Not­wehr­pro­vo­ka­ti­on – und die Ein­schrän­kung des Not­wehr­rechts

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs erfährt das Not­wehr­recht unter ande­rem dann eine Ein­schrän­kung, wenn der Ver­tei­di­ger gegen­über dem Angrei­fer ein pflicht­wid­ri­ges Vor­ver­hal­ten an den Tag gelegt hat, das bei ver­nünf­ti­ger Wür­di­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls den fol­gen­den Angriff als eine adäqua­te und vor­aus­seh­ba­re Fol­ge der Pflicht­ver­let­zung des Ange­grif­fe­nen erschei­nen lässt.

Not­wehr­pro­vo­ka­ti­on – und die Ein­schrän­kung des Not­wehr­rechts

In einem sol­chen Fall muss der Ver­tei­di­ger dem Angriff unter Umstän­den aus­zu­wei­chen suchen und darf zur lebens­ge­fähr­li­chen Trutz­wehr nur über­ge­hen, wenn ande­re Abwehr­mög­lich­kei­ten erschöpft oder mit Sicher­heit aus­sichts­los sind 1.

Dar­über hin­aus ver­mag ein sozi­al­ethisch zu miss­bil­li­gen­des Vor­ver­hal­ten das Not­wehr­recht nur ein­zu­schrän­ken, wenn zwi­schen die­sem Vor­ver­hal­ten und dem rechts­wid­ri­gen Angriff ein enger zeit­li­cher und räum­li­cher Ursa­chen­zu­sam­men­hang besteht und es nach Kennt­nis des Täters auch geeig­net ist, einen Angriff zu pro­vo­zie­ren 2.

Das Not­wehr­recht erfährt auch nicht des­halb eine Beschrän­kung, weil sich der in Not­wehr Han­deln­de über­haupt in eine zwei­te Aus­ein­an­der­set­zung bewaff­net mit einem Mes­ser bege­ben hat.

Denn die blo­ße Kennt­nis oder die ("bil­li­gen­de") Annah­me, ein bestimm­tes eige­nes Ver­hal­ten wer­de eine ande­re Per­son zu einem rechts­wid­ri­gen Angriff pro­vo­zie­ren, kann für sich allein nicht zu einer Ein­schrän­kung des Rechts füh­ren, sich gegen einen sol­chen Angriff mit den erfor­der­li­chen und gebo­te­nen Mit­teln zur Wehr zu set­zen 3.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Juni 2018 – 1 StR 208/​18

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 15.05.1975 – 4 StR 71/​75, BGHSt 26, 143, 145; und vom 07.02.1991 – 4 StR 526/​90, NStE Nr. 21 zu § 32 StGB[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 02.11.2005 – 2 StR 237/​05, NStZ 2006, 332, 333; und vom 21.03.1996 – 5 StR 432/​95, BGHSt 42, 97, 100[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 04.08.2010 – 2 StR 118/​10, NStZ 2011, 82, 83; Urtei­le vom 02.11.2005 – 2 StR 237/​05, NStZ 2006, 332, 333; und vom 12.02.2003 – 1 StR 403/​02, NJW 2003, 1955, 1959; Fischer, StGB, 65. Aufl., § 32 Rn. 43[]