Pro­zess­zin­sen als Kapitaleinkünfte

Es ist für den Bun­des­fi­nanz­hof nicht klä­rungs­be­dürf­tig, dass Pro­zess­zin­sen auf erstat­te­te Ein­kom­men­steu­er zu den Erträ­gen aus sons­ti­gen Kapi­tal­for­de­run­gen jeder Art i.S. des § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG gehören.

Pro­zess­zin­sen als Kapitaleinkünfte

Die­se Rechts­fra­ge ist nicht klä­rungs­be­dürf­tig, weil sie bereits anhand des Geset­zes und der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des BFH ein­deu­tig so zu beant­wor­ten ist, wie es das Finanz­ge­richt in der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung getan hat.

Zu den nach § 2 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 EStG zur Ein­kom­men­steu­er her­an­zu­zie­hen­den Ein­künf­ten aus Kapi­tal­ver­mö­gen gehö­ren gemäß § 20 Abs. 1 Nr. 7 Satz 1 EStG auch Erträ­ge aus sons­ti­gen Kapi­tal­for­de­run­gen jeder Art, soweit sie nicht einer ande­ren Ein­kunfts­art zuzu­rech­nen sind (§ 20 Abs. 8 EStG). Sons­ti­ge Kapi­tal­for­de­run­gen jeder Art im Sin­ne der Vor­schrift sind alle auf einen Geld­be­trag gerich­te­ten For­de­run­gen, die nicht schon nach einem ande­ren Tat­be­stand des § 20 Abs. 1 EStG zu erfas­sen sind. Hier­zu zählt nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BFH auch der öffent­lich-recht­li­che Erstat­tungs­an­spruch, da hier­auf geleis­te­te Zin­sen als Gegen­leis­tung dafür gezahlt wer­den, dass der Steu­er­pflich­ti­ge dem Fis­kus ‑wenn auch gezwun­ge­ner­ma­ßen- Kapi­tal zur Nut­zung über­las­sen hat, zu des­sen Leis­tung er letzt­lich nicht ver­pflich­tet war1. Auch Pro­zess­zin­sen i.S. des § 236 AO wer­den wie ande­re Zin­sen dafür gezahlt, dass dem Gläu­bi­ger die Mög­lich­keit der Kapi­tal­nut­zung ent­zo­gen ist. Für die ein­kom­men­steu­er­li­che Ein­ord­nung unter § 20 Abs. 1 Nr. 7 EStG macht es daher weder einen Unter­schied, ob die Pflicht zur Abgel­tung der Kapi­tal­nut­zung auf ver­trag­li­cher oder gesetz­li­cher Grund­la­ge beruht, noch, ob es sich bei den Pro­zess­zin­sen der Sache nach um eine beson­de­re Art des Scha­dens­er­sat­zes han­delt. Jeden­falls ist wirt­schaft­lich und steu­er­recht­lich die nach § 236 AO in Zins­form zu erbrin­gen­de Leis­tung an den Steu­er­pflich­ti­gen als Ent­gelt für die erzwun­ge­ne Kapi­tal­über­las­sung an das Finanz­amt anzu­se­hen2.

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Die im ersten Rechtsgang ergangene Entscheidung des Bundesfinanzhofs - und ihre Bindungswirkung

Aus dem Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 15.06.20103 zur Steu­er­pflicht von Erstat­tungs­zin­sen nach § 233a AO folgt nichts ande­res, weil der Gesetz­ge­ber mit der Rege­lung in § 20 Abs. 1 Nr. 7 Satz 3 EStG i.d.F. des Jah­res­steu­er­ge­set­zes 2010 vom 08.12.2010 ‑JStG 2010-4, die Erstat­tungs­zin­sen i.S. des § 233a AO aus­drück­lich dem steu­er­ba­ren Bereich zuweist, die­ser Recht­spre­chung die Grund­la­ge ent­zo­gen hat. Soweit die Klä­ge­rin vor­trägt, die gesetz­li­che Klar­stel­lung in § 20 Abs. 1 Nr. 7 Satz 3 EStG bezie­he sich ledig­lich auf Erstat­tungs­zin­sen i.S. des § 233a AO, nicht aber auf Pro­zess­zin­sen i.S. des § 236 AO, beruht dies dar­auf, dass der BFH mit sei­nem Urteil in BFHE 230, 109, BStBl II 2011, 503 ledig­lich die Steu­er­bar­keit von Erstat­tungs­zin­sen nach § 233a AO in Zwei­fel gezo­gen hat­te und des­halb aus Sicht des Gesetz­ge­bers auch nur inso­weit eine klar­stel­len­de gesetz­li­che Rege­lung ver­an­lasst war. Aus der Nor­mie­rung (nur) der Erstat­tungs­zin­sen i.S. des § 233a AO als Kapi­tal­ein­künf­te in § 20 Abs. 1 Nr. 7 Satz 3 EStG i.d.F. des JStG 2010 kann des­halb nicht abge­lei­tet wer­den, dass die Fra­ge der Steu­er­bar­keit von Pro­zess­zin­sen i.S. des § 236 AO klä­rungs­be­dürf­tig wäre. Wie der BFH bereits ent­schie­den hat, ist viel­mehr davon aus­zu­ge­hen, dass der Gesetz­ge­ber mit der Rege­lung in § 20 Abs. 1 Nr. 7 Satz 3 EStG i.d.F. des JStG 2010 die Rechts­la­ge mit Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit so regeln woll­te, wie sie bis zum Erge­hen des BFH, Urteils in BFHE 230, 109, BStBl 2011, 503 der gefes­tig­ten höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ent­sprach5.

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Verzugszinsen in der Adhäsionsklage

Der wei­te­ren Rechts­fra­ge, ob aus der Anrech­nungs­vor­schrift des § 236 Abs. 4 AO eine Umqua­li­fi­ka­ti­on von Erstat­tungs- in Pro­zess­zin­sen folgt, kommt bereits des­we­gen kei­ne grund­sätz­li­che Bedeu­tung zu, weil sie vor­lie­gend nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich war und des­halb in einem künf­ti­gen Revi­si­ons­ver­fah­ren auch nicht klä­rungs­fä­hig wäre6.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 17. Mai 2021 – VIII B 88/​20

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 18.02.1975 – VIII R 104/​70, BFHE 115, 216, BStBl II 1975, 568; vom 08.04.1986 – VIII R 260/​82, BFHE 146, 408, BStBl II 1986, 557; vom 08.11.2005 – VIII R 105/​03, BFH/​NV 2006, 527; und vom 12.11.2013 – VIII R 36/​10, BFHE 243, 506, BStBl II 2014, 168[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 146, 408, BStBl II 1986, 557, unter 1.b[]
  3. BFH, Urteil vom 15.06.2010 – VIII R 33/​07, BFHE 230, 109, BStBl II 2011, 503[]
  4. BGBl I 2010, 1768[]
  5. BFH, Urtei­le vom 15.04.2015 – VIII R 30/​13 Rz 35, sowie in BFHE 243, 506, BStBl II 2014, 168, Rz 30; zur Steu­er­pflicht von Pro­zess­zin­sen gemäß § 20 Abs. 1 Nr. 8 EStG a.F. vgl. BFH, Urteil in BFHE 146, 408, BStBl II 1986, 557[]
  6. vgl. hier­zu: BFH, Beschluss vom 14.12.2011 – X B 85/​11, BFH/​NV 2012, 749, m.w.N.[]