Tote als Schutz­ob­jekt im huma­ni­tä­ren Völ­ker­recht

Auch ein Ver­stor­be­ner gilt als nach dem huma­ni­tä­ren Völ­ker­recht zu schüt­zen­de Per­son im Sin­ne von § 8 Abs. 1 Nr. 9 VStGB.

Tote als Schutz­ob­jekt im huma­ni­tä­ren Völ­ker­recht

Grund­la­ge die­ser Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs bil­de­te ein Ver­fah­ren gegen einen deut­schen IS-Kämp­fer: Am 7.11.2013 rück­te die Ein­heit des IS, der auch der Ange­klag­te ange­hör­te, gegen 6.10 Uhr in eine von geg­ne­ri­schen Kämp­fern auf­ge­ge­be­ne Stel­lung ein, die sich an einem nicht näher bekann­ten Ort in der Gegend von Alep­po befand. Der Ange­klag­te und sei­ne Mit­kämp­fer such­ten dort zunächst nach ver­wert­ba­ren Gegen­stän­den wie Waf­fen und Pro­vi­ant. Gegen 6.55 Uhr tra­ten sie auf­grund eines gemein­sam gefass­ten Ent­schlus­ses an den auf der Erde lie­gen­den Leich­nam eines ent­we­der im Kampf gefal­le­nen oder in Gefan­gen­schaft ermor­de­ten geg­ne­ri­schen Kämp­fers her­an, um die­sen zu miss­han­deln und zu schmä­hen. Wäh­rend der Ange­klag­te das Gesche­hen mit sei­nem Mobil­te­le­fon film­te, schnitt ein Mit­kämp­fer dem Getö­te­ten mit­hil­fe eines Mes­sers bei­de Ohren und die Nase ab.

Der Ange­klag­te beglei­te­te die­se Hand­lun­gen durch Aus­ru­fe wie „jetzt schnei­den wir ihm Ohren ab“, „ab die Nase“, „in die Höl­le, in die Höl­le … Alla­hu Akbar … Alla­hu Akbar“ sowie durch höh­ni­sches Lachen. Mit den Wor­ten „mögest du in der Höl­le schmo­ren, du Huren­sohn!“ ver­setz­te der Ange­klag­te dem Getö­te­ten sodann einen Tritt in das ent­stell­te Gesicht. Danach schwenk­te er die Auf­nah­me auf sein eige­nes Gesicht und sprach mit erho­be­nem Zei­ge­fin­ger das mus­li­mi­sche Glau­bens­be­kennt­nis. Anschlie­ßend for­der­te er einen nicht näher iden­ti­fi­zier­ten, mit einem Sturm­ge­wehr bewaff­ne­ten Mili­zio­när sei­ner Ein­heit mit den Wor­ten „Kuf­f­ar! Mach jetzt, im Namen Allahs!“ auf, dem Getö­te­ten in den Kopf zu schie­ßen, was der Mit­kämp­fer auch tat. Durch den Aus­tritt des Geschos­ses wur­de ein Stück des Schä­dels des Leich­nams weg­ge­sprengt. Der Ange­klag­te film­te die aus­ge­tre­te­ne Gehirn­mas­se in Nah­auf­nah­me und kom­men­tier­te dies mit den Wor­ten „Allah sei Dank“. Dabei kam es dem Ange­klag­ten und sei­nen Mit­kämp­fern dar­auf an, den Getö­te­ten, den sie als „Ungläu­bi­gen“ ansa­hen, zu ver­höh­nen und in sei­ner Toten­eh­re her­ab­zu­wür­di­gen, wobei der Ange­klag­te die Ernied­ri­gung durch die Film­auf­nah­men bewusst und gewollt ver­tief­te.

