Bezug von Rei­se­vor­leis­tun­gen aus einem ande­ren EU-Mit­glied­staat – und die Mar­gen­be­steue­rung

Ein inlän­di­scher Rei­se­ver­an­stal­ter kann sich hin­sicht­lich der von ihm für sein Unter­neh­men bezo­ge­nen Rei­se­vor­leis­tun­gen eines in einem ande­ren Mit­glied­staat der EU ansäs­si­gen Unter­neh­mers, für die er als Leis­tungs­emp­fän­ger die Steu­er schul­det, unmit­tel­bar auf die uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen über die Mar­gen­be­steue­rung (Art. 306 ff. MwSt­Sys­tRL) beru­fen mit der Fol­ge, dass er ent­ge­gen dem natio­na­len Recht kei­ne Steu­er für die erbrach­ten Leis­tun­gen schul­det, weil die­se danach im Inland nicht steu­er­bar sind.

Bezug von Rei­se­vor­leis­tun­gen aus einem ande­ren EU-Mit­glied­staat – und die Mar­gen­be­steue­rung

Der­ar­ti­ge Rei­se­vor­leis­tun­gen sind nach Bestim­mun­gen des Uni­ons­rechts über die Mar­gen­be­steue­rung abwei­chend von der natio­na­len Rechts­la­ge im Inland nicht steu­er­bar.

Nach der natio­na­len Rechts­la­ge gel­ten für Rei­se­leis­tun­gen eines Unter­neh­mers, die nicht für das Unter­neh­men des Leis­tungs­emp­fän­gers bestimmt sind, die beson­de­ren Vor­schrif­ten zur Besteue­rung von Rei­se­leis­tun­gen, soweit der Unter­neh­mer dabei gegen­über dem Leis­tungs­emp­fän­ger im eige­nen Namen auf­tritt und Rei­se­vor­leis­tun­gen in Anspruch nimmt (§ 25 Abs. 1 Satz 1 UStG). Die Leis­tung des Unter­neh­mers ist als sons­ti­ge Leis­tung anzu­se­hen (§ 25 Abs. 1 Satz 2 UStG). Der Ort der sons­ti­gen Leis­tung bestimmt sich nach § 3a Abs. 1 UStG (§ 25 Abs. 1 Satz 4 UStG). Rei­se­vor­leis­tun­gen sind Lie­fe­run­gen und sons­ti­ge Leis­tun­gen Drit­ter, die den Rei­sen­den unmit­tel­bar zugu­te­kom­men (§ 25 Abs. 1 Satz 5 UStG).

Der von § 25 Abs. 1 Satz 4 UStG in Bezug genom­me­ne § 3a Abs. 1 Satz 1 UStG bestimmt, dass eine sons­ti­ge Leis­tung ‑vor­be­halt­lich wei­te­rer für Rei­se­leis­tun­gen nicht ein­schlä­gi­gen beson­de­ren Orts­be­stim­mun­gen- an dem Ort aus­ge­führt wird, von dem aus der Unter­neh­mer sein Unter­neh­men betreibt. Wird die sons­ti­ge Leis­tung von einer Betriebs­stät­te aus­ge­führt, gilt nach § 3a Abs. 1 Satz 2 UStG die Betriebs­stät­te als der Ort der sons­ti­gen Leis­tung.

Uni­ons­recht­lich beruht § 25 UStG nun­mehr auf Art. 306 ff. MwSt­Sys­tRL. Art. 306 Abs. 1 Satz 1 MwSt­Sys­tRL bestimmt, dass die Mit­glied­staa­ten auf Umsät­ze von Rei­se­bü­ros die betref­fen­de Mehr­wert­steu­er-Son­der­re­ge­lung anwen­den, soweit die Rei­se­bü­ros gegen­über dem Rei­sen­den in eige­nem Namen auf­tre­ten und zur Durch­füh­rung der Rei­se Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den und Dienst­leis­tun­gen ande­rer Steu­er­pflich­ti­ger in Anspruch neh­men. Für Rei­se­bü­ros, die ledig­lich als Ver­mitt­ler han­deln, gilt die­se Son­der­re­ge­lung nicht (Art. 306 Abs. 1 Satz 2 MwSt­Sys­tRL).

