­tet wer­den, kann als haus­halts­na­he Dienst­leis­tung nach § 35a Abs. 2 Satz 1 EStG begüns­tigt sein 1. Es muss sich dabei aller­dings um Tätig­kei­ten han­deln, die ansons­ten übli­cher­wei­se von Fami­li­en­mit­glie­dern erbracht und in unmit­tel­ba­rem räum­li­chen Zusam­men­hang zum Haus­halt durch­ge­führt wer­den und dem Haus­halt die­nen. Hier­von ist ins­be­son­de­re aus­zu­ge­hen, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge als Eigen­tü­mer oder Mie­ter zur Rei­ni­gung und Schnee­räu­mung von öffent­li­chen Stra­ßen und (Geh-)Wegen ver­pflich­tet ist.

Win­ter­dienst als haus­halts­na­he Dienst­leis­tung

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall beauf­trag­ten die Klä­ger ein Unter­neh­men mit der Schnee­räu­mung der in öffent­li­chem Eigen­tum ste­hen­den Stra­ßen­front ent­lang des von ihnen bewohn­ten Grund­stücks. Aus­weis­lich der Rech­nung ent­stan­den ihnen hier­für Kos­ten in Höhe von 142, 80 €. In ihrer Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung mach­ten sie die­sen Betrag als Auf­wen­dun­gen für die Inan­spruch­nah­me haus­halts­na­her Dienst­leis­tun­gen gel­tend. Das Finanz­amt gewähr­te die bean­trag­te Steu­er­ermä­ßi­gung für die Kos­ten der Schnee­be­sei­ti­gung jedoch nicht. Denn die Dienst­leis­tung sei außer­halb der Grund­stücks­gren­zen und damit nicht inner­halb des Haus­halts durch­ge­führt wor­den. Soweit Dienst­leis­tun­gen (z.B. Stra­ßen- und Geh­weg­rei­ni­gung, Win­ter­dienst) auf öffent­li­chem Gelän­de durch­ge­führt wür­den, sei­en sie nicht als haus­halts­na­he Dienst­leis­tun­gen nach § 35a EStG begüns­tigt. Der Bun­des­fi­nanz­hof gab nun dem Klä­ger Recht:

Der Begriff "im Haus­halt" ist nicht räum­lich, son­dern funk­ti­ons­be­zo­gen aus­zu­le­gen. Daher wer­den die Gren­zen des Haus­halts i.S. des § 35a EStG nicht aus­nahms­los – unab­hän­gig von den Eigen­tums­ver­hält­nis­sen – durch die Grund­stücks­gren­zen abge­steckt. Es genügt, wenn die Dienst­leis­tung für den Haus­halt (zum Nut­zen des Haus­halts) erbracht wer­de. Es muss sich dabei aller­dings um Tätig­kei­ten han­deln, die ansons­ten übli­cher­wei­se von Fami­li­en­mit­glie­dern erbracht und in unmit­tel­ba­rem räum­li­chen Zusam­men­hang zum Haus­halt durch­ge­führt wer­den und dem Haus­halt die­nen. Hier­von ist ins­be­son­de­re aus­zu­ge­hen, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge als Eigen­tü­mer oder Mie­ter zur Rei­ni­gung und Schnee­räu­mung von öffent­li­chen Stra­ßen und (Geh)Wegen ver­pflich­tet ist. In einem sol­chen Fall sind Auf­wen­dun­gen für die Inan­spruch­nah­me haus­halts­na­her Dienst­leis­tun­gen in vol­lem Umfang und nicht nur antei­lig, soweit sie auf Pri­vat­ge­län­de ent­fal­len, nach § 35a EStG begüns­tigt.

Nach § 35a Abs. 2 Satz 1 EStG ermä­ßigt sich die tarif­li­che Ein­kom­men­steu­er, ver­min­dert um die sons­ti­gen Steu­er­ermä­ßi­gun­gen, auf Antrag um 20 %, höchs­tens 600 EUR, der Auf­wen­dun­gen des Steu­er­pflich­ti­gen für die Inan­spruch­nah­me von haus­halts­na­hen Dienst­leis­tun­gen, die nicht Dienst­leis­tun­gen nach § 35a Abs. 2 Satz 2 EStG sind und in einem in der Euro­päi­schen Uni­on oder dem Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum lie­gen­den Haus­halt des Steu­er­pflich­ti­gen erbracht wer­den.

