Ver­wer­tung der aus der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung gewon­ne­nen Daten

Im Streit um die "Vor­rats­da­ten­spei­che­rung" hat­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Anfor­de­rung und Über­mitt­lung von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons-Ver­kehrs­da­ten zunächst im Rah­men einer einst­wei­li­gen Anord­nung unter ganz bestimm­ten, eng ein­schrän­ken­den Vor­ga­ben gebil­ligt 1 , dann aber in sei­ner Haupt­sa­che­ent­schei­dung zur Vor­rats­da­ten­spei­che­rung die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Rechts­grund­la­ge für die Ermitt­lungs­maß­nah­me fest­ge­stellt 2.

Ver­wer­tung der aus der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung gewon­ne­nen Daten

Der Bun­des­ge­richts­hof muss­te jetzt einen Fall ent­schei­den, in dem es auf die Ver­wert­bar­keit von Erkennt­nis­sen aus einer sol­chen wäh­rend der Gel­tungs­dau­er der einst­wei­li­gen Anord­nung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nach deren ein­schrän­ken­den Vor­ga­ben gericht­lich ange­ord­ne­ten und voll­zo­ge­nen Ermitt­lungs­maß­nah­me ankam. Dabei sah der Bun­des­ge­richts­hof die­se Daten – trotz der spä­ter vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt erkann­ten Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Vor­schrif­ten zur Vor­rats­da­ten­spei­che­rung – als ver­wert­bar an: Nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs war das Gericht weder aus Grün­den des ein­fa­chen Rechts noch von Ver­fas­sungs wegen gehin­dert, aus den erho­be­nen Daten Erkennt­nis­se zu gewin­nen und für die Beweis­wür­di­gung zu ver­wer­ten.

In dem der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs zugrun­de lie­gen­den Fall hat­te das Amts­ge­richt Müns­ter rechts­feh­ler­frei auf § 100g Abs. 1 StPO in der Fas­sung des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung und ande­rer ver­deck­ter Ermitt­lungs­maß­nah­men sowie zur Umset­zung der Richt­li­nie 2006/​24/​EG 3 nach Maß­ga­be der bis zur Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che und damit im Beschluss­zeit­punkt gel­ten­den einst­wei­li­gen Anord­nung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 1 und der dort getrof­fe­nen (ein­schrän­ken­den) Über­gangs­re­ge­lung gestützt.

Gemäß § 32 Abs. 1 BVerfGG kann das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Streit­fall einen Zustand durch einst­wei­li­ge Anord­nung vor­läu­fig regeln, wenn dies zur Abwehr schwe­rer Nach­tei­le, zur Ver­hin­de­rung dro­hen­der Gewalt oder aus einem ande­ren wich­ti­gen Grund zum gemei­nen Wohl drin­gend gebo­ten ist. Dies umfasst nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts auch die Befug­nis, im Wege einer sol­chen einst­wei­li­gen Anord­nung das Inkraft­tre­ten eines Geset­zes hin­aus­zu­zö­gern, ein bereits in Kraft getre­te­nes Gesetz – ganz oder teil­wei­se – wie­der außer Kraft zu set­zen oder des­sen Anwend­bar­keit ein­zu­schrän­ken 4. Wird eine gesetz­li­che Rege­lung, wie im vor­lie­gen­den Fall, durch eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gemäß § 32 Abs. 1 BVerfGG vor­läu­fig modi­fi­ziert, bedeu­tet dies für die Zeit ihrer Gel­tung regel­mä­ßig eine end­gül­ti­ge Rege­lung der Rechts­la­ge. Eine nach­träg­li­che Kor­rek­tur für den Gel­tungs­zeit­raum der einst­wei­li­gen Anord­nung schei­det aus 5. Zwar wird die Geset­zes­kraft einer sol­chen Ent­schei­dung, anders als bei der Haupt­sa­che­ent­schei­dung (vgl. § 31 Abs. 2 BVerfGG), nicht aus­drück­lich gesetz­lich ange­ord­net; eine der Geset­zes­kraft zumin­dest ent­spre­chen­de Wir­kung der nach § 32 Abs. 1 BVerfGG ange­ord­ne­ten Anwen­dungs­ein­schrän­kung ergibt sich aber – für die Gel­tungs­dau­er der Anord­nung – aus ihrer Funk­ti­on als Modi­fi­ka­ti­on eines Geset­zes im for­mel­len Sin­ne und wird vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in stän­di­ger Recht­spre­chung ange­nom­men 6. Dem­entspre­chend ord­net das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bei Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung, die in die Gel­tung eines Geset­zes ein­greift, regel­mä­ßig die Ver­öf­fent­li­chung der Ent­schei­dungs­for­mel im Bun­des­ge­setz­blatt an; dies ist auch im vor­lie­gen­den Fall gesche­hen 7.

Die Ver­kehrs­da­ten wur­den im vor­lie­gen­den Fall in Über­ein­stim­mung mit den ein­schrän­ken­den Vor­ga­ben der ergan­ge­nen einst­wei­li­gen Anord­nung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 11. März 2008 8 über­mit­telt und konn­ten des­halb im ange­foch­te­nen Urteil ver­wer­tet wer­den.

