Kei­ne Umsatz­steu­er im Stun­den­ho­tel

Das halb­stün­di­ge oder stun­den­wei­se Über­las­sen von Zim­mern in einem "Stun­den­ho­tel" ist kei­ne Beher­ber­gung i.S. von § 4 Nr. 12 Satz 2 UStG.

Kei­ne Umsatz­steu­er im Stun­den­ho­tel

Die Leis­tun­gen der Hotel­be­trei­be­rin sind nach § 4 Nr. 12 Buchst. a UStG umsatz­steu­er­frei. Es liegt kei­ne Beher­ber­gung i.S. von § 4 Nr. 12 Satz 2 UStG vor, so dass die Leis­tun­gen der Hotel­be­trei­be­rin man­gels Steu­er­pflicht auch nicht nach § 12 Abs. 2 Nr. 11 UStG dem ermä­ßig­ten Steu­er­satz unter­lie­gen kön­nen.

Die Hotel­be­trei­be­rin erbrach­te Ver­mie­tungs­leis­tun­gen i.S. von § 4 Nr. 12 Buchst. a UStG.

Steu­er­frei ist nach § 4 Nr. 12 Buchst. a UStG "die Ver­mie­tung und die Ver­pach­tung von Grund­stü­cken, von Berech­ti­gun­gen, für die die Vor­schrif­ten des bür­ger­li­chen Rechts über Grund­stü­cke gel­ten, und von staat­li­chen Hoheits­rech­ten, die Nut­zun­gen von Grund und Boden betref­fen". Uni­ons­recht­lich befreit Art. 135 Abs. 1 Buchst. l MwSt­Sys­tRL die Ver­mie­tung und Ver­pach­tung von Grund­stü­cken.

Wesent­li­ches Merk­mal der steu­er­frei­en Ver­mie­tung i.S. von § 4 Nr. 12 Buchst. a UStG ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs, dem Ver­trags­part­ner auf bestimm­te Zeit gegen eine Ver­gü­tung das Recht ein­zu­räu­men, ein Grund­stück so in Besitz zu neh­men, als wäre er des­sen Eigen­tü­mer, und jede ande­re Per­son von die­sem Recht aus­zu­schlie­ßen 1. Dies trifft auf die Über­las­sung von Hotel­räu­men unab­hän­gig von der Nut­zungs­dau­er zu.

Die Hotel­be­trei­be­rin hat kei­ne gegen­über einer Ver­mie­tung anders­ar­ti­ge Leis­tung erbracht. Eine gegen­über der Ver­mie­tung anders­ar­ti­ge Leis­tung hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on 2 z.B. bei der Über­las­sung eines Golf­plat­zes für den Golf­sport dann ange­nom­men, wenn neben der kurz­fris­ti­gen Grund­stücks­über­las­sung eine Viel­zahl zusätz­li­cher geschäft­li­cher Akti­vi­tä­ten wie Auf­sicht, Ver­wal­tung, Unter­hal­tung sowie die Zur­ver­fü­gung­stel­lung ande­rer Anla­gen tritt, die der Grund­stücks­über­las­sung ein ande­res Geprä­ge geben. Von einer anders­ar­ti­gen Leis­tung ist der Bun­des­fi­nanz­hof bei einer Ver­mie­tung in einem "Bor­dell" aus­ge­gan­gen 3. So ver­hält es sich hier aber nicht.

Die Ver­mie­tungs­leis­tun­gen der Hotel­be­trei­be­rin sind nicht auf­grund einer Beher­ber­gung ‑unter Anwen­dung des ermä­ßig­ten Steu­er­sat­zes- steu­er­pflich­tig.

Steu­er­pflich­tig ist nach § 4 Nr. 12 Satz 2 UStG ins­be­son­de­re "die Ver­mie­tung von Wohn- und Schlaf­räu­men, die ein Unter­neh­mer zur kurz­fris­ti­gen Beher­ber­gung von Frem­den bereit­hält". Uni­ons­recht­lich beruht dies auf Art. 135 Abs. 2 Buchst. a MwSt­Sys­tRL. Danach ist ins­be­son­de­re die "Gewäh­rung von Unter­kunft nach den gesetz­li­chen Bestim­mun­gen der Mit­glied­staa­ten im Rah­men des Hotel­ge­wer­bes oder in Sek­to­ren mit ähn­li­cher Ziel­set­zung, ein­schließ­lich der Ver­mie­tung in Feri­en­la­gern" von der Steu­er­frei­heit für die Ver­mie­tung und Ver­pach­tung von Grund­stü­cken aus­ge­schlos­sen.

Bei den von der Hotel­be­trei­be­rin halb­stün­di­gen oder stun­den­wei­se ver­mie­te­ten Hotel­zim­mern han­del­te es sich nicht um Wohn- und Schlaf­räu­me, die die Hotel­be­trei­be­rin zur kurz­fris­ti­gen Beher­ber­gung von Frem­den bereit­hielt. Es fehlt am Merk­mal der "Beher­ber­gung".