Der Begriff "haus­halts­na­he Dienst­leis­tung" ist gesetz­lich nicht näher bestimmt. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs müs­sen die Leis­tun­gen eine hin­rei­chen­de Nähe zur Haus­halts­füh­rung auf­wei­sen bzw. damit im Zusam­men­hang ste­hen. Dazu gehö­ren haus­wirt­schaft­li­che Ver­rich­tun­gen, die gewöhn­lich durch Mit­glie­der des pri­va­ten Haus­halts oder ent­spre­chend Beschäf­tig­te erle­digt wer­den und in regel­mä­ßi­gen Abstän­den anfal­len 2. Auch die Rei­ni­gung von Stra­ßen und Geh­we­gen sowie der Win­ter­dienst sind nach all­ge­mei­ner Mei­nung hier­zu zu zäh­len 3.

Die Steu­er­ermä­ßi­gung nach § 35a Abs. 2 Satz 1 EStG ist jedoch nur zu gewäh­ren, wenn die haus­halts­na­hen Dienst­leis­tun­gen in einem in der Euro­päi­schen Uni­on oder dem Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum lie­gen­den Haus­halt des Steu­er­pflich­ti­gen erbracht wer­den.

Unter einem "Haus­halt" im Sin­ne die­ser Vor­schrift ist die Wirt­schafts­füh­rung meh­re­rer (in einer Fami­lie) zusam­men­le­ben­der Per­so­nen oder einer ein­zel­nen Per­son zu ver­ste­hen, wobei die Woh­nung der räum­li­che Bereich ist, in dem sich der Haus­halt ent­fal­tet 4.

"In" einem Haus­halt wird die haus­halts­na­he Dienst­leis­tung erbracht, wenn sie "im räum­li­chen Bereich des vor­han­de­nen Haus­halts" geleis­tet wird 5. Hier­zu gehört zunächst die Woh­nung des Steu­er­pflich­ti­gen, aber auch der dazu­ge­hö­ri­ge Grund und Boden, weil Arbei­ten "auf dem Grund­stück" eben­falls begüns­tigt wer­den sol­len 6. Nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist der Begriff "im Haus­halt" daher räum­lich-funk­tio­nal aus­zu­le­gen 7.

Des­halb wer­den die Gren­zen des Haus­halts i.S. des § 35a Abs. 2 Satz 1 EStG nicht aus­nahms­los ‑unab­hän­gig von den Eigen­tums­ver­hält­nis­sen- durch die Grund­stücks­gren­zen abge­steckt 8. Viel­mehr kann auch die Inan­spruch­nah­me von Diens­ten, die jen­seits der Grund­stücks­gren­ze auf frem­dem, bei­spiels­wei­se öffent­li­chem Grund geleis­tet wer­den, nach § 35a Abs. 2 Satz 1 EStG begüns­tigt sein. Es muss sich dabei aller­dings um Tätig­kei­ten han­deln, die ansons­ten übli­cher­wei­se von Fami­li­en­mit­glie­dern erbracht und in unmit­tel­ba­rem räum­li­chen Zusam­men­hang zum Haus­halt durch­ge­führt wer­den und dem Haus­halt die­nen 9. Hier­von ist ins­be­son­de­re aus­zu­ge­hen, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge als Eigen­tü­mer oder Mie­ter zur Rei­ni­gung und Schnee­räu­mung von öffent­li­chen Stra­ßen und (Geh)Wegen ver­pflich­tet ist. Denn ent­spre­chen­de Dienst­leis­tun­gen sind not­wen­di­ger Annex zur Haus­halts­füh­rung 10 und des­halb nicht nur antei­lig 11, soweit sie auf Pri­vat­ge­län­de ent­fal­len, son­dern in vol­lem Umfang nach § 35a Abs. 2 Satz 1 EStG begüns­tigt 12.

Wort­laut sowie Sinn und Zweck des § 35a Abs. 2 Satz 1 EStG ste­hen die­ser Aus­le­gung der Vor­schrift nicht ent­ge­gen.

Aus­weis­lich der Geset­zes­be­grün­dung soll­ten Gar­ten- und Wege­bau­ar­bei­ten im Haus­halt durch § 35a EStG begüns­tigt wer­den. Dies zeigt, dass der Gesetz­ge­ber selbst den Begriff "Haus­halt" nicht nur als Räum­lich­keit, son­dern dar­über hin­aus als funk­tio­na­len Bezugs­punkt im Sin­ne von "in der Nähe des Haus­halts" begrif­fen hat 13.

