Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz und die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des Erb­schaft­steu­er­ge­set­zes 2009

Die Voll­zie­hung eines auf § 19 Abs. 1 ErbStG ab 2009 beru­hen­den Erb­schaft­steu­er­be­scheids ist wegen des beim BVerfG anhän­gi­gen Nor­men­kon­troll­ver­fah­rens 1 auf Antrag des Steu­er­pflich­ti­gen aus­zu­set­zen oder auf­zu­he­ben, wenn ein berech­tig­tes Inter­es­se des Steu­er­pflich­ti­gen an der Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes besteht. Ein berech­tig­tes Inter­es­se liegt jeden­falls vor, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge man­gels des Erwerbs liqui­der Mit­tel (wie z.B. Bar­geld, Bank­gut­ha­ben, mit dem Able­ben des Erb­las­sers fäl­li­ge Ver­si­che­rungs­for­de­run­gen) zur Ent­rich­tung der fest­ge­setz­ten Erb­schaft­steu­er eige­nes Ver­mö­gen ein­set­zen oder die erwor­be­nen Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de ver­äu­ßern oder belas­ten muss.

Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz und die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des Erb­schaft­steu­er­ge­set­zes 2009

An der Recht­spre­chung, nach der eine Aus­set­zung bzw. Auf­he­bung der Voll­zie­hung nicht zu gewäh­ren ist, wenn zu erwar­ten ist, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ledig­lich die Unver­ein­bar­keit eines Geset­zes mit dem Grund­ge­setz aus­spre­chen und dem Gesetz­ge­ber ledig­lich eine Nach­bes­se­rungs­pflicht für die Zukunft auf­ge­ben wird, hält der Bun­des­fi­nanz­hof nicht mehr fest.

AdV wegen des anhän­gi­gen Nor­men­kon­troll­ver­fah­rens zum ErbStG 2009

Antrag­stel­le­rin in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen AdV-Ver­fah­ren ist die geschie­de­ne Ehe­frau des im Sep­tem­ber 2011 ver­stor­be­nen Erb­las­sers. Auf­grund eines Ver­mächt­nis­ses des Erb­las­sers erhält sie auf Lebens­zeit eine monat­li­che Ren­te von 2.700 €. Die hier­für anfal­len­de Erb­schaft­steu­er in Höhe von 71.000 € ent­rich­te­te die Antrag­stel­le­rin Ende 2012. Das Finanz­amt und das Finanz­ge­richt lehn­ten es ab, die Voll­zie­hung des Erb­schaft­steu­er­be­scheids auf­zu­he­ben und die Erb­schaft­steu­er vor­läu­fig an die Antrag­stel­le­rin zu erstat­ten.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat die Voll­zie­hung des Erb­schaft­steu­er­be­scheids mit Wir­kung ab Fäl­lig­keit der Erb­schaft­steu­er auf­ge­ho­ben, bis das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in dem bei ihm anhän­gi­gen Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren 1 über die Ver­fas­sungs­ge­mäß­hiet des § 19 Abs. 1 ErbStG ent­schie­den hat. Maß­ge­bend hier­für war, dass der Bun­des­fi­nanz­hof die als ver­fas­sungs­wid­rig ange­se­he­ne Vor­schrift bereits dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Prü­fung der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit vor­ge­legt hat und im Streit­fall ein berech­tig­tes Inter­es­se an der Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes besteht. Kann ein Erwer­ber die Erb­schaft­steu­er nicht bzw. nicht ohne wei­te­re, ggf. auch ver­lust­brin­gen­de Dis­po­si­tio­nen aus dem Erwerb beglei­chen, ist ihm wegen des anhän­gi­gen Nor­men­kon­troll­ver­fah­rens nicht zuzu­mu­ten, die Erb­schaft­steu­er vor­läu­fig zu ent­rich­ten. Gehö­ren dage­gen zu dem der Erb­schaft­steu­er unter­lie­gen­den Erwerb auch ver­füg­ba­re Zah­lungs­mit­tel, die zur Ent­rich­tung der Erb­schaft­steu­er ein­ge­setzt wer­den kön­nen, fehlt regel­mä­ßig ein vor­ran­gi­ges Inter­es­se des Steu­er­pflich­ti­gen an der Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes.

