Ermä­ßig­te Umsatz­steu­er­sät­ze und die Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie der EU

Es liegt ein Ver­stoß gegen die uni­ons­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen eines Mit­glied­staa­tes der Euro­päi­schen Uni­on vor, wenn die­ser Staat ermä­ßig­te Mehr­wert­steu­er­sät­ze über das nach der Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie zuläs­si­ge Maß hin­aus anwen­det.

Ermä­ßig­te Umsatz­steu­er­sät­ze und die Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie der EU

So die Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Kla­ge der Kom­mis­si­on der Euro­päi­schen Uni­on gegen Spa­ni­en. Die Kom­mis­si­on war der Auf­fas­sung, dass Spa­ni­en für den Bereich der Arz­nei­mit­tel und der medi­zi­ni­schen Gerä­te einen ermä­ßig­ten Steu­er­satz auf Kate­go­ri­en anwen­de, die wei­ter sei­en als die von der Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie vor­ge­se­he­nen. Daher über­mit­tel­te sie am 25. Novem­ber 2010 eine mit Grün­den ver­se­he­ne Stel­lung­nah­me und for­der­te Spa­ni­en auf, die­ser Stel­lung­nah­me nach­zu­kom­men.

Die Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie 1 führt (in ihrem Anhang III) die Kate­go­ri­en der Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den und Dienst­leis­tun­gen auf, auf die die Mit­glied­staa­ten einen ermä­ßig­ten Mehr­wert­steu­er­satz anwen­den kön­nen. Zu die­sen Kate­go­ri­en zäh­len Arz­nei­mit­tel, die übli­cher­wei­se für die Gesund­heits­vor­sor­ge, die Ver­hü­tung von Krank­hei­ten und für ärzt­li­che und tier­ärzt­li­che Behand­lun­gen ver­wen­det wer­den, und medi­zi­ni­sche Gerä­te, Hilfs­mit­tel und sons­ti­ge Vor­rich­tun­gen, die übli­cher­wei­se für die Lin­de­rung und die Behand­lung von Behin­de­run­gen ver­wen­det wer­den und die aus­schließ­lich für den per­sön­li­chen Gebrauch von Behin­der­ten bestimmt sind.

Da Spa­ni­en sei­nen Stand­punkt wie­der­hol­te, wonach das spa­ni­sche Mehr­wert­steu­er­ge­setz mit den Bestim­mun­gen der Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie im Ein­klang ste­he, ist von der Kom­mis­si­on der Euro­päi­schen Uni­on die vor­lie­gen­de Kla­ge erho­ben wor­den. Eine sol­che Ver­trags­ver­let­zungs­kla­ge kann von der Kom­mis­si­on der Euro­päi­schen Uni­on oder einem ande­ren Mit­glied­staat erho­ben wer­den.

Nach Auf­fas­sung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ist die Anwen­dung eines ermä­ßig­ten Mehr­wert­steu­er­sat­zes auf medi­zi­ni­sche Stof­fe, die übli­cher­wei­se für die Her­stel­lung von Medi­ka­men­ten ver­wen­det wer­den kön­nen und dafür geeig­net sind, unver­ein­bar mit der Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie. Die Richt­li­nie erlaubt näm­lich ledig­lich, einen ermä­ßig­ten Mehr­wert­steu­er­satz auf fer­ti­ge Pro­duk­te anzu­wen­den, die vom End­ver­brau­cher unmit­tel­bar gebraucht wer­den kön­nen, unter Aus­schluss der Erzeug­nis­se, die für die Her­stel­lung von Medi­ka­men­ten ver­wen­det wer­den kön­nen und übli­cher­wei­se noch ver­ar­bei­tet wer­den müs­sen. Die­se Aus­le­gung wird bestä­tigt durch den mit den ermä­ßig­ten Steu­er­sät­zen ver­folg­ten Zweck, die Kos­ten für bestimm­te Gegen­stän­de, die für den End­ver­brau­cher, der die Mehr­wert­steu­er letzt­lich ent­rich­ten muss, als unent­behr­lich erach­tet wer­den, zu sen­ken und somit den Zugang zu die­sen zu erleich­tern. Aller­dings stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on klar, dass ein ermä­ßig­ter Mehr­wert­steu­er­satz auf medi­zi­ni­sche Stof­fe dann ange­wen­det wer­den kann, wenn sie als fer­ti­ge Pro­duk­te ver­mark­tet wer­den kön­nen, ohne dass sie mit ande­ren Sub­stan­zen ver­mischt wer­den müs­sen, und somit vom End­ver­brau­cher unmit­tel­bar ver­wen­det wer­den kön­nen.