Zudem spricht der Norm­zweck des § 35a Abs. 2 Satz 1 EStG, die Bekämp­fung der Schwarz­ar­beit 14 dafür, Auf­wen­dun­gen für Dienst­leis­tun­gen, die ansons­ten übli­cher­wei­se von Fami­li­en­mit­glie­dern erbracht und in unmit­tel­ba­rem räum­li­chen Zusam­men­hang zum Haus­halt durch­ge­führt wer­den und dem Haus­halt die­nen (z.B. Stra­ßen- und Geh­weg­rei­ni­gung, Win­ter­dienst) auch inso­weit zu begüns­ti­gen, als sie auf frem­dem oder öffent­li­chem Gelän­de durch­ge­führt wer­den. Denn Steu­er­pflich­ti­ger und Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men könn­ten sich einig wer­den, nur noch den Win­ter­dienst bezüg­lich des auf dem Grund­stück lie­gen­den Haus­zu­gangs zum Gegen­stand einer (steu­er­erheb­li­chen) Rech­nung zu machen, die Rei­ni­gung oder Räu­mung des öffent­li­chen Geh­we­ges dage­gen "schwarz" zu bezah­len 15.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 20. März 2014 – VI R 55/​12

  1. ent­ge­gen BMF, Schrei­ben vom 10.01.2014 – IV C 4‑S 2296‑b/07/0003:004, 2014/​0023765, BSt­Bl I 2014, 75[]
  2. BFH, Urteil vom 13.07.2011 – VI R 61/​10, BFHE 234, 391, BSt­Bl II 2012, 232[]
  3. vgl. BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2010, 140, Tz. 12, ersetzt durch BMF, Schrei­ben vom 10.01.2014 – IV C 4‑S 2296‑b/07/0003:004, 2014/​0023765, BSt­Bl I 2014, 75, Tz. 9; Wüllenk­em­per, EFG 2013, 52; Bode, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 35a Rz E 7; Schmidt/​Krüger, EStG, 32. Aufl., § 35a Rz 4; Evers­loh in Lade­mann, EStG, § 35a EStG Rz 92; Bar­ein in Littmann/​Bitz/​Pust, Das Ein­kom­men­steu­er­recht, Kom­men­tar, § 35a Rz 20[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 29.07.2010 – VI R 60/​09, BFHE 230, 420, BSt­Bl II 2014, 151, m.w.N.[]
  5. BFH, Urteil in BFHE 234, 391, BSt­Bl II 2012, 232, unter II. 2.b[]
  6. vgl. BT-Drs. 16/​643, 10, sowie BFH, Urteil vom 06.05.2010 – VI R 4/​09, BFHE 229, 534, BSt­Bl II 2011, 909[]
  7. vgl. Kratzsch in Frot­scher, EStG, Frei­burg 2011, § 35a Rz 77; Evers­loh in Lade­mann, EStG, § 35a EStG Rz 92; Wüllenk­em­per, EFG 2013, 52; Bode, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 35a Rz E 7; Schmidt/​Krüger, EStG, 32. Aufl., § 35a Rz 4; FG Baden-Würt­tem­berg vom 12.09.2012 3 K 3887/​11, EFG 2013, 125[]
  8. ent­ge­gen BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2010, 140, Tz. 15, ersetzt durch BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2014, 75, Tz. 15[]
  9. Schmidt/​Krüger, EStG, 32. Aufl., § 35a Rz 4[]
  10. Bode, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 35a Rz E 7; Bar­ein in Littmann/​Bitz/​Pust, Das Ein­kom­men­steu­er­recht, Kom­men­tar, § 35a Rz 20; Wüllenk­em­per, EFG 2013, 52 f.[]
  11. ent­ge­gen BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2010, 140, Tz. 12, ersetzt durch BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2014, 75, Tz. 9[]
  12. Schmidt/​Krüger, EStG, 32. Aufl., § 35a Rz 4; Bode, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 35a Rz E 7; Evers­loh in Lade­mann, EStG, § 35a EStG Rz 92; Wüllenk­em­per, EFG 2013, 52; Bar­ein in Littmann/​Bitz/​Pust, Das Ein­kom­men­steu­er­recht, Kom­men­tar, § 35a Rz 20; Köh­ler in Bordewin/​Brandt, § 35a EStG Rz 300 f.; a.A. Fischer in Kirch­hof, EStG, 12. Aufl., § 35a Rz 7; Durst in Korn, § 35a EStG Rz 41; Blümich/​Erhard, § 35a EStG Rz 23; Heß/​Görn, Deut­sches Steu­er­recht 2007, 1804, 1805[]
  13. vgl. Kratzsch in Frot­scher, EStG, Frei­burg 2011, § 35a Rz 77; Evers­loh in Lade­mann, EStG, § 35a EStG Rz 92; Wüllenk­em­per, EFG 2013, 52[]
  14. BT-Drs. 15/​91, 19[]
  15. Wüllenk­em­per, EFG 2013, 52, 53[]