An der Recht­mä­ßig­keit des ange­foch­te­nen Erb­schaft­steu­er­be­scheids bestehen für­den Bun­des­fi­nanz­hof ernst­li­che Zwei­fel i.S. von § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO.

Nach § 69 Abs. 3 Satz 1 i.V.m. Abs. 2 Satz 2 FGO hat das Gericht der Haupt­sa­che die Voll­zie­hung eines ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes ganz oder teil­wei­se aus­zu­set­zen, wenn ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des Ver­wal­tungs­ak­tes bestehen. Ernst­li­che Zwei­fel sind zu beja­hen, wenn bei sum­ma­ri­scher Prü­fung des ange­foch­te­nen Steu­er­be­scheids neben den für sei­ne Recht­mä­ßig­keit spre­chen­den Umstän­den gewich­ti­ge Grün­de zuta­ge tre­ten, die Unent­schie­den­heit oder Unsi­cher­heit in der Beur­tei­lung von Rechts­fra­gen bewir­ken 2. Im Fal­le eines bereits voll­zo­ge­nen Ver­wal­tungs­ak­tes ist die Voll­zie­hung wie­der auf­zu­he­ben (§ 69 Abs. 3 Satz 3 FGO).

Im Streit­fall bestehen ernst­li­che Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Tarif­vor­schrift des § 19 Abs. 1 ErbStG. Beim BVerfG ist unter dem Az. 1 BvL 21/​12 ein Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren zu der Fra­ge anhän­gig, ob die Vor­schrift des § 19 Abs. 1 ErbStG i.V.m. §§ 13a und 13b ErbStG wegen Ver­sto­ßes gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz (Art. 3 Abs. 1 GG) ver­fas­sungs­wid­rig ist, weil die in §§ 13a und 13b ErbStG vor­ge­se­he­nen Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen in wesent­li­chen Teil­be­rei­chen von gro­ßer finan­zi­el­ler Trag­wei­te über das ver­fas­sungs­recht­lich gerecht­fer­tig­te Maß hin­aus­ge­hen und dadurch die Steu­er­pflich­ti­gen, die die Ver­güns­ti­gun­gen nicht bean­spru­chen kön­nen, in ihrem Recht auf eine gleich­mä­ßi­ge, der Leis­tungs­fä­hig­keit ent­spre­chen­de und fol­ge­rich­ti­ge Besteue­rung ver­letzt wer­den 3.

Das Inter­es­se der Antrag­stel­le­rin an der Auf­he­bung der Voll­zie­hung ist gegen­über dem öffent­li­chen Inter­es­se am Voll­zug des Erb­schaft­steu­er­ge­set­zes vor­ran­gig.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung setzt eine Auf­he­bung der Voll­zie­hung, die mit ernst­li­chen Zwei­feln an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer dem ange­foch­te­nen Steu­er­be­scheid zugrun­de lie­gen­den Geset­zes­vor­schrift begrün­det wird, vor­aus, dass nach den Umstän­den des Ein­zel­fal­les ein beson­de­res berech­tig­tes Inter­es­se des Antrag­stel­lers an der Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes besteht, dem der Vor­rang vor dem öffent­li­chen Inter­es­se am Voll­zug des Geset­zes zukommt 4.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die­ser Recht­spre­chung im Grund­satz zuge­stimmt 5. In neue­ren Ent­schei­dun­gen hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fra­ge, ob die Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs 6 in jeder Hin­sicht mit Art.19 Abs. 4 GG ver­ein­bar ist, wegen der feh­len­den Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit offen gelas­sen 7.

Bei der Prü­fung, ob ein berech­tig­tes Inter­es­se des Steu­er­pflich­ti­gen an der Aus­set­zung bzw. der Auf­he­bung der Voll­zie­hung eines Steu­er­be­scheids vor­liegt, ist das indi­vi­du­el­le Inter­es­se des Steu­er­pflich­ti­gen mit den gegen die Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes spre­chen­den öffent­li­chen Belan­gen abzu­wä­gen. Dabei kommt es maß­geb­lich einer­seits auf die Bedeu­tung und die Schwe­re des durch die Voll­zie­hung des ange­foch­te­nen Steu­er­be­scheids ein­tre­ten­den Ein­griffs beim Steu­er­pflich­ti­gen und ande­rer­seits auf die Aus­wir­kun­gen einer Aus­set­zung bzw. Auf­he­bung der Voll­zie­hung auf den Geset­zes­voll­zug und das öffent­li­che Inter­es­se an einer geord­ne­ten Haus­halts­füh­rung an 8.