Die nach § 8 Abs. 1 Nr. 9 VStGB straf­be­wehr­te schwer­wie­gen­de ent­wür­di­gen­de oder ernied­ri­gen­de Behand­lung einer nach dem huma­ni­tä­ren Völ­ker­recht zu schüt­zen­den Per­son – wozu gemäß § 8 Abs. 6 Nr. 3 VStGB ins­be­son­de­re Ange­hö­ri­ge der Streit­kräf­te und Kämp­fer der geg­ne­ri­schen Par­tei zäh­len, wel­che die Waf­fen gestreckt haben oder in sons­ti­ger Wei­se wehr­los sind – erfasst auch Ver­stor­be­ne; die Vor­schrift dient inso­weit auch dem Schutz der Toten­eh­re bzw. der über den Tod hin­aus fort­wir­ken­den Wür­de des Men­schen [1]. Das ergibt sich aus dem Sinn und Zweck der Norm. Der Gesetz­ge­ber woll­te mit dem VStGB die Straf­vor­schrif­ten des Römi­schen Sta­tuts (IStGH-Sta­tut) umset­zen und sicher­stel­len, dass Deutsch­land stets in der Lage ist, die in die Zustän­dig­keit des Inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hofs (IStGH) fal­len­den Ver­bre­chen selbst zu ver­fol­gen, wes­halb die durch das VStGB nor­mier­te Straf­bar­keit gegen­über der­je­ni­gen nach dem IStGH-Sta­tut teil­wei­se sogar bewusst aus­ge­dehnt wur­de [2]. § 8 Abs. 1 Nr. 9 VStGB ori­en­tiert sich an Art. 8 Abs. 2 Buchst. b (xxi) und Buchst. c (ii) IStGH-Sta­tut [3], wonach die ent­wür­di­gen­de und ernied­ri­gen­de Behand­lung in inter­na­tio­na­len und nicht­in­ter­na­tio­na­len bewaff­ne­ten Kon­flik­ten als Kriegs­ver­bre­chen erfasst wird. Zur Aus­le­gung die­ser Norm die­nen gemäß Art. 9 Abs. 1 IStGH-Sta­tut die sog. Ver­bre­chens­ele­men­te. Dar­in ist im Hin­blick auf die Ele­men­te, die Art. 8 Abs. 2 Buchst. b (xxi) und Buchst. c (ii) IStGH-Sta­tut betref­fen, jeweils in einer Fuß­no­te aus­ge­führt, dass auch Tote erfasst sind (Ver­bre­chens­ele­men­te zu Art. 8 Abs. 2 Buchst. b (xxi), Zif­fer 1 Fn. 49; zu Art. 8 Abs. 2 Buchst. c (ii), Zif­fer 1 Fn. 57). Glei­cher­ma­ßen ist dem­entspre­chend auch § 8 Abs. 1 Nr. 9 VStGB zu ver­ste­hen [4].

Deut­sches Straf­recht ist anwend­bar. Das folgt hin­sicht­lich der Mit­glied­schaft des Ange­klag­ten in einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung im Aus­land ent­we­der unmit­tel­bar aus § 129b Abs. 1 Satz 2 Alt. 2 StGB [5] oder – eben­so wie im Hin­blick auf den Ver­stoß gegen § 22a Abs. 1 Nr. 6 KrWaff­Kon­trG – aus § 7 Abs. 2 Nr. 1 StGB, weil der Ange­klag­te Deut­scher ist und das Gebiet, in dem er sich als Mit­glied des ISIG bzw. IS bei den Kampf­hand­lun­gen betei­lig­te, effek­tiv kei­ner staat­li­chen Straf­ge­walt unter­lag. Im Übri­gen sind Per­so­nen­zu­sam­men­schlüs­se, die sich ter­ro­ris­ti­scher Akte bedie­nen, um die grund­le­gen­de Gesell­schafts­ord­nung zu ändern, gemäß Art. 304 bis 306 des syri­schen Straf­ge­setz­bu­ches und das Tra­gen bzw. der Besitz von Schuss­waf­fen ohne Waf­fen­schein nach den §§ 39, 41 des syri­schen Prä­si­dial­er­las­ses Nr. 51 vom 24.09.2001 am Tat­ort eben­falls mit Stra­fe bedroht. Die Anwend­bar­keit des § 8 Abs. 1 Nr. 9 VStGB ergibt sich aus § 1 VStGB.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. Sep­tem­ber 2016 – StB 27/​16

  1. Werle/​Jeßberger, Völ­ker­straf­recht, 4. Aufl., Rn. 1238; Münch­Komm-StGB/­Zim­mer­man­n/­Geiß, 2. Aufl., § 8 VStGB Rn.204[]
  2. BT-Drs. 14/​8524, S. 12[]
  3. BT-Drs. 14/​8524, S. 28[]
  4. vgl. zu allem Werle/​Jeßberger, aaO Rn. 1236, 1238[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 31.07.2009 – StB 34/​09, BGHR StGB § 129b Anwend­bar­keit 1[]