Über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er vor dem Finanz­ge­richt

Wird ein Finanz­ge­richt in einem ein­fach gela­ger­ten Kla­ge­ver­fah­ren zwi­schen dem Ein­gang des letz­ten Schrift­sat­zes eines der Betei­lig­ten und der Anbe­raumung der münd­li­chen Ver­hand­lung fünf­ein­halb Jah­re lang –abge­se­hen von einer Akten­an­for­de­rung und einer kur­zen Anfra­ge an den Klä­ger– nicht tätig, ist die Ver­fah­rens­dau­er als unan­ge­mes­sen anzu­se­hen.

Über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er vor dem Finanz­ge­richt

War die finanz­ge­richt­li­che Kla­ge unschlüs­sig, d.h. bereits nach dem eige­nen Tat­sa­chen­vor­trag des Klä­gers erkenn­bar unbe­grün­det, hat­te das ver­zö­ger­te Ver­fah­ren für den Ent­schä­di­gungs­klä­ger objek­tiv kei­ne beson­de­re Bedeu­tung. In einem sol­chen Fall genügt für die erfor­der­li­che Wie­der­gut­ma­chung die Fest­stel­lung der Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung durch das Ent­schä­di­gungs­ge­richt; der Zuer­ken­nung einer Geld­ent­schä­di­gung für imma­te­ri­el­le Nach­tei­le bedarf es nicht.

Das Ent­schä­di­gungs­ge­richt kann eine Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung auch dann fest­stel­len, wenn eine Ver­zö­ge­rungs­rü­ge gar nicht oder –in den Über­gangs­fäl­len des Art. 23 Satz 2 ÜberlVfRSchG– nicht unver­züg­lich erho­ben wor­den ist.

Hat der Klä­ger die Zuer­ken­nung einer Geld­ent­schä­di­gung bean­tragt, beschränkt sich das Ent­schä­di­gungs­ge­richt aber auf die blo­ße Fest­stel­lung einer unan­ge­mes­se­nen Ver­fah­rens­dau­er, ist dem Beklag­ten gleich­wohl der weit­aus über­wie­gen­de Teil (75 %) der Kos­ten des Ent­schä­di­gungs­kla­ge­ver­fah­rens auf­zu­er­le­gen, wenn tat­säch­lich eine erheb­li­che Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung gege­ben ist, deren Grö­ßen­ord­nung weit­ge­hend mit der­je­ni­gen Zeit­span­ne deckungs­gleich ist, die der Klä­ger sei­ner mone­tä­ren Ent­schä­di­gungs­for­de­rung zugrun­de gelegt hat, und der Klä­ger die Höhe sei­ner Ent­schä­di­gungs­for­de­rung auf den gesetz­li­chen Regel­be­trag des § 198 Abs. 2 Satz 3 GVG beschränkt hat.

Eine Ent­schä­di­gungs­kla­ge wegen der Dau­er eines Ver­fah­rens vor dem Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg ist gegen das Bun­des­land zu rich­ten, gegen des­sen Ver­wal­tungs­han­deln sich der spä­te­re Ent­schä­di­gungs­klä­ger in dem von ihm ein­ge­lei­te­ten finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren gewandt hat. Die Anord­nung, dass das beklag­te Bun­des­land in Ent­schä­di­gungs­kla­ge­ver­fah­ren durch den Prä­si­den­ten des Finanz­ge­richts ver­tre­ten wird, bedarf kei­ner Rege­lung durch ein Gesetz.

Seit dem Inkraft­tre­ten des Geset­zes über den Rechts­schutz bei über­lan­gen Gerichts­ver­fah­ren und staats­an­walt­schaft­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­ren im Dezem­ber 2011 haben die Betei­lig­ten die Mög­lich­keit, die unan­ge­mes­se­ne Dau­er eines sol­chen Ver­fah­rens zu rügen und hier­für Wie­der­gut­ma­chung, ggf. auch in Form einer Geld­ent­schä­di­gung, zu erlan­gen (§ 198 GVG). Für Ent­schä­di­gungs­kla­ge­ver­fah­ren aus dem Bereich der Finanz­ge­richts­bar­keit ist in ers­ter und letz­ter Instanz der Bun­des­fi­nanz­hof zustän­dig.

Jetzt stell­te der Bun­des­fi­nanz­hof in sei­ner ers­ten Sach­ent­schei­dung hier­zu fest, dass die Dau­er eines Ver­fah­rens vor dem Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg unan­ge­mes­sen lang war. Die Fest­stel­lung fiel aller­dings inso­weit leicht, weil der Bun­des­fi­nanz­hof eine Mög­lich­keit fand, es bei der Fest­stel­lung der über­lan­gen Ver­fah­rens­dau­er zu belas­sen und gleich­zei­tig trotz­dem die bean­trag­te Geld­ent­schä­di­gung abzu­leh­nen:

Das – nach Ein­schät­zung des Bun­des­fi­nanz­hofs eher ein­fach gela­ger­te – Aus­gangs­ver­fah­ren war mehr als sechs Jah­re beim Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg anhän­gig. Wäh­rend eines Zeit­raums von fünf­ein­halb Jah­ren war das Finanz­ge­richt wei­test­ge­hend untä­tig geblie­ben.

Für die Ent­schei­dung die­ses Ver­fah­rens konn­te sich der Bun­des­fi­nanz­hof auf die Fest­stel­lung beschrän­ken, dass die Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung durch das Finanz­ge­richt sich „in der Nähe“ des vom Klä­ger genann­ten Zeit­raums von vier Jah­ren bewegt hat. Nähe­re Fest­le­gun­gen zu der im Regel­fall noch als ange­mes­sen anzu­se­hen­den Dau­er finanz­ge­richt­li­cher Ver­fah­ren brauch­te der Bun­des­fi­nanz­hof noch nicht zu tref­fen, da er von der Fest­set­zung einer Geld­ent­schä­di­gung abge­se­hen und die Ent­schä­di­gungs­kla­ge inso­weit abge­wie­sen hat. Dies beruh­te dar­auf, dass der Klä­ger vor dem Finanz­ge­richt in sei­ner eige­nen, zu Beginn des dor­ti­gen Ver­fah­rens ein­ge­reich­ten Kla­ge­be­grün­dung Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen hat­te, aus denen sich für den Bun­des­fi­nanz­hof zwei­fels­frei ergab, dass sei­ne Kla­ge unbe­grün­det war. Steht die Erfolg­lo­sig­keit eines Ver­fah­rens für jeden Rechts­kun­di­gen von vorn­her­ein fest, ist des­sen Ver­zö­ge­rung für den Betei­lig­ten objek­tiv nicht von beson­de­rer Bedeu­tung. Dies recht­fer­tigt es nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs, statt der begehr­ten Geld­ent­schä­di­gung Wie­der­gut­ma­chung im Wege einer ent­spre­chen­den fest­stel­len­den Ent­schei­dung zu leis­ten.

Rich­ti­ger Beklag­ter beim Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg[↑]

Der Klä­ger hat mit dem Land Ber­lin den rich­ti­gen Beklag­ten bezeich­net.