Aller­dings hat der Bun­des­fi­nanz­hof in Fäl­len, in denen die ernst­li­chen Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des Ver­wal­tungs­ak­tes auf Beden­ken gegen die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer dem Ver­wal­tungs­akt zugrun­de lie­gen­den Geset­zes­vor­schrift beru­hen, in ver­schie­de­nen Fall­grup­pen dem Aus­set­zungs­in­ter­es­se des Steu­er­pflich­ti­gen den Vor­rang vor den öffent­li­chen Inter­es­sen ein­ge­räumt 9. Dazu zählt auch der Fall, dass der BFH die vom Antrag­stel­ler als ver­fas­sungs­wid­rig ange­se­he­ne Vor­schrift bereits dem BVerfG gemäß Art. 100 Abs. 1 GG zur Prü­fung der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit vor­ge­legt hat 10.

Bis zur Ent­schei­dung des BVerfG ist zwar unge­wiss, ob die­ses die Vor­schrift als ver­fas­sungs­wid­rig beur­tei­len und im Fall einer Ver­fas­sungs­wid­rig­keit für nich­tig oder (nur) für mit dem GG unver­ein­bar erklä­ren wird und wel­che Rechts­fol­ge es hier­aus zie­hen wird. Jedoch hat der BFH vor­läu­fi­gen Rechts­schutz auf der Basis sei­ner, der Vor­la­ge zugrun­de lie­gen­den Rechts­auf­fas­sung zu gewäh­ren 11. Eine Ein­schrän­kung des vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes bei Ver­fas­sungs­ver­stö­ßen, von denen das Gericht über­zeugt ist, gegen­über dem bei sons­ti­gen Rechts­ver­stö­ßen zu gewäh­ren­den vor­läu­fi­gen Rechts­schutz ist dem recht­su­chen­den Steu­er­pflich­ti­gen im Hin­blick auf sei­nen Anspruch auf effek­ti­ven Rechts­schutz (Art.19 Abs. 4 GG) nicht zuzu­mu­ten 12. Mit dem Begeh­ren nach vor­läu­fi­gem Rechts­schutz muss der Steu­er­pflich­ti­ge auch in Kauf neh­men, dass bei einer Erfolg­lo­sig­keit des Ein­spruchs oder der Kla­ge gegen den Steu­er­be­scheid Aus­set­zungs­zin­sen nach § 237 AO anfal­len, die für jeden Monat ein hal­bes Pro­zent betra­gen (§ 238 Abs. 1 Satz 1 AO).

Ist –wie bei der Erb­schaft­steu­er– die dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Prü­fung vor­ge­leg­te Vor­schrift aller­dings eine Tarif­norm, muss im Rah­men der Inter­es­sens­ab­wä­gung auch berück­sich­tigt wer­den, dass in die­sem Fall die Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes prak­tisch zu einer einst­wei­li­gen Nicht­er­he­bung der gesam­ten Steu­er füh­ren kann. Die Kom­pe­tenz, den Voll­zug eines Geset­zes aus­zu­set­zen, steht aber nach § 32 Abs. 1 des Geset­zes über das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt allein dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu, das von die­ser Mög­lich­keit nur bei Vor­lie­gen beson­ders gewich­ti­ger Grün­de Gebrauch machen darf 13. Den­noch hat ein Steu­er­pflich­ti­ger auch in einem sol­chen Fall Anspruch auf effek­ti­ven Rechts­schutz. Nur in Aus­nah­me­fäl­len kön­nen über­wie­gen­de öffent­li­che Belan­ge es recht­fer­ti­gen, den Rechts­schutz­an­spruch des Grund­rechts­trä­gers einst­wei­len zurück­zu­stel­len 14.

