Rich­ter­li­che Hin­weis­pflicht im Finanz­ge­richts­ver­fah­ren

Wur­den die für die Ent­schei­dung maß­geb­li­chen Gesichts­punk­te sowohl im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren als auch im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren ange­spro­chen und ist der Klä­ger vor dem Finanz­ge­richt rechts­kun­dig ver­tre­ten, bedarf es in der münd­li­chen Ver­hand­lung kei­nes rich­ter­li­chen Hin­wei­ses, sich zu die­sem ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt zu äußern.

Rich­ter­li­che Hin­weis­pflicht im Finanz­ge­richts­ver­fah­ren

Bei einem durch einen fach- und sach­kun­di­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­tre­te­nen Betei­lig­ten stellt das Unter­las­sen eines (nach sei­ner Ansicht not­wen­di­gen) Hin­wei­ses gemäß § 76 Abs. 2 FGO regel­mä­ßig kei­nen Ver­fah­rens­man­gel dar 1.

Die Ver­let­zung der rich­ter­li­chen Hin­weis­pflicht gemäß § 76 Abs. 2 FGO bedeu­tet regel­mä­ßig die Ver­let­zung recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG). Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör gewähr­leis­tet den Betei­lig­ten das Recht, sich vor der Ent­schei­dung des Gerichts zum ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt und zur Rechts­la­ge aus­rei­chend äußern zu kön­nen. Das Gericht ver­letzt daher das Recht auf Gehör, wenn die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten von einer Ent­schei­dung über­rascht wer­den, weil das Urteil auf tat­säch­li­che oder recht­li­che Gesichts­punk­te gegrün­det ist, zu denen sie sich nicht geäu­ßert haben und zu denen sich zu äußern sie nach dem vor­he­ri­gen Ver­lauf des Ver­fah­rens auch kei­ne Ver­an­las­sung hat­ten. Art. 103 Abs. 1 GG schützt daher die Betei­lig­ten davor, von neu­en recht­li­chen und tat­säch­li­chen Gesichts­punk­ten über­fah­ren zu wer­den, die dem Rechts­streit eine Wen­dung geben, mit der auch ein kun­di­ger Betei­lig­ter nach dem bis­he­ri­gen Ver­lauf des Ver­fah­rens nicht zu rech­nen brauch­te 2. Der Grund­satz des recht­li­chen Gehörs ver­pflich­tet das Finanz­ge­richt aber nicht, den Betei­lig­ten die für die Ent­schei­dung maß­geb­li­chen Gesichts­punk­te anzu­deu­ten und sie mit den Betei­lig­ten umfas­send zu erör­tern. Das gilt erst recht im Ver­hält­nis zu einem Betei­lig­ten, der rechts­kun­dig bera­ten ist 3.

So muss­te das Finanz­ge­richt in den hier ent­schie­de­nen Streit­fäl­len die Klä­ge­rin nicht dar­auf hin­wei­sen, sie habe dar­zu­le­gen, woher die Bar­ein­zah­lun­gen auf ihre Kon­ten stam­men wür­den. Die Fra­ge, woher die Mit­tel für die Bar­ein­zah­lun­gen kom­men wür­den, wur­de sowohl im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren als auch im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren aus­weis­lich der vor­ge­leg­ten Akten wie­der­holt ange­spro­chen. Die rechts­kun­dig bera­te­ne und ver­tre­te­ne Klä­ge­rin hat­te daher aus­rei­chend Gele­gen­heit, sich vor den Ent­schei­dun­gen des Finanz­ge­richts zu der Her­kunft der Mit­tel zu äußern. Eines rich­ter­li­chen Hin­wei­ses bedurf­te es inso­weit nicht.

Eben­so wenig muss­te das Finanz­ge­richt einen Hin­weis dahin­ge­hend ertei­len, die Klä­ge­rin müs­se dar­le­gen, sie habe bezüg­lich der Über­wei­sun­gen auf ihr Kon­to bei der S‑Bank mit ihrem Lebens­ge­fähr­ten einen Kon­ku­bi­nats­ver­trag über Unter­halts­leis­tun­gen geschlos­sen. Die Frei­ge­big­keit der Zah­lun­gen wur­de im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren und im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren wie­der­holt the­ma­ti­siert. Die rechts­kun­dig bera­te­ne und ver­tre­te­ne Klä­ge­rin muss­te vom Finanz­ge­richt nicht dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den, sie müs­se Tat­sa­chen vor­tra­gen, die die Frei­ge­big­keit der Zah­lun­gen aus­schlie­ßen könn­ten.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 17. Juli 2019 – II B 35/​18; II B 36/​18; II B 37/​18

  1. vgl. BFH, Beschluss vom 13.07.2012 – IX B 3/​12, BFH/​NV 2012, 1635, Rz 7[]
  2. vgl. BFH, Beschluss vom 04.12 2017 – X B 91/​17, BFH/​NV 2018, 342, Rz 22[]
  3. vgl. BFH, Beschluss vom 21.08.2014 – X B 159/​13, BFH/​NV 2014, 1743, Rz 18[]