Bewirk­te Rei­se­leis­tun­gen gel­ten als eine ein­heit­li­che Dienst­leis­tung (Art. 307 Satz 1 MwSt­Sys­tRL), die in dem Mit­glied­staat besteu­ert wird, in dem das Rei­se­bü­ro den Sitz sei­ner wirt­schaft­li­chen Tätig­keit oder eine fes­te Nie­der­las­sung hat, von wo aus es die Dienst­leis­tung erbracht hat (Art. 307 Satz 2 MwSt­Sys­tRL).

Die uni­ons­recht­li­che Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros nach Art. 306 ff. MwSt­Sys­tRL dient zum einen der Ver­ein­fa­chung der Mehr­wert­steu­er­vor­schrif­ten für Rei­se­bü­ros. Zum ande­ren soll sie die Ein­nah­men aus der Erhe­bung die­ser Steu­er in aus­ge­wo­ge­ner Wei­se zwi­schen den Mit­glied­staa­ten ver­tei­len, indem sie zum einen die Mehr­wert­steu­er­ein­nah­men für jede Ein­zel­leis­tung dem Mit­glied­staat des End­ver­brauchs der Dienst­leis­tung und zum ande­ren die Mehr­wert­steu­er­ein­nah­men im Zusam­men­hang mit der Mar­ge des Rei­se­bü­ros dem Mit­glied­staat, in dem die­ses ansäs­sig ist, zuflie­ßen lässt 1.

Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on hat­te zunächst meh­re­re Mit­glied­staa­ten der EU ver­klagt, weil nach ihrer Auf­fas­sung die Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros nach Art. 306 bis 310 MwSt­Sys­tRL i.S. der "Rei­sen­den­ma­xi­me" aus­zu­le­gen sei, wonach die­se Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros ‑was § 25 Abs. 1 Satz 1 UStG ent­spricht- nur auf Leis­tun­gen an Rei­sen­de als End­ver­brau­cher beschränkt sei (sog. B2C-Trans­ak­tio­nen). Dem ist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nicht gefolgt. Nach der Recht­spre­chung des Uni­ons­ge­richts­hofs sind die Bestim­mun­gen der Art. 306 bis 310 MwSt­Sys­tRL, die je nach Sprach­fas­sung den Begriff "Kun­de" oder "Rei­sen­der" ver­wen­den, dage­gen i.S. der "Kun­den­ma­xi­me" aus­zu­le­gen 2.

Somit gilt die uni­ons­recht­li­che Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros ‑ent­ge­gen der in § 25 Abs. 1 Satz 1 UStG getrof­fe­nen Rege­lung- auch für Rei­se­leis­tun­gen für Steu­er­pflich­ti­ge, die die­se für ihr Unter­neh­men nut­zen (sog. B2B-Trans­ak­tio­nen). Da der natio­na­le Gesetz­ge­ber bis­her auf die vor­ge­nann­te Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on nicht reagiert hat, ist seit dem 8.07.2016 eine Kla­ge der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on nun­mehr gegen Deutsch­land beim Uni­ons­ge­richts­hofs anhän­gig 3, die u.a. die man­geln­de Umset­zung der uni­ons­recht­li­chen Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros hin­sicht­lich der an ande­re Unter­neh­mer für deren Unter­neh­men aus­ge­führ­te Rei­se­leis­tun­gen betrifft.

Bezo­gen auf den Streit­fall folgt dar­aus, dass die von A für das Unter­neh­men der Rei­se­ver­an­stal­te­rin aus­ge­führ­ten Rei­se­leis­tun­gen ‑der uni­ons­recht­lich maß­ge­ben­den "Kun­den­ma­xi­me" ent­spre­chend- unter die Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros gemäß Art. 306 ff. MwSt­Sys­tRL fal­len. Die von A erbrach­ten und jeweils als ein­heit­li­che Dienst­leis­tung zu qua­li­fi­zie­ren­den Rei­se­leis­tun­gen sind in Höhe der von ihr nach Maß­ga­be des Art. 308 MwSt­Sys­tRL erziel­ten Mar­ge gemäß Art. 307 Satz 2 MwSt­Sys­tRL allein in Öster­reich zu besteu­ern. Danach schul­det die Rei­se­ver­an­stal­te­rin als Leis­tungs­emp­fän­ge­rin die Steu­er für die frag­li­chen Rei­se­leis­tun­gen, die sie als Rei­se­vor­leis­tun­gen von der A bezo­gen hat, nicht. Denn die­se Leis­tun­gen sind gemes­sen am Uni­ons­recht in Deutsch­land nicht steu­er­bar.

