Der reni­ten­te Zoll­se­kre­tär

Der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof die Ent­las­sung eines Zoll­se­kre­tärs im Dienst­be­reich des Haupt­zoll­am­tes Frank­furt aus dem Jahr 2004 nach nur sie­ben­jäh­ri­ger Pro­zess­dau­er als rechts­wid­rig beur­teilt. Das Ver­fah­ren bis dahin gestal­te­te sich aben­teu­er­lich – nicht zuletzt weil die Instanz­ge­rich­te zunächst zu sehr dem Dienst­herrn glaub­ten und erst vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zurecht gewie­sen wer­den muss­ten:

Der reni­ten­te Zoll­se­kre­tär

Der Klä­ger trat am 1. August 1999 als Zoll­an­wär­ter in den Dienst der beklag­ten Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und wur­de im Jahr 2001 zum Zoll­se­kre­tär z. A. ernannt. Ab August 2001 war er als Abfer­ti­gungs­be­am­ter im Rei­se- und Waren­ver­kehr beim Haupt­zoll­amt Frank­furt ein­ge­setzt und wur­de spä­ter aus­hilfs­wei­se bei ver­schie­de­nen Abfer­ti­gungs­stel­len beschäf­tigt; zuletzt wur­de er an das Haupt­zoll­amt Gie­ßen abge­ord­net.

Wegen man­geln­der Bewäh­rung wur­de er mit Bescheid der Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on Koblenz zum 31. März 2004 aus dem Dienst in der Bun­des­zoll­ver­wal­tung ent­las­sen. Zur Begrün­dung führ­te die Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on aus, nach dem Ergeb­nis ihrer dis­zi­pli­na­ri­schen Ermitt­lun­gen habe der Klä­ger mehr­fach gegen die Pflicht zum Gehor­sam, zur Wah­rung des Betriebs­frie­dens, zur vol­len Hin­ga­be an sei­nen Beruf, zur Bera­tung und Unter­stüt­zung sei­ner Vor­ge­setz­ten und zu ach­tungs­wür­di­gem Ver­hal­ten ver­sto­ßen.

Dage­gen hat der Klä­ger im Juli 2004 Kla­ge erho­ben, die zunächst in ers­ter Instanz erfolg­reich war, weil nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts der Per­so­nal­rat nicht in dem not­wen­di­gen Umfang unter­rich­tet wor­den sei.

Gegen die­ses Urteil hat die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land Beru­fung ein­ge­legt. In der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hof am 19. Dezem­ber 2007 hat der Klä­ger der Ver­wer­tung des Inhalts der vom Gericht bei­gezo­ge­nen Ermitt­lungs­ak­ten des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens wider­spro­chen und ins­ge­samt 45 Beweis­an­trä­ge gestellt, die vom Gericht abge­lehnt wur­den, weil der Inhalt der Ermitt­lungs­ak­ten nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs in vol­lem Umfang ver­wert­bar sei. Auf­grund der dar­in ent­hal­te­nen Anga­ben des Klä­gers und der im dis­zi­pli­na­ri­schen Ermitt­lungs­ver­fah­ren ver­nom­me­nen Zeu­gen sei dem Klä­ger eine Viel­zahl dienst­li­cher Pflicht­ver­let­zun­gen vor­zu­wer­fen, die trotz zahl­rei­cher münd­li­cher und schrift­li­cher Beleh­run­gen nicht been­det wor­den sei­en. Da auch die Betei­li­gung der Per­so­nal­ver­tre­tung nicht zu bean­stan­den sei, wur­de das Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts auf­ge­ho­ben und die Kla­ge abge­wie­sen.

Auf die Revi­si­on des Klä­gers wur­de die­se Ent­schei­dung des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt auf­ge­ho­ben und die Sache zur erneu­ten Ver­hand­lung an den Gerichts­hof zurück­ver­wie­sen. Zur Begrün­dung führ­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt aus, die zu den ein­zel­nen Ver­feh­lun­gen des Klä­gers von ihm ange­bo­te­nen Bewei­se hät­ten erho­ben wer­den müs­sen. Die Zeu­gen­aus­sa­gen im Ermitt­lungs­ver­fah­ren dürf­ten nicht her­an­ge­zo­gen wer­den, da der Klä­ger dem aus­drück­lich wider­spro­chen habe.

Nach­dem der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof – zuletzt in der münd­li­chen Ver­hand­lung am heu­ti­gen Tag – zu den dem Klä­ger ange­las­te­ten Pflicht­ver­let­zun­gen zahl­rei­che Zeu­gen ver­nom­men hat, wur­de die Beru­fung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gegen das Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts vom Novem­ber 2006 zurück­ge­wie­sen. Die Anfech­tungs­kla­ge gegen die Ent­las­sung aus dem Dienst in der Bun­des­zoll­ver­wal­tung blieb damit auch vor dem Ver­wal­tungs­ge­richts­hof erfolg­reich.

Zur Begrün­dung führ­te der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof nun aus, nach dem Ergeb­nis der Zeu­gen­ver­neh­mun­gen müs­se davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die dem Klä­ger zur Last geleg­ten dienst­li­chen Pflicht­ver­let­zun­gen teil­wei­se nicht erwie­sen bzw. zum Teil von ihm nicht schuld­haft began­gen wor­den sei­en. Damit sei­en wesent­li­che Grund­la­gen für die Ent­las­sungs­ent­schei­dung der Beklag­ten zu einem erheb­li­chen Teil ent­fal­len.

Hes­si­scher Ver­wal­tungs­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Juni 2011 – 1 A 1991/​08