Aus der Ent­schei­dungs­for­mel die­ser einst­wei­li­gen Anord­nung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 11. März 2008 ergibt sich, dass eine Ver­pflich­tung zur Daten­über­mitt­lung an die ersu­chen­de Behör­de auf Grund eines Beschlus­ses nach § 100g Abs. 1 StPO für die Dau­er der Gel­tung der Anord­nung nur bestand, wenn Gegen­stand des Ermitt­lungs­ver­fah­rens eine Kata­log­tat im Sin­ne des § 100a Abs. 2 StPO war und die Vor­aus­set­zun­gen des § 100a Abs. 1 StPO vor­la­gen.

Die­se Maß­ga­ben sind, wie der Bun­des­ge­richts­hof fest­stell­te, in dem jetzt vom ihm ent­schie­de­nen Fall ein­ge­hal­ten wor­den, denn zum Zeit­punkt des Beschlus­ses des Ermitt­lungs­rich­ters beim Amts­ge­richt Müns­ter vom 16. Janu­ar 2009 wur­de gegen die Beschwer­de­füh­re­rin wegen des Ver­dachts schwe­rer Ban­den­dieb­stäh­le gemäß § 244a StGB ermit­telt; die­se Straf­tat ist Kata­log­tat gemäß § 100a Abs. 2 Nr. 1 Buchst. j StPO.

Eine ande­re recht­li­che Beur­tei­lung der gericht­lich ange­ord­ne­ten Über­mitt­lung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Ver­kehrs­da­ten ergibt sich auch nicht dar­aus, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in der am 2. März 2010 ergan­ge­nen Haupt­sa­che­ent­schei­dung die §§ 113a, 113b TKG sowie § 100g Abs. 1 Satz 1 StPO wegen Ver­sto­ßes gegen Art. 10 Abs. 1 GG teil­wei­se für nich­tig erklärt hat. Die ex-tunc-Wir­kung die­ser Ent­schei­dung lässt die selb­stän­di­ge Legi­ti­mie­rungs­funk­ti­on der einst­wei­li­gen Anord­nung im Rah­men der dort näher umschrie­be­nen ein­schrän­ken­den Maß­ga­ben als sog. norm­ver­tre­ten­des Über­gangs­recht 9 unbe­rührt. Dies ergibt sich im Übri­gen auch unmit­tel­bar aus den Grün­den des Urteils vom 2. März 2010: Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat eine sechs­mo­na­ti­ge anlass­lo­se Spei­che­rung von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons-Ver­kehrs­da­ten – für eine qua­li­fi­zier­te Ver­wen­dung – im Rah­men der Straf­ver­fol­gung nicht für schlecht­hin unver­ein­bar mit Art. 10 Abs. 1 GG ange­se­hen 10. Es hat fer­ner aus­ge­führt, dass ledig­lich die auf­grund der einst­wei­li­gen Anord­nung erho­be­nen, aber einst­wei­len nicht an die ersu­chen­den Behör­den über­mit­tel­ten, son­dern gespei­cher­ten Ver­kehrs­da­ten unver­züg­lich zu löschen sind und nicht an die Behör­den über­mit­telt wer­den dür­fen 11. Auf die­je­ni­gen Ver­kehrs­da­ten, die unter den Vor­ga­ben der einst­wei­li­gen Anord­nung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 11. März 2008 8 bereits über­mit­telt wur­den, bezieht sich das Gebot der unver­züg­li­chen Löschung gera­de nicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 4. Novem­ber 2010 – 4 StR 404/​10

  1. BVerfG, Beschluss vom 11.03.2008 – 1 BvR 256/​08, BGBl. I S. 659; BVerfGE 121, 1[][]
  2. BVerfG, Urteil vom 02.03.2010 – 1 BvR 256/​08 u.a., JZ 2010, 611 m. Anm. Ohler JZ 2010, 626, und Anm. Kle­sc­zew­ski JZ 2010, 629[]
  3. vom 21.12.2007, BGBl. I S. 3198[]
  4. vgl. nur BVerfGE 104, 23, 27 f.; 112, 284, 292; 117, 126, 135; 122, 342, 361 f.; BVerfG, Beschluss vom 14.09.2010 – 1 BvR 872/​10, Tz. 2[]
  5. vgl. dazu Graß­hof in Maunz, BVerfGG, § 32 Rn. 8 f. [Stand: Juli 2002] m.w.N.; Volk­mer NStZ 2010, 318, 320[]
  6. vgl. nur BVerfG, Beschluss vom 28.08.2003 – 2 BvR 1012/​01, NJW 2004, 279, Tz. 15 zur Zuläs­sig­keit der Infor­ma­ti­ons­wei­ter­ga­be gem. § 3 Abs. 5 Satz 1 G 10 auf der Grund­la­ge einer im Wege einst­wei­li­ger Anord­nung aus­ge­spro­che­nen Über­gangs­re­ge­lung trotz in der Haupt­sa­che­ent­schei­dung fest­ge­stell­ter Unver­ein­bar­keit mit Art. 10 GG[]
  7. vgl. BGBl. I 2008 S. 659[]
  8. BVerfG, Beschluss vom 11.03.2008 – 1 BvR 256/​08, BVerfGE 121, 1[][]
  9. vgl. dazu Graß­hof aaO, § 32 Rn. 8, 190; Ber­ke­mann in Mit­ar­bei­ter­kom­men­tar zum BVerfGG, 2. Aufl., § 32 Rn. 369 f.[]
  10. BVerfG aaO, S. 615, Tz. 213[]
  11. BVerfG aaO, S. 623, Tz. 306[]