Not­wehr – und das pflicht­wid­ri­ge Vor­ver­hal­ten

Eine in einer objek­ti­ven Not­wehr­la­ge ver­üb­te Tat ist nach § 32 Abs. 2 StGB gerecht­fer­tigt, wenn es sich bei ihr um das mil­des­te zu einer sofor­ti­gen und end­gül­ti­gen Abwehr des Angriffs füh­ren­de Mit­tel han­delt, das dem Ange­grif­fe­nen oder sei­nem Hel­fer in der kon­kre­ten Situa­ti­on zur Ver­fü­gung stand 1.

Not­wehr – und das pflicht­wid­ri­ge Vor­ver­hal­ten

Ob dies der Fall ist, muss auf der Grund­la­ge einer objek­ti­ven exan­te-Betrach­tung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se im Zeit­punkt der Ver­tei­di­gungs­hand­lung beur­teilt wer­den 2.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs erfährt das Not­wehr­recht unter dem Gesichts­punkt der Gebo­ten­heit der Ver­tei­di­gung unter ande­rem dann eine Ein­schrän­kung, wenn der Ver­tei­di­ger gegen­über dem Angrei­fer ein pflicht­wid­ri­ges Vor­ver­hal­ten an den Tag gelegt hat, das bei ver­nünf­ti­ger Wür­di­gung aller Umstän­de des Ein­zel­fal­les den fol­gen­den Angriff als eine adäqua­te und vor­aus­seh­ba­re Fol­ge der Pflicht­ver­let­zung des Ange­grif­fe­nen erschei­nen lässt. In einem sol­chen Fall muss der Ver­tei­di­ger dem Angriff unter Umstän­den aus­zu­wei­chen suchen und darf zur lebens­ge­fähr­li­chen Trutz­wehr nur über­ge­hen, wenn ande­re Abwehr­mög­lich­kei­ten erschöpft oder mit Sicher­heit aus­sichts­los sind 3.

Dar­über hin­aus ver­mag auch bereits ein sozi­al­ethisch zu miss­bil­li­gen­des Vor­ver­hal­ten das Not­wehr­recht ein­zu­schrän­ken, wenn zwi­schen die­sem Vor­ver­hal­ten und dem rechts­wid­ri­gen Angriff ein enger zeit­li­cher und räum­li­cher Ursa­chen­zu­sam­men­hang besteht und es nach Kennt­nis des Täters auch geeig­net ist, einen Angriff zu pro­vo­zie­ren 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 2. Juli 2015 – 4 StR 509/​14

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 21.03.1996 – 5 StR 432/​95, BGHSt 42, 97, 100 mwN[]
  2. BGH, Beschluss vom 21.08.2013 – 1 StR 449/​13, Stra­Fo 2014, 29; Beschluss vom 21.11.2012 – 2 StR 311/​12, NStZ-RR 2013, 105, 106; Urteil vom 27.09.2012 – 4 StR 197/​12, NStZ-RR 2013, 139, 140 mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 15.05.1975 – 4 StR 71/​75, BGHSt 26, 143, 145[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 21.03.1996 – 5 StR 432/​95, BGHSt 42, 97, 100[]