Hin­weis­pflich­ten eines Steu­er­be­ra­ters – und der Regreß gegen den frü­he­ren Steu­er­be­ra­ter

Eine rechts­ver­let­zen­de Dau­er­hand­lung (hier das unbe­fug­te öffent­li­che Zugäng­lich­ma­chen von Foto­gra­fi­en im Inter­net) ist zur Bestim­mung des Beginns der Ver­jäh­rung gedank­lich in Ein­zel­hand­lun­gen (also in Tage) auf­zu­spal­ten, für die jeweils eine geson­der­te Ver­jäh­rungs­frist läuft.Ein Steu­er­be­ra­ter, der mit der Ver­tre­tung im Ver­fah­ren über einen Ein­spruch gegen einen Steu­er­be­scheid beauf­tragt ist, ist nicht ver­pflich­tet, sei­nen Man­dan­ten auf einen mög­li­chen Regress­an­spruch gegen einen frü­he­ren Steu­er­be­ra­ter und auf die dro­hen­de Ver­jäh­rung eines sol­chen Anspruchs hin­zu­wei­sen.

Hin­weis­pflich­ten eines Steu­er­be­ra­ters – und der Regreß gegen den frü­he­ren Steu­er­be­ra­ter

Wel­che Auf­ga­ben der Steu­er­be­ra­ter zu erfül­len hat, rich­tet sich nach Inhalt und Umfang des erteil­ten Man­dats 1. Das all­ge­mei­ne Man­dat der Steu­er­be­ra­ter erstreck­te sich auf die Erstel­lung der Buch­hal­tung, der Jah­res­ab­schlüs­se und der Steu­er­erklä­run­gen. Dar­über hin­aus­ge­hen­de Leis­tun­gen bedurf­ten eines beson­de­ren Auf­trags. Einen sol­chen beson­de­ren Auf­trag hat der Man­dant der Steu­er­be­ra­ter erteilt, als er sie man­da­tier­te, gegen die Fest­stel­lungs­be­schei­de vom 01.03.2002 Ein­spruch ein­zu­le­gen. Nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts beauf­trag­te der Man­dant die Steu­er­be­ra­tungs­ge­sell­schaft hin­ge­gen nicht aus­drück­lich mit der Prü­fung von Regress­an­sprü­chen gegen sei­nen steu­er­li­chen Vor­be­ra­ter. Dies wird von der Revi­si­on nicht ange­grif­fen.

Eine Ver­pflich­tung der Steu­er­be­ra­ter, den Man­dan­ten auf einen Regress­an­spruch gegen sei­nen Vor­be­ra­ter hin­zu­wei­sen, ergibt sich auch nicht aus den all­ge­mei­nen ver­trag­li­chen Pflich­ten eines Steu­er­be­ra­ters. Die­ser ist ver­pflich­tet, sich mit den steu­er­recht­li­chen Punk­ten zu befas­sen, die zur pflicht­ge­mä­ßen Erle­di­gung des ihm erteil­ten Auf­trags zu beach­ten sind. In den durch sei­nen Auf­trag gezo­ge­nen Gren­zen hat er den Auf­trag­ge­ber auch unge­fragt über die bei der Bear­bei­tung auf­tau­chen­den steu­er­recht­li­chen Fra­gen zu beleh­ren. Zu den ver­trag­li­chen Neben­pflich­ten des Steu­er­be­ra­ters gehört es, den Man­dan­ten vor Scha­den zu bewah­ren und auf Fehl­ent­schei­dun­gen, die für ihn offen zuta­ge lie­gen, hin­zu­wei­sen 2.

Zu den danach bestehen­den ver­trag­li­chen Pflich­ten eines Steu­er­be­ra­ters gehört es – anders als bei einem Rechts­an­walt – grund­sätz­lich nicht, den Man­dan­ten auf mög­li­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen sei­nen Vor­gän­ger hin­zu­wei­sen 3. Die Ver­trags­pflich­ten eines Steu­er­be­ra­ters beschrän­ken sich in der Regel auf das Steu­er­recht (§§ 13, 33 StBerG); eine geschäfts­mä­ßi­ge Besor­gung ande­rer Rechts­an­ge­le­gen­hei­ten ein­schließ­lich der Rechts­be­ra­tung ist ihm nach dem hier noch anwend­ba­ren Art. 1 §§ 1, 4 Abs. 3 RBerG grund­sätz­lich unter­sagt 4. Auf die steu­er­recht­li­che Sei­te frü­he­rer Ent­schei­dun­gen bezieht sich auch die in der Recht­spre­chung aner­kann­te Neben­pflicht des Steu­er­be­ra­ters, sei­nen Man­dan­ten auf offen zu Tage lie­gen­de Fehl­ent­schei­dun­gen hin­zu­wei­sen 5. Eine Pflicht des Steu­er­be­ra­ters, den Man­dan­ten auf zivil­recht­li­che Regress­mög­lich­kei­ten hin­zu­wei­sen, kann dar­aus nicht abge­lei­tet wer­den.