Zwei­tens stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass es nach der Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie nicht zuläs­sig ist, einen ermä­ßig­ten Mehr­wert­steu­er­satz auf „Gesund­heits­pro­duk­te, Stof­fe, Gerä­te oder Vor­rich­tun­gen, die objek­tiv nur zur Vor­beu­gung, Dia­gno­se, Behand­lung, Lin­de­rung oder Hei­lung von Krank­hei­ten oder Lei­den von Men­schen oder Tie­ren ver­wen­det wer­den kön­nen“, anzu­wen­den. Zum einen weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf hin, dass die­se Art von Gegen­stän­den nicht von der in Anhang III der Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Kate­go­rie der medi­zi­ni­schen Gerä­te, Hilfs­mit­tel und sons­ti­gen Vor­rich­tun­gen, die übli­cher­wei­se für die Lin­de­rung und die Behand­lung von Behin­de­run­gen ver­wen­det wer­den und die aus­schließ­lich für den per­sön­li­chen Gebrauch von Behin­der­ten bestimmt sind, erfasst wer­den kann, da die­se Kate­go­rie nur die Ver­wen­dung beim Men­schen betrifft, unter Aus­schluss der Ver­wen­dung beim Tier. Zum ande­ren stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass die­se Gegen­stän­de auch nicht vom Begriff „Arz­nei­mit­tel“ im Sin­ne des Anhangs III der Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie erfasst sein kön­nen. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on erkennt zwar an, dass der Begriff des Arz­nei­mit­tels im Sin­ne der Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie wei­ter geht als der Begriff des Arz­nei­mit­tels im Sin­ne der Richt­li­nie zur Schaf­fung eines Gemein­schafts­ko­de­xes für Human­arz­nei­mit­tel 2, weist aber die Argu­men­ta­ti­on Spa­ni­ens zurück, wonach der ers­te Begriff alle Gesund­heits­pro­duk­te, medi­zi­ni­schen Vor­rich­tun­gen, Stof­fe und Gerä­te umfas­sen kön­ne, die zum all­ge­mei­nen Gebrauch bestimmt sei­en. In die­sem Zusam­men­hang hebt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on unter ande­rem her­vor, dass die Anwen­dung der ermä­ßig­ten Mehr­wert­steu­er­sät­ze ins­be­son­de­re den Zweck ver­folgt, die Kos­ten für bestimm­te für den End­ver­brau­cher unent­behr­li­che Gegen­stän­de zu sen­ken. Aller­dings wer­den die Kos­ten für Gesund­heits­pro­duk­te, Hilfs­mit­tel, sowie ärzt­li­che und tier­ärzt­li­che Gerä­te sel­ten unmit­tel­bar vom End­ver­brau­cher getra­gen, da die­se Pro­duk­te haupt­säch­lich von Fach­leu­ten aus dem Gesund­heits­sek­tor für Dienst­leis­tun­gen ver­wen­det wer­den, die ihrer­seits von der Mehr­wert­steu­er befreit wer­den kön­nen.

Drit­tens stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass die Anwen­dung eines ermä­ßig­ten Mehr­wert­steu­er­sat­zes auf Vor­rich­tun­gen und Zube­hör­tei­le, die dazu die­nen kön­nen, kör­per­li­che Behin­de­run­gen von Tie­ren aus­zu­glei­chen, gegen die Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie ver­stößt.

Vier­tens stellt der Gerichts­hof klar, dass auf Vor­rich­tun­gen und Zube­hör­tei­le, die im Wesent­li­chen oder haupt­säch­lich dazu ver­wen­det wer­den, Behin­de­run­gen des Men­schen aus­zu­glei­chen, jedoch nicht aus­schließ­lich dem per­sön­li­chen Gebrauch von Behin­der­ten die­nen, kein ermä­ßig­ter Mehr­wert­steu­er­satz ange­wen­det wer­den kann. Nach der Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie wird näm­lich inso­fern vor­aus­ge­setzt, dass die­se Gegen­stän­de aus­schließ­lich dem per­sön­li­chen Gebrauch der Behin­der­ten die­nen. Somit ist die Anwen­dung eines ermä­ßig­ten Mehr­wert­steu­er­sat­zes auf Gesund­heits­pro­duk­te, die zum all­ge­mei­nen Gebrauch bestimmt sind und von den Kran­ken­häu­sern und den Fach­leu­ten der Gesund­heits­diens­te ver­wen­det wer­den, nicht gerecht­fer­tigt.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on führt wei­ter aus, dass die­ser Schluss nicht durch die Argu­men­ta­ti­on Spa­ni­ens in Fra­ge gestellt wird, wonach bestimm­te Pro­duk­te sowohl zum all­ge­mei­nen Gebrauch als auch zum aus­schließ­lich per­sön­li­chen Gebrauch von Behin­der­ten bestimmt sein kön­nen. In die­sem Zusam­men­hang ver­weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on auf sei­ne Recht­spre­chung, wonach die Anwen­dung eines ermä­ßig­ten Mehr­wert­steu­er­sat­zes auf einen Gegen­stand, der für unter­schied­li­che Zwecke­ver­wen­det wer­den kann, für jeden ein­zel­nen Lie­fer­vor­gang davon abhängt, zu wel­chem kon­kre­ten Zweck der Käu­fer die­sen Gegen­stand ver­wen­det.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 17. Janu­ar 2013 – C‑360/​11, Kom­mis­si­on /​Spa­ni­en

  1. Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem, ABl. L 347, S. 1[]
  2. Richt­li­nie 2001/​83/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 06.11.2001 zur Schaf­fung eines Gemein­schafts­ko­de­xes für Human­arz­nei­mit­tel, ABl. L 311, S. 67[]