Demos vor Woh­nun­gen ehe­ma­li­ger Straf­ge­fan­ge­ner

Durch regel­mä­ßig statt­fin­den­de Ver­samm­lun­gen unmit­tel­bar vor einem Wohn­haus wird das Recht der Bewoh­ner auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit ver­letzt. Die Ver­wen­dung von akus­ti­schen Hilfs­mit­teln (Trom­pe­ten), um die Bewoh­ner zu zer­mür­ben und zur Auf­ga­be des von ihnen gewähl­ten Wohn­sit­zes zu zwin­gen, ver­letzt die Wür­de des Men­schen. Es ent­spricht der Schutz­pflicht des Staa­tes (Art. 1 Abs. 1 Satz 2 GG), der­ar­ti­gen Angrif­fen ent­ge­gen­zu­wir­ken.

Demos vor Woh­nun­gen ehe­ma­li­ger Straf­ge­fan­ge­ner

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt des Lan­des Sach­sen-Anhalt das Ver­bot, ver­samm­lungs­recht­li­che Akti­vi­tä­ten im unmit­tel­ba­ren Wahr­neh­mungs­be­reich der Woh­nung der ehe­ma­li­gen Straf­ge­fan­ge­nen in der Ort­schaft Insel durch­zu­füh­ren, bestä­tigt. In der Ort­schaft Insel, Stadt Sten­dal, haben regel­mä­ßig Ver­samm­lun­gen unmit­tel­bar vor dem Wohn­haus statt­ge­fun­den, in dem ehe­ma­li­ge Straf­ge­fan­ge­ne woh­nen. Dabei ist mit Tril­ler­pfei­fen und Trom­pe­ten Lärm gemacht und Paro­len skan­diert wor­den.

Nach Auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts des Lan­des Sach­sen-Anhalt ist die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts Mag­de­burg [1] nicht zu bean­stan­den, das ein Ver­bot aus­ge­spro­chen hat. Durch die Ver­samm­lun­gen ist die öffent­li­che Sicher­heit gefähr­det, weil den Bewoh­nern die Aus­übung ihres Grund­rechts auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit, nament­lich ihr Recht, ihr Wohn­haus jeder­zeit betre­ten und ver­las­sen und sich dar­in unge­stört auf­hal­ten zu kön­nen, allein durch die Bela­ge­rung des Wohn­hau­ses durch die Ver­samm­lungs­teil­neh­mer fak­tisch ver­wehrt wird.

Zudem wer­de durch die Ver­wen­dung von akus­ti­schen Hilfs­mit­teln, wie Tril­ler­pfei­fen und Trom­pe­ten und das Skan­die­ren von Paro­len die Men­schen­wür­de der ehe­ma­li­gen Straf­ge­fan­ge­nen ver­letzt, da die­se mas­si­ven Angrif­fe objek­tiv betrach­tet auf eine Zer­mür­bung der Adres­sa­ten gerich­tet sei­en und sie zur Auf­ga­be des von ihnen gewähl­ten Wohn­sit­zes zwin­gen sol­le. Der­ar­ti­gen Angrif­fen ent­ge­gen­zu­wir­ken, ent­spre­che der Schutz­pflicht des Staa­tes (Art. 1 Abs. 1 Satz 2 GG).

Ein wirk­sa­mer Schutz der in der Ort­schaft Insel woh­nen­den ehe­ma­li­gen Straf­ge­fan­ge­nen, wenigs­tens in ihrem pri­va­ten Wohn­um­feld nicht wöchent­lich fort­wäh­rend Schmä­hun­gen und Belei­di­gun­gen und einem auf ihre Ver­trei­bung aus­ge­rich­te­ten psy­chi­schen Druck aus­ge­setzt zu sein, über­wie­ge daher das Inter­es­se der Ver­samm­lungs­teil­neh­mer an einer Durch­füh­rung der Ver­samm­lung unmit­tel­bar vor dem Wohn­haus.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 25. April 2012

  1. VG Mag­de­burg, Beschluss vom 23.03.2012 – 1 B 81/​12 MD[]