Das freisprechende Strafurteil – und der disziplinarrechtliche Überhang

Die Frage, ob trotz eines rechtskräftigen Freispruchs im Straf- oder Bußgeldverfahren noch eine Disziplinarmaßnahme ausgesprochen werden darf oder ob einem solchen Ausspruch die Sperrwirkung des rechtskräftigen Freispruchs entgegensteht, beantworten die Disziplinargesetze (vgl. § 13 Abs. 2 ThürDG, § 14 Abs. 2 BDG).

Das freisprechende Strafurteil – und der disziplinarrechtliche Überhang

Soweit die Sperrwirkung des rechtskräftigen Freispruchs im Straf- oder Bußgeldverfahren für das Disziplinarverfahren reicht, besteht für dieses ein Prozesshindernis1.

Allerdings lassen die Disziplinargesetze den Ausspruch einer Disziplinarmaßnahme dann zu, wenn der Sachverhalt, der Gegenstand des Freispruchs gewesen ist, ein Dienstvergehen darstellt, ohne den Tatbestand einer Straf- oder Bußgeldvorschrift zu erfüllen.

Erfüllt also ein bestimmtes Verhalten zwar keinen Straf- oder Ordnungswidrigkeitentatbestand, wohl aber den Tatbestand eines Dienstvergehens, liegt ein disziplinarer Überhang vor und entfaltet der rechtskräftige Freispruch im Straf- oder Bußgeldverfahren keine Sperrwirkung für das Disziplinarverfahren2.

Entfaltet der rechtskräftige Freispruch im Straf- oder Bußgeldverfahren wegen eines disziplinaren Überhangs keine Sperrwirkung für das Disziplinarverfahren, gelten die Regelungen der Disziplinargesetze über die Bindung an tatsächliche Feststellungen in anderen Verfahren und die Lösung von einer solchen Bindung (§ 16 ThürDG, § 57 BDG). Grundsätzlich können auch die Tatsachenfeststellungen in sachgleichen freisprechenden Strafurteilen unter die Bindungswirkung nach den Disziplinargesetzen fallen, wenn und soweit diese auf einer vollständigen Prüfung der Tat- und Schuldfrage beruhen oder wenn das freisprechende Strafurteil darauf beruht, dass – etwa im Falle eines persönlichen Strafaufhebungsgrundes – Tat und Täterschaft des Beamten feststehen3.

Bundesverwaltungsgericht, Beschluss vom 9. Mai 2015 – 2 B 32.2014 –

  1. BVerwG, Urteil vom 09.05.1990 – 1 D 54.89, BVerwGE 86, 279, 281 f. []
  2. vgl. BVerwG, Urteile vom 09.05.1990 – 1 D 54.89, BVerwGE 86, 279, 282; vom 30.07.1991 – 2 WD 5.91, BVerwGE 93, 143, 146; vom 06.06.2000 – 1 D 66.98, Buchholz 235 § 17 BDO Nr. 1 S. 2 f.; und vom 16.03.2004 – 1 D 15.03, Buchholz 232 § 54 Satz 3 BBG Nr. 36 S. 81 []
  3. BVerwG, Urteile vom 21.03.1974 – 1 D 1.74; vom 06.06.2000 – 1 D 66.98, Buchholz 235 § 17 BDO Nr. 1 S. 2 f.; und vom 16.03.2004 – 1 D 15.03, Buchholz 232 § 54 Satz 3 BBG Nr. 36 S. 81 []