Die Rei­se­ver­an­stal­te­rin kann ‑anders als das Finanz­amt meint- einen Anwen­dungs­vor­rang der uni­ons­recht­li­chen Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros gemäß Art. 306 ff. MwSt­Sys­tRL gegen­über der richt­li­ni­en­wid­ri­gen Rege­lung in § 25 Abs. 1 Satz 1 UStG gel­tend machen.

Der BFH hat bereits ent­schie­den, dass sich der Rei­se­leis­tun­gen aus­füh­ren­de Unter­neh­mer hin­sicht­lich der von ihm an ande­re Unter­neh­mer für deren Unter­neh­men erbrach­ten Rei­se­leis­tun­gen auf Art. 26 der Sechs­ten Richt­li­nie 77/​388/​EWG des Rates vom 17.05.1977 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern nach Maß­ga­be der Aus­le­gung des EuGH beru­fen kann 4. Für die Streit­jah­re sind uni­ons­recht­lich Art. 306 ff. MwSt­Sys­tRL ohne inhalt­li­che Ände­rung an die Stel­le von Art. 26 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG getre­ten 5, der ent­ge­gen der in § 25 Abs. 1 Satz 1 UStG getrof­fe­nen Rege­lung eben­so wenig dar­auf abstell­te, ob die Rei­se­leis­tung an einen End­ver­brau­cher erbracht wor­den ist.

Fer­ner hat der BFH ent­schie­den, dass alles Erfor­der­li­che zu tun ist, um die­je­ni­gen inner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten "aus­zu­schal­ten", die unter Umstän­den ein Hin­der­nis für die vol­le Wirk­sam­keit der Uni­ons­nor­men bil­den 6.

Für die Gel­tend­ma­chung des Anwen­dungs­vor­rangs des Uni­ons­rechts ist es des­halb unbe­acht­lich, dass der sich auf uni­ons­recht­li­che Bestim­mun­gen beru­fen­de Steu­er­pflich­ti­ge selbst nicht Steu­er­schuld­ner, son­dern (vor­steu­er­ab­zugs­be­rech­tig­ter) Abneh­mer einer Lie­fe­rung ist, ohne die Steu­er hier­für als Leis­tungs­emp­fän­ger nach § 13b UStG zu schul­den. In Bezug auf den Anwen­dungs­vor­rang ist (allein) die Min­de­rung der den Unter­neh­mer tref­fen­den Steu­er­schuld maß­geb­lich 7.

Eben­so wenig ist es erheb­lich, wel­chen recht­li­chen Inter­es­sen die Bestim­mung des Uni­ons­rechts dient, deren Anwen­dungs­vor­rang der Steu­er­pflich­ti­ge gel­tend macht, wenn die Beru­fung auf das Uni­ons­recht zu einer nied­ri­ge­ren Steu­er­schuld des Steu­er­pflich­ti­gen führt 8. Des­halb kann sich auch der Steu­er­schuld­ner nach § 13b UStG auf das für ihn güns­ti­ge­re Uni­ons­recht beru­fen.

Auf­grund des Erfor­der­nis­ses, für die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts Sor­ge zu tra­gen, kann dem sich auf uni­ons­recht­li­che Bestim­mun­gen beru­fen­den Steu­er­pflich­ti­gen auch nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, dass für sei­nen Lie­fe­rer die nach natio­na­lem Recht bestehen­de Rechts­la­ge güns­ti­ger als das Uni­ons­recht ist. Die Rechts­fol­gen des vom Steu­er­pflich­ti­gen gel­tend gemach­ten Anwen­dungs­vor­rangs beschrän­ken sich viel­mehr auf sei­ne eige­ne Per­son und wir­ken sich daher erst dann auf die Besteue­rung sei­nes Lie­fe­rers aus, wenn die­ser gleich­falls einen Anwen­dungs­vor­rang gel­tend machen könn­te 9.

