Zah­lung aus öffent­li­chen Mit­teln an die Pfle­ge­el­tern – bei Zwi­schen­schal­tung eines frei­en Trä­gers der Jugendhilfe

Eine Zah­lung aus öffent­li­chen Mit­teln i.S. des § 3 Nr. 11 Satz 1 EStG an eine Pfle­ge­per­son kann bei Zwi­schen­schal­tung eines frei­en Trä­gers der Jugend­hil­fe nur vor­lie­gen, wenn das zustän­di­ge Jugend­amt weiß, ob und in wel­cher Höhe der freie Trä­ger einen Eigen­an­teil ein­be­hält, dies bil­ligt und ihm gegen den frei­en Trä­ger ein gesetz­li­cher oder ver­trag­li­cher Anspruch zusteht, auf­grund des­sen es eine Rech­nungs­le­gung über die Mit­tel­ver­wen­dung und die Vor­la­ge geeig­ne­ter Nach­wei­se ver­lan­gen kann.

Zah­lung aus öffent­li­chen Mit­teln an die Pfle­ge­el­tern – bei Zwi­schen­schal­tung eines frei­en Trä­gers der Jugendhilfe

Zu den gemäß § 3 Nr. 11 Satz 1 EStG steu­er­frei­en Bei­hil­fen zur Erzie­hung gehö­ren u.a. auch die an Pfle­ge­el­tern für eine Voll­zeit­pfle­ge gemäß § 33 des Ach­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch aus öffent­li­chen Mit­teln gezahl­ten Pfle­ge- und Erzie­hungs­gel­der. Hier­un­ter fal­len auch Erzie­hungs- und Pfle­ge­gel­der, die ‑wie im Streit­fall- an eine Pfle­ge­per­son (die Pfle­ge­mut­ter) gezahlt wer­den, die ein Pfle­ge­kind mit einem beson­de­ren Unter­stüt­zungs­be­darf zeit­lich unbe­fris­tet in den eige­nen Haus­halt auf­nimmt und dort umfas­send in Voll­zeit betreut1.

Öffent­li­che Mit­tel gemäß § 3 Nr. 11 Satz 1 EStG sind sol­che, die aus einem öffent­li­chen Haus­halt stam­men, d.h. haus­halts­mä­ßig als Aus­ga­ben fest­ge­legt und ver­aus­gabt wer­den. Die­se Vor­aus­set­zung ist auch erfüllt, wenn die der­art in einem Haus­halts­plan aus­ge­wie­se­nen Mit­tel nicht unmit­tel­bar aus einer öffent­li­chen Kas­se, son­dern mit­tel­bar über Drit­te gezahlt wer­den, sofern über die Mit­tel nur nach Maß­ga­be der haus­halts­recht­li­chen Vor­schrif­ten ver­fügt wer­den kann und ihre Ver­wen­dung im Ein­zel­nen gesetz­lich gere­gel­ter Kon­trol­le unter­liegt2.

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Der Bun­des­fi­nanz­hof hält an sei­ner frü­her3 geäu­ßer­ten Auf­fas­sung fest, dass zur Kon­kre­ti­sie­rung die­ser Vor­aus­set­zun­gen nicht die Kri­te­ri­en des BMF, Schrei­bens in BStBl I 2018, 1109 maß­geb­lich sind.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist für eine Zah­lung aus öffent­li­chen Mit­teln ent­ge­gen der Auf­fas­sung des BMF, Schrei­bens in BStBl I 2018, 1109 nicht erfor­der­lich, dass die Zah­lun­gen auf Ebe­ne des zwi­schen­ge­schal­te­ten Trä­gers „durch­lau­fen­de Pos­ten“ sind. Die vom BMF gefor­der­te Vor­ge­hens­wei­se, dass das Pfle­ge­geld der Pfle­ge­per­son durch das Jugend­amt zu bewil­li­gen ist und zusätz­lich eine drei­sei­ti­ge Ver­ein­ba­rung zwi­schen der Pfle­ge­per­son, dem Jugend­amt und dem frei­en Trä­ger über die Betreu­ung geschlos­sen wer­den muss, wird von der Recht­spre­chung nicht ver­langt. Der BFH hat bereits ent­schie­den, dass eine Zah­lung aus öffent­li­chen Mit­teln anzu­neh­men sein kann, wenn das Pfle­ge­ver­hält­nis (nur) mit­tels eines zivil­recht­li­chen Pfle­ge­ver­trags begrün­det wird, der ent­we­der zwi­schen dem Jugend­amt und den Pfle­ge­el­tern4 oder zwi­schen dem frei­en Trä­ger und den Pfle­ge­el­tern abge­schlos­sen wird5. Auch hat der BFH die vom BMF für erfor­der­lich gehal­te­ne Voll­macht bis­lang nicht für not­wen­dig erachtet.

Nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs wer­den die Pfle­ge­gel­der im Sin­ne der genann­ten Defi­ni­ti­on nach haus­halts­recht­li­chen Vor­schrif­ten ver­aus­gabt und ist der gesetz­lich gere­gel­ten Kon­trol­le der Mit­tel­ver­wen­dung genügt, wenn der Finanz­be­darf für die zur Betreu­ung erfor­der­li­chen Leis­tun­gen in den Haus­halts­plä­nen des Trä­gers des zustän­di­gen Jugend­amts fest­ge­stellt wird und die Ver­wen­dung der Mit­tel der Rech­nungs­kon­trol­le durch die Jugend­hil­fe­be­hör­de unter­liegt. Gegen­stand der not­wen­di­gen öffent­li­chen Rech­nungs­kon­trol­le ist die Fra­ge, ob die für ein bestimm­tes Kind bewil­lig­ten Jugend­hil­fe­mit­tel an die vom frei­en Trä­ger ver­trag­lich zur Betreu­ung ver­pflich­te­te Pfle­ge­per­son tat­säch­lich abflie­ßen. Es genügt für die erfor­der­li­che Kon­trol­le der zweck­ge­rich­te­ten Mit­tel­ver­aus­ga­bung, wenn die­se Fest­stel­lung der öffent­li­chen Hand anhand ggf. vom frei­en Trä­ger vor­zu­le­gen­der Unter­la­gen mög­lich ist6.

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Die vor­ste­hen­den Kri­te­ri­en sind jedoch kon­kre­ti­sie­rungs­be­dürf­tig. Dem zustän­di­gen Jugend­amt ist die Prü­fung, ob die für ein bestimm­tes Kind bereit­ge­stell­ten Jugend­hil­fe­mit­tel an die Pfle­ge­per­son tat­säch­lich voll­stän­dig abge­flos­sen sind, nur mög­lich, wenn es weiß, ob und in wel­cher Höhe der freie Trä­ger vom bewil­lig­ten Tages­satz einen Eigen­an­teil ein­be­hält, wel­chen (Rest-)Betrag die Pfle­ge­per­son für die Betreu­ung (für Hono­rar, Sach­kos­ten­er­satz und wei­ter­zu­lei­ten­des Taschen- und Beklei­dungs­geld) erhält und es dies bil­ligt. Dies ist anhand geeig­ne­ter Unter­la­gen, etwa in einer Ver­ein­ba­rung zwi­schen dem Jugend­amt und dem frei­en Trä­ger, zu doku­men­tie­ren. Fer­ner besteht eine aus­rei­chen­de Mög­lich­keit des Jugend­amts, die Mit­tel­ver­wen­dung durch den frei­en Trä­ger zu kon­trol­lie­ren, nur, wenn ihm gegen die­sen ein gesetz­li­cher oder ver­trag­li­cher Anspruch zusteht, auf­grund des­sen es eine Rech­nungs­le­gung und die Vor­la­ge geeig­ne­ter Nach­wei­se ver­lan­gen kann. Die Kennt­nis und Bil­li­gung der Hono­rar­ver­ein­ba­rung zwi­schen dem frei­en Trä­ger und der Pfle­ge­per­son sowie der zumin­dest ver­trag­li­che Rech­nungs­le­gungs­kon­troll­an­spruch des Jugend­amts gegen den frei­en Trä­ger müs­sen kumu­la­tiv gege­ben sein.