Der Umstand, dass die Steu­er­be­ra­tungs­ge­sell­schaft im Streit­fall beauf­tragt war, den Man­dan­ten im Ein­spruchs­ver­fah­ren gegen die geän­der­ten Fest­stel­lungs­be­schei­de vom 01.03.2002 zu ver­tre­ten, recht­fer­tigt kei­ne ande­re Beur­tei­lung.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat mit Urteil vom 29.04.1993 6 ent­schie­den, dass ein Rechts­an­walt, des­sen Man­dat nicht auf eine umfas­sen­de Bera­tung gerich­tet, son­dern auf die Ver­tre­tung in einem Finanz­rechts­streit beschränkt ist, gleich­wohl ver­pflich­tet ist, sei­nen Auf­trag­ge­ber auf die dro­hen­de Ver­jäh­rung von Ansprü­chen gegen den Steu­er­be­ra­ter hin­zu­wei­sen, wenn für ihn ersicht­lich ist, dass bei einem Ver­lust des Pro­zes­ses Ansprü­che gegen die­sen in Betracht kom­men und der Auf­trag­ge­ber inso­weit nicht ander­wei­tig bera­ten wird 7. Die Ent­schei­dung stellt klar, dass die auch sonst bestehen­de Pflicht des Rechts­an­walts, auf eine Regress­mög­lich­keit hin­zu­wei­sen, durch die Beschrän­kung des Man­dats auf eine Pro­zess­füh­rung kei­ne Ein­schrän­kung erfährt.

Für die Pflich­ten eines Steu­er­be­ra­ters, des­sen Man­dat auf die Ver­tre­tung in einem Steu­er­ver­wal­tungs- oder finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren gerich­tet ist, kann dar­aus schon des­halb nichts abge­lei­tet wer­den, weil ein Steu­er­be­ra­ter – anders als ein Rechts­an­walt – auch bei einem umfas­sen­den Man­dat grund­sätz­lich nicht zu Hin­wei­sen auf zivil­recht­li­che Regress­mög­lich­kei­ten ver­pflich­tet ist. Auch die Beson­der­hei­ten eines Man­dats zur Ver­tre­tung in einem Ver­wal­tungs- oder gericht­li­chen Ver­fah­ren recht­fer­ti­gen in die­ser Hin­sicht kei­ne Gleich­stel­lung der Pflich­ten eines Steu­er­be­ra­ters mit den­je­ni­gen eines Rechts­an­walts 8. Steu­er­be­ra­ter sind berech­tigt, geschäfts­mä­ßig ihre Man­dan­ten in Steu­er­ver­wal­tungs­ver­fah­ren und Finanz­ge­richts­strei­tig­kei­ten zu ver­tre­ten (§ 33 Satz 1 StBerG, § 80 Abs. 1 AO, § 62 Abs. 2 FGO). Dadurch soll auf dem Gebiet des Steu­er­rechts eine sach­ge­mä­ße, die Inter­es­sen des Rechts­su­chen­den wah­ren­de Ver­tre­tung gewähr­leis­tet wer­den. Ein ent­spre­chen­des Man­dat begrün­det jedoch nicht die glei­chen Pflich­ten wie ein Auf­trag, der einem Rechts­an­walt erteilt wird. Unter­schie­de bestehen ins­be­son­de­re bei den Neben­pflich­ten des Man­dats. Ein Rechts­an­walt ist ver­pflich­tet, die Inter­es­sen sei­nes Man­dan­ten in den Gren­zen des erteil­ten Man­dats nach jeder Rich­tung wahr­zu­neh­men. Auch wenn sein Auf­trag auf die Pro­zess­füh­rung beschränkt ist, darf er die Pro­zess­füh­rung nicht iso­liert von den übri­gen Inter­es­sen des Auf­trag­ge­bers sehen. Viel­mehr hat er die mit dem Rechts­streit unmit­tel­bar zusam­men­hän­gen­den recht­li­chen und wirt­schaft­li­chen Belan­ge sei­ner Par­tei mit zu berück­sich­ti­gen und dar­auf zu ach­ten, dass ihr nicht inso­weit durch ein Ver­säum­nis wäh­rend des Pro­zes­ses Nach­tei­le ent­ste­hen 9. Ein mit der Ver­tre­tung beauf­trag­ter Steu­er­be­ra­ter hat die steu­er­li­chen Inter­es­sen sei­nes Man­dan­ten im Rah­men des Man­dats eben­falls umfas­send wahr­zu­neh­men. Dar­über hin­aus gehen­de recht­li­che Inter­es­sen sei­nes Man­dan­ten wie mög­li­che zivil­recht­li­che Regress­an­sprü­che, die bei einem ungüns­ti­gen Aus­gang des Ein­spruchs- oder Kla­ge­ver­fah­rens gegen Drit­te bestehen kön­nen, lie­gen jedoch außer­halb sei­nes Auf­trags. Die für die Beur­tei­lung eines sol­chen Regress­an­spruchs und ins­be­son­de­re sei­ner Ver­jäh­rung erfor­der­li­chen beson­de­ren Rechts­kennt­nis­se kann ein Man­dant von einem Steu­er­be­ra­ter regel­mä­ßig nicht erwar­ten. Die Ent­schei­dung des Man­dan­ten, mit sei­ner Ver­tre­tung einen Steu­er­be­ra­ter und nicht einen Rechts­an­walt zu beauf­tra­gen, wird regel­mä­ßig auf dem Bestre­ben beru­hen, sich die beson­de­ren steu­er­recht­li­chen Fach­kennt­nis­se des Steu­er­be­ra­ters zunut­ze zu machen. Auf eine umfas­sen­de zivil­recht­li­che Bera­tung kann er in die­sem Fall nicht ver­trau­en. Dem­entspre­chend muss ein Steu­er­be­ra­ter den Auf­trag des Man­dan­ten zu sei­ner Ver­tre­tung in einem Steu­er­ver­fah­ren oder in einem Pro­zess vor dem Finanz­ge­richt nicht dahin ver­ste­hen, dass auch die Wah­rung von Ansprü­chen gegen Drit­te geschul­det sein soll.