Danach kann sich die Rei­se­ver­an­stal­te­rin, soweit sie als Leis­tungs­emp­fän­ge­rin die Steu­er für die von ihr von der A bezo­ge­nen Rei­se­vor­leis­tun­gen nach den Vor­schrif­ten des natio­na­len Rechts schul­det, hin­sicht­lich der Besteue­rung die­ser Leis­tun­gen unmit­tel­bar auf Art. 306 ff. MwSt­Sys­tRL beru­fen.

Die von ihr als Rei­se­vor­leis­tun­gen bezo­ge­nen Leis­tun­gen der A sind in Deutsch­land nach uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen man­gels inlän­di­schem Leis­tungs­ort (im natio­na­len Recht gemäß § 3a ff. UStG) nicht steu­er­bar. Die Rei­se­ver­an­stal­te­rin als Leis­tungs­emp­fän­ge­rin kann somit man­gels Steu­er­bar­keit nicht Steu­er­schuld­ne­rin der von ihr bezo­ge­nen Leis­tun­gen sein (im natio­na­len Recht gemäß § 13b Abs. 2 Satz 1, § 13b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 UStG a.F. bzw. § 13b Abs. 5 Satz 1, § 13b Abs. 1 UStG). Dies bewirkt gegen­über den anzu­wen­den­den natio­na­len Vor­schrif­ten eine Min­de­rung ihrer Steu­er­schuld. Die Rei­se­ver­an­stal­te­rin, die als Leis­tungs­emp­fän­ge­rin die Steu­er für die betref­fen­den Leis­tun­gen selbst schul­det, kann somit den Anwen­dungs­vor­rang des für sie güns­ti­ge­ren, weil zu einer nied­ri­ge­ren Steu­er füh­ren­den Uni­ons­rechts gel­tend machen.

Ent­ge­gen dem Revi­si­ons­vor­brin­gen liegt in der vom Leis­tungs­er­brin­ger abwei­chen­den Beru­fung auf das Uni­ons­recht kein Ver­stoß gegen den Grund­satz der steu­er­li­chen Neu­tra­li­tät.

Die unmit­tel­ba­re Beru­fung der Rei­se­ver­an­stal­te­rin auf das Uni­ons­recht hängt nicht vom Ver­hal­ten der A ab, ihrer in Öster­reich ansäs­si­gen Leis­tungs­er­brin­ge­rin. Denn die Rechts­fol­gen des von der Rei­se­ver­an­stal­te­rin gel­tend gemach­ten Anwen­dungs­vor­rangs beschrän­ken sich auf ihre eige­ne Per­son. Auf die Besteue­rung der A in Öster­reich wirkt sich das Uni­ons­recht erst dann aus, wenn die­se gleich­falls einen Anwen­dungs­vor­rang gel­tend machen wür­de.

Der Bun­des­fi­nanz­hof ver­mag in der Gel­tend­ma­chung des Anwen­dungs­vor­rangs des Uni­ons­recht durch die Rei­se­ver­an­stal­te­rin kei­nen Ver­stoß gegen den uni­ons­recht­li­chen Grund­satz der steu­er­li­chen Neu­tra­li­tät zu erken­nen, der es ver­bie­tet, gleich­ar­ti­ge und des­halb mit­ein­an­der in Wett­be­werb ste­hen­de Dienst­leis­tun­gen hin­sicht­lich der Mehr­wert­steu­er unter­schied­lich zu behan­deln 10. Soweit in den Streit­jah­ren die von A erbrach­ten Rei­se­vor­leis­tun­gen unbe­las­tet von der Steu­er blei­ben, weil sie in Öster­reich ent­ge­gen den uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen der Art. 306 ff. MwSt­Sys­tRL nicht der Mar­gen­be­steue­rung unter­wor­fen wer­den, ist dies ‑wie das Nie­der­säch­si­sche Finanz­ge­richt in der Vor­in­stanz in Bezug auf Steu­er­aus­fäl­le zu Recht erkannt hat 11- not­wen­di­ge Fol­ge des Gebots, das Uni­ons­recht in jedem Fal­le gegen­über dem ent­ge­gen­ste­hen­den natio­na­len Recht durch­zu­set­zen. Es kann sich nicht zulas­ten der Rei­se­ver­an­stal­te­rin aus­wir­ken, wenn sie sich auf eine für sie güns­ti­ge­re Bestim­mung des Uni­ons­rechts beruft, wäh­rend die A an der für sie ‑zumin­dest in den Streit­jah­ren- güns­ti­ge­ren natio­na­len Rege­lung in Öster­reich fest­hält, zumal eine Richt­li­nie kei­ne Ver­pflich­tun­gen eines Ein­zel­nen begrün­den kann, so dass ihm gegen­über eine Beru­fung auf die Richt­li­nie nicht mög­lich ist 12.