Die Bestim­mung des Anspruchs­geg­ners bei Ent­schä­di­gungs­kla­gen wegen über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er rich­tet sich nach § 200 Satz 1 GVG. Danach haf­tet das Land für Nach­tei­le, die auf­grund von Ver­zö­ge­run­gen bei Gerich­ten eines Lan­des ein­ge­tre­ten sind. Da das Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg gemäß Art. 1 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 des Staats­ver­trags über die Errich­tung gemein­sa­mer Fach­ober­ge­rich­te der Län­der Ber­lin und Bran­den­burg vom 26.04.2004 [1] –Staats­ver­trag– ein gemein­sa­mes Fach­ober­ge­richt der Bun­des­län­der Ber­lin und Bran­den­burg ist, sei­nen Sitz aber im Land Bran­den­burg hat, lässt sich dem Wort­laut des § 200 Satz 1 GVG unmit­tel­bar noch kei­ne Bestim­mung des rich­ti­gen Beklag­ten ent­neh­men.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs üben die gemein­sa­men Fach­ober­ge­rich­te der Län­der Ber­lin und Bran­den­burg jeweils Recht­spre­chungs­ge­walt des­je­ni­gen Bun­des­lan­des aus, aus dem das Aus­gangs­ver­fah­ren stammt. Der Bun­des­fi­nanz­hof ver­weist inso­weit auf die aus­führ­li­chen Dar­le­gun­gen des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs des Lan­des Ber­lin im Beschluss vom 19. Dezem­ber 2006 [2], denen er sich anschließt. Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof hat sich dabei ins­be­son­de­re auf die Geset­zes­ma­te­ria­li­en zum Staats­ver­trag sowie die ein­fa­che­re staats­recht­li­che Hand­hab­bar­keit gestützt. Dem­ge­gen­über hat er den­je­ni­gen Ein­zel­re­ge­lun­gen im Staats­ver­trag, die an das Sitz­prin­zip anknüp­fen, kei­ne ent­schei­den­de Bedeu­tung zuge­mes­sen [3]. Die­ser Auf­fas­sung ist auch das Ver­fas­sungs­ge­richt des Lan­des Bran­den­burg [4]. Bei­den Beschlüs­sen lagen jeweils Ver­fah­ren aus der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit zugrun­de.

In Über­ein­stim­mung damit hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung über die Ver­fas­sungs­be­schwer­de eines Rich­ters am frü­he­ren Finanz­ge­richt Ber­lin, der sich unmit­tel­bar gegen den Staats­ver­trag gewandt hat­te, aus­ge­führt, das Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg sei ein Gericht, „wel­ches (auch) zur Ber­li­ner Lan­des­ge­richts­bar­keit gehört“ [5]. Die rich­ter­li­che Tätig­keit an einem län­der­über­grei­fen­den Gericht stel­le sich als „Aus­übung der Recht­spre­chung für die an dem Gericht betei­lig­ten Län­der dar“ [6]. Damit hat auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eine Anwen­dung des rei­nen Sitz­prin­zips –maß­geb­lich wäre danach stets der Sitz des gemein­sa­men Finanz­ge­richts im Land Bran­den­burg– abge­lehnt.

Vor­lie­gend stammt das Aus­gangs­ver­fah­ren aus dem Land Ber­lin, da eine Ber­li­ner Finanz­be­hör­de den Ableh­nungs­be­scheid erlas­sen hat­te, der zu der vom Klä­ger vor dem damals noch bestehen­den Finanz­ge­richt Ber­lin erho­be­nen Ver­pflich­tungs­kla­ge geführt hat. Auch soweit ab dem 1. Janu­ar 2007 das Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg an die Stel­le des Finanz­ge­richt Ber­lin getre­ten ist, übte es im Aus­gangs­ver­fah­ren Recht­spre­chungs­ge­walt des Lan­des Ber­lin aus, das damit Anspruchs­geg­ner im Ent­schä­di­gungs­kla­ge­ver­fah­ren ist.

Ver­tre­tung des Lan­des Ber­lin durch den Finanz­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg[↑]

Die Über­tra­gung der Ver­tre­tung des beklag­ten Bun­des­lan­des Ber­lin auf den Prä­si­den­ten des Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg [7] ist aus Rechts­grün­den nicht zu bean­stan­den. Ins­be­son­de­re durf­te die­se Über­tra­gung durch eine Ver­wal­tungs­an­wei­sung vor­ge­nom­men wer­den; ein Gesetz war nicht erfor­der­lich.

Orga­ni­sa­ti­ons­re­ge­lun­gen inner­halb eines Res­sorts wer­den tra­di­tio­nell nicht dem zwin­gen­den Geset­zes­vor­be­halt unter­stellt. Die Exe­ku­ti­ve hat hier eine eige­ne Orga­ni­sa­ti­ons­ge­walt [8].

Die­se Orga­ni­sa­ti­ons­ge­walt unter­liegt aber in dop­pel­ter Hin­sicht Begren­zun­gen.

Zum einen darf der Par­la­ments­ge­setz­ge­ber hier­auf jeder­zeit Zugriff neh­men und aus­drück­li­che gesetz­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­re­ge­lun­gen tref­fen [9]. Solan­ge indes der­ar­ti­ge Spe­zi­al­re­ge­lun­gen nicht exis­tie­ren, bleibt es bei der Orga­ni­sa­ti­ons­ge­walt der Exe­ku­ti­ve.

Zum ande­ren ver­pflich­ten das Rechts­staats- und das Demo­kra­tie­prin­zip den Par­la­ments­ge­setz­ge­ber, die wesent­li­chen Ent­schei­dun­gen selbst zu tref­fen. Die­ser „Wesent­lich­keits­vor­be­halt“ gilt zwar vor allem für den Bereich der Grund­rechts­aus­übung, erfasst dar­über hin­aus aber auch ande­re für das Gemein­we­sen grund­le­gen­de Ent­schei­dun­gen [10]. Danach fal­len Orga­ni­sa­ti­ons­ent­schei­dun­gen dann unter den Geset­zes­vor­be­halt, wenn sie wesent­lich für die Ver­wirk­li­chung der Grund­rech­te oder ande­rer tra­gen­der Ver­fas­sungs­prin­zi­pi­en (z.B. Rechts­staats­prin­zip, Gewal­ten­tei­lung, Siche­rung einer eigen­stän­di­gen und unab­hän­gi­gen recht­spre­chen­den Gewalt) oder die Wahr­neh­mung der Staats­lei­tung sind.

Für die vor­lie­gend ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­ge der orga­ni­sa­ti­ons­recht­li­chen Zustän­dig­keit für die Ver­tre­tung des Lan­des in Ent­schä­di­gungs­kla­ge­ver­fah­ren sind lan­des- oder bun­des­ge­setz­li­che Rege­lun­gen nicht ersicht­lich. § 200 Satz 1 GVG bestimmt ledig­lich, wer in Ent­schä­di­gungs­fäl­len der rich­ti­ge Beklag­te ist (das Bun­des­land). Zu der Ver­tre­tung inner­halb des Bun­des­lan­des ent­hält das GVG kei­ne Rege­lun­gen, was in einem Bun­des­ge­setz auch nicht mög­lich wäre.

Die in der Ver­tre­tungs­an­ord­nung getrof­fe­ne Orga­ni­sa­ti­ons­re­ge­lung ent­hält auch kei­ne Ent­schei­dung, die so wesent­lich wäre, dass sie vom Gesetz­ge­ber hät­te getrof­fen wer­den müs­sen. Sie berührt weder die Ver­wirk­li­chung der Grund­rech­te noch ande­rer tra­gen­der Ver­fas­sungs­prin­zi­pi­en oder die Wahr­neh­mung der Staats­lei­tung. Dabei ist vor allem von Bedeu­tung, dass der Finanz­ge­richt-Prä­si­dent in Ent­schä­di­gungs­kla­ge­ver­fah­ren ledig­lich Ver­tre­ter eines Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, nicht aber ent­schei­dungs­be­fugt ist.

