Anord­nung eines gene­ti­schen Fin­ger­ab­drucks – zur Iden­ti­täts­fest­stel­lung in künf­ti­gen Strafverfahren

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de, wel­che die Anord­nung der Ent­nah­me und mole­ku­lar­ge­ne­ti­schen Unter­su­chung von Kör­per­zel­len zur Iden­ti­täts­fest­stel­lung in künf­ti­gen Straf­ver­fah­ren gemäß § 81g StPO betraf, ohne Erfolg geblieben.

Anord­nung eines gene­ti­schen Fin­ger­ab­drucks – zur Iden­ti­täts­fest­stel­lung in künf­ti­gen Strafverfahren

Das Amts­ge­richt Rosen­heim ver­ur­teil­te den Beschwer­de­füh­rer mit Urteil vom 14.05.2019 wegen Dieb­stahls in Tat­ein­heit mit Sach­be­schä­di­gung zu einer Frei­heits­stra­fe von zehn Mona­ten, deren Voll­stre­ckung zur Bewäh­rung aus­ge­setzt wur­de. Mit Beschluss vom 12.10.2020 ord­ne­te das Amts­ge­richt Rosen­heim gemäß § 81g StPO die mole­ku­lar­ge­ne­ti­sche Unter­su­chung der durch eine kör­per­li­che Unter­su­chung erlang­ten Kör­per­zel­len des Beschwer­de­füh­rers zur Fest­stel­lung eines DNA-Iden­ti­fi­zie­rungs­mus­ters sowie des Geschlechts zum Zwe­cke der Iden­ti­täts­fest­stel­lung in künf­ti­gen Straf­ver­fah­ren an1. Hier­ge­gen wand­te sich der Beschwer­de­füh­rer mit der Beschwer­de, die das Land­ge­richt Traun­stein mit Beschluss vom 23.04.2021 ver­warf2. Mit sei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de rüg­te der Beschwer­de­füh­rer eine Ver­let­zung sei­nes Rech­tes auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung. Er bean­stan­de­te aus­drück­lich nicht die Annah­me einer geeig­ne­ten Anlass­tat, son­dern allein die nega­ti­ve Legalprognose. 

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men. Die Annah­me­vor­aus­set­zun­gen des § 93a Abs. 2 BVerfGG sind nicht erfüllt. Grund­sätz­li­che Bedeu­tung kommt der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zu. Ihre Annah­me ist auch nicht zur Durch­set­zung der Rech­te des Beschwer­de­füh­rers angezeigt:

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de genügt nicht den Anfor­de­run­gen der § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG und ist des­halb unzu­läs­sig. Sie genügt nicht den Anfor­de­run­gen der mate­ri­el­len Sub­si­dia­ri­tät. Der Beschwer­de­füh­rer hat die ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be für die Ver­wen­dung von § 81g StPO im fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren – ins­be­son­de­re in sei­ner Beschwer­de­be­grün­dung – nicht ansatz­wei­se the­ma­ti­siert. Er lässt zudem eine hin­rei­chen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit den Grün­den der land­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung und der ein­schlä­gi­gen ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung vermissen. 

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Die unterbliebene Einziehungsentscheidung

Unge­ach­tet des­sen begeg­nen die amts- und land­ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen gemäß § 81g StPO ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Denn in kei­ner der Ent­schei­dun­gen erfolgt im Rah­men der Pro­gno­se, dass gegen den Beschwer­de­füh­rer künf­tig Straf­ver­fah­ren wegen einer Straf­tat von erheb­li­cher Bedeu­tung zu füh­ren sein wer­den, eine Aus­ein­an­der­set­zung mit der der Aus­set­zung der Voll­stre­ckung zur Bewäh­rung zugrun­de­lie­gen­den abwei­chen­den Leg­al­pro­gno­se des Amts­ge­richts im Urteil vom 14.05.2019. Dies wäre indes gebo­ten gewesen. 

Da der nach dem Geset­zes­zweck zwi­schen § 56 StGB und § 81g StPO unter­schied­li­che Pro­gno­se­maß­stab nicht aus den Augen ver­lo­ren wer­den darf, besteht zwar kei­ne recht­li­che Bin­dung an eine von einem ande­ren Gericht zur Fra­ge der Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung getrof­fe­ne Sozi­al­pro­gno­se3. Bei gegen­läu­fi­gen Pro­gno­sen ver­schie­de­ner Gerich­te bedarf es jedoch regel­mä­ßig einer erhöh­ten Begrün­dungs­tie­fe für die nach­fol­gen­de gericht­li­che Ent­schei­dung, mit der eine Maß­nah­me nach § 81g StPO ange­ord­net wird4

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 29. Juni 2021 – 2 BvR 912/​21

  1. AG Rosen­heim, Beschluss 12.10.2020 – I Gs 1777/​20[]
  2. LG Traun­stein, Beschluss vom 23.04.2021 – 1 Qs 55/​21[]
  3. vgl. BVerfGE 103, 21 <36> BVerfG, Beschluss vom 01.09.2008 – 2 BvR 939/​08, Rn. 14; Beschluss vom 29.09.2013 – 2 BvR 939/​13, Rn. 18; Beschluss vom 14.05.2021 – 2 BvR 1336/​20, Rn. 26[]
  4. vgl. BVerfGE 103, 21 <36 f.> BVerfG, Beschluss vom 01.09.2008 – 2 BvR 939/​08, Rn. 14; Beschluss vom 29.09.2013 – 2 BvR 939/​13, Rn. 15; Beschluss vom 14.05.2021 – 2 BvR 1336/​20, Rn. 26[]

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