Dienst­be­zü­ge der EU-Beam­ten

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat die Vor­schrif­ten der "Ver­ord­nung des Rates betref­fend die Anpas­sung der Dienst­be­zü­ge der Beam­ten der Euro­päi­schen Uni­on ab Juli 2009" für nich­tig erklärt. Indem der Rat in der Ver­ord­nung eine von dem Vor­schlag der Kom­mis­si­on abwei­chen­de Anpas­sung der Dienst­be­zü­ge vor­ge­nom­men hat, ohne auf das spe­zi­fi­sche Ver­fah­ren zurück­zu­grei­fen, das im Beam­ten­sta­tut für den Fall einer erheb­li­chen, abrup­ten Ver­schlech­te­rung der wirt­schaft­li­chen Lage vor­ge­se­hen ist, hat er nach dem Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs die Zustän­dig­kei­ten, die ihm durch das Beam­ten­sta­tut ver­lie­hen sind, über­schrit­ten.

Dienst­be­zü­ge der EU-Beam­ten

Das Beam­ten­sta­tut der EU sieht vor, dass der Rat bis Ende eines jeden Jah­res über die Anpas­sung der Dienst­be­zü­ge der Beam­ten der Uni­on mit Wir­kung vom 1. Juli des lau­fen­den Jah­res beschließt. Im Novem­ber 2009 hat die Kom­mis­si­on eine Erhö­hung der Dienst­be­zü­ge um 3,7 % vor­ge­schla­gen. Am 23. Dezem­ber 2009 hat der Rat mit der ange­foch­te­nen Ver­ord­nung über die Erhö­hung ent­schie­den. Er hat ange­nom­men, dass der Vor­schlag der Kom­mis­si­on zur Anpas­sung der Dienst­be­zü­ge geän­dert wer­den müs­se, um der Wirt­schafts- und Finanz­kri­se Rech­nung zu tra­gen. Er hat die neu­en Beträ­ge der Dienst­be­zü­ge auf der Grund­la­ge eines Anpas­sungs­sat­zes von 1,85 % fest­ge­setzt.

Die Kom­mis­si­on hat Nich­tig­keits­kla­ge gegen die Vor­schrif­ten der Ver­ord­nung erho­ben, die die­se Beträ­ge fest­le­gen. Sie war näm­lich der Mei­nung, dass das Beam­ten­sta­tut eine auto­ma­ti­sche Metho­de zur Anpas­sung der Dienst­be­zü­ge vor­sieht, die dem Rat kei­nen Ermes­sens­spiel­raum lässt, der es die­sem erlaubt, von dem Vor­schlag der Kom­mis­si­on abzu­wei­chen. Eine sol­che Nich­tig­keits­kla­ge dient dazu, uni­ons­rechts­wid­ri­ge Hand­lun­gen der Uni­ons­or­ga­ne für nich­tig erklä­ren zu las­sen. Sie kann unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen von Mit­glied­staa­ten, Orga­nen der Uni­on oder Ein­zel­nen beim Gerichts­hof oder beim Gericht erho­ben wer­den. Ist die Kla­ge begrün­det, wird die Hand­lung für nich­tig erklärt. Das betref­fen­de Organ hat eine durch die Nich­tig­erklä­rung der Hand­lung etwa ent­ste­hen­de Rege­lungs­lü­cke zu schlie­ßen.

Der Rat hat dage­gen gel­tend gemacht, dass er bezüg­lich der jähr­li­chen Anpas­sung der Dienst­be­zü­ge immer über einen Ermes­sens­spiel­raum ver­fü­ge, ohne jedoch zu bestrei­ten, dass die von der Kom­mis­si­on zur Anpas­sung der Bezü­ge vor­ge­leg­te Berech­nung nach den Vor­schrif­ten des Beam­ten­sta­tuts ord­nungs­ge­mäß vor­ge­nom­men wor­den sei.
Der Gerichts­hof weist dar­auf hin, dass die in Art. 65 des Beam­ten­sta­tuts ent­hal­te­ne Grund­re­gel über die jähr­li­che Über­prü­fung der Dienst­be­zü­ge der Beam­ten der Uni­on sowie deren even­tu­el­le Anpas­sung dem Rat Ermes­sen ver­leiht. Aller­dings ent­hält das Beam­ten­sta­tut für die Dau­er von acht Jah­ren einen Annex XI, der die Anwen­dungs­mo­da­li­tä­ten des Arti­kels 65 bestimmt und des­sen Arti­kel 3 die Kri­te­ri­en, die für die jähr­li­che Anpas­sung des Besol­dungs­ni­veaus maß­geb­lich sind, abschlie­ßend fest­legt. Die­se Kri­te­ri­en beru­hen im Wesent­li­chen auf dem Gedan­ken, die Gehalts­ent­wick­lung im Bereich der Uni­on, wenn auch mit einer gewis­sen Ver­schie­bung, an die Gehalts­ent­wick­lung in den acht Refe­renz­mit­glied­staa­ten zwi­schen dem Monat Juli des Vor­jah­res und dem Monat Juli des lau­fen­den Jah­res anzu­pas­sen.

