Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie – feh­len­de Ein­sicht oder feh­len­de Steue­rungs­fä­hig­keit?

Die grund­sätz­lich unbe­fris­te­te Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus ist eine außer­or­dent­lich belas­ten­de Maß­nah­me, die einen beson­ders gra­vie­ren­den Ein­griff in die Rech­te des Betrof­fe­nen dar­stellt.

Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie – feh­len­de Ein­sicht oder feh­len­de Steue­rungs­fä­hig­keit?

Sie darf daher nur dann ange­ord­net wer­den, wenn zwei­fels­frei fest­steht, dass der Unter­zu­brin­gen­de

  • bei Bege­hung der Anlass­ta­ten
  • auf­grund einer nicht nur vor­über­ge­hen­den psy­chi­schen Stö­rung im Sin­ne einer der in § 20 StGB genann­ten Ein­gangs­merk­ma­le
  • schuld­un­fä­hig (§ 20 StGB) oder ver­min­dert schuld­fä­hig (§ 21 StGB) war und
  • die Tat­be­ge­hung hier­auf beruht [1].

Wenn sich der Tatrich­ter dar­auf beschränkt, sich der Beur­tei­lung eines Sach­ver­stän­di­gen zur Fra­ge der Schuld­fä­hig­keit anzu­schlie­ßen, muss er des­sen wesent­li­che Anknüp­fungs­punk­te und Dar­le­gun­gen im Urteil so wie­der­ge­ben, wie dies zum Ver­ständ­nis des Gut­ach­tens und zur Beur­tei­lung sei­ner Schlüs­sig­keit erfor­der­lich ist [2]. Dies gilt auch in Fäl­len von Wahn­vor­stel­lun­gen. Denn die Dia­gno­se einer Wahn­sym­pto­ma­tik führt nicht zwangs­läu­fig zu der Fest­stel­lung einer gene­rel­len oder über län­ge­re Zeit­räu­me andau­ern­den gesi­cher­ten rele­van­ten Beein­träch­ti­gung oder Auf­he­bung der Schuld­fä­hig­keit.

Erfor­der­lich ist daher die Dar­le­gung, in wel­cher Wei­se sich die fest­ge­stell­te psy­chi­sche Stö­rung bei Bege­hung der jewei­li­gen Tat auf die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten des Beschul­dig­ten in der kon­kre­ten Tat­si­tua­ti­on und damit auf die Ein­sichts- oder Steue­rungs­fä­hig­keit aus­ge­wirkt hat [3].

Der Schuld­aus­schluss kann grund­sätz­lich nicht zugleich auf feh­len­de Ein­sicht und feh­len­de Steue­rungs­fä­hig­keit gestützt wer­den. Die Fra­ge der Steue­rungs­fä­hig­keit ist erst dann zu prü­fen, wenn der Täter das Unrecht der Tat ein­ge­se­hen hat oder ein­se­hen konn­te. Stö­run­gen, bei denen sowohl die Ein­sichts­fä­hig­keit als auch die Steue­rungs­fä­hig­keit auf­ge­ho­ben sind, stel­len die Aus­nah­me dar [4].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. April 2016 – 1 StR 62/​16

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 16.03.2016 – 1 StR 402/​15; und vom 26.09.2012 – 4 StR 348/​12 mwN[]
  2. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschlüs­se vom 27.01.2016 – 2 StR 314/​15; und vom 17.06.2014 – 4 StR 171/​14, NStZ-RR 2014, 305, 306 mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 27.01.2016 – 2 StR 314/​15; und vom 29.05.2012 – 2 StR 139/​12, NStZ-RR 2012, 306, jeweils mwN[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 28.08.2008 – 3 StR 304/​12 mwN[]