Be­schrän­kung von Dis­zi­pli­nar­k­la­ge­ver­fah­ren – und die spä­te­re Wie­der­ein­be­zie­hung

Hin­sicht­lich der Pro­gno­se­ent­schei­dung, ob eine Tat­hand­lung für die Art und Höhe der zu er­war­ten­den Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me vor­aus­sicht­lich nicht ins Ge­wicht fällt, steht dem Be­­ru­­fungs- und dem Re­vi­si­ons­ge­richt eine ei­gen­stän­di­ge Be­ur­tei­lungs­kom­pe­tenz zu.

Be­schrän­kung von Dis­zi­pli­nar­k­la­ge­ver­fah­ren – und die spä­te­re Wie­der­ein­be­zie­hung

Die er­neu­te Ein­be­zie­hung aus­ge­schie­de­ner Tat­hand­lun­gen nach § 55 Abs. 1 Satz 2 LDG NRW (= § 56 Satz 2 BDG) ist zu­läs­sig, wenn sich im wei­te­ren Ver­lauf des Dis­zi­pli­nar­k­la­ge­ver­fah­rens die Grund­an­nah­men der ur­sprüng­li­chen Pro­gno­se des Ge­richts als un­zu­tref­fend er­wei­sen. Dies kann etwa der Fall sein, wenn sich die wei­ter­ver­folg­te Tat­hand­lung als nicht nach­weis­bar oder we­ni­ger schwer­wie­gend er­weist als ur­sprüng­lich an­ge­nom­men.

§ 55 Abs. 1 Satz 1 LDG NRW ermög­licht die Beschleu­ni­gung der Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren durch die inst­anz­über­grei­fen­de Befug­nis, ein­zel­ne Hand­lun­gen aus­zu­schei­den, die für die zu erwar­ten­de Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me vor­aus­sicht­lich nicht ins Gewicht fal­len 1. Dem Gericht soll die Mög­lich­keit eröff­net wer­den, Vor­wür­fe außer Betracht zu las­sen, die eine auf­wän­di­ge Beweis­auf­nah­me erfor­der­lich machen wür­den, die aber für das Ergeb­nis der Dis­zi­pli­nark­la­ge nach gegen­wär­ti­gem Stand nicht erheb­lich sein wer­den. Das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren soll damit von über­flüs­si­gem Bal­last befreit wer­den kön­nen, muss aber wei­ter­hin die gebo­te­ne Gesamt­wür­di­gung der Per­sön­lich­keit des Beam­ten ohne Abstri­che ermög­li­chen.

Aus Grün­den der Ver­fah­rens­öko­no­mie kön­nen aber nur sol­che Tat­hand­lun­gen aus­ge­schlos­sen wer­den, deren Bedeu­tung für die Bestim­mung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me bereits wäh­rend des anhän­gi­gen Ver­fah­rens nach jeder Betrach­tungs­wei­se sicher aus­ge­schlos­sen wer­den kann 2.

Die Ent­schei­dung, ob eine Tat­hand­lung für die Art und Höhe der zu erwar­ten­den Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me im Sin­ne von § 55 Abs. 1 Satz 1 LDG NRW nicht oder vor­aus­sicht­lich nicht ins Gewicht fällt, erfor­dert regel­mä­ßig eine Pro­gno­se. Das Gericht hat nach dem aktu­el­len Stand des Ver­fah­rens zu erwä­gen, wie die zu erwar­ten­de Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me aus­fie­le, wür­de die Tat­hand­lung ent­we­der aus­ge­schie­den oder wür­de sie mit in die Bemes­sung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me nach § 13 LDG NRW ein­be­zo­gen. Ergibt die­se Prü­fung hin­sicht­lich der zu erwar­ten­den Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me nach kei­ner Betrach­tungs­wei­se einen Unter­schied, steht es im Ermes­sen des Gerichts, die Tat­hand­lung nach § 55 Abs. 1 Satz 1 LDG NRW aus­zu­schei­den.