Nach­dem zur Prü­fung der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des § 19 Abs. 1 ErbStG i.V.m. §§ 13a und 13b ErbStG auf­grund des Vor­la­ge­be­schlus­ses des Bun­des­fi­nanz­hofs 15 ein Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren beim BVerfG anhän­gig ist, ist die Voll­zie­hung eines auf § 19 Abs. 1 ErbStG beru­hen­den Erb­schaft­steu­er­be­scheids auf Antrag des Steu­er­pflich­ti­gen aus­zu­set­zen oder auf­zu­he­ben, wenn ein berech­tig­tes Inter­es­se des Steu­er­pflich­ti­gen an der Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes besteht. Ein berech­tig­tes Inter­es­se liegt jeden­falls vor, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge man­gels des Erwerbs liqui­der Mit­tel (wie z.B. Bar­geld, Bank­gut­ha­ben, mit dem Able­ben des Erb­las­sers fäl­li­ge Ver­si­che­rungs­for­de­run­gen) zur Ent­rich­tung der fest­ge­setz­ten Erb­schaft­steu­er eige­nes Ver­mö­gen ein­set­zen oder die erwor­be­nen Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de ver­äu­ßern oder belas­ten muss. In die­sen Fäl­len kann der Erwer­ber die Erb­schaft­steu­er nicht bzw. nicht ohne wei­te­re, ggf. auch ver­lust­brin­gen­de Dis­po­si­tio­nen aus dem Erwerb beglei­chen. Es ist ihm hier des­halb nicht zuzu­mu­ten, die Erb­schaft­steu­er vor­läu­fig zu ent­rich­ten. Wegen des vor­ran­gi­gen Inter­es­ses des Steu­er­pflich­ti­gen steht der Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes nicht ent­ge­gen, dass das Erb­schaft­steu­er­ge­setz als for­mell zustan­de gekom­me­nes Gesetz bis zu einer gegen­tei­li­gen Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts Gel­tung bean­sprucht und von den Behör­den und Gerich­ten anzu­wen­den ist.

Gehö­ren dage­gen zu dem der Erb­schaft­steu­er unter­lie­gen­den Erwerb auch ver­füg­ba­re Zah­lungs­mit­tel, die zur Ent­rich­tung der Erb­schaft­steu­er ein­ge­setzt wer­den kön­nen, fehlt regel­mä­ßig ein vor­ran­gi­ges Inter­es­se des Steu­er­pflich­ti­gen an der Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes. Durch die Beglei­chung der Erb­schaft­steu­er ver­min­dern sich ledig­lich die dem Steu­er­pflich­ti­gen mit dem Erwerb zuge­flos­se­nen Zah­lungs­mit­tel, so dass die vor­läu­fi­ge Zah­lung der Erb­schaft­steu­er dem Steu­er­pflich­ti­gen zuzu­mu­ten ist.

Im Streit­fall ist das Inter­es­se der Antrag­stel­le­rin an der Auf­he­bung der Voll­zie­hung des Erb­schaft­steu­er­be­scheids gegen­über dem öffent­li­chen Inter­es­se am Voll­zug des ErbStG vor­ran­gig.

Die Antrag­stel­le­rin konn­te die fest­ge­setz­te Erb­schaft­steu­er von 71.000 € bei Fäl­lig­keit nicht aus den ihr zu die­sem Zeit­punkt zuge­flos­se­nen Ren­ten­zah­lun­gen von monat­lich 2.700 € ent­rich­ten. Wegen des Ansat­zes der Ren­te nach § 12 Abs. 1 ErbStG i.V.m. § 14 Abs. 1 des Bewer­tungs­ge­set­zes mit dem Kapi­tal­wert war ein Erwerb nach § 3 Abs. 1 Nr. 1 ErbStG in Höhe von 342.015 € (Jah­res­wert der Ren­te 32.400 € x Ver­viel­fäl­ti­ger 10,556) zu besteu­ern. Die dafür fest­ge­setz­te Erb­schaft­steu­er über­stieg zum Zeit­punkt der Fäl­lig­keit die Ren­ten­zah­lun­gen, die die Antrag­stel­le­rin bis dahin für die Zeit nach dem Able­ben des E (im Sep­tem­ber 2011) erhal­ten hat­te. Die Ren­ten­zah­lun­gen dien­ten im Übri­gen –nach dem unbe­strit­te­nen Vor­trag der Antrag­stel­le­rin im Ein­spruchs­ver­fah­ren– der Bestrei­tung ihres Lebens­un­ter­halts, so dass die Antrag­stel­le­rin den Zah­lungs­ein­gang von vorn­her­ein allen­falls nur in einem hier zu ver­nach­läs­si­gen­den Umfang zur Beglei­chung der Erb­schaft­steu­er ver­wen­den konn­te. Die Erb­schaft­steu­er muss­te über­wie­gend aus eige­nen Mit­teln der Antrag­stel­le­rin ent­rich­tet wer­den. Im Hin­blick dar­auf ist der­zeit ein berech­tig­tes Inter­es­se der Antrag­stel­le­rin an der Auf­he­bung der Voll­zie­hung des Erb­schaft­steu­er­be­scheids auch inso­weit gege­ben, als sie in der Zeit ab Fäl­lig­keit der Erb­schaft­steu­er bis zur Ent­schei­dung über die Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes wei­ter­hin Ren­ten­zah­lun­gen erhal­ten hat. Dies schließt einen spä­te­ren Ände­rungs­an­trag nach § 69 Abs. 6 Satz 2 FGO nicht aus.