Auch kann der Rei­se­ver­an­stal­te­rin nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, dass ‑wie das Finanz­amt meint- die Art. 306 ff. MwSt­Sys­tRL ihr als Leis­tungs­emp­fän­ge­rin kei­nen posi­ti­ven Anspruch ver­mit­teln wür­den.

Gäbe es im natio­na­len Recht die Rege­lung zur Umkehr der Steu­er­schuld­ner­schaft gemäß § 13b Abs. 2 Satz 1, § 13b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 UStG a.F. bzw. § 13b Abs. 5 Satz 1, § 13b Abs. 1 UStG nicht, wür­de die A die Steu­er für ihre aus­ge­führ­ten Rei­se­leis­tun­gen, die die Rei­se­ver­an­stal­te­rin als Rei­se­vor­leis­tun­gen bezo­gen hat, schul­den, soweit der jewei­li­ge Leis­tungs­ort nach §§ 3a ff. UStG im Inland wäre. In die­sem Fall könn­te sich die A als Leis­tungs­er­brin­ge­rin auf die uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen über die Mar­gen­be­steue­rung beru­fen.

Für die Rei­se­ver­an­stal­te­rin, die als Leis­tungs­emp­fän­ge­rin nach § 13b Abs. 2 Satz 1, § 13b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 UStG a.F. bzw. § 13b Abs. 5 Satz 1, § 13b Abs. 1 UStG die Steu­er anstel­le der A schul­det, kann hin­sicht­lich der Beru­fung auf das Uni­ons­recht nichts ande­res gel­ten. Sie kann sich hin­sicht­lich der von A erbrach­ten Rei­se­leis­tun­gen, für die sie die Steu­er schul­det, in glei­cher Wei­se auf den Anwen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts stüt­zen, wie es die A ohne die Umkehr der Steu­er­schuld­ner­schaft könn­te. Denn hin­sicht­lich der von einem Rei­se­ver­an­stal­ter für das Unter­neh­men des Leis­tungs­emp­fän­gers bestimm­ten Rei­se­leis­tun­gen ent­spricht das natio­na­le Recht in § 25 Abs. 1 Satz 1 UStG, das noch von der "Rei­sen­den-", nicht von der "Kun­den­ma­xi­me" aus­geht, nicht den uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen über die Mar­gen­be­steue­rung nach Art. 306 Abs. 1 Satz 1 MwSt­Sys­tRL.

Der unmit­tel­ba­ren Beru­fung der Rei­se­ver­an­stal­te­rin auf das Uni­ons­recht steht ‑wie das Finanz­ge­richt zu Recht erkannt hat- fer­ner nicht ent­ge­gen, dass sie über kei­ne Rech­nung mit einem § 14a Abs. 6 Satz 1 UStG i.d.F. des Amts­hil­feR­LUmsG ent­spre­chen­den Hin­weis auf die Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros ver­fügt. Die beson­de­re Ver­pflich­tung in § 14a Abs. 6 UStG betrifft zum einen nur die A als leis­ten­de Unter­neh­me­rin. Zum ande­ren fin­det sie auf ‑wie im Streit­fall- vor dem 30.06.2013 aus­ge­führ­te Leis­tun­gen kei­ne Anwen­dung. Die Rei­se­ver­an­stal­te­rin begehrt außer­dem kei­nen Vor­steu­er­ab­zug, son­dern wen­det sich gegen ihre Inan­spruch­nah­me als Steu­er­schuld­ne­rin.

