Der Ex-Poli­ti­ker als Ver­fas­sungs­rich­ter – und die Besorg­nis sei­ner Befangenheit

Die Kund­ga­be poli­ti­scher Mei­nun­gen, die ein ehe­ma­li­ger Poli­ti­ker einer Zeit geäu­ßert hat, als er noch nicht Mit­glied des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts war und daher den beson­de­ren Anfor­de­run­gen die­ses Rich­ter­amts noch nicht Rech­nung zu tra­gen hat­te, recht­fer­tigt grund­sätz­lich kei­ne Ableh­nung wegen der Besorg­nis der Befangenheit.

Der Ex-Poli­ti­ker als Ver­fas­sungs­rich­ter – und die Besorg­nis sei­ner Befangenheit

Die Besorg­nis der Befan­gen­heit eines Rich­ters oder einer Rich­te­rin des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nach § 19 BVerfGG setzt einen Grund vor­aus, der geeig­net ist, Zwei­fel an sei­ner oder ihrer Unpar­tei­lich­keit zu recht­fer­ti­gen1.

Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob der Rich­ter oder die Rich­te­rin tat­säch­lich par­tei­lich oder befan­gen ist oder sich selbst für befan­gen hält. Ent­schei­dend ist allein, ob bei ver­nünf­ti­ger Wür­di­gung aller Umstän­de Anlass besteht, an der Unvor­ein­ge­nom­men­heit des Rich­ters oder der Rich­te­rin zu zwei­feln2. Das ist der Fall, wenn die Umstän­de Anlass zur Sor­ge geben, dass ein Rich­ter oder eine Rich­te­rin aus per­sön­li­chen oder ande­ren Grün­den schon so fest­ge­legt ist, dass er oder sie sich gedank­lich nicht mehr lösen kann oder will und ent­spre­chend für Gegen­ar­gu­men­te nicht mehr offen ist.

Zwar ist grund­sätz­lich davon aus­zu­ge­hen, dass Rich­te­rin­nen und Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts über jene inne­re Unab­hän­gig­keit und Distanz ver­fü­gen, die sie befä­hi­gen, in Unvor­ein­ge­nom­men­heit und Objek­ti­vi­tät zu ent­schei­den. Bei den Vor­schrif­ten über die Besorg­nis der Befan­gen­heit geht es aber auch dar­um, bereits den bösen Schein einer mög­li­cher­wei­se feh­len­den Unvor­ein­ge­nom­men­heit zu ver­mei­den3

Die Kund­ga­be poli­ti­scher Mei­nun­gen, die ein Rich­ter oder eine Rich­te­rin zu einer Zeit geäu­ßert hat, als er oder sie noch nicht Mit­glied des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts war und daher den beson­de­ren Anfor­de­run­gen die­ses Rich­ter­amts noch nicht Rech­nung zu tra­gen hat­te, recht­fer­tigt grund­sätz­lich eine Ableh­nung wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit nicht4.

Den Bestim­mun­gen über die Wahl von Rich­te­rin­nen und Rich­tern des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (Art. 94 Abs. 1 GG, §§ 3 ff. BVerfGG) liegt als selbst­ver­ständ­lich, sogar als erwünscht, zugrun­de, dass auch Per­so­nen, die als Reprä­sen­tan­ten von Par­tei­en poli­ti­sche Funk­tio­nen in den Par­la­men­ten aus­ge­übt oder poli­ti­sche Ämter in den Regie­run­gen beklei­det haben, zu Mit­glie­dern des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gewählt und ernannt wer­den kön­nen, um ihre poli­ti­schen Erfah­run­gen für die Ver­fas­sungs­recht­spre­chung frucht­bar zu machen5. Damit geht die Erwar­tung des Ver­fas­sungs- und Gesetz­ge­bers ein­her, dass Rich­te­rin­nen und Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts über jene Unab­hän­gig­keit und Distanz ver­fü­gen, die sie befä­hi­gen, in Unvor­ein­ge­nom­men­heit und Objek­ti­vi­tät zu ent­schei­den6, und dass sie ihre Rol­le unab­hän­gig von frü­he­ren par­tei­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen aus­üben wer­den7. Wenn ein Rich­ter oder eine Rich­te­rin zuvor Auf­ga­ben poli­ti­scher Gestal­tung zu erfül­len hat­te und in die­sem Zusam­men­hang am Wett­streit unter­schied­li­cher poli­ti­scher Auf­fas­sun­gen teil­nahm, genügt dies für sich genom­men nicht, um die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu begrün­den8