Der Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes kann nicht ent­ge­gen gehal­ten wer­den, dass die Antrag­stel­le­rin das Wahl­recht nach § 23 ErbStG hät­te aus­üben kön­nen.

Nach § 23 Abs. 1 Satz 1 ErbStG kön­nen Steu­ern, die von dem Kapi­tal­wert von Ren­ten zu ent­rich­ten sind, nach Wahl des Erwer­bers statt vom Kapi­tal­wert jähr­lich im Vor­aus von dem Jah­res­wert ent­rich­tet wer­den. Durch das Wahl­recht soll die unbil­li­ge Här­te abge­mil­dert wer­den, die sich aus der Besteue­rung von Ren­ten mit dem Kapi­tal­wert ergibt, wenn dem Erwer­ber zur Beglei­chung der hohen Steu­er die liqui­den Mit­tel feh­len 16. Das Wahl­recht ist jedoch mit dem Nach­teil ver­bun­den, dass die Erb­schaft­steu­er in die­sem Fall nach der wirk­li­chen und nicht nach der auf der Wahr­schein­lich­keits­rech­nung beru­hen­den Lebens­dau­er erho­ben wird; lebt der Berech­tig­te län­ger als es der Wahr­schein­lich­keits­rech­nung ent­spricht, so ist die Gesamt­be­las­tung höher 17. Zudem muss auch bei Aus­übung die­ses Wahl­rechts die Erb­schaft­steu­er jähr­lich im Vor­aus begli­chen wer­den. Der Antrag­stel­le­rin muss des­halb die Ent­schei­dung über­las­sen blei­ben, ob sie das gesetz­li­che Wahl­recht in Anspruch nimmt oder nicht. Allein das Bestehen des ein­fach­ge­setz­li­chen Wahl­rechts nach § 23 ErbStG kann nicht dazu füh­ren, das grund­ge­setz­lich geschütz­te Recht der Antrag­stel­le­rin auf effek­ti­ven Rechts­schutz nach Art.19 Abs. 4 GG ein­zu­schrän­ken. Der Antrag­stel­le­rin ste­hen bei­de Rech­te glei­cher­ma­ßen zu.

Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz und die pro­gnos­ti­zier­te Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts

Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz ist, wie der Bun­des­fi­nanz­hof nun­mehr – in Abwei­chung von sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung – aus­drück­lich fest­stellt, unab­hän­gig davon zu gewäh­ren, wel­che Ent­schei­dung vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der vor­ge­leg­ten Norm zu erwar­ten ist. Ist ein qua­li­fi­zier­tes Inter­es­se des Steu­er­pflich­ti­gen an der Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes vor­han­den, muss es im Hin­blick auf Art. 19 Abs. 4 GG auch effek­tiv durch­setz­bar sein und darf nicht des­halb leer­lau­fen, weil das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in einem Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren mög­li­cher­wei­se eine Wei­ter­gel­tung ver­fas­sungs­wid­ri­ger Nor­men für einen bestimm­ten Zeit­raum anord­net.