Nach § 55 Abs. 1 Satz 2 LDG NRW kön­nen die vom Gericht aus­ge­schie­de­nen Hand­lun­gen nicht wie­der in das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­be­zo­gen wer­den, es sei denn, die Vor­aus­set­zun­gen für die Beschrän­kung ent­fal­len nach­träg­lich. Die­se Vor­aus­set­zun­gen gel­ten auch für die Beru­fungs- und Revi­si­ons­in­stanz. Im Hin­blick auf den not­wen­di­gen Ver­trau­ens­schutz und die Rechts­si­cher­heit ist der Streit­ge­gen­stand des Dis­zi­pli­nark­la­ge­ver­fah­rens beschränkt, bis das Gericht die Wie­der­ein­be­zie­hung der aus­ge­schlos­se­nen Hand­lun­gen beschlos­sen hat 3.

Die erneu­te Ein­be­zie­hung aus­ge­schie­de­ner Tat­hand­lun­gen nach § 55 Abs. 1 Satz 2 LDG NRW ist danach zuläs­sig, wenn sich im Ver­lau­fe des wei­te­ren Ver­fah­rens die Grund­an­nah­men der ursprüng­li­chen Pro­gno­se des Gerichts als unzu­tref­fend erwei­sen. Das ist etwa gege­ben, wenn sich die wei­ter­ver­folg­te Tat­hand­lung als nicht nach­weis­bar oder weni­ger schwer­wie­gend erweist als ursprüng­lich ange­nom­men. In die­sen Fäl­len kommt den aus­ge­schie­de­nen Hand­lun­gen nach­träg­lich ein Gewicht zu, das eine Aus­schei­dung aus Grün­den der Pro­zess­öko­no­mie ver­bie­tet. Die Hand­lun­gen kön­nen nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben, weil ihnen für Art und Höhe der zu erwar­ten­den Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me ent­ge­gen der ursprüng­li­chen Annah­me vor­aus­sicht­lich doch Rele­vanz zukommt.

Bei ihren Ent­schei­dun­gen sind Beru­fungs- und Revi­si­ons­ge­richt nicht dar­auf beschränkt, die Zumes­sungs­ent­schei­dung der Vor­in­stanz dahin zu über­prü­fen, ob die recht­li­chen Gren­zen der Zumes­sung ein­ge­hal­ten sind. Für das Beru­fungs­ver­fah­ren folgt dies aus § 65 Abs. 1 Satz 1 und § 59 Abs. 2 Satz 2 LDG NRW, für das Revi­si­ons­ver­fah­ren (§ 67 Satz 1 LDG NRW) aus der nach § 3 Abs. 1 LDG NRW anwend­ba­ren Vor­schrift des § 141 Satz 1 VwGO.

Die grund­sätz­li­che Befug­nis des Rechts­mit­tel­ge­richts zu einer von der Wer­tung der Vor­in­stanz unab­hän­gi­gen Bemes­sungs­ent­schei­dung nach § 13 LDG NRW schließt es auch ein, nach den Kri­te­ri­en des § 55 Abs. 1 LDG NRW eigen­stän­dig über den Aus­schluss von Tat­hand­lun­gen und ihre erneu­te Ein­be­zie­hung in das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren zu ent­schei­den. Kommt einer vom Ver­wal­tungs­ge­richt aus­ge­schlos­se­nen Hand­lung nach Auf­fas­sung des Beru­fungs- oder Revi­si­ons­ge­richts Bedeu­tung für Art und Höhe der zu erwar­ten­den Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me zu, sind die Vor­aus­set­zun­gen für die von der Vor­in­stanz aus­ge­spro­che­ne Beschrän­kung daher nach­träg­lich ent­fal­len.

Nach die­sen Grund­sät­zen begeg­net der Beschluss des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, eini­ge der vom Ver­wal­tungs­ge­richt aus­ge­schie­de­nen Tat­hand­lun­gen wie­der in das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­zu­be­zie­hen, nach Maß­ga­be des § 55 Abs. 1 LDG NRW kei­nen Beden­ken. Die Vor­aus­set­zun­gen für die Beschrän­kung des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens sind nach­träg­lich ent­fal­len, weil den Hand­lun­gen nach der maß­geb­li­chen Rechts­auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Bedeu­tung für die Art und Höhe der zu erwar­ten­den Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me zukom­men kann.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 20. August 2013 – 2 B 8.13

  1. Gesetz­ent­wurf der Lan­des­re­gie­rung, LT-Drucks 13/​5220, S. 98 zu § 55 und S. 87 zu § 19[]
  2. BVerwG, Beschluss vom 06.06.2013 – 2 B 50.12, Rn. 13 zu § 56 BDG[]
  3. vgl. BT-Drs. 14/​4659, S. 40 zu § 19 BDG[]