Auf der Grund­la­ge die­ses Maß­stabs waren die Vor­aus­set­zun­gen für Zah­lun­gen aus öffent­li­chen Mit­teln an die Pfle­ge­mut­ter im hier ent­schie­de­nen Fall nicht erfüllt:

Dem Jugend­amt S war nicht bekannt, wie die der GmbH gezahl­ten Tages­sät­ze in einen Eigen­an­teil der GmbH und die für die Betreu­ung des Kin­des an die Pfle­ge­mut­ter gezahl­ten Mit­tel auf­ge­teilt wur­den. Das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf hat in sei­ner Vor­ent­schei­dung7 fest­ge­stellt, dass bei der Beauf­tra­gung der GmbH durch das Jugend­amt die Höhe der Ver­gü­tung der Pfle­ge­mut­ter zwi­schen der GmbH und der Pfle­ge­mut­ter aus­ge­han­delt wur­de und kei­ner Geneh­mi­gung des Jugend­amts bedurf­te. Die Pfle­ge­mut­ter war nach den wei­te­ren bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt in die Hono­rar­ver­ein­ba­run­gen zwi­schen der GmbH und dem Jugend­amt S nicht ein­be­zo­gen. Eine Abstim­mung zwi­schen ihr, dem Jugend­amt S und der GmbH fand ledig­lich inso­weit statt, als geklärt wer­den muss­te, ob die Pfle­ge­mut­ter auf­grund ihrer bereits bestehen­den engen per­sön­li­chen Bin­dung an das Pfle­ge­kind von der GmbH als Pfle­ge­mut­ter beauf­tragt wer­den durf­te, obwohl sie ange­sichts des kon­kre­ten Betreu­ungs­be­darfs nicht über die erfor­der­li­che und von der GmbH im Regel­fall ver­lang­te berufs­fach­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on ver­füg­te. Ob dem Jugend­amt der erfor­der­li­che gesetz­li­che oder ein ver­trag­li­cher Rech­nungs­le­gungs­an­spruch gegen die GmbH zustand, bedurf­te kei­ner wei­te­ren Aufklärung.

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Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 25. März 2021 – VIII R 37/​19

  1. BFH, Urteil vom 14.07.2020 – VIII R 27/​18, BFHE 270, 113, Rz 22[]
  2. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 249, 1, BStBl II 2017, 432; in BFH/​NV 2015, 960; und vom 05.11.2014 – VIII R 9/​12, BFH/​NV 2015, 967; in BFHE 270, 113, Rz 17; BFH, Beschluss in BFH/​NV 2020, 357; vgl. auch zu § 3 Nr. 58 EStG BFH, Urteil vom 03.07.2019 – VI R 37/​16, BFHE 265, 340, BStBl II 2020, 241, Rz 20[]
  3. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2020, 357[]
  4. z.B. BFH, Urteil in BFHE 249, 1, BStBl II 2017, 432, Rz 26, und BFH, Urteil vom 28.06.1984 – IV R 49/​83, BFHE 141, 154, BStBl II 1984, 571, unter 1.[]
  5. BFH, Urtei­le in BFH/​NV 2015, 967, Rz 34; in BFHE 270, 113, Rz 17, 28[]
  6. BFH, Urteil in BFHE 249, 1, BStBl II 2017, 432, Rz 24, 25, 49, 50[]
  7. FG Düs­sel­dorf, Urteil vom 28. März 2019 – 12 K 3393/​18 E, EFG 2020, 1828[]

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