Soweit der Bun­des­fi­nanz­hof bis­her vor­läu­fi­gen Rechts­schutz ver­sagt hat, wenn zu erwar­ten ist, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ledig­lich die Unver­ein­bar­keit eines Geset­zes mit dem Grund­ge­setz aus­spre­chen und dem Gesetz­ge­ber eine Nach­bes­se­rungs­pflicht für die Zukunft auf­ge­ben wird 18, wird dar­an im Hin­blick auf die geäu­ßer­te Kri­tik 19 nicht mehr fest­ge­hal­ten.

Es ist nicht gerecht­fer­tigt, auf­grund einer Pro­gno­se über die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vor­läu­fi­gen Rechts­schutz gene­rell aus­zu­schlie­ßen. Ist ein qua­li­fi­zier­tes Inter­es­se des Steu­er­pflich­ti­gen an der Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes vor­han­den, muss es im Hin­blick auf Art.19 Abs. 4 GG auch effek­tiv durch­setz­bar sein und darf nicht des­halb leer­lau­fen, weil das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mög­li­cher­wei­se in einem Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren eine Wei­ter­gel­tung ver­fas­sungs­wid­ri­ger Nor­men anord­net. Aus die­sem Grund ist auch im Streit­fall eine Auf­he­bung der Voll­zie­hung unab­hän­gig davon zu gewäh­ren, ob das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in dem bei ihm anhän­gi­gen Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren 20 für den Fall, dass es zu der Über­zeu­gung gelangt, § 19 Abs. 1 ErbStG sei mit dem GG unver­ein­bar, die Norm für nich­tig erklärt oder wie­der­um eine zeit­lich beschränk­te Wei­ter­gel­tung anord­net. Soll­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eine sol­che Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung tref­fen und dem Gesetz­ge­ber eine Neu­re­ge­lung auf­ge­ben, besteht auch die Mög­lich­keit, dass die Neu­re­ge­lung des ErbStG den Steu­er­pflich­ti­gen, deren Erwer­be zeit­lich von der Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung erfasst wer­den, ein Wahl­recht auf Anwen­dung des neu­en Rechts ein­räumt.

Sicher­heits­leis­tung

Die Voll­zie­hung des Erb­schaft­steu­er­be­scheids war ohne Sicher­heits­leis­tung auf­zu­he­ben.

Nach § 69 Abs. 3 Satz 3 FGO kann die Auf­he­bung der Voll­zie­hung auch gegen Sicher­heit ange­ord­net wer­den. Durch die Ver­knüp­fung mit einer Sicher­heits­leis­tung sol­len Steu­er­aus­fäl­le bei einem für den Steu­er­pflich­ti­gen ungüns­ti­gen Ver­fah­rens­aus­gang ver­mie­den wer­den. Die Voll­zie­hung eines ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes ist regel­mä­ßig ohne Sicher­heits­leis­tung aus­zu­set­zen, wenn sei­ne Recht­mä­ßig­keit ernst­lich zwei­fel­haft ist und kei­ne kon­kre­ten Anhalts­punk­te dafür bestehen, dass bei einem Unter­lie­gen des Antrag­stel­lers im Haupt­sa­che­ver­fah­ren die Durch­set­zung des Steu­er­an­spruchs gefähr­det wäre 21. Im Streit­fall gibt es kei­ne Anzei­chen dafür, dass die Antrag­stel­le­rin nicht über eine gesi­cher­te Ver­mö­gens­la­ge ver­fügt und daher die Gefahr eines Steu­er­aus­falls besteht.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 21. Novem­ber 2013 – II B 46/​13