Auch die wei­te­ren vom Finanz­amt gel­tend gemach­ten Ein­wen­dun­gen grei­fen nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht durch:

Die Ein­wen­dung des Finanz­amt, die in Deutsch­land erbrach­ten Rei­se­vor­leis­tun­gen sei­en bei unmit­tel­ba­rer Beru­fung der Rei­se­ver­an­stal­te­rin auf das Uni­ons­recht nicht im Inland, son­dern in Öster­reich zu besteu­ern, ist zutref­fend. Denn nach dem Uni­ons­recht liegt der Leis­tungs­ort für die frag­li­chen Rei­se­leis­tun­gen nicht im Inland, son­dern in Öster­reich (Art. 307 Satz 2 MwSt­Sys­tRL), das dem­entspre­chend auch das Recht hat, die­se Leis­tun­gen zu besteu­ern.

Zwar liegt ‑wor­auf das Finanz­amt zutref­fend hin­weist- noch kei­ne Ent­schei­dung dazu vor, ob Deutsch­land sei­ne Ver­pflich­tung aus den Art. 306 ff. MwSt­Sys­tRL ver­letzt hat, indem es Rei­se­leis­tun­gen für Steu­er­pflich­ti­ge, die die­se für ihr Unter­neh­men nut­zen, von der Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros aus­schließt. Die­se Rechts­fra­ge ist u.a. Gegen­stand des seit dem 8.07.2016 beim EuGH unter dem Az. – C‑380/​16 geführ­ten Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren Kommission/​Deutschland. Eine Ent­schei­dung des EuGH dazu steht noch aus.

Auch wenn das Finanz­amt der Ansicht ist, dass sich der EuGH mit wich­ti­gen Grün­den, die für eine Anwen­dung der Rei­sen­den­ma­xi­me spre­chen, nicht aus­ein­an­der­ge­setzt hat, ist der Bun­des­fi­nanz­hof im Streit­fall an einer Ent­schei­dung nicht gehin­dert. Denn der BFH muss als Fach­ge­richt ein­schlä­gi­ge Recht­spre­chung des EuGH aus­wer­ten und sei­ne Ent­schei­dung hier­an ori­en­tie­ren, um u.a. fest­zu­stel­len, ob eine Rechts­fra­ge bereits durch die Recht­spre­chung des EuGH geklärt ist 13. Woll­te der Bun­des­fi­nanz­hof von der Aus­le­gung des ein­schlä­gi­gen Uni­ons­rechts durch den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on abwei­chen, müss­te er ihn erneut um Vor­ab­ent­schei­dung ersu­chen, um nicht den gesetz­li­chen Rich­ter i.S. des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 des Grund­ge­set­zes zu ver­let­zen 14. Zu einer erneu­ten Vor­la­ge besteht aus Sicht des Bun­des­fi­nanz­hofs im Hin­blick auf die EuGH-Urtei­le Kommission/​Spa­ni­en, EU:C:2013:587, UR 2013, 835; Kommission/​Frank­reich, EU:C:2013:612; Kommission/​Polen, EU:C:2013:608; Kommission/​Finnland, EU:C:2013:610; Kommission/​Por­tu­gal, EU:C:2013:611; Kommission/​Tschechische Repu­blik, EU:C:2013:602; Kommission/​Ita­li­en, EU:C:2013:607, und Kommission/​Grie­chen­land, EU:C:2013:609, vor­lie­gend kein Anlass, da der Bun­des­fi­nanz­hof der Auf­fas­sung des EuGH folgt und die Rechts­fra­ge uni­ons­recht­lich für bereits geklärt hält.

Im Übri­gen ist auch die Finanz­ver­wal­tung nach Art. 4 Abs. 3 Unter­abs. 2 des Ver­tra­ges über die Euro­päi­sche Uni­on gehal­ten, die Recht­spre­chung des EuGH zu beach­ten und Steu­er­rechts­nor­men im Lich­te die­ser Urtei­le aus­zu­le­gen 15.