Unan­ge­mes­se­ne Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung[↑]

Das finanz­ge­richt­li­che Ver­fah­ren ist unan­ge­mes­sen ver­zö­gert wor­den. Die­se –auf den kon­kre­ten Streit­fall bezo­ge­ne– Wür­di­gung ist mög­lich, ohne dass der Bun­des­fi­nanz­hof bereits den vor­lie­gen­den Ein­zel­fall zum Anlass neh­men müss­te, all­ge­mei­ne Leit­li­ni­en für die vom Rechts­schutz­su­chen­den im Regel­fall noch hin­zu­neh­men­de Dau­er eines finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens zu ent­wi­ckeln.

Nach § 198 Abs. 1 Satz 2 GVG rich­tet sich die Ange­mes­sen­heit der Ver­fah­rens­dau­er nach den Umstän­den des Ein­zel­fal­les, ins­be­son­de­re nach der Schwie­rig­keit und Bedeu­tung des Ver­fah­rens und nach dem Ver­hal­ten der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und Drit­ter.

Die­se gesetz­li­chen Maß­stä­be beru­hen auf der stän­di­gen Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te, wonach die Ange­mes­sen­heit der Ver­fah­rens­dau­er im Lich­te der Umstän­de der Rechts­sa­che sowie unter Berück­sich­ti­gung der Kom­ple­xi­tät des Fal­les, des Ver­hal­tens des Ent­schä­di­gungs­klä­gers und der zustän­di­gen Behör­den sowie der Bedeu­tung des Rechts­streits für den Beschwer­de­füh­rer zu beur­tei­len ist [11].

Auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt geht von ver­gleich­ba­ren Kri­te­ri­en aus. Danach lässt sich nicht gene­rell fest­le­gen, ab wann von einer über­lan­gen, die Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes unzu­mut­bar beein­träch­ti­gen­den und des­halb ver­fas­sungs­recht­lich nicht mehr hin­nehm­ba­ren Ver­fah­rens­dau­er aus­zu­ge­hen ist; dies ist viel­mehr eine Fra­ge der Abwä­gung und Ent­schei­dung im Ein­zel­fall. Dabei sind vor allem die Bedeu­tung der Sache für die Par­tei­en (Betei­lig­ten), die Schwie­rig­keit der Sach­ma­te­rie, das den Par­tei­en zuzu­rech­nen­de Ver­hal­ten sowie vom Gericht nicht oder nur ein­ge­schränkt beein­fluss­ba­re Tätig­kei­ten Drit­ter, etwa von Sach­ver­stän­di­gen, in Rech­nung zu stel­len. Mit zuneh­men­der Ver­fah­rens­dau­er ver­dich­tet sich aller­dings die Pflicht des Gerichts, sich nach­hal­tig um eine För­de­rung, Beschleu­ni­gung und Been­di­gung des Ver­fah­rens zu bemü­hen [12]. Vor die­sem Hin­ter­grund hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­ner jün­ge­ren Recht­spre­chung ent­schie­den, dass bei einem Instanz­ge­richt jeden­falls ein Abwar­ten von 30 Mona­ten den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen nicht mehr genügt [13]. Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt selbst kann mit Rück­sicht auf den abwei­chen­den Wort­laut der maß­geb­li­chen Vor­schrif­ten (vgl. § 97a BVerfGG einer­seits und § 198 GVG ande­rer­seits) sowie die beson­de­ren Auf­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts eine län­ge­re Ver­fah­rens­lauf­zeit hin­zu­neh­men sein, ins­be­son­de­re wenn ein Pilot­ver­fah­ren aus­ge­wählt wird und ent­spre­chen­de Par­al­lel­ver­fah­ren vor­erst zurück­ge­stellt wer­den [14].

Die­se vom Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te und dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­wi­ckel­ten Kri­te­ri­en sind nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers, der im Wort­laut und der Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Geset­zes –bei dem es sich um eine Reak­ti­on auf die häu­fi­gen Ver­ur­tei­lun­gen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land durch den Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te han­delt– zum Aus­druck kommt, auch der Prü­fung nach § 198 GVG zugrun­de zu legen [15].

Da im Aus­gangs­ver­fah­ren der Wech­sel der vor­be­rei­ten­den Schrift­sät­ze zwi­schen den Betei­lig­ten am 2. Juni 2006 ende­te, war das erst­ma­lig am 17. Febru­ar 2010 erkenn­ba­re Tätig­wer­den des Finanz­ge­richt (Akten­an­for­de­rung) erheb­lich zu spät. Geht man mit der jün­ge­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts davon aus, dass „jeden­falls ein Abwar­ten von 30 Mona­ten“ den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen nicht genügt [16], das Gericht also im Regel­fall nach etwa 24 bis 30 Mona­ten tätig wer­den muss, hät­te das Finanz­ge­richt das Aus­gangs­ver­fah­ren im ers­ten Halb­jahr 2008 zumin­dest in die Rich­tung einer Ent­schei­dung vor­an­trei­ben müs­sen.

Der Staat kann sich zur Recht­fer­ti­gung einer über­lan­gen Ver­fah­rens­dau­er nicht auf Umstän­de inner­halb sei­nes Ver­ant­wor­tungs­be­reichs beru­fen [17]. Des­halb ist die Zusam­men­le­gung der Finanz­ge­rich­te Ber­lin und Bran­den­burg zum 1. Janu­ar 2007 bereits dem Grun­de nach kein Umstand, der vom Klä­ger zu ver­tre­ten wäre und eine Ver­län­ge­rung der noch als ange­mes­sen anzu­se­hen­den Ver­fah­rens­dau­er recht­fer­ti­gen könn­te. Danach kann der BFH offen­las­sen, ob der Beklag­te sein Vor­brin­gen, der Umzug des Finanz­ge­richt Ber­lin nach Cott­bus habe zu einer zehn­mo­na­ti­gen Unter­bre­chung der Arbeits­fä­hig­keit des vor­ma­li­gen Finanz­ge­richt Ber­lin und des spä­te­ren Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg geführt, hin­rei­chend sub­stan­ti­iert hat.

Dem Klä­ger ist aller­dings im Rah­men der Prü­fung der Grün­de für die ein­ge­tre­te­ne Ver­zö­ge­rung der Umstand zuzu­rech­nen, dass er es unter­las­sen hat, auf die Anfra­ge des Finanz­ge­richt vom 01. März 2010 zu reagie­ren. Nicht bei­zu­pflich­ten ist jedoch dem Beklag­ten dar­in, dass die unter­blie­be­ne Reak­ti­on des Klä­gers das Finanz­ge­richt für das gesam­te Jahr 2010 von der Pflicht zur wei­te­ren För­de­rung des Ver­fah­rens befreit hat. Das Schwei­gen des Klä­gers auf die Anfra­ge hät­te für das Gericht ange­sichts der bereits in die­sem Zeit­punkt ein­ge­tre­te­nen Ver­zö­ge­rung des Ver­fah­rens viel­mehr ent­we­der Anlass sein müs­sen, den Klä­ger an die aus­ste­hen­de Ant­wort zu erin­nern, oder dem Finanz­ge­richt die Mög­lich­keit eröff­net, ohne Berück­sich­ti­gung der betrof­fe­nen Akten –und ggf. unter Anwen­dung eines redu­zier­ten Beweis­ma­ßes zu Las­ten des inso­weit nicht an der Sach­auf­klä­rung mit­wir­ken­den Klä­gers [18]– zu ent­schei­den. Denn mit zuneh­men­der Ver­fah­rens­dau­er ver­dich­tet sich –wie oben dar­ge­legt– die Pflicht des Gerichts, sich nach­hal­tig um eine Beschleu­ni­gung des Ver­fah­rens zu bemü­hen. Gleich­wohl ist das Finanz­ge­richt erst wie­der am 18. Janu­ar 2012 tätig gewor­den.

