Auf­ent­halts­er­laub­nis – wegen nach­hal­ti­ger Inte­gra­ti­on in die hie­si­gen Lebens­ver­hält­nis­se

Der Ertei­lung einer Auf­ent­halts­er­laub­nis wegen nach­hal­ti­ger Inte­gra­ti­on in die hie­si­gen Lebens­ver­hält­nis­se (§ 25b Auf­en­thG) kann auch ein in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­des Fehl­ver­hal­ten (z.B. Iden­ti­täts­täu­schung, feh­len­de Mit­wir­kung an der Besei­ti­gung von Aus­rei­se­hin­der­nis­sen) ent­ge­gen­ste­hen.

Auf­ent­halts­er­laub­nis – wegen nach­hal­ti­ger Inte­gra­ti­on in die hie­si­gen Lebens­ver­hält­nis­se

§ 25b Abs. 1 Satz 1 Auf­en­thG nor­miert ledig­lich einen Soll-Anspruch, was vor­aus­setzt, dass es Aus­nah­me­fäl­le gibt, in denen trotz bejah­ter nach­hal­ti­ger Inte­gra­ti­on die Ertei­lung einer Auf­ent­halts­er­laub­nis nach pflicht­ge­mäß aus­ge­üb­tem Ermes­sen abge­lehnt wer­den kann. Anders als bei einer Anspruchs­norm, bei der die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen sowohl posi­tiv als auch nega­tiv abschlie­ßend bestimmt sind, kann bei einem Soll-Anspruch nur auf­grund einer wer­ten­den Betrach­tung aller Umstän­de des Ein­zel­fal­les beur­teilt und fest­ge­stellt wer­den, ob ein Aus­nah­me­fall vor­liegt; die mög­li­chen Ver­sa­gungs­grün­de sind hier­nach gera­de nicht in abschlie­ßen­der Wei­se durch den Gesetz­ge­ber voll­um­fäng­lich aus­for­mu­liert 1.

Fer­ner ist im Rah­men von § 25b Auf­en­thG auch die all­ge­mei­ne Ertei­lungs­vor­aus­set­zung des § 5 Abs. 1 Nr. 2 Auf­en­thG – Nicht­vor­lie­gen eines Aus­wei­sungs­in­ter­es­ses – anwend­bar 2; hier­von geht auch die Geset­zes­be­grün­dung aus 3. § 25b Abs. 2 Nr. 2 Auf­en­thG ent­hält zwar inso­fern eine Abwei­chung von § 5 Abs. 1 Nr. 2 Auf­en­thG, als für die dort gere­gel­ten Fäl­le zwin­gend die Ver­sa­gung der Auf­ent­halts­er­laub­nis vor­ge­schrie­ben wird, lässt die Gel­tung der Vor­schrift im übri­gen aber unbe­rührt. Zwar kann nur ein noch aktu­el­les Aus­wei­sungs­in­ter­es­se zu Las­ten des Aus­län­ders her­an­ge­zo­gen wer­den (mit der Mög­lich­keit, nach § 5 Abs. 3 Satz 2 Auf­en­thG nach Ermes­sen hier­von abzu­se­hen), doch mag das in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­de Fehl­ver­hal­ten unter Umstän­den auch ein noch aktu­el­les Aus­wei­sungs­in­ter­es­se begrün­den kön­nen.

Der Ver­sa­gungs­grund des § 25b Abs. 2 Nr. 1 Auf­en­thG ist dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass die Ertei­lung einer Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 25b Abs. 2 Nr. 1 Auf­en­thG nur dann zwin­gend zu ver­sa­gen ist, wenn der Aus­län­der aktu­el­le Mit­wir­kungs­hand­lun­gen ver­sagt 4. Aller­dings kommt in Betracht, dass die Ver­let­zung von Mit­wir­kungs­pflich­ten in der Ver­gan­gen­heit einer­seits einen Aus­nah­me­fall begrün­den kann, so dass trotz Vor­lie­gens der die Ver­mu­tung der nach­hal­ti­gen Inte­gra­ti­on begrün­den­den Umstän­de des § 25b Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG eine Auf­ent­halts­er­laub­nis nicht zu ertei­len ist 5. Ander­seits kann die Ver­let­zung der Mit­wir­kungs­pflich­ten in der Ver­gan­gen­heit ein Aus­wei­sungs­in­ter­es­se begrün­den, so dass die Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 5 Abs. 1 Nr. 2 Auf­en­thG zu ver­sa­gen ist; § 5 Abs. 1 Nr. 2 Auf­en­thG gilt unein­ge­schränkt auch für die Vor­schrift des § 25b Auf­en­thG 6.

Dane­ben mag in Betracht kom­men, die in § 25b Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG ent­hal­te­ne For­mu­lie­rung "dies setzt regel­mä­ßig vor­aus" auch für sol­che Umstän­de zu öff­nen, die im Ergeb­nis der Annah­me einer nach­hal­ti­gen Inte­gra­ti­on ent­ge­gen­ste­hen 7.

Wel­che Argu­men­ta­ti­ons­li­nie vor­zu­zie­hen ist, muss­te im Rah­men des vor­lie­gen­den Beschwer­de­ver­fah­rens nicht ent­schie­den wer­den; das Ham­bur­gi­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt neigt aller­dings zu einer Berück­sich­ti­gung frü­he­ren Fehl­ver­hal­tens auf der Rechts­fol­gen­sei­te des § 25b Auf­en­thG (ggf. Aus­nah­me vom Soll-Anspruch mit der Fol­ge, dass über die Ertei­lung der Auf­ent­halts­er­laub­nis nach Ermes­sen zu ent­schei­den ist). Jeden­falls aber trifft die Annah­me der Beschwer­de nicht zu, dass außer­halb aktu­el­ler Täu­schungs­hand­lun­gen lie­gen­de Ver­hal­tens­wei­sen unter kei­nen Umstän­den einem Anspruch nach § 25b Auf­en­thG ent­ge­gen gehal­ten wer­den kön­nen.

Ham­bur­gi­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 11. April 2017 – 1 Bs 55/​17

  1. so aus­drück­lich BVerwG, Urteil vom 17.12.2015, 1 C 31.14, BVerw­GE 153, 353 21[]
  2. vgl. auch BVerwG, Urteil vom 14.05.2013, 1 C 17.12, BVerw­GE 146, 281 18 ff., dort zu § 25a Auf­en­thG[]
  3. BT-Drs. 18/​4097, S. 45[]
  4. vgl. BT-Drs. 18/​4097 S. 44[]
  5. vgl. in die­sem Sinn zu einer lang­jäh­ri­gen feh­len­den Pass­vor­la­ge: OVG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 23.09.2015, 2 M 121/​15 10; OVG NRW, Beschluss vom 21.07.2015, 18 B 486/​14 15[]
  6. vgl. BT-Drs. 18/​4097; zum Aus­wei­sungs­in­ter­es­se nach § 5 Abs. 1 Nr. 2 Auf­en­thG n.F.: VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 25.08.2015, 11 S 1500/​15; vgl. OVG Ham­burg, Beschluss vom 25.11.2015 – 1 So 82/​15[]
  7. so OVG NRW, Beschluss vom 21.07.2015, 18 B 486/​14 7 ff.; OVG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 23.09.2015, 2 M 121/​15, EzAR-NF 33 Nr. 45 10[]