Es ist zwar frag­lich, ob die Beru­fung auf die Mar­gen­be­steue­rung nach Art. 306 ff. MwSt­Sys­tRL auf Teil­um­sät­ze beschränkt wer­den kann. Aber dar­auf kommt es im vor­lie­gen­den Streit­fall nicht ent­schei­dend an.

Die uni­ons­recht­li­che Son­der­re­ge­lung für Rei­se­bü­ros in Art. 306 ff. MwSt­Sys­tRL kennt eine § 25 Abs. 3 Satz 3 UStG ent­spre­chen­de Vor­schrift nicht, wonach der Steu­er­pflich­ti­ge ein Wahl­recht hat, die Mar­gen­be­steue­rung statt für jede ein­zel­ne Leis­tung für Grup­pen von Leis­tun­gen oder für sämt­li­che Leis­tun­gen anzu­wen­den 16. Gegen­stand des beim EuGH unter dem Az. – C‑380/​16 geführ­ten vor­ge­nann­ten Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­rens Kommission/​Deutschland ist des Wei­te­ren die Fra­ge, ob Deutsch­land sei­ne Ver­pflich­tung aus den Art. 306 ff. MwSt­Sys­tRL auch ver­letzt hat, indem es Rei­se­bü­ros, soweit die Son­der­re­ge­lung auf sie anwend­bar ist, gestat­tet, die Steu­er­be­mes­sungs­grund­la­ge pau­schal für Grup­pen von Leis­tun­gen und für jeden Besteue­rungs­zeit­raum zu ermit­teln.

Die Rei­se­ver­an­stal­te­rin kann sich jedoch hin­sicht­lich der frag­li­chen Rei­se­vor­leis­tun­gen, die sie von A bezo­gen hat und für die sie die Steu­er schul­den wür­de, auf das Uni­ons­recht beru­fen, ohne zugleich ein­heit­lich für alle (Ausgangs-)Umsätze ihres Unter­neh­mens jeweils die Mar­ge für jede ein­zel­ne Rei­se­leis­tung ent­spre­chend dem Uni­ons­recht gemäß Art. 308 MwSt­Sys­tRL ermit­teln zu müs­sen. Sie kann trans­ak­ti­ons­be­zo­gen zwi­schen dem natio­na­len Recht und dem Uni­ons­recht wech­seln. Denn die Beru­fung auf die unmit­tel­ba­re Wir­kung der Bestim­mun­gen des Uni­ons­rechts ist im Hin­blick auf einen Umsatz nicht mit der Begrün­dung zu ver­sa­gen, dass sich der betref­fen­de Steu­er­pflich­ti­ge im Hin­blick auf einen ande­ren, die glei­chen Gegen­stän­de betref­fen­den Umsatz auf Vor­schrif­ten des natio­na­len Rechts beru­fen kann, und die kumu­la­ti­ve Anwen­dung die­ser Bestim­mun­gen zu einem steu­er­li­chen Gesamt­ergeb­nis füh­ren wür­de, zu dem weder das natio­na­le Recht noch das Richt­li­ni­en­recht bei jeweils sepa­ra­ter Anwen­dung auf die­se Umsät­ze führt oder füh­ren soll 17.

Bei den frag­li­chen Rei­se­vor­leis­tun­gen, die die Rei­se­ver­an­stal­te­rin von der A bezo­gen hat, kommt es im Übri­gen nicht auf die Fra­ge an, ob die Steu­er­be­mes­sungs­grund­la­ge für die Mar­gen­be­steue­rung abwei­chend vom Uni­ons­recht auch gesamt- bzw. grup­pen­um­satz­be­zo­gen i.S. des § 25 Abs. 3 Satz 3 UStG statt ein­zel­um­satz­be­zo­gen gemäß Art. 308 MwSt­Sys­tRL ermit­telt wer­den darf. Denn das Besteue­rungs­recht für die­se Leis­tun­gen steht nach Beru­fung der Rei­se­ver­an­stal­te­rin auf Art. 306 ff. MwSt­Sys­tRL allein Öster­reich zu.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 13. Dezem­ber 2017 – XI R 4/​16