Danach bewegt sich die dem Beklag­ten zuzu­rech­nen­de Ver­zö­ge­rung des Ver­fah­rens jeden­falls in der Nähe des vom Klä­ger sei­ner Ent­schä­di­gungs­for­de­rung zugrun­de geleg­ten Zeit­raums von vier Jah­ren, ohne dass der Bun­des­fi­nanz­hof –der sich auf den Aus­spruch einer Fest­stel­lung der Unan­ge­mes­sen­heit der Ver­fah­rens­dau­er beschränkt – im Streit­fall nähe­re Fest­le­gun­gen tref­fen müss­te.

Kurz­fris­ti­ges Ver­fah­ren­sen­de nach Erhe­bung der Ver­zö­ge­rungs­rü­ge[↑]

Ein auf § 198 GVG gestütz­ter Fest­stel­lungs- oder Ent­schä­di­gungs­an­spruch des Klä­gers ist nicht schon des­halb aus­ge­schlos­sen, weil das Finanz­ge­richt das Aus­gangs­ver­fah­ren kurz­fris­tig nach Erhe­bung der Ver­zö­ge­rungs­rü­ge vom 14. Febru­ar 2012 zu Ende geführt hat.

Die gegen­tei­li­ge vom Beklag­ten ver­tre­te­ne Rechts­auf­fas­sung kann jeden­falls in Fäl­len, die –wie vor­lie­gend– eine Ver­zö­ge­rung betref­fen, die bereits vor Inkraft­tre­ten des ÜberlVfRSchG ein­ge­tre­ten ist, nicht zutref­fend sein. Denn schon vor Inkraft­tre­ten des genann­ten Geset­zes war die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land auf­grund Art. 6 Abs. 1 EMRK ver­pflich­tet, Rechts­schutz in ange­mes­se­ner Zeit zu gewäh­ren. Fer­ner muss­te die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gewähr­leis­ten, dass für Fäl­le der Ver­let­zung des genann­ten Anspruchs eine wirk­sa­me Beschwer­de­mög­lich­keit zur Ver­fü­gung stand (Art. 13 EMRK). Wür­de nun eine vor Inkraft­tre­ten des ÜberlVfRSchG ein­ge­tre­te­ne Ver­zö­ge­rung dadurch rück­wir­kend „geheilt“, dass das Gericht das Ver­fah­ren kurz­fris­tig nach einer –erst­mals ab dem Inkraft­tre­ten des Geset­zes über­haupt mög­li­chen– Ver­zö­ge­rungs­rü­ge been­det, stün­de dem Betrof­fe­nen hin­sicht­lich der ein­ge­tre­te­nen Ver­zö­ge­rung weder ein wirk­sa­mer Rechts­be­helf noch ein Ent­schä­di­gungs­an­spruch zu. Dies wäre mit den aus der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on fol­gen­den und vom Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te mehr­fach fest­ge­stell­ten Pflich­ten Deutsch­lands unver­ein­bar.

Im Übri­gen hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­recht [19] aus­ge­führt: „Es ver­steht sich, dass in Län­dern, in denen eine Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung wegen der Dau­er des Ver­fah­rens schon ein­ge­tre­ten ist, ein nur auf Beschleu­ni­gung gerich­te­ter Rechts­be­helf, so wün­schens­wert er für die Zukunft ist, zur Wie­der­gut­ma­chung nicht aus­reicht, wenn das Ver­fah­ren offen­sicht­lich schon über­mä­ßig lang gedau­ert hat.“ In die­sem Sin­ne ist die vom deut­schen Gesetz­ge­ber nun­mehr geschaf­fe­ne Ver­zö­ge­rungs­rü­ge ein „nur auf Beschleu­ni­gung gerich­te­ter Rechts­be­helf“, der allein aber zur Wie­der­gut­ma­chung einer in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Ver­zö­ge­rung nicht aus­rei­chen kann, wenn der neue Rechts­be­helf in der Ver­gan­gen­heit noch gar nicht zur Ver­fü­gung stand.

In sei­nen Ent­schei­dun­gen, die nach Inkraft­tre­ten des ÜberlVfRSchG ergan­gen sind, ver­weist der EGMR die Beschwer­de­füh­rer auch in sol­chen Ver­fah­ren, die bei ihm bereits vor Inkraft­tre­ten des Geset­zes anhän­gig waren, auf den natio­na­len Rechts­be­helf der Ent­schä­di­gungs­kla­ge. Er führt aber zugleich aus, dass er die­se Posi­ti­on in Zukunft über­prü­fen wer­de, was ins­be­son­de­re von der Fähig­keit der inner­staat­li­chen Gerich­te abhän­gig sei, im Hin­blick auf das ÜberlVfRSchG eine kon­sis­ten­te und den Erfor­der­nis­sen der EMRK ent­spre­chen­de Recht­spre­chung zu eta­blie­ren [20]. Vor die­sem Hin­ter­grund hat der Bun­des­fi­nanz­hof bei der Aus­le­gung der durch das ÜberlVfRSchG in das deut­sche Recht auf­ge­nom­me­nen Nor­men auch die Erfor­der­nis­se eines effek­ti­ven Men­schen­rechts­schut­zes zu berück­sich­ti­gen. Mit die­sem wäre es unver­ein­bar, wenn eine bereits ein­ge­tre­te­ne Ver­zö­ge­rung durch nach­träg­li­ches staat­li­ches Han­deln ohne Zuer­ken­nung einer Wie­der­gut­ma­chung unge­sche­hen gemacht wer­den könn­te.

Rechts­miß­bräuch­li­che Ent­schä­di­gungs­kla­ge[↑]

Ein Anspruch des Klä­gers schei­tert auch nicht dar­an, dass die Erhe­bung der Ent­schä­di­gungs­kla­ge als rechts­miss­bräuch­lich anzu­se­hen wäre.

Der Beklag­te meint inso­weit, der Klä­ger habe die Ver­zö­ge­rungs­rü­ge ange­sichts des dro­hen­den Pro­zess­ver­lusts im Aus­gangs­ver­fah­ren als Druck­mit­tel ein­set­zen wol­len, um eine ihm güns­ti­ge Kos­ten­ent­schei­dung zu errei­chen. Da dies nicht gelun­gen sei, sei die spä­te­re Erhe­bung der Ent­schä­di­gungs­kla­ge als „Trotz­re­ak­ti­on“ anzu­se­hen, die recht­lich unbe­acht­lich sei.

Dem ist nicht bei­zu­pflich­ten. Nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen sind Pro­zess­hand­lun­gen im Inter­es­se der erfor­der­li­chen Rechts­klar­heit bedin­gungs­feind­lich [21]. Grund hier­für ist das im gericht­li­chen Ver­fah­ren in beson­de­rer Wei­se bestehen­de Bedürf­nis nach Rechts­si­cher­heit und ‑klar­heit. Dar­aus folgt aber zugleich, dass auch eine Motiv­for­schung in Bezug auf Pro­zess­hand­lun­gen –ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der Grün­de für die Erhe­bung einer Kla­ge– aus­schei­det.

