Der Zweck der Ver­we­sung

Der Zweck der Ver­we­sung inner­halb der Ruhe­zeit kann die Begren­zung der Ansichts­flä­che von Pult­stei­nen für Urnen­grä­ber in einer Fried­hofs­sat­zung nicht recht­fer­ti­gen.

Der Zweck der Ver­we­sung

Die all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit nach Art. 2 Abs. 1 GG schützt den Wunsch naher Ange­hö­ri­ger eines Ver­stor­be­nen, des Toten nach eige­nen Vor­stel­lun­gen zu geden­ken und hier­zu auch Grab­ma­le nach eige­ner Gestal­tung zu errich­ten 1.Die Gestal­tungs­frei­heit der Fried­hofs­be­nut­zer fin­det ihre Gren­zen von vorn­her­ein in sol­chen Gestal­tungs­vor­schrif­ten, die dem all­ge­mei­nen Zweck des Fried­hofs nach § 2 Abs. 1 Satz 1, § 14 Abs. 1 Satz 1 Halbs. 1, § 15 Abs. 1 Satz 2 BestattG die­nen, eine geord­ne­te und wür­di­ge Bestat­tung der Toten und ein unge­stör­tes Toten­ge­den­ken zu gewähr­leis­ten 2. Zu den all­ge­mei­nen Fried­hofs­zwe­cken, die Art. 2 Abs. 1 GG begren­zen kön­nen, gehö­ren zudem die Gewähr­leis­tung einer unge­hin­der­ten Lei­chen­ver­we­sung inner­halb der Ruhe­zei­ten (§ 6 Abs. 1 BestattG) und die Ver­kehrs­si­cher­heit, ins­be­son­de­re die Stand­si­cher­heit der Grab­aus­stat­tun­gen (§ 14 Abs. 1 Satz 1 Halbs. 2 BestattG) 3. Für die Zwe­cke, die der kom­mu­na­le Fried­hofs­trä­ger mit Vor­schrif­ten ver­folgt, die die all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit der Ange­hö­ri­gen eines Ver­stor­be­nen nach Art. 2 Abs. 1 GG ein­schrän­ken, ist der Fried­hofs­trä­ger dar­le­gungs- und ggfs. beweis­pflich­tig.

Über die genann­ten zuläs­si­gen Fried­hofs­zwe­cke hin­aus­ge­hen­de beson­de­re Gestal­tungs­vor­schrif­ten sind im Hin­blick auf Art. 2 Abs. 1 GG nur zuläs­sig, wenn der Fried­hofs­be­nut­zer die Gele­gen­heit hat, sei­ne von der­ar­ti­gen Vor­schrif­ten abwei­chen­den Vor­stel­lun­gen an ande­rer Stel­le – bei einem sog. Mono­pol­fried­hof in einem eige­nen Feld oder bei meh­re­ren Fried­hö­fen in einer Gemein­de auf einem ande­ren Fried­hof der Gemein­de – zu ver­wirk­li­chen. Danach blei­ben den Gemein­den stren­ge­re, über die genann­ten zuläs­si­gen Fried­hofs­zwe­cke hin­aus­ge­hen­de Gestal­tungs­an­for­de­run­gen auf Mono­pol­fried­hö­fen ver­wehrt, sofern sie nicht eine gestal­tungs­freie Fried­hofs­flä­che vor­se­hen, wo auch eine von den ästhe­ti­schen Vor­stel­lun­gen des Fried­hofs­trä­gers abwei­chen­de Grab­mal­ge­stal­tung zuläs­sig ist 4.

Einer wür­di­gen Bestat­tung und einem unge­stör­ten Toten­ge­den­ken ste­hen Grab­ma­le, die auf­dring­lich, effekt­hei­schend oder sonst objek­tiv geeig­net wären, Ärger­nis zu erre­gen und den all­ge­mei­nen Fried­hofs­zweck des Toten­ge­den­kens zu beein­träch­ti­gen, ent­ge­gen 5, eben­so unwür­di­ge und wegen ihrer Über­grö­ße stö­ren­de Grab­ma­le 6. Vor­schrif­ten, die sol­che Grab­ma­le ver­hin­dern, kön­nen daher auch auf Mono­pol­fried­hö­fen zuläs­sig sein. Grün­de der Sicher­heit kön­nen es recht­fer­ti­gen, die Brei­te von Grab­mä­lern so zu begren­zen, dass ein unge­hin­der­ter Durch­gang zwi­schen den Grab­stel­len auch bei grö­ße­ren Pfle­ge- und Instand­hal­tungs­ar­bei­ten gewähr­leis­tet ist 7. Dem Zweck der Ver­we­sung inner­halb der Ruhe­zeit die­nen zuläs­si­ger­wei­se bei Erd­be­stat­tun­gen, wenn die geo­lo­gi­schen Ver­hält­nis­se es erfor­dern, Ver­bo­te von Grab­ab­deck­plat­ten 8.

Nach die­sem Maß­stab ist eine Begren­zung der Ansichts­flä­che von Pult­stei­nen – wie im hier ent­schie­de­nen Fall in § 13 Abs. 8 Buchst. d der Fried­hof­sat­zung der Gemein­de Nüfrin­gen – auf 0, 4 m² eine unzu­läs­si­ge Ein­schrän­kung von Art. 2 Abs. 1 GG. Im Gemein­de­ge­biet ist ein Fried­hof oder ein Fried­hofs­feld ohne Gestal­tungs­vor­schrif­ten nicht vor­han­den. Die Ein­schrän­kung der all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit der Ange­hö­ri­gen nach Art. 2 Abs. 1 GG kann daher nur recht­mä­ßig sein, wenn sie zuläs­si­ger­wei­se einem der genann­ten Fried­hofs­zwe­cke dient. Das ist jedoch nicht der Fall.

