Ver­fas­sungs­be­schwer­de nach Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on

Ver­wirft ein obers­tes Bun­des­ge­richt die Beschwer­de gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on, weil es alle wesent­li­chen Aspek­te einer Ver­fas­sungs­fra­ge bereits als in sei­ner Recht­spre­chung geklärt ansieht, steht dies der Zuläs­sig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht ent­ge­gen, wenn der Beschwer­de­füh­rer ver­nünf­ti­ge und gewich­ti­ge Grün­de für eine Über­prü­fung die­ser Rechts­fra­ge anfüh­ren kann und es sich um eine unge­klär­te ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­ge han­delt.

Ver­fas­sungs­be­schwer­de nach Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on

Zwar ist eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de man­gels ord­nungs­ge­mä­ßer Rechts­weg­er­schöp­fung in der Regel unzu­läs­sig, wenn ein an sich gege­be­nes Rechts­mit­tel man­gels Nut­zung der ver­fah­rens­recht­li­chen Mög­lich­kei­ten erfolg­los bleibt [1]. Es ist ver­fas­sungs­recht­lich dabei ins­be­son­de­re unbe­denk­lich, die Beschrei­tung des Rechts­wegs von der Erfül­lung bestimm­ter for­ma­ler Vor­aus­set­zun­gen abhän­gig zu machen [2]. Da jedoch ein Beschwer­de­füh­rer wegen der Sub­si­dia­ri­tät der Ver­fas­sungs­be­schwer­de auch dann ver­pflich­tet ist, von einem Rechts­be­helf Gebrauch zu machen, wenn des­sen Zuläs­sig­keit im kon­kre­ten Fall unter­schied­lich beur­teilt wer­den kann [3], kön­nen ihm kei­ne Nach­tei­le dar­aus erwach­sen, wenn sich ein sol­cher Rechts­be­helf spä­ter als unzu­läs­sig erweist. Anders lie­gen die Din­ge nur bei einem offen­sicht­lich unzu­läs­si­gen oder nicht ord­nungs­ge­mäß genutz­ten Rechts­be­helf.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall kann dem Beschwer­de­füh­rer aber nicht ange­las­tet wer­den, den Rechts­weg nicht in gehö­ri­ger Wei­se erschöpft zu haben. Sei­ner Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de lässt sich ent­neh­men, dass er die Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Abschaf­fung der Arbeits­lo­sen­hil­fe für die­je­ni­gen Bezie­her von Arbeits­lo­sen­hil­fe, die von der Rege­lung des § 428 Abs. 1 Satz 1 SGB III Gebrauch gemacht haben, als Rechts­fra­ge von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung auf­wer­fen woll­te. Dass das Bun­des­so­zi­al­ge­richt wegen sei­ner eige­nen Recht­spre­chung dazu die Klä­rungs­be­dürf­tig­keit in einem Revi­si­ons­ver­fah­ren ver­neint und des­halb die Beschwer­de als unzu­läs­sig ver­wor­fen hat, kann ihm im Rah­men der Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zun­gen der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den. Selbst wenn in der Recht­spre­chung eines obers­ten Fach­ge­richts nach des­sen Auf­fas­sung bereits alle wesent­li­chen Aspek­te einer Ver­fas­sungs­fra­ge gewür­digt wur­den, ist es einem Beschwer­de­füh­rer mög­lich und ver­fas­sungs­recht­lich auch bei Berück­sich­ti­gung des Grund­sat­zes der Sub­si­dia­ri­tät der Ver­fas­sungs­be­schwer­de zuläs­sig, eine ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Über­prü­fung die­ser Wür­di­gung zu begeh­ren, wenn er dafür ver­nünf­ti­ge und gewich­ti­ge Grün­de anfüh­ren kann und es sich um eine ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­ge han­delt, die umstrit­ten geblie­ben ist und über die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt noch nicht ent­schie­den hat [4].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 7. Dezem­ber 2010 – 1 BvR 2628/​07

  1. vgl. BVerfGE 74, 102, 114; BVerfGK 1, 222, 223; stän­di­ge Recht­spre­chung[]
  2. vgl. BVerfGE 10, 264, 267 f.[]
  3. vgl. BVerfGE 47, 168, 175[]
  4. vgl. BVerfGE 91, 93, 106[]