Auf­grund der Unter­su­chung der Funk­ti­on von Annex XI des Beam­ten­sta­tuts, sei­nes recht­li­chen Ran­ges und sei­ner Ent­ste­hungs­ge­schich­te gelangt der Gerichts­hof zu dem Ergeb­nis, dass der Rat mit dem Erlass die­ses Anne­xes die auto­no­me Ent­schei­dung getrof­fen hat, sich für des­sen Gel­tungs­dau­er im Rah­men der Aus­übung sei­nes Ermes­sens aus Art. 65 des Beam­ten­sta­tuts an die Beach­tung der in Arti­kel 3 des genann­ten Anne­xes abschlie­ßend fest­ge­leg­ten Kri­te­ri­en zu bin­den. Die­se Ent­schei­dung ist ins­be­son­de­re im Hin­blick auf das Ziel gerecht­fer­tigt, mit­tel­fris­tig für eine gewis­se Sta­bi­li­tät zu sor­gen und zu ver­mei­den, dass wie­der­holt Dis­kus­sio­nen und Schwie­rig­kei­ten, vor allem zwi­schen den Arbeit­neh­mer­or­ga­ni­sa­tio­nen und den betei­lig­ten Orga­nen, dar­über auf­tre­ten, inwie­weit eine Anpas­sung der Dienst­be­zü­ge gerecht­fer­tigt oder not­wen­dig ist.

Im Hin­blick auf die Mög­lich­keit, die Aus­wir­kun­gen einer schwe­ren Wirt­schafts­kri­se zu berück­sich­ti­gen, erin­nert der Gerichts­hof dar­an, dass Annex XI des Beam­ten­sta­tuts mit Arti­kel 10 eine Aus­nah­me­klau­sel ent­hält, die ein spe­zi­fi­sches Ver­fah­ren der Anpas­sung der Dienst­be­zü­ge für den Fall einer erheb­li­chen, abrup­ten Ver­schlech­te­rung der wirt­schaft­li­chen und sozia­len Lage vor­sieht. Die­se Vor­schrift ist die ein­zi­ge im Beam­ten­sta­tut vor­ge­se­he­ne Mög­lich­keit, die es dem Rat erlaubt, eine Wirt­schafts­kri­se im Rah­men der jähr­li­chen Anpas­sung der Dienst­be­zü­ge zu berück­sich­ti­gen und von den in Arti­kel 3 des genann­ten Anne­xes fest­ge­leg­ten Kri­te­ri­en abzu­wei­chen.

Obwohl die­ses Ver­fah­ren von einem Vor­schlag der Kom­mis­si­on abhängt, stellt die Vor­la­ge ent­spre­chen­der Vor­schlä­ge im Fall einer erheb­li­chen, abrup­ten Ver­schlech­te­rung der wirt­schaft­li­chen und sozia­len Lage nicht nur eine schlich­te Mög­lich­keit für die­ses Organ dar, das zudem die Pflicht zur loya­len Zusam­men­ar­beit zwi­schen den Orga­nen zu beach­ten hat.

Der Gerichts­hof gelangt somit zu dem Ergeb­nis, dass der Rat nicht über einen Ermes­sens­spiel­raum ver­fügt, der es ihm erlaubt, ohne Rück­griff auf das beson­de­re Rechts­set­zungs­ver­fah­ren nach Annex XI Arti­kel 10 des Beam­ten­sta­tuts eine Anpas­sung der Dienst­be­zü­ge auf­grund einer Wirt­schafts­kri­se fest­zu­set­zen, die von dem Vor­schlag der Kom­mis­si­on abweicht, der allein auf der Grund­la­ge der in Annex XI Arti­kel 3 des Beam­ten­sta­tuts fest­ge­leg­ten Kri­te­ri­en beruht.
Die Arti­kel der Ver­ord­nung, die die neu­en Beträ­ge der Dienst­be­zü­ge fest­le­gen, wer­den des­halb für nich­tig erklärt. Aller­dings wer­den die Wir­kun­gen die­ser Arti­kel auf­recht­erhal­ten, bis der Rat eine neue Ver­ord­nung erlas­sen hat, um die Kon­ti­nui­tät der Rege­lung für die Dienst­be­zü­ge zu wah­ren.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 24. Novem­ber 2010 – C‑40/​10 [Kom­mis­si­on /​Rat]