Kein Ent­schä­di­gungs­an­spruch trotz Fest­stel­lung der über­lan­gen Ver­fah­rens­dau­er[↑]

Nach den beson­de­ren Umstän­den des vor­lie­gen­den Fal­les ist die Fest­stel­lung einer unan­ge­mes­se­nen Ver­fah­rens­dau­er aus­rei­chend für die erfor­der­li­che Wie­der­gut­ma­chung; ein Ent­schä­di­gungs­an­spruch in Geld steht dem Klä­ger nicht zu.

Gemäß § 198 Abs. 2 Satz 1 GVG wird ein Nach­teil, der nicht Ver­mö­gens­nach­teil ist, ver­mu­tet, wenn ein Gerichts­ver­fah­ren unan­ge­mes­sen lan­ge gedau­ert hat. Dies beruht auf der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichs­hofs für Men­schen­rech­te, der „eine star­ke, aber wider­leg­ba­re Ver­mu­tung“ dafür annimmt, dass die über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er einen Nicht­ver­mö­gens­scha­den ver­ur­sacht hat [22].

Vor­lie­gend ist die­se gesetz­li­che Ver­mu­tung weder durch das Vor­brin­gen des beklag­ten Land noch durch den sons­ti­gen Akten­in­halt wider­legt.

Ist die Ver­mu­tungs­re­gel –wie hier– nicht wider­legt, ord­net § 198 Abs. 2 Satz 2 GVG hin­sicht­lich der Rechts­fol­gen bei Erlei­den eines sol­chen Nicht­ver­mö­gens­nach­teils an, dass eine Geld­ent­schä­di­gung „nur bean­sprucht wer­den [kann], soweit nicht nach den Umstän­den des Ein­zel­fal­les Wie­der­gut­ma­chung auf ande­re Wei­se gemäß Absatz 4 aus­rei­chend ist“. Die Fest­stel­lung der Unan­ge­mes­sen­heit der Ver­fah­rens­dau­er durch das Ent­schä­di­gungs­ge­richt ist im Gesetz aus­drück­lich als eine der Mög­lich­kei­ten bezeich­net, Wie­der­gut­ma­chung auf ande­re Wei­se als durch Zuer­ken­nung eines Geld­an­spruchs zu leis­ten (§ 198 Abs. 4 Satz 1 GVG).

Für das Ver­hält­nis zwi­schen den Rechts­fol­gen „Geld­ent­schä­di­gung“ einer­seits und „Fest­stel­lungs­aus­spruch“ ande­rer­seits gilt danach weder ein Vor­rang der Geld­ent­schä­di­gung noch eine ander­wei­ti­ge Ver­mu­tungs­re­gel. Damit ist jeden­falls nach dem Geset­zes­wort­laut vor der Zuer­ken­nung einer Geld­ent­schä­di­gung jeweils kon­kret zu prü­fen, ob Wie­der­gut­ma­chung durch einen blo­ßen Fest­stel­lungs­aus­spruch mög­lich ist.

Soweit dem­ge­gen­über in der Lite­ra­tur ver­ein­zelt die Auf­fas­sung ver­tre­ten wird, ein Fest­stel­lungs­aus­spruch müs­se sich auf die­je­ni­gen Aus­nah­me­fäl­le beschrän­ken, in denen sich der Ent­schä­di­gungs­klä­ger im Aus­gangs­ver­fah­ren rechts­miss­bräuch­lich ver­hal­ten habe [23], ver­mag der Bun­des­fi­nanz­hof dem nicht zu fol­gen. Das von die­ser Auf­fas­sung als Beleg ange­führ­te EGMR-Urteil „Coriglia­no“ [24] ent­hält zwar einen blo­ßen Fest­stel­lungs­aus­spruch. Aller­dings lässt sich der genann­ten Ent­schei­dung nicht ent­neh­men, dass die­ser Aus­spruch auf einem rechts­miss­bräuch­li­chen Ver­hal­ten des dor­ti­gen Beschwer­de­füh­rers beruht. Viel­mehr führt der EGMR aus, bereits durch die Fest­stel­lung der Ver­let­zung des Art. 6 Abs. 1 EMRK sei eine hin­rei­chen­de Ent­schä­di­gung für den imma­te­ri­el­len Scha­den bewirkt wor­den. Das dar­über hin­aus ange­führ­te EGMR-Urteil „M.O./Deutschland“ [25] ist als Beleg für die Gegen­auf­fas­sung schon des­halb unge­eig­net, weil dem dor­ti­gen Beschwer­de­füh­rer –eine Per­son, die einer brei­ten Öffent­lich­keit bekannt war– durch die über­lan­ge Dau­er eines straf­recht­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­rens und des­sen Öffent­lich­keits­wir­kung unstrei­tig ein erheb­li­cher imma­te­ri­el­ler Scha­den ent­stan­den war.

Nach den Geset­zes­ma­te­ria­li­en [26] soll ein der­ar­ti­ger Fest­stel­lungs­aus­spruch bei­spiels­wei­se in Ver­fah­ren aus­rei­chen, die für „einen Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten“ (gemeint kann indes nur der Ent­schä­di­gungs­klä­ger sein, nicht aber des­sen Geg­ner im Aus­gangs­ver­fah­ren) kei­ne beson­de­re Bedeu­tung hat­ten, in denen ein Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter durch sein Ver­hal­ten erheb­lich zur Ver­zö­ge­rung bei­getra­gen hat oder der Beklag­te dar­legt, dass der Ent­schä­di­gungs­klä­ger –abge­se­hen von der Über­län­ge des Ver­fah­rens als sol­cher– kei­nen wei­ter­ge­hen­den imma­te­ri­el­len Scha­den erlit­ten hat.

Auch in Bezug auf die­se Rechts­fra­ge bie­tet der Streit­fall kei­ne Ver­an­las­sung, all­ge­mei­ne Grund­sät­ze zur Aus­le­gung des § 198 Abs. 4 GVG auf­zu­stel­len oder sich abschlie­ßend zu den in den Geset­zes­ma­te­ria­li­en ange­stell­ten Erwä­gun­gen zu äußern.

Die ange­führ­ten Erwä­gun­gen des Gesetz­ge­bers könn­ten aller­dings inso­weit auf Beden­ken sto­ßen, als eine dem Ent­schä­di­gungs­klä­ger zuzu­rech­nen­de Ver­zö­ge­rung bereits bei der Prü­fung zu berück­sich­ti­gen ist, ob über­haupt der Tat­be­stand einer unan­ge­mes­se­nen Ver­fah­rens­dau­er erfüllt ist, und dann nicht noch­mals bei der Ent­schei­dung über die Rechts­fol­gen einer als unan­ge­mes­sen zu beur­tei­len­den Ver­fah­rens­dau­er berück­sich­tigt wer­den darf. Auch könn­te das Ver­lan­gen nach einem Nicht­ver­mö­gens­scha­den, der über das Erdul­den der Über­län­ge als sol­cher hin­aus­geht, in einem Span­nungs­ver­hält­nis zu der For­de­rung des EGMR nach einem effek­ti­ven Rechts­schutz gegen Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen ste­hen. Im Streit­fall kommt hin­zu, dass dem finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren –jeden­falls abs­trakt– auch eine „beson­de­re Bedeu­tung“ für den Klä­ger nicht abzu­spre­chen war, da Gegen­stand sei­ner Kla­ge immer­hin ein strei­ti­ger Steu­er­be­trag im Umfang von ca. einem Drit­tel der ins­ge­samt für den Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2002 gegen den Klä­ger fest­ge­setz­ten Ein­kom­men­steu­er war.

