Die Über­nah­me­er­klä­rung des Gene­ral­bun­des­an­walts – und die beson­de­re Bedeu­tung des Falls

An die Annah­me der beson­de­ren Bedeu­tung im Sin­ne des § 120 GVG sind mit Blick auf die in der Über­nah­me­er­klä­rung durch den Gene­ral­bun­des­an­walt lie­gen­den Bestim­mung des gesetz­li­chen Rich­ters (Art. 101 GG) und des Ein­griffs in die ver­fas­sungs­recht­li­che Kom­pe­tenz­ver­tei­lung zwi­schen Bund und Län­dern (vgl. Art. 96 Abs. 5 GG) stren­ge Anfor­de­run­gen zu stel­len1.

Die Über­nah­me­er­klä­rung des Gene­ral­bun­des­an­walts – und die beson­de­re Bedeu­tung des Falls

Eine Kata­log­tat des § 120 Abs. 2 Satz 1 GVG kann selbst dann, wenn sie nach Schwe­re oder Umfang erheb­li­ches Unrecht ver­wirk­licht und daher staat­li­che Sicher­heits­in­ter­es­sen in beson­de­rer Wei­se beein­träch­tigt, nicht allein aus die­sem Grund das Evo­ka­ti­ons­recht des Gene­ral­bun­des­an­walts begrün­den.

Bei der erfor­der­li­chen Gesamt­wür­di­gung sind neben dem indi­vi­du­el­len Schuld- und Unrechts­ge­halt auch die kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen für die inne­re Sicher­heit der Bun­des­re­pu­blik und ihr Erschei­nungs­bild gegen­über Staa­ten mit glei­chen Wert­vor­stel­lun­gen in den Blick zu neh­men. Auch ist zu beach­ten, wel­che Signal­wir­kung von der Tat für poten­ti­el­le Nach­ah­mer aus­geht2.

Dar­an gemes­sen hat der Gene­ral­bun­des­an­walt im vor­lie­gen­den Fall nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs eine beson­de­re Bedeu­tung des Fal­les zu Recht bejaht: Die Ange­schul­dig­te hat einen Bun­des­po­li­zis­ten mit Tötungs­vor­satz ange­grif­fen und erheb­lich ver­letzt. Sie war zuvor in die Tür­kei gereist, um sich von dort aus nach Syri­en schleu­sen zu las­sen und im Kali­fat des IS zu leben. Die­sen Plan gab sie auf Anra­ten von Mit­glie­dern des IS auf, um in Deutsch­land einen Anschlag zu bege­hen. Ihre Tat war von ihrer radi­kal­is­la­mis­ti­schen Grund­hal­tung getra­gen. Straf­ta­ten von Per­so­nen mit die­sem Hin­ter­grund haben in den letz­ten Jah­ren in der gesam­ten Bevöl­ke­rung Auf­se­hen, aber auch Ver­un­si­che­rung her­vor­ge­ru­fen und zu einem all­ge­mei­nen Gefühl der Bedro­hung geführt.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass es sich bei der Ange­schul­dig­ten um eine Jugend­li­che han­delt, da die Zustän­dig­keit der Jugend­ge­rich­te gemäß § 102 Satz 1 JGG hin­ter die­je­ni­ge der Ober­lan­des­ge­rich­te zurück­tritt3.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Sep­tem­ber 2016 – AK 47/​16

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 13.01.2009 – AK 20/​08, BGHSt 53, 128, 140 f.; vom 15.10.2013 – StB 16/​13 26 []
  2. BGH, Beschluss vom 20.12 2007 – StB 12, 13 und 47/​07, NStZ 2008, 146, 147 []
  3. vgl. BGH, Urteil vom 22.12 2000 – 3 StR 378/​00, BGHSt 46, 238, 256 []