Grü­ße in Süt­ter­lin

Eine Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt darf Brie­fe eines Gefan­ge­nen nicht anhal­ten, nur weil die­se in Deut­scher Schreib­schrift (der sog. „Süt­ter­lin­schrift“) geschrie­ben sind.

Grü­ße in Süt­ter­lin

Die von Lud­wig Süt­ter­lin um 1911 im Auf­trag des preu­ßi­schen Kul­tur­mi­nis­te­ri­ums ent­wi­ckel­te Schreib­schrift wur­de ab 1915 in Preu­ßen ein­ge­führt. Sie begann in den 1920er Jah­ren die deut­sche Kur­r­ent­schrift abzu­lö­sen und wur­de in leicht abge­wan­del­ter Form als „Deut­sche Schreib­schrift“ 1935 Teil des offi­zi­el­len Lehr­plans, spä­ter auch in ande­ren deut­schen Län­dern ein­ge­führt und bis zum zeit­wei­li­gen Ver­bot der gebro­che­nen Schrif­ten durch den Schrift­er­lass 1941 in den Schu­len ver­wen­det. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de sie dann in eini­gen Bun­des­län­dern wie­der als Ein­gangs­schrift für Schul­an­fän­ger unter­rich­tet, in den Schu­len eini­ger Bun­des­län­der wur­de die Süt­ter­lin­schrift zum Teil bis in die 1990er Jah­re zumin­dest im Lese­un­ter­richt gelehrt.

Das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le hat­te jetzt den Fall eines 37 Jah­re alte Gefan­ge­nen zu ent­schei­den, der in der JVA Cel­le eine Frei­heits­stra­fe ver­büßt. Die­ser schreibt seit meh­re­ren Jah­ren die Brie­fe an sei­ne Ver­lob­te in Süt­ter­lin­schrift. Im Novem­ber 2008 ord­ne­te die JVA an, dass künf­tig alle ein- und aus­ge­hen­den Schrei­ben in „Süt­ter­lin“ ange­hal­ten und zurück­ge­sandt wer­den, solan­ge sich der Gefan­ge­ne nicht schrift­lich bereit erklä­re, die Kos­ten der „Über­set­zung“ die­ser Schrei­ben zu über­neh­men und die dar­aus resul­tie­ren­den Ver­zö­ge­run­gen zu akzep­tie­ren. Der Kon­troll­auf­wand sei zu hoch und die Ver­lob­ten könn­ten pro­blem­los in latei­ni­scher Schrift schrei­ben.

Auf die hier­ge­gen von dem Gefan­ge­nen erho­be­ne Rechts­be­schwer­de gab ihm jetzt das OLG Cel­le Recht und hob die Ver­fü­gung der JVA man­gels Rechts­grund­la­ge auf.

Schrei­ben von Gefan­ge­nen oder an die­se kön­nen nach dem Nie­der­säch­si­schen Jus­tiz­voll­zugs­ge­setz zum einen ange­hal­ten wer­den, wenn ihr Inhalt gefähr­lich ist oder der Schrift­ver­kehr wegen des gro­ßen Umfangs eine Begren­zung recht­fer­tigt. Im Übri­gen dür­fen sie nicht in einer Geheim­schrift, unles­bar, unver­ständ­lich oder ohne zwin­gen­den Grund in einer frem­den Spra­che abge­fasst sein. Nach Ansicht des OLG Cel­le ist kei­ne die­ser Vor­aus­set­zun­gen durch das Ver­wen­den von Süt­ter­lin­schrift erfüllt. Auch wenn die Schrift heu­te nicht mehr in den Schu­len als Nor­mal­schrift gelehrt wird, han­de­le es sich nicht um eine Geheim­schrift. Das Merk­mal der Unver­ständ­lich­keit bezie­he sich auf den Inhalt des Geschrie­be­nen. In Betracht kom­me damit allein die Unles­bar­keit. Eine Schrift kön­ne unles­bar sein, weil die per­sön­li­che Hand­schrift nicht „form­klar“ sei. Hier gehe es aber aus­schließ­lich um die Schrift­art. Das OLG stellt fest, dass in Deutsch­land kei­ne ver­bind­li­chen Vor­schrif­ten exis­tie­ren, wel­che Schrift­art im Schrift­ver­kehr zu ver­wen­den sei. Die Süt­ter­lin­schrift kön­ne, auch wenn sie nicht mehr in den Schu­len gelehrt wird, nach wie vor von wei­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung zumin­dest gele­sen wer­den. Auch sei­en unstrei­tig Bediens­te­te der JVA in der Lage dazu. Daher dür­fe der in Süt­ter­lin geführ­te Schrift­ver­kehr von Gefan­ge­nen nicht wegen Unles­bar­keit gestoppt wer­den, auch wenn der Kon­troll­auf­wand höher sei.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 19. Mai 2009 – 1 Ws 248/​09 (Str­Vollz)