Im Streit­fall ist die Beschrän­kung auf einen blo­ßen Fest­stel­lungs­aus­spruch aber des­halb gerecht­fer­tigt, weil die Kla­ge unschlüs­sig, d.h. bereits auf der Grund­la­ge des eige­nen Tat­sa­chen­vor­trags des Klä­gers erkenn­bar unbe­grün­det war. Denn der Klä­ger hat schon in der –kurz nach Kla­ge­er­he­bung ein­ge­reich­ten– Kla­ge­be­grün­dung vom 24.03.2006 ein­ge­räumt, dass im Nach­lass genü­gend Mas­se vor­han­den war, um die Steu­er­nach­zah­lung beglei­chen zu kön­nen. Damit hät­te die vom Klä­ger begehr­te Beschrän­kung sei­ner Erben­haf­tung auf den Nach­lass aber von vorn­her­ein nicht zu einer Redu­zie­rung sei­ner Pflicht zur Zah­lung der fest­ge­setz­ten Ein­kom­men­steu­er füh­ren kön­nen.

Soweit der Klä­ger erst­mals im Ent­schä­di­gungs­kla­ge­ver­fah­ren –ohne Sub­stan­ti­ie­rung durch Vor­la­ge von Unter­la­gen– behaup­tet, ab dem Jahr 2001 sei­en wei­te­re For­de­run­gen gegen den Nach­lass gel­tend gemacht wor­den, was im Jahr 2004 zum Antrag auf Eröff­nung eines Nach­lassin­sol­venz­ver­fah­rens geführt habe, ist dies für die Beur­tei­lung durch den BFH ohne Bedeu­tung. Denn ob eine Kla­ge sich als unschlüs­sig dar­stellt, ist aus der –ver­ob­jek­ti­vier­ten– Sicht des zur Ent­schei­dung über die­se Kla­ge beru­fe­nen Spruch­kör­pers zu beur­tei­len. Im Übri­gen ver­mag der Bun­des­fi­nanz­hof die­ses neue Vor­brin­gen nicht nach­zu­voll­zie­hen, da es zu den frü­he­ren Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen des Klä­gers in Wider­spruch steht. So hat er nicht nur in der Kla­ge­be­grün­dung vom 24.03.2006 –lan­ge nach der angeb­li­chen Erhe­bung wei­te­rer For­de­run­gen und dem behaup­te­ten Antrag auf Eröff­nung eines Nach­lassin­sol­venz­ver­fah­rens–, son­dern noch­mals im Schrei­ben vom 02.02.2012 erklärt, letzt­lich habe sich her­aus­ge­stellt, dass der Nach­lass ergie­big gewe­sen sei.

In einem sol­chen Fall, in dem sich allein aus der kurz nach Kla­ge­er­he­bung ein­ge­reich­ten Kla­ge­be­grün­dung ohne wei­te­re Ermitt­lungs­hand­lun­gen des Gerichts die Unschlüs­sig­keit des Kla­ge­vor­brin­gens ergibt, hat das ver­zö­ger­te Ver­fah­ren –jeden­falls bei kon­kre­ter Betrach­tung– für den Ent­schä­di­gungs­klä­ger objek­tiv kei­ne beson­de­re Bedeu­tung. Denn dann ist für jeden Rechts­kun­di­gen von Anfang an klar, dass die Kla­ge kei­ne Aus­sicht auf Erfolg haben kann.

Selbst wenn sich –was der Bun­des­fi­nanz­hof vor­lie­gend nicht zu ent­schei­den braucht– aus einer EMRK-kon­for­men Aus­le­gung des § 198 Abs. 2 Satz 2 GVG ein gewis­ser Vor­rang der Geld­ent­schä­di­gung erge­ben könn­te, zeigt die Recht­spre­chung des EGMR, dass auch die­ser in vie­len Fäl­len ledig­lich einen Fest­stel­lungs­aus­spruch als Wie­der­gut­ma­chung aus­rei­chen lässt [27]. Es sind aber kaum Fall­grup­pen denk­bar, in denen die Betrof­fen­heit des Klä­gers durch eine über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er gerin­ger ist als bei einer nach dem eige­nen Kla­ge­vor­brin­gen bereits unschlüs­si­gen Kla­ge. Die Betrof­fen­heit durch die Ver­zö­ge­rung beschränkt sich in die­sen Fäl­len auf den Umstand, dass der Abschluss des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens lan­ge auf sich hat war­ten las­sen. Ange­sichts der von Beginn an fest­ste­hen­den Unschlüs­sig­keit der Kla­ge sind mit der Ver­zö­ge­rung aber kei­ne wei­te­ren Risi­ken oder Nach­tei­le für die pro­zes­sua­le oder sons­ti­ge Situa­ti­on des Klä­gers ver­bun­den.

Betrach­tet man die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te bis zum Inkraft­tre­ten des ÜberlVfRSchG, ist zwar fest­zu­stel­len, dass der EGMR Deutsch­land in Fäl­len über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er zuneh­mend zur Zah­lung von Geld­ent­schä­di­gun­gen ver­ur­teilt und sich nicht auf die –gemäß Art. 41 EMRK eben­falls mög­li­che– blo­ße Fest­stel­lung einer Ver­let­zung der EMRK beschränkt hat. Bei genau­er Betrach­tung liegt dies aber dar­an, dass der EGMR im Zeit­ab­lauf zu der Erkennt­nis gelangt ist, dass in Deutsch­land sei­ner­zeit ein struk­tu­rel­les Pro­blem vor­han­den gewe­sen sei. Deutsch­land wur­de daher in den jün­ge­ren Ent­schei­dun­gen nicht allein wegen einer Ver­let­zung des Art. 6 EMRK (Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren inner­halb ange­mes­se­ner Frist) ver­ur­teilt, son­dern vor allem auch wegen einer Ver­let­zung des in Art. 13 EMRK garan­tier­ten Rechts auf eine wirk­sa­me Beschwer­de gegen Ver­let­zun­gen der EMRK bei einer inner­staat­li­chen Instanz [28]. Eine sol­che Beschwer­de­mög­lich­keit in Fäl­len über­lan­ger Gerichts­ver­fah­ren (Untä­tig­keits­be­schwer­de, Ver­zö­ge­rungs­rü­ge) fehl­te in Deutsch­land bis zum Inkraft­tre­ten des ÜberlVfRSchG; die­ses struk­tu­rel­le Pro­blem der deut­schen Gesetz­ge­bung –und nicht nur die tat­säch­li­che Ver­zö­ge­rung eines gericht­li­chen Ver­fah­rens im Ein­zel­fall– hat der EGMR mit der Zuer­ken­nung von Geld­ent­schä­di­gun­gen sank­tio­nie­ren wol­len [29].

Mit dem Inkraft­tre­ten des ÜberlVfRSchG ist das struk­tu­rel­le Pro­blem besei­tigt wor­den. Im Vor­der­grund steht nun­mehr wie­der die Ein­zel­fall­be­trach­tung der Umstän­de des kon­kre­ten Ver­fah­rens. Damit wür­de –hät­te der EGMR über einen der­ar­ti­gen Fall zu ent­schei­den– wie­der die Grund­re­gel des Art. 41 EMRK zur Anwen­dung kom­men, wonach der EGMR nur dann über die blo­ße Fest­stel­lung einer Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung hin­aus eine „gerech­te Ent­schä­di­gung“ (Geld­ent­schä­di­gung für Nicht­ver­mö­gens­schä­den) zuspricht, wenn das inner­staat­li­che Recht „nur eine unvoll­kom­me­ne Wie­der­gut­ma­chung für die Fol­gen die­ser Ver­let­zung“ gestat­tet. Die Haupt­sa­che­ent­schei­dung des EGMR liegt in der Fest­stel­lung einer Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung; die dar­über hin­aus­ge­hen­de Zuer­ken­nung einer Geld­ent­schä­di­gung ist nur eine unselb­stän­di­ge Neben­ent­schei­dung [30]. Der EGMR spricht nur dann eine Geld­ent­schä­di­gung zu, wenn der Betrof­fe­ne auf­grund der Rechts­ver­let­zung nach­weis­lich einen „spür­ba­ren Nach­teil“ erlit­ten hat [31].