  1. BVerfG – 1 BvL 21/​12[][]
  2. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Beschluss vom 03.04.2013 – V B 125/​12, BFHE 240, 447, m.w.N.[]
  3. vgl. BFH, Vor­la­ge­be­schluss vom 27.09.2012 – II R 9/​11, BFHE 238, 241, BSt­Bl II 2012, 899[]
  4. vgl. BFH, Beschlüs­se in BFHE 228, 149, BSt­Bl II 2010, 558; vom 21.05.2010 – IV B 88/​09, BFH/​NV 2010, 1613; vom 09.03.2012 – VII B 171/​11, BFHE 236, 206, BSt­Bl II 2012, 418; vom 13.03.2012 – I B 111/​11, BFHE 236, 501, BSt­Bl II 2012, 611; vom 09.05.2012 – I B 18/​12, BFH/​NV 2012, 1489; vom 18.06.2012 – II B 17/​12, BFH/​NV 2012, 1652; Erfor­der­nis eines berech­tig­ten Inter­es­ses offen gelas­sen: BFH-Beschlüs­se vom 23.08.2007 – VI B 42/​07, BFHE 218, 558, BSt­Bl II 2007, 799; und vom 25.08.2009 – VI B 69/​09, BFHE 226, 85, BSt­Bl II 2009, 826[]
  5. BVerfG, Beschlüs­se vom 06.04.1988 – 1 BvR 146/​88, StRK, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 69, Rechts­spruch 283; vom 03.04.1992 2 BvR 283/​92, HFR 1992, 726; kri­tisch inso­weit Nds. FG, Beschluss vom 06.01.2011 7 – V 66/​10, EFG 2011, 827; Gosch in Beermann/​Gosch, FGO, § 69 Rz 179 ff.; Gräber/​Koch, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Aufl., § 69 Rz 113; Schall­mo­ser, DStR 2010, 297 ff.; Seer in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 69 FGO Rz 97; Spe­cker, Deut­sche Steu­er-Zei­tung 2010, 800, 802 f.; ein­schrän­kend auch FG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 13.10.2011 12 – V 12089/​11, EFG 2012, 358[]
  6. in BFHE 228, 149, BSt­Bl II 2010, 558[]
  7. BVerfG, Beschlüs­se vom 24.10.2011 – 1 BvR 1848/​11, 1 BvR 2162/​11, HFR 2012, 89; und vom 06.05.2013 – 1 BvR 821/​13, HFR 2013, 639[]
  8. BFH, Beschlüs­se in BFHE 228, 149, BSt­Bl II 2010, 558; in BFHE 236, 206, BSt­Bl II 2012, 418; in BFHE 236, 501, BSt­Bl II 2012, 611; in BFH/​NV 2012, 1489[]
  9. vgl. BFH, Beschluss in BFHE 228, 149, BSt­Bl II 2010, 558, m.w.N.[]
  10. vgl. BFH, Beschlüs­se in BFHE 228, 149, BSt­Bl II 2010, 558; und vom 23.04.2012 – III B 187/​11, BFH/​NV 2012, 1328, jeweils m.w.N.[]
  11. vgl. BFH, Beschluss vom 22.12.2003 – IX B 177/​02, BFHE 204, 39, BSt­Bl II 2004, 367, m.w.N.[]
  12. vgl. BFH, Beschluss in BFHE 204, 39, BSt­Bl II 2004, 367[]
  13. BVerfG, Beschluss vom 22.05.2001 – 2 BvQ 48/​00, BVerfGE 104, 23, 27 f.[]
  14. vgl. BVerfG, Beschluss in StRK, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 69, Rechts­spruch 283[]
  15. BFH, Beschluss in BFHE 238, 241, BSt­Bl II 2012, 899[]
  16. vgl. Schuck in Viskorf/​Knobel/​Schuck, Erb­schaft­steu­er- und Schen­kungsteu­er­ge­setz, Bewer­tungs­ge­setz, 4. Aufl., § 23 ErbStG Rz 1[]
  17. vgl. Schuck, a.a.O., § 23 ErbStG Rz 16[]
  18. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 11.06.1986 – II B 49/​83, BFHE 146, 474, BSt­Bl II 1986, 782; vom 11.09.1996 – II B 32/​96, BFH/​NV 1997, 270; in BFHE 202, 380, BSt­Bl II 2003, 807; vom 05.04.2011 – II B 153/​10, BFHE 232, 380, BSt­Bl II 2011, 942; vom 04.05.2011 – II B 151/​10, BFH/​NV 2011, 1395[]
  19. vgl. Seer, a.a.O., § 69 FGO Rz 96; der­sel­be, DStR 2012, 325, 328 f.; Gosch, a.a.O., § 69 Rz 180.1; Gräber/​Koch, a.a.O., § 69 Rz 113; Anwen­dung offen gelas­sen: BFH, Beschlüs­se in BFHE 236, 501, BSt­Bl II 2012, 611; und in BFH/​NV 2012, 1489[]
  20. BVerfG – 1 BvR 21/​12[]
  21. BFH, Beschluss vom 12.09.2011 – VIII B 70/​09, BFH/​NV 2012, 229, Rz 21[]