Vor­steu­er­ab­zug aus Rech­nun­gen – und der rich­ti­ge Besteue­rungs­zeit­raum

Es ist für den Bun­des­fi­nanz­hof nicht ernst­lich zwei­fel­haft, dass das Recht auf Vor­steu­er­ab­zug grund­sätz­lich in dem Besteue­rungs­zeit­raum aus­zu­üben ist, in dem der Leis­tungs­emp­fän­ger die Leis­tung bezo­gen hat und im Besitz einer Rech­nung ist.

Vor­steu­er­ab­zug aus Rech­nun­gen – und der rich­ti­ge Besteue­rungs­zeit­raum

Nach § 69 Abs. 3 Satz 1, Abs. 2 Satz 2 FGO ist die Voll­zie­hung eines ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes ganz oder teil­wei­se aus­zu­set­zen, wenn ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit die­ses Ver­wal­tungs­ak­tes bestehen.

Ernst­li­che Zwei­fel i.S. von § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO lie­gen vor, wenn bei sum­ma­ri­scher Prü­fung des ange­foch­te­nen Bescheids neben für sei­ne Recht­mä­ßig­keit spre­chen­den Umstän­den gewich­ti­ge Grün­de zuta­ge tre­ten, die Unent­schie­den­heit oder Unsi­cher­heit in der Beur­tei­lung von Rechts­fra­gen oder Unklar­heit in der Beur­tei­lung ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Tat­fra­gen bewir­ken 1. Die Ent­schei­dung hier­über ergeht bei der im AdV-Ver­fah­ren gebo­te­nen sum­ma­ri­schen Prü­fung auf­grund des Sach­ver­halts, der sich aus dem Vor­trag der Betei­lig­ten und der Akten­la­ge ergibt 2. Zur Gewäh­rung der AdV ist es nicht erfor­der­lich, dass die für die Rechts­wid­rig­keit spre­chen­den Grün­de im Sin­ne einer Erfolgs­wahr­schein­lich­keit über­wie­gen 3.

Ernst­li­che Zwei­fel kön­nen danach z.B. bestehen, wenn die strei­ti­ge Rechts­fra­ge höchst­rich­ter­lich noch nicht ent­schie­den wur­de und im Schrift­tum oder in der Recht­spre­chung der Finanz­ge­rich­te unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten wer­den 4. Ist die Rechts­la­ge nicht ein­deu­tig, ist über die zu klä­ren­de Fra­ge nicht im sum­ma­ri­schen Ver­fah­ren der AdV zu ent­schei­den 5.

Der Steu­er­pflich­ti­ge kann sein Recht auf Vor­steu­er­ab­zug gemäß § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Satz 2 UStG, Art. 178 Buchst. a der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem (MwSt­Sys­tRL) nur dann aus­üben, wenn er eine Rech­nung besitzt 6. Das Recht auf Vor­steu­er­ab­zug ist grund­sätz­lich für den Zeit­raum aus­zu­üben, in dem zum einen die­ses Recht ent­stan­den ist und zum ande­ren der Steu­er­pflich­ti­ge im Besitz einer Rech­nung ist 7. Davon gehen neben dem Finanz­ge­richt auch bei­de Betei­lig­te aus.

Gemes­sen dar­an war im hier ent­schie­de­nen Fall, da die Rech­nun­gen der A‑GmbH im Jahr 2011 aus­ge­stellt wor­den sind, bei sum­ma­ri­scher Prü­fung davon aus­zu­ge­hen, dass das Recht auf Vor­steu­er­ab­zug im Jahr 2011 (und damit vor den hier zu beur­tei­len­den Streit­jah­ren) aus­ge­übt wer­den kann. Aus­rei­chen­de Anhalts­punk­te dafür, dass der Antrag­stel­ler erst im Jahr 2012 in den Besitz der Rech­nun­gen der A‑GmbH gelangt sein könn­te, bestehen, wie das Finanz­ge­richt zu Recht ange­nom­men hat, bei sum­ma­ri­scher Prü­fung nicht. Die Beschwer­de ent­hält dazu kei­ne sub­stan­ti­ier­ten Ein­wen­dun­gen, die ange­sichts der Fest­stel­lungs­last des Antrag­stel­lers geeig­net wären, ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des Umsatz­steu­er­be­scheids für das Jahr 2012 zu wecken.

Die Fra­ge, ob in extre­men Aus­nah­me­fäl­len, in dem der Vor­steu­er­ab­zug ansons­ten unmög­lich gemacht oder auf unver­hält­nis­mä­ßi­ge Wei­se ver­wehrt wür­de, ernst­lich zwei­fel­haft sein könn­te, ob ein Vor­steu­er­ab­zug ohne eine auf den Leis­tungs­emp­fän­ger lau­ten­de Rech­nung i.S. des § 14 Abs. 4 UStG, Art. 226 MwSt­Sys­tRL mög­lich sein könn­te 8, bedarf im Streit­fall, in dem der Antrag­stel­ler die Rech­nun­gen der A‑GmbH besitzt, kei­ner Ent­schei­dung.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 16. Mai 2019 – XI B 13/​19

  1. vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 11.07.2013 – XI B 41/​13, BFH/​NV 2013, 1647, Rz 16; vom 02.07.2014 – XI S 8/​14, BFH/​NV 2014, 1601[]
  2. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 26.09.2014 – XI S 14/​14, BFH/​NV 2015, 158, Rz 33; vom 20.01.2015 – XI B 112/​14, BFH/​NV 2015, 537, Rz 15, jeweils m.w.N.[]
  3. vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 25.04.2013 – XI B 123/​12, BFH/​NV 2013, 1273, Rz 12; vom 17.12 2015 – XI B 84/​15, BFHE 252, 181, BSt­Bl II 2016, 192, Rz 22; vom 31.03.2016 – XI B 13/​16, BFH/​NV 2016, 1187, Rz 14[]
  4. BFH, Beschlüs­se vom 29.07.2009 – XI B 24/​09, BFHE 226, 449, BFH/​NV 2009, 1567, Rz 22; vom 26.04.2010 – V B 3/​10, BFH/​NV 2010, 1664, Rz 20[]
  5. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 25.11.2005 – V B 75/​05, BFHE 212, 176, BSt­Bl II 2006, 484, Rz 26; vom 15.10.2015 – I B 93/​15, BFHE 251, 309, BSt­Bl II 2016, 66, Rz 7; in BFHE 252, 181, BSt­Bl II 2016, 192, Rz 31[]
  6. vgl. EuGH, Urtei­le Kom­mis­si­on/​Luxem­burg vom 04.05.2017 – C‑274/​15, EU:C:2017:333, HFR 2017, 654, Rz 67; Volks­wa­gen vom 21.03.2018 – C‑533/​16, EU:C:2018:204, HFR 2018, 421, Rz 42 und 43[]
  7. vgl. EuGH, Urtei­le Ter­ra Bau­be­darf-Han­del vom 29.04.2004 – C‑152/​02, EU:C:2004:268, HFR 2004, 709, Rz 34; Bun­des­fi­nanz­hofex vom 15.09.2016 – C‑518/​14, EU:C:2016:691, HFR 2016, 1029, Rz 35[]
  8. vgl. dazu EuGH, Urtei­le Pol­ski Tra­wer­tyn vom 01.03.2012 – C‑280/​10, EU:C:2012:107, HFR 2012, 461, Rz 39 ff.; Vadan vom 21.11.2018 – C‑664/​16, EU:C:2018:933, HFR 2019, 65, Rz 42[]