Zwei­fel an der Objek­ti­vi­tät eines Rich­ters oder einer Rich­te­rin des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kön­nen aller­dings berech­tigt sein, wenn sich auf­drängt, dass ein inne­rer Zusam­men­hang zwi­schen einer – mit Enga­ge­ment geäu­ßer­ten – poli­ti­schen Über­zeu­gung und sei­ner oder ihrer Rechts­auf­fas­sung besteht9, oder wenn frü­he­re For­de­run­gen des Rich­ters oder der Rich­te­rin nach einer Rechts­än­de­rung in einer kon­kre­ten Bezie­hung zu einem wäh­rend der Amts­zeit beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt anhän­gi­gen Ver­fah­ren ste­hen10. Ent­schei­dend ist, dass das jewei­li­ge Ver­hal­ten den Schluss zulässt, dass der Rich­ter oder die Rich­te­rin einer der eige­nen Ansicht wider­spre­chen­den Rechts­auf­fas­sung nicht mehr frei und unvor­ein­ge­nom­men gegen­über­steht, son­dern fest­ge­legt ist11. Dabei kann der Ein­druck der Vor­fest­le­gung aus der maß­geb­li­chen Sicht der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten umso eher ent­ste­hen, je enger der zeit­li­che Zusam­men­hang mit einem sol­chen Ver­fah­ren ist. Je län­ger hin­ge­gen eine poli­ti­sche Äuße­rung zurück­liegt, des­to weni­ger kann sie die Besorg­nis der Befan­gen­heit begrün­den. Das Zeit­mo­ment ist aller­dings für die Beur­tei­lung im Rah­men von § 19 BVerfGG nicht allein maß­geb­lich. Erfor­der­lich ist stets eine Gesamt­wür­di­gung von Inhalt, Form und Rah­men (Ort, Adres­sa­ten­kreis) der jewei­li­gen Äuße­rung sowie dem sach­li­chen und zeit­li­chen Bezug zu einem anhän­gi­gen Ver­fah­ren12

Schließ­lich ist zu berück­sich­ti­gen, dass Stel­lung­nah­men in Wahr­neh­mung frü­he­rer poli­ti­scher Ämter nur dann eine Befan­gen­heit besor­gen las­sen, wenn wei­te­re Umstän­de vor­lie­gen, die befürch­ten las­sen, dass der Rich­ter oder die Rich­te­rin auch in dem ver­än­der­ten insti­tu­tio­nel­len Rah­men, in den er oder sie als Rich­ter oder Rich­te­rin des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gestellt ist, nicht unvor­ein­ge­nom­men ent­schei­den wird13

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 23. Juni 2021 – 2 BvE 1/​17

  1. vgl. BVerfGE 82, 30 <37> 98, 134 <137> 101, 46 <50 f.> 102, 122 <125> 108, 122 <126> 142, 9 <14 Rn. 14> 142, 18 <21 Rn. 11> 142, 302 <307 Rn. 18> 148, 1 <6 Rn. 17> 152, 332 <337 Rn. 15> 154, 312 <316 Rn. 13> BVerfG, Beschluss vom 12.01.2021 – 2 BvR 2006/​15, Rn. 21[]
  2. vgl. BVerfGE 20, 1 <5> 73, 330 <335> 82, 30 <37 f.> 108, 122 <126> 135, 248 <257 Rn. 23> 142, 9 <14 Rn. 14> 142, 18 <21 Rn. 11> 142, 302 <307 Rn. 18> 148, 1 <6 Rn. 17> 152, 322 <337 Rn. 15> 154, 312 <316 Rn. 13> BVerfG, Beschluss vom 12.01.2021 – 2 BvR 2006/​15, Rn. 21[]
  3. vgl. BVerfGE 108, 122 <129> 148, 1 <6 Rn. 17> 152, 332 <337 f. Rn. 15> BVerfG, Beschluss vom 12.01.2021 – 2 BvR 2006/​15, Rn. 21[]
  4. vgl. BVerfGE 99, 51 <56> 142, 9 <14 Rn. 17> 142, 18 <21 Rn. 14> 148, 1 <7 Rn. 18> 154, 312 <316 Rn. 15>[]
  5. vgl. BVerfGE 99, 51 <56 f.> 142, 9 <14 Rn. 17> 142, 18 <21 Rn. 14> 148, 1 <7 Rn. 18>[]
  6. vgl. BVerfGE 35, 171 <173 f.>[]
  7. vgl. BVerfGE 99, 51 <57> 142, 9 <14 f. Rn. 17> 142, 18 <21 f. Rn. 14> 148, 1 <7 Rn. 18>[]
  8. vgl. BVerfGE 99, 51 <56> 148, 1 <7 Rn. 18>[]
  9. vgl. BVerfGE 35, 246 <253 f.> 73, 330 <337> 142, 9 <15 Rn. 18> 142, 18 <22 Rn. 15> 148, 1 <7 Rn.19>[]
  10. vgl. BVerfGE 148, 1 <7 f. Rn.19> m.w.N.[]
  11. vgl. BVerfGE 35, 246 <254> 142, 9 <15 Rn. 18> 142, 18 <22 Rn. 15> 148, 1 <8 Rn.19> BVerfG, Beschluss vom 12.01.2021 – 2 BvR 2006/​15, Rn. 22[]
  12. vgl. BVerfGE 142, 9 <15 Rn. 18> 142, 18 <22 Rn. 15> BVerfG, Beschluss vom 12.01.2021 – 2 BvR 2006/​15, Rn. 24 f.; jeweils m.w.N.[]
  13. vgl. BVerfGE 142, 9 <17 Rn. 23> 142, 18 <24 Rn. 21>[]

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