Unver­züg­lich erho­be­ne Ver­zö­ge­rungs­rü­ge?[↑]

Der Bun­des­fi­nanz­hof kann offen­las­sen, ob der Klä­ger sei­ne am 14. Febru­ar 2012 beim Finanz­ge­richt ein­ge­gan­ge­ne Ver­zö­ge­rungs­rü­ge „unver­züg­lich nach Inkraft­tre­ten“ des ÜberlVfRSchG erho­ben hat.

Gemäß der Über­gangs­re­ge­lung des Art. 23 Satz 1 ÜberlVfRSchG ist das genann­te Gesetz auch auf Ver­fah­ren anwend­bar, die bei sei­nem Inkraft­tre­ten (3. Dezem­ber 2011) bereits anhän­gig waren. War ein sol­ches anhän­gi­ges Ver­fah­ren beim Inkraft­tre­ten des Geset­zes schon ver­zö­gert, gilt die in § 198 Abs. 3 GVG vor­ge­se­he­ne Oblie­gen­heit zur Erhe­bung einer Ver­zö­ge­rungs­rü­ge mit der Maß­ga­be, dass die­se „unver­züg­lich nach Inkraft­tre­ten erho­ben wer­den muss“ (Art. 23 Satz 2 ÜberlVfRSchG). In die­sem Fall wahrt die Ver­zö­ge­rungs­rü­ge einen Anspruch nach § 198 GVG auch für den vor­aus­ge­hen­den Zeit­raum (Art. 23 Satz 3 ÜberlVfRSchG).

Der Beklag­te meint –unter Ver­weis auf die Recht­spre­chung der Zivil­ge­rich­te zu § 121 Abs. 1 Satz 1 BGB, die wie­der­um die für außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kün­di­gun­gen gel­ten­de zwei­wö­chi­ge gesetz­li­che Aus­schluss­frist des § 626 Abs. 2 Satz 1 BGB her­an­zieht [32]–, Ver­zö­ge­rungs­rü­gen in Über­gangs­fäl­len hät­ten inner­halb von zwei Wochen nach dem Inkraft­tre­ten des ÜberlVfRSchG, also bis zum 17. Dezem­ber 2011, erho­ben wer­den müs­sen, um einen Anspruch auch für die Ver­gan­gen­heit zu wah­ren.

Der Bun­des­fi­nanz­hof kann offen­las­sen, ob eine sol­che Aus­le­gung unter Berück­sich­ti­gung ander­wei­ti­ger gesetz­li­cher Wer­tun­gen sach­ge­recht und mit der Recht­spre­chung des EGMR ver­ein­bar wäre. So steht z.B. für die Erhe­bung einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen ein Gesetz eine ein­jäh­ri­ge Frist zur Ver­fü­gung (§ 93 Abs. 3 BVerfGG). Zudem gilt für die Beschwer­den zum EGMR eine sechs­mo­na­ti­ge Frist (Art. 35 Abs. 1 EMRK). Auch geht es dar­um, mit­tels der Aus­le­gung des Überl­V­RSchG eine den Erfor­der­nis­sen der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ent­spre­chen­de Recht­spre­chung zu eta­blie­ren [33].

Indes bedarf es im Streit­fall, in dem ledig­lich die Fest­stel­lung einer Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung aus­zu­spre­chen ist, der vor­he­ri­gen (unver­züg­li­chen) Erhe­bung einer Rüge durch den Klä­ger nicht. Denn die Fest­stel­lung einer unan­ge­mes­se­nen Ver­fah­rens­dau­er kann –im Gegen­satz zur Zuer­ken­nung einer Geld­ent­schä­di­gung– nach der aus­drück­li­chen Rege­lung des § 198 Abs. 4 Satz 3 GVG auch dann aus­ge­spro­chen wer­den, „wenn eine oder meh­re­re Vor­aus­set­zun­gen des Abs. 3 nicht erfüllt sind“. Die Oblie­gen­heit zur Erhe­bung einer Ver­zö­ge­rungs­rü­ge ist aber –neben ande­ren– in § 198 Abs. 3 GVG genannt. Die­se Oblie­gen­heit ent­fällt, wenn das Ent­schä­di­gungs­ge­richt sich auf einen blo­ßen Fest­stel­lungs­aus­spruch beschränkt, nicht nur im gesetz­li­chen Regel­fall des § 198 Abs. 3 GVG, son­dern auch in Fäl­len der –vor­lie­gend ein­schlä­gi­gen– Über­gangs­re­ge­lung des Art. 23 Satz 2 ÜberlVfRSchG. Denn nach die­ser Vor­schrift „gilt § 198 Abs. 3 GVG mit der Maß­ga­be, dass die Ver­zö­ge­rungs­rü­ge unver­züg­lich nach Inkraft­tre­ten erho­ben wer­den muss“. Von dem Ver­weis der genann­ten Über­gangs­re­ge­lung auf § 198 Abs. 3 GVG ist daher auch die in § 198 Abs. 4 Satz 3 GVG ange­ord­ne­te Aus­nah­me vom Erfor­der­nis des § 198 Abs. 3 GVG umfasst.

Da der Bun­des­fi­nanz­hof vor­lie­gend einen Fest­stel­lungs­aus­spruch als Wie­der­gut­ma­chung für aus­rei­chend hält, war die Erhe­bung einer Ver­zö­ge­rungs­rü­ge nicht erfor­der­lich.

Ver­fah­rens­kos­ten[↑]

Die Kos­ten­quo­telung 1/​4 : 3/​4 beruht auf § 201 Abs. 4 GVG. Danach ent­schei­det das Gericht über die Kos­ten nach bil­li­gem Ermes­sen, wenn –wie hier– zwar kein Ent­schä­di­gungs­an­spruch besteht, aber eine unan­ge­mes­se­ne Ver­fah­rens­dau­er fest­ge­stellt wird.

Die­se Rege­lung soll auch dann eine „ange­mes­se­ne Kos­ten­ent­schei­dung“ ermög­li­chen, wenn ein Klä­ger sei­ne Rüge­o­b­lie­gen­heit nicht erfüllt hat, gleich­wohl aber eine über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er fest­ge­stellt wird [34]. In einem sol­chen Fall soll sogar eine voll­stän­di­ge Frei­stel­lung des Klä­gers von den Kos­ten des Ent­schä­di­gungs­rechts­streits mög­lich sein [35].

In einem Fall wie dem vor­lie­gen­den, in dem

  1. tat­säch­lich eine erheb­li­che Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung gege­ben ist,
  2. deren Grö­ßen­ord­nung weit­ge­hend mit der­je­ni­gen Zeit­span­ne deckungs­gleich ist, die der Klä­ger sei­ner mone­tä­ren Ent­schä­di­gungs­for­de­rung zugrun­de gelegt hat, und
  3. der Klä­ger die Höhe sei­ner Ent­schä­di­gungs­for­de­rung auf den gesetz­li­chen Regel­be­trag des § 198 Abs. 2 Satz 3 GVG beschränkt hat,

ent­spricht es bil­li­gem Ermes­sen, dem Beklag­ten auch dann den weit­aus über­wie­gen­den Teil der Ver­fah­rens­kos­ten auf­zu­er­le­gen, wenn das Gericht letzt­lich kei­nen Ent­schä­di­gungs­an­spruch gewährt, son­dern ledig­lich die Unan­ge­mes­sen­heit der Ver­fah­rens­dau­er fest­stellt.