Dem Zweck der Ver­we­sung inner­halb der Ruhe­zeit kann die Begren­zung der Ansichts­flä­che von Pult­stei­nen in § 13 Abs. 8 Buchst. d FS nicht die­nen. Denn für Urnen­grä­ber stellt sich die Fra­ge der Ver­we­sung nicht. Auf die­sen Gesichts­punkt kann daher eine Grö­ßen­be­gren­zung von Abdeck­plat­ten für Urnen­grä­ber nicht gestützt wer­den 9. Die Gemein­de beruft sich für die behaup­te­te Recht­mä­ßig­keit von § 13 Abs. 8 Buchst. d FS auch nicht auf die Sicher­stel­lung der Ver­we­sung.

Die Beschrän­kung der Ansichts­flä­che von Pult­stei­nen in § 13 Abs. 8 Buchst. d FS ist auch nicht unter ande­ren Gesichts­punk­ten gerecht­fer­tigt. Die Gemein­de macht inso­weit allein gel­tend, es han­de­le sich um eine zuläs­si­ge all­ge­mei­ne Gestal­tungs­vor­schrift, die kei­ne beson­de­ren ästhe­ti­schen Vor­stel­lun­gen rege­le, son­dern ledig­lich all­ge­mei­ne, dem Emp­fin­den des Durch­schnitts­be­trach­ters ent­spre­chen­de Vor­stel­lun­gen über die Grab­ge­stal­tung wie­der­ge­be. Sol­che Vor­schrif­ten kön­nen nach dem oben dar­ge­leg­ten Maß­stab jedoch nur recht­mä­ßig sein, wenn sie einem zuläs­si­gen Fried­hofs­zweck die­nen. In Betracht kommt inso­weit nur der Schutz des wür­di­gen Toten­ge­den­kens dadurch, dass objek­tiv unwür­di­ge, z.B. über­gro­ße Grab­ma­le ver­mie­den wer­den. Dafür, dass ein Urnen­grab mit einem Pult­stein mit einer grö­ße­ren Ansichts­flä­che unwür­dig wirkt und zu einem unru­hi­gen Gesamt­bild des Fried­hofs führt, ist jedoch nichts ersicht­lich.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden ‑Würt­tem­berg, Urteil vom 28. Juni 2016 – 1 S 1243/​15

  1. vgl. nur BVerwG, Urteil vom 13.05.2004, a.a.O.[]
  2. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 29.03.2007 – 1 S 2118/​05VBlBW 2007, 473, m.w.N.; eben­so: BVerwG, Urteil vom 08.11.1963 – VII C 148.60, BVerw­GE 17, 119 <121>; Urteil vom 26.09.1986 – 7 C 27.85 -NVwZ 1987, 679; Beschluss vom 07.12.1990 – 7 B 160.90 4; Beschluss vom 29.09.2000 – 3 B 156.00 7; Urteil vom 23.05.2004, a.a.O.[]
  3. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 29.03.2007, a.a.O.; eben­so BVerwG, Urteil vom 23.05.2004, a.a.O., m.w.N., zu ver­gleich­ba­ren, bun­des­recht­lich unbe­denk­li­chen Fried­hofs­zwe­cken in NRW[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 08.11.1963, Urteil vom 26.09.1986, Beschluss vom 07.12.1990, Beschluss vom 29.09.2000, Urteil vom 13.05.2004, je a.a.O.; Beschluss vom 20.11.2007 – 7 BN 5.07 7; VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 16.10.1996 – 1 S 3164/​95VBlBW 1997, 69; Hess­VGH, Urteil vom 22.11.1988 – 11 UE 218/​84, NVwZ-RR 1989, 505 22; OVG NRW, Urteil vom 26.05.2000 – 19 A 2015/​99 35 ff., 49ff.; See­ger, Bestat­tungs­recht in Baden-Würt­tem­berg, 2. Aufl.1984, § 14; Goertz, in: Kurze/​Goertz, Bestat­tungs­recht in der Pra­xis, 2. Aufl.2016, § 12 Rn. 1 ff.; Faiß/​Ruf, Bestat­tungs­recht Baden-Würt­tem­berg, 2012, § 14[]
  5. vgl. Hess­VGH, Urteil vom 22.11.1988, a.a.O., Rn. 23; OVG NRW, Beschluss vom 28.01.2003 – 19 A 4301/​01 – juris; See­ger, a.a.O., § 14, unter 4.; Gaed­ke, Hand­buch des Fried­hofs- und Bestat­tungs­rechts, 11. Aufl., 12. Kap. Rn. 6[]
  6. vgl. BVerwG, Urteil vom 26.04.1968 – VII C 154.66 – UA S. 7 f., LS in DÖV 1968, 847[]
  7. vgl. BayVGH, Beschluss vom 08.01.2014 – 4 ZB 13.1928 – BayVBl.2014, 435[]
  8. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 13.12.1993 – 1 S 428/​93, NVwZ 1994, 793; OVG NRW, Urteil vom 30.10.1978 – VIII A 1033/​77 – BWGZ 1980, 55, und Beschluss vom 11.04.1997 – 19 A 1211/​96, NVwZ 1998, 869; NdsOVG, Beschluss vom 09.06.2010 – 8 ME 125/​10 9 ff. und Beschluss vom 17.11.2011 – 8 LA 54/​11 6[]
  9. vgl. VG Frei­burg, Urteil vom 19.02.2003 – 1 K 776/​02 24; See­ger, a.a.O.[]