  1. vgl. dazu EuGH, Urteil Kommission/​Spanien vom 26.09.2013 – C‑189/​11, EU:C:2013:587, Umsatz­steu­er-Rund­schau ‑UR- 2013, 835, Rz 59[]
  2. vgl. dazu EuGH, Urtei­le vom 26.09.2013 Kommission/​Spanien, EU:C:2013:587, UR 2013, 835; Kommission/​Frankreich – C‑296/​11, EU:C:2013:612; Kommission/​Polen – C‑193/​11, EU:C:2013:608; Kommission/​Finnland – C‑309/​11, EU:C:2013:610; Kommission/​Portugal – C‑450/​11, EU:C:2013:611; Kommission/​Tschechische Repu­blik – C‑269/​11, EU:C:2013:602; Kommission/​Italien – C‑236/​11, EU:C:2013:607; Kommission/​Griechenland – C‑293/​11, EU:C:2013:609[]
  3. EuGH, Urteil Kommission/​Deutschland – C‑380/​16[]
  4. vgl. dazu BFH, Urtei­le in BFHE 244, 111, BFH/​NV 2014, 803, Rz 9; in BFHE 245, 286, BFH/​NV 2014, 1173, Rz 23[]
  5. vgl. BFH, Beschluss vom 03.08.2017 – V R 60/​16, BFHE 258, 558, BFH/​NV 2017, 925, Rz 13[]
  6. vgl. dazu z.B. BFH, Urteil in BFHE 243, 456, BSt­Bl II 2015, 513, Rz 13, m.w.N. zur EuGH-Recht­spre­chung[]
  7. vgl. BFH, Urteil in BFHE 243, 456, BSt­Bl II 2015, 513, Rz 18[]
  8. vgl. BFH, Urteil in BFHE 243, 456, BSt­Bl II 2015, 513, Rz 19[]
  9. vgl. BFH, Urteil in BFHE 243, 456, BSt­Bl II 2015, 513, Rz 21[]
  10. vgl. dazu z.B. BFH, Beschluss vom 11.10.2017 – XI R 23/​15, BFHE 259, 567, BSt­Bl II 2018, 109, Rz 27[]
  11. Nds. FG, Urteil vom 11.06.2015 – 16 K 53/​15[]
  12. vgl. EuGH, Urteil DNB Banka vom 21.09.2017 – C‑326/​15, EU:C:2017:719, Mehr­wert­steu­er­recht 2017, 823, Rz 41[]
  13. vgl. dazu z.B. BVerfG, Beschlüs­se vom 08.04.2015 – 2 BvR 35/​12, Rz 26; vom 15.12 2016 – 2 BvR 221/​11, Zeit­schrift für das gesam­te Lebens­mit­tel­recht 2017, 472, Rz 37; fer­ner BFH, Urteil vom 30.08.2017 – XI R 37/​14, BFHE 259, 175, BFH/​NV 2017, 1689, jeweils m.w.N.[]
  14. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 08.04.1987 2 BvR 687/​85, BVerfGE 75, 223, unter B.01. ff., Rz 37 f.; vom 19.07.2011 1 BvR 1916/​09, BVerfGE 129, 78, unter C.III. 1., Rz 98; BFH, Urteil in BFHE 259, 175, BFH/​NV 2017, 1689, Rz 26, m.w.N.[]
  15. vgl. Eng­lisch in Tipke/​Lang, Steu­er­recht, 22. Aufl., § 4 Rz 17; vgl. BFH, Urtei­le vom 18.10.2001 – V R 106/​98, BFHE 196, 363, BSt­Bl II 2002, 551, unter I. am Ende und unter II. 2., Rz 18, 25 f.; in BFHE 259, 175, BFH/​NV 2017, 1689, Rz 27, m.w.N.[]
  16. vgl. hier­zu EuGH, Urteil Kommission/​Spanien, EU:C:2013:587, UR 2013, 835, Rz 101 ff.[]
  17. vgl. zu Art. 11 Teil C Abs. 1 Unter­abs. 1 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG: EuGH, Urteil GMAC UK vom 03.09.2014 – C‑589/​12, EU:C:2014:2131, UR 2014, 895, Rz 49[]