Auch der EGMR hat aus­ge­führt [36] aus­ge­führt, die Vor­schrif­ten über die Kos­ten in Ent­schä­di­gungs­kla­ge­ver­fah­ren könn­ten vom all­ge­mei­nen Kos­ten­recht abwei­chen, um zu ver­mei­den, dass Par­tei­en in Fäl­len, in denen die Kla­ge begrün­det ist, eine über­mä­ßi­ge Last tra­gen.

Zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis führt die Erwä­gung des Beklag­ten, das kon­kre­te Pro­zess­ver­hal­ten des Klä­gers im Ent­schä­di­gungs­kla­ge­ver­fah­ren zei­ge, dass es die­sem wirt­schaft­lich auf die Erlan­gung einer Geld­ent­schä­di­gung ankom­me und der Fest­stel­lungs­aus­spruch für ihn nur von unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung sei, was sich auch in der Kos­ten­ent­schei­dung wider­spie­geln müs­se. Denn nach der men­schen­recht­li­chen Kon­zep­ti­on der §§ 198 ff. GVG dient sowohl der Fest­stel­lungs­aus­spruch als auch die Zuer­ken­nung einer Geld­ent­schä­di­gung für imma­te­ri­el­le Schä­den –auf die der Klä­ger sei­nen Antrag beschränkt hat– der Genug­tu­ung für die erlit­te­nen imma­te­ri­el­len Nach­tei­le eines unan­ge­mes­sen ver­zö­ger­ten Gerichts­ver­fah­rens. Vor die­sem Hin­ter­grund ist –auch– für die Kos­ten­ent­schei­dung der Umstand, dass das Ent­schä­di­gungs­ge­richt eine Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung in der vom Klä­ger gel­tend gemach­ten Grö­ßen­ord­nung bejaht, von grö­ße­rem Gewicht als die Wahl zwi­schen den ver­schie­de­nen Rechts­fol­gen­aus­sprü­chen.

In Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze legt der Bun­des­fi­nanz­hof die­sen „weit­aus über­wie­gen­den“, in der­ar­ti­gen Fäl­len vom Beklag­ten zu tra­gen­den Teil der Ver­fah­rens­kos­ten typi­sie­rend auf 75 % fest.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 17. April 2013 – X K 3/​12

  1. Gesetz- und Ver­ord­nungs­blatt für Ber­lin 2004, 380[]
  2. VerfGH Ber­lin, Beschluss vom 19.12.2006 – 45/​06, unter II.1.a[]
  3. VErfGH Ber­lin, a.a.O.[]
  4. VerfG Bran­den­burg, Beschluss vom 10.05.2007 – 8/​07, unter B.I.1.[]
  5. BVerfG, Beschluss vom 14.07.2006 – 2 BvR 1058/​05, HFR 2006, 1030, unter III.2.b aa[]
  6. BVerfG, Beschluss in HFR 2006, 1030, unter III.2.b bb[]
  7. Anord­nung über die Ver­tre­tung des Lan­des Ber­lin im Geschäfts­be­reich der Senats­ver­wal­tung für Jus­tiz vom 20.09.2007, Amts­blatt Ber­lin 2007, 2641[]
  8. vgl. hier­zu Krebs, in: Hand­buch des Staats­rechts der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Band V, § 108 Rz 99, m.w.N.[]
  9. Ossen­bühl, in: Hand­buch des Staats­rechts, a.a.O., § 101 Rz 72[]
  10. aus­führ­lich, auch zum Fol­gen­den: VerfGH NRW, Urteil vom 09.02.1999 – 11/​98, NJW 1999, 1243, m.w.N., betr. Zusam­men­le­gung des Innen- und Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums[]
  11. EGMR, Urteil vom 02.09.2010 – 46344/​06 [Rumpf/​Deutschland], NJW 2010, 3355, Rz 41, m.w.N.[]
  12. BVerfG, Beschluss vom 27.07.2004 – 1 BvR 1196/​04, NJW 2004, 3320, unter II.2.a, m.w.N.[]
  13. BVerfG, Beschluss vom 13.08.2012 – 1 BvR 1098/​11, EuGRZ 2012, 666, unter B.I.2.[]
  14. BVerfG, Beschluss vom 01.10.2012 – 1 BvR 170/​06 – Vz 1/​12[]
  15. BT-Drs. 17/​3802, 18[]
  16. BVerfG, Beschluss in EuGRZ 2012, 666, unter B.I.2.[]
  17. so zutref­fend BT-Drs. 17/​3802, 19, unter Ver­weis auf die stän­di­ge Recht­spre­chung des BVerfG und EGMR[]
  18. vgl. hier­zu BFH, Urteil vom 23.03.2011 – X R 44/​09, BFHE 233, 297, BStBl II 2011, 884, unter II.2.[]
  19. EGMR, Urteil vom 29.03.2006 – 36813/​97 [Scordino/​Italien], NJW 2007, 1259, Rz 185[]
  20. so aus­drück­lich EGMR, Urteil vom 29.05.2012 – 53126/​07 [Taron/​Deutschland], EuGRZ 2012, 514, Rz 45[]
  21. vgl. BFH, Urteil vom 06.07.2005 – XI R 15/​04, BFHE 210, 4, BStBl II 2005, 644, unter II.2.[]
  22. EGMR, Urteil in NJW 2007, 1259, Rz 204[]
  23. so Böcker, DStR 2011, 2173, 2177[]
  24. EGMR, Urteil vom 10.12.1982 – 8304/​78 [Corigliano/​Italien], EGMR‑E 2, 199, Rz 53[]
  25. EGMR, Urteil vom 13.11.2008 – 26073/​03 [M.O./Deutschland][]
  26. BT-Drs. 17/​3802, 20[]
  27. vgl. die umfas­sen­de Zusam­men­stel­lung die­ser Recht­spre­chung bei Stein­beiß-Win­kel­man­n/Ott, Rechts­schutz bei über­lan­gen Gerichts­ver­fah­ren, Kom­men­tar, Anhang 2[]
  28. vgl. EGMR, Urteil vom 08.06.2006 75529/​01 [Sürmeli/​Deutschland], NJW 2006, 2389[]
  29. vgl. EGMR, Urteil in NJW 2006, 2389, Rz 136 ff.[]
  30. so Dörr, in: Grote/​Marauhn, EMRK/​GG, Kon­kor­danz­kom­men­tar zum euro­päi­schen und deut­schen Grund­rechts­schutz, 2006, Kap. 33 Rz 10[]
  31. Dörr, in: Grote/​Marauhn, a.a.O., Kap. 33 Rz 18[]
  32. BAG, Urteil vom 14.12.1979 – 7 AZR 38/​78, BAGE 32, 237, unter IV.2.[]
  33. vgl. EGMR, Ent­schei­dung in EuGRZ 2012, 514, Rz 45[]
  34. BT-Drs. 17/​3802, 26[]
  35. BT-Drs. 17/​3802, 19, zu § 198 Abs. 2 Satz 2 GVG[]
  36. EGMR, Urteil in NJW 2007, 1259, Rz 201[]