Erge­ben die äuße­ren Umstän­de, dass der Schwer­punkt der Leis­tung nicht in der Über­las­sung zu Wohn- oder Schlaf­zwe­cken liegt, son­dern in der Ein­räu­mung der Mög­lich­keit, in den Räu­men sexu­el­le Dienst­leis­tun­gen zu erbrin­gen oder ‑wie im Streit­fall- zu kon­su­mie­ren, fehlt es an der Beher­ber­gung: Der Ver­mie­ter gewährt nicht Unter­kunft (Beher­ber­gung), son­dern stellt Räu­me zur Ver­fü­gung, um dem Mie­ter zu ermög­li­chen, dar­in sexu­el­le Hand­lun­gen vor­zu­neh­men. Wie das Finanz­ge­richt zutref­fend ent­schie­den hat, spricht hier­für die halb­stünd­li­che oder stünd­li­che Ver­mie­tung eines Zim­mers in einem Hotel in Bahn­hofs­nä­he und in unmit­tel­ba­rer Nähe zahl­rei­cher Betrie­be der Ero­tik­bran­che, wobei es sich um ein Stadt­vier­tel mit exis­tie­ren­der Stra­ßen­pro­sti­tu­ti­on han­delt, wenn die Bezah­lung im Vor­aus erfolgt, die Iden­ti­tät der Gäs­te nicht notiert wird und an die Hotel­gäs­te Kon­do­me ver­kauft wer­den. Unter die­sen Umstän­den ist ein ande­rer Nut­zungs­zeck als der Erbrin­gung oder des Emp­fangs sexu­el­ler Dienst­leis­tun­gen nicht vor­stell­bar.

Es liegt auch kein Ver­zicht nach § 9 Abs. 1 und 2 UStG vor. Ein der­ar­ti­ger Ver­zicht kommt auf der Grund­la­ge der vom Finanz­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen, nach denen die Ver­mie­tun­gen nicht an Pro­sti­tu­ier­te, son­dern an deren Kun­den erfolg­ten, nicht in Betracht. Die Mie­ter haben die stun­den­wei­se über­las­se­nen Hotel­zim­mer nicht für ihre Unter­neh­men (§ 9 Abs. 1 UStG) und auch nicht für Zwe­cke ver­wen­det, die den Vor­steu­er­ab­zug nicht aus­schlie­ßen (§ 9 Abs. 2 Satz 1 UStG).

Gegen die sich hier­aus erge­ben­de Steu­er­frei­heit kann sich das Finanz­amt auch nicht auf die BFH-Recht­spre­chung beru­fen, nach der bei einem Unter­neh­mer, der den einen Teil der in einem Gebäu­de befind­li­chen Räu­me län­ger­fris­tig, den ande­ren jedoch nur kurz­fris­tig ver­mie­tet, die Ver­mie­tung nur inso­weit steu­er­frei ist, als er die Räu­me ein­deu­tig und in leicht nach­prüf­ba­rer Wei­se zur nicht nur vor­über­ge­hen­den Beher­ber­gung von Frem­den bereit­ge­hal­ten hat, so dass sämt­li­che Umsät­ze steu­er­pflich­tig sind, wenn der Unter­neh­mer die­sel­ben Räu­me wahl­wei­se zur lang- oder kurz­fris­ti­gen Ver­mie­tung anbie­tet 4. Denn die­se Recht­spre­chung bezieht sich nur auf die Fall­ge­stal­tung einer sowohl lang- wie auch kurz­fris­ti­gen Beher­ber­gung. Dem­ge­gen­über fehlt im Streit­fall der halb­stün­di­gen oder stun­den­wei­sen Zim­mer­über­las­sung der für eine Berück­sich­ti­gung die­ser Recht­spre­chung erfor­der­li­che Beher­ber­gungs­cha­rak­ter.

Auf­grund der Steu­er­frei­heit der Leis­tun­gen ist über die sich hier­aus erge­ben­den Ein­schrän­kun­gen beim Vor­steu­er­ab­zug (§ 15 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 UStG) zu beach­ten.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 24. Sep­tem­ber 2015 – V R 30/​14

  1. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 13.02.2014 – V R 5/​13, BFHE 245, 92, unter II. 2.a aa[]
  2. EuGH, Urteil "Stock­holm Lin­dö­park" vom 18.01.2001 – C‑150/​99, EU:2001:34[]
  3. BFH, Urteil vom 22.08.2013 – V R 18/​12, BFHE 243, 32, BSt­Bl II 2013, 1058, Leit­satz; vgl. zur ent­gelt­li­chen Über­las­sung möblier­ter Zim­mer an Pro­sti­tu­ier­te, bei der zusätz­li­che Leis­tun­gen der Gesamt­leis­tung ein ande­res Geprä­ge geben als einer Ver­mie­tung, auch BFH, Urteil vom 17.12 2014 – XI R 16/​11, BFHE 248, 436, BSt­Bl II 2015, 427; vgl. all­ge­mein zur Abgren­zung der Grund­stücks­ver­mie­tung zu sons­ti­gen Leis­tun­gen Urteil des EuGH Varen­ne vom 22.01.2015 – C‑55/​14, EU:C:2015:29[]
  4. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 20.04.1988 – X R 5/​82, BFHE 153, 451, BSt­Bl II 1988, 795, Leit­satz[]