Der Man­dant kann sich schließ­lich nicht dar­auf beru­fen, dass die von ihm beauf­trag­te Steu­er­be­ra­tungs­ge­sell­schaft eine Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaft ist, die neben Wirt­schafts­prü­fern und Steu­er­be­ra­tern auch Rechts­an­wäl­te beschäf­tigt. Maß­geb­lich ist, dass das vom Man­dan­ten erteil­te Man­dat auf eine Hil­fe­leis­tung in Steu­er­sa­chen gerich­tet war und nicht all­ge­mein auf die Besor­gung frem­der Rechts­an­ge­le­gen­hei­ten ein­schließ­lich der Rechts­be­ra­tung. Der Man­dant hat auch nicht vor­ge­tra­gen, dass die über­tra­ge­nen Auf­ga­ben sei­tens der Steu­er­be­ra­ter nicht von Steu­er­be­ra­tern, son­dern von Rechts­an­wäl­ten wahr­ge­nom­men wor­den sei­en.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Mai 2015 – IX ZR 186/​14

  1. vgl. BGH, Urteil vom 07.03.2013 – IX ZR 64/​12, WM 2013, 802 Rn. 14 mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 07.03.2013, aaO mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 07.05.1991 – IX ZR 188/​90, WM 1991, 1303; vom 11.05.1995 – IX ZR 140/​94, BGHZ 129, 386, 393 f; vom 14.11.2013 – IX ZR 215/​12, WM 2014, 854 Rn. 26; OLG Hamm, GI 1995, 53; LG Köln, DSt­RE 2009, 1351, 1352[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 19.05.2009 – IX ZR 43/​08, WM 2009, 1376 Rn. 11[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 26.01.1995 – IX ZR 10/​94, BGHZ 128, 358, 362; vom 07.03.2013, aaO Rn. 14 mwN[]
  6. BGH, Urteil vom 29.04.1993 – IX ZR 101/​92, WM 1993, 1508[]
  7. vgl. auch BGH, Urteil vom 13.07.1971 – VI ZR 140/​70, VersR 1971, 1119; vom 18.03.1993 – IX ZR 120/​92, WM 1993, 1376[]
  8. aA Gräfe/​Lenzen/​Schmeer, Steu­er­be­ra­ter­haf­tung, 5. Aufl., Rn. 411[]
  9. BGH, Urteil vom 29.